Licht, Ärzte, Stimmen

Es war nicht so, als wäre ich lange ohne Bewusstsein geblieben. Vielleicht eine Stunde fehlte mir, seit ich mit Blaulicht eingeliefert wurde und nun auf der Intensivstation aufwachte.

Sofort stand eine Krankenschwester am Bett.

“Wie geht es Ihnen?” Schwester Barbara stand auf dem Namensschildchen. Freundliche Augen, forschender Blick. “Sie hatten einen schweren Herzinfarkt.”

“Ja ich weiß”, antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen, auch wenn es allen Grund dazu gab. Gerade dann nicht. Ich versuchte mich im Bett zu erheben, doch die Schwester drückte mich behutsam zurück. Sie fixierte die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett standen und bläuliches Licht ins Zimmer warfen. Die Geräte maßen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wurde kontrolliert, in meiner Nase steckte eine Sonde.

“Sie können von Glück reden, dass Sie den Herzinfarkt in der Stadt erlitten haben und so rasch im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald spazieren gewesen. Da hätte der Notarzt viel zu lange gebraucht, bis er Sie gefunden hätte.”

“Ich bin gestern im Wald gewesen”, entgegnete ich, fast ein wenig empört. Tief im Wald sogar, querfeldein, mit dem Hund. Ohne Handy. “Das hätte wohl meinen Tod bedeutet.” Ich liess das Fragezeichen gleich weg.

“Haben Sie kein Handy?” fragte die Schwester.

“Nein.”

“Dann bringe ich Ihnen gleich das Stations-Handy, können Sie Ihre Leute anrufen. Oder wissen die schon Bescheid?”

“Vielleicht weiß meine Freundin schon Bescheid. Ich weiß nicht.”

*

Erinnerungsfetzen im Rettungswagen. Ich liege auf der Bahre, von draußen ruft ein Sanitäter: “Unter der Nummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige.. Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend.

Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, und eine gewisse Kühle. Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich ins Krankenhaus komme. Einer muss doch den Hund aus der Kirche holen. Dahinter die erregte Männerstimme, “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt während der Fahrt ins Städtische Krankenhaus, eine Infusion wird angelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch!”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt werde, wo mir die Pflegerinnen auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Hose und Pulli runterziehen.

“Ruhig, Herr Glumm, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

*

- Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? –

- Hm. Das ist verschieden. -

- Na, ungefähr. –

- Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum? –

- Na, nur so.-

- Es gibt zwei Extreme: Bei anhaltend schwülem Wetter häufen sich Infarkte, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen, dann auch. Dann ist hier Daueralarm auf Station. –

- Hm. Ja. Und heute bin ich der einzige Herzinfarkt? –

- Bis jetzt, ja. -

*

Mit jeder Minute, die ich auf den Rettungswagen warte, schnürt sich der Brustkorb mehr zu, verengt sich das Korsett. Man hat mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa steht.

“Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?” erkundigt sich eine der beiden Damen leise.

“Ein Glas Wasser”, wispere ich und versuche mich zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Der Hund hockt vor mir auf dem Boden und beobachtet mich. Die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig, evangelisch, akkurat, sind ratlos. Da kommt ein Mann mit Hund auf sie zu, an einem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann ist fahl, Schweiß pläddert an ihm runter. Er wankt.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er mit kläglich dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

*

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand zu sehen, Stille. Um den Notarzt zu rufen hätte ich mich schon in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, der sich lieber in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, der zufällig offen stand. Aus reiner Intuition. Weil ich den Hintereingang von früher kannte, als Karlos Vater in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte. Und weil ich mir nicht sicher war, ob ich gerettet werden wollte, weiterleben wollte.

Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich ein Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich ja auch sterben lassen ..

Du kannst dich auch sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzt, wo man Medikamente frisst oder von der Brücke springt, nein, wäre alles nicht nötig gewesen. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, wie sie ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Notruf gab, keine Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen.

Als die Luft sozusagen noch rein war.

Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich in den Katakomben der Stadtkirche, es roch nach Politur und Filterkaffee. Mein Herz drückte und stauchte, die Holme knackten. Musst bloß noch ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bisschen.. warten. Eine wärmende Hand schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen.

Dann die Entscheidung.

Ich erhob mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, in Richtung der Sozialräume, Richtung Weiterleben. Wo drei Menschen mich empfingen und einer die 112 wählte. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund junkern hörte und ihn streichelte. Wir warteten. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod schon so nah, dass ich rüberspucken konnte. Und mit jedem Augenblick, der verstrich, wurde ich schwächer, rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild.

*

Beim gemeinsamen Frühstück hatte sie mich angeblickt.

“Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge”, sagte sie. Was sie manchmal so sagt, morgens. Kleine rätselhafte schöne Sachen.

Ich spielte kurz mit dem Gedanken, den Schlaf aus dem Auge zu reiben, doch dann würde es ja nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn. Das würde niemand wollen. Man reibt sich keinen Schmuck aus dem Auge, schon gar nicht eine Träne. Also liess ich es so, wie es war, eine Spezialität von mir, und beschäftigte mich wieder mit meinem Marmeladenbrot. Selbstgemachte Marmelade, von ihr selbstgemacht. Die einzige Marmelade weltweit, die Kraft spendet.

Während sie nach dem Tee griff und schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch und hielt den Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge. Dahinter ihr Kürzel, um in Fragen des Urheberrechts erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, und meinen ersten schnellen Senf dazu, ein lakonisches:

Na. Ich weiß auch nicht.

*

Anderthalb Stunden drauf, viertel vor elf, rast ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Herzinfarkt. Mitten in der Fußgängerzone. Seither höre ich anders hin, wenn die Sirene sich nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen fliegt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin das.

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport. Minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, sagte der Doktor.

Verdammtes Plaque, dachte ich.

 My poor heart is aching (Nina Simone).

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidet, und wie gekonnt eine Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzt. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut, mein weißer Schwanz.

O Herr, reiß die Himmel auf! Es ist soweit. Soll ich jetzt kommen?!

*

Auf der Intensivstation bin ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfängt. Einzig meine Zimmergenossin erinnert an die Gefahr, in der ich mich befinde. Eine Frau, die maschinell beatmet wird, aber ich kann sie nicht sehen, ihr Anblick ist von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Ich liege flach auf dem Rücken, darf mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpft. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, “sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten.”

Na komm. Da bleibt man schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Und dennoch gibt es am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr aushalte und kurz davor bin, mir sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt dem Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir habe. Was nicht funktioniert hätte. Zwar war das Fenster weit geöffnet an diesem Maiabend, doch da war ja noch das robuste Mückengitter im Weg.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo.

Perfekt, irgendwie.

*

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Es ist was ganz schlimmes passiert

Schon im gleichen Moment, als ich die angsterfüllte Stimme meines Vaters höre, weiß ich, dass ich den Klang nie mehr los werde, für den Rest meines Lebens.

“Es ist was ganz schlimmes passiert”, sagt er am Telefon, “Mutter ist tot.”

Ich steh in der Küche. Ich bin gerade reingekommen, verschwitzt vom Einkaufen. Mutter ist tot. Es ist was ganz schlimmes passiert. Ich sinke auf den Stuhl nieder.

“Was ist los?” ruft die Gräfin.

“Meine Mutter ist tot”, sage ich tonlos, und zu Vater in den Telefonhörer: “Ich komme sofort.. Ist jemand da?”

Ja, ein Bruder meines Vaters ist bereits da, der Bruder, der zwei Häuser weiter wohnt.

Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen. Mit dem Unterschied, dass du gar nicht wusstest, dass du im ICE unterwegs bist.

Die Gräfin, Tränen in den Augen, nimmt mich in den Arm. Ich trinke ein Glas Wasser. Ich bin verschwitzt vom Einkaufen. Wieso trinkst du jetzt? Deine Mutter ist tot. Wie kannst du etwas so profanes tun wie trinken? Planeten müssten abstürzen, die Zeit stillstehen, du müsstest im Boden versinken vor Scham.

Ein Glas Wasser.

Ich versuche meine Schwester zu erreichen, sie ist im Winterurlaub in Italien. Sie geht nicht ans Handy. Ich atme auf. Ich will nicht derjenige sein, der die Todesnachricht überbringt, auch wenn man mit dem Tod rechnen musste. Dem Tod dieser rätselhaften stolzen Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

Ich rufe meinen Bruder an. Im Kölner Büro.

“Mutter ist tot”, sage ich.

“Ach du Scheisse”, stammelt er leise. “Ich komme. Soll ich dich abholen? Fahren wir zusammen zu Vater?”

Er ist durcheinander, ich höre, wie er schon kurz nach Erhalt der Todesbotschaft die Gedanken sortiert: bloß nicht durchdrehen, jetzt.

Weil die Gräfin an Heiligabend, dem letzten Tag, an dem wir Mutter besucht haben, nicht mitkommen konnte, drängt sie darauf in die Klinik zu fahren, sich zu verabschieden.

“Ich möchte sie noch mal anfassen.”

Wir rufen Vater an, fragen, ob er mitkommen möchte, nein, natürlich nicht, aber wir sollen ohne ihn fahren. Mein Bruder ist sich nicht sicher, ob er Mutter noch einmal sehen möchte, ob er dazu in der Lage ist, und auch ich fürchte, dass ihr schönes Gesicht in meiner Erinnerung fortan zur Totenmaske erstarrt und halte mir die Entscheidung offen.

Zu dritt fahren wir im Wagen meines Bruders durch die verschneite Stadt. Es geht nur langsam voran. Rollsplitt knirscht unter den Rädern, Granulat. Niemand spricht ein Wort. Die Dauerlast des Pappschnees hat Bäume reihenweise umknicken lassen. Wie vom Blitz getroffen sind viele in der Mitte gespalten und umgestürzt; sie zersplittern, noch warm im Fleisch, schmerzhaft schön.

Als wir die geräumte Stadtautobahn erreichen, stoppt mein Bruder am Straßenrand. Er steigt wortlos aus und löst die Schneeketten von den Vorderreifen. Die Situation ist so unwirklich, als bewegten wir uns im Séparée einer Wirklichkeit. Ich fühle mich leer und abgekämpft. Das Spiel meines Lebens: verloren.

Meine Mutter ist tot.

“Meine auch”, murmelt mein Bruder, als er wieder am Steuer sitzt und sich das Eis aus den Kleidern klopft. Sein Atem dampft. Immer wieder höre ich die Stimme meiner Mutter, es treibt mir die Tränen in die Augen: dass ich sie nie wieder hören werde. Wo sie doch so gern geschnattert hat, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute.

Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht!

Ich spüre die Hände der Gräfin. Endlich erreichen wir die Klinik. Wir erkundigen uns nach der Intensivstation, doch der Portier schickt uns auf Station 30, wo wir Mutter Heiligabend besucht haben. Frau Wolf, ihre Bettnachbarin, ehemalige Hutmacherin aus Hamburg, telefoniert gerade, sie blickt uns erschrocken an. Noch sind alle Utensilien von Mutter im Zimmer. Ich sehe ihre Brille auf dem Nachttisch, die Reader’s Digest-Hefte. Wir kommen gleich wieder, bedeute ich Frau Wolf, und machen uns auf die Suche nach der Intensivstation.

Der Verabschiedungsraum. Wie sie daliegt, hell angestrahlt vom Deckenlicht. Das weiße Bettlaken ist bis unters Kinn hochgezogen, nur das Gesicht ist zu sehen, ihr spitzes Näschen, wie Toblerone. Das Kinn wird von einer Stütze gehalten. Nichts in ihren friedlichen Gesichtszügen deutet auf den letzten großen Kampf hin. “Ihre Mutter ist uns unter den Händen weggestorben.” Sie ging mit einem Paukenschlag: zwei Herzinfarkte, kurz nacheinander.

Eine große bleiche Ruhe erfüllt den Raum. Während mein Bruder im Hintergrund bleibt und das Zimmer schon bald fluchtartig verlässt, streichle ich Mutters Wange, die Gräfin schnuppert an der noch warmen Haut. Sie riecht nach Nivea. Wir ziehen das Laken zurück, und wie immer liegt Mutters Hand auf dem Unterbauch, wo sie zeitlebens den Sitz ihrer Seele ausmachte. Eine Schwester betritt den Raum, dimmt das grelle Licht, “so ist es besser, nicht wahr.”

Sie fragt, ob sie etwas für uns tun kann, ich fühle ihre Hand an meiner Schulter.

11:30 ist als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter aufs Totenbett gelegt hat, in Höhe der Fußknöchel. 11 Uhr 30. Genau zu dieser Zeit kam ich bepackt wie ein Sherpa vom Einkaufen und ging den engen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da stand dieser Wagen halb auf dem Gehweg.

Die Beifahrertür war offen und ragte weit auf den Bürgersteig, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerkt hätte, er war mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängelte mich seitlich an der Autotür vorbei, blieb dabei mit dem Innenfutter der offenen Jacke hängen. Erhitzt vom Einkaufen hatte ich schon im Supermarkt den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment stand meine Jacke jetzt weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag, es war, als präsentierte ich der Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen Augenblick.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.

As my mother lay dying

Plötzlich war Mutter tot. Diese rätselhafte stolze Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

*

Je mehr sie an Gewicht verlor, desto schwerer wog ihre Seele. Zum Schluss wurde sie so still, sie beteiligte sich kaum noch an der Unterhaltung. Wo sie doch sonst so gern geschnattert hatte, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibts doch nicht!

Was gibt es schöneres, als sich etwas anzuvertrauen.

*

Dass sie es sehr genau genommen hätte, kann man nicht sagen, das verbot schon ihr halbitalienisches Blut, (als eine geborene Lesizza, aus dem Friaul ins Bergische Land ausgewandert), aber sie hatte ein waches, umherflitzendes Auge, das eine Menge Dinge wahrnahm. So bemerkte sie während eines Friedhofbesuchs, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, mitten im langen Nachnamen. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch nahen Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon eine Weile gestanden hatte. Daraufhin musste die Schrift komplett erneuert werden. Das fand nicht jeder gut.

*

Es war ein Ritual geworden. Beim Verlassen des Krankenzimmers blieb ich stets in der Tür stehen, drehte mich kurz um und warf ihr einen Handkuss zu, eine Geste, die sie mit einem Lächeln erwiderte. Keine große Sache, doch es sind stets die kleinen Sachen zwischen zwei Menschen.

Fast zwei Jahre nach ihrem Tod liege ich nachts im Bett, gerade wach geworden, und boxe in die Matratze: Warum zum Teufel hab ich mich ausgerechnet an diesem letzten Tag im Krankenhaus NICHT zu ihr umgedreht!? Warum hab ich diese allerletzte Chance verschenkt? Was hat mich damals geritten? Ich dreh mich um, und schlafe weiter.

Tief, wie in Zement eingelegt.

*

Die letzten Jahre schlief sie alleine im Ehebett im Interlübke-Einbau-Schlafzimmer, während Vater ins große Wohnzimmer auswich, weil er so laut schnarchte und sie nachts oft raus musste. Das Schlafzimmer in seinem ganz in weiss gehaltenen Mobiliar strahlte eine Nüchternheit aus, die mich manchmal sprachlos machte, wenn ich es betrat oder nur einen kurzen Blick hineinwarf.

Keine Frage. Mutter war zuletzt so geschwächt, wäre sie nicht während der Reha-Maßnahme im Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben, dieses weisse Zimmer wäre ihre letzte ständige Residenz geworden, die sie nicht mehr verlassen hätte. Sie wäre eine unglückliche bettlägerige alte Interlübke-Hexe geworden, doch Gott hat dem vorgebaut. So gesehen.

*

Eine Woche nach ihrem Tod trug ich abends 37 eingetütete Trauerbriefe zur Hauptpost, zur Nachtleerung, und jeder Brief bekam vorm Einwerfen ein Küsschen.

*

Beim Begräbnis sprachen mir zum ersten Mal im Leben Menschen ihr Beileid und Mitgefühl aus, und komischerweise tat es gut.

*

Auch wenn es nachlässt, noch immer gibt es Momente, wo mir jäh die Tränen hochkochen, ganz plötzlich und unerwartet, wo mir alles unendlich leid tut, wo ich immer noch damit hadere, wie das Leben ist, wie es ist, dass es nämlich dazu neigt, aufzuhören.

Dass der Tod ein vom Amtswegen durchgeschnittener Personalausweis ist, ungültig gemacht, entwertet wie ein Ticket, und auf dem Postweg an den Witwer versandt.

*

Im Fernsehen verfolgte ich einen Nachtfilm. Eine Figur meinte: “Jeder hat doch eine Mutter!”

“Ich nicht!” zürnte ich dem Fernseher.

*

Sie starb an einem Montag, und ich fragte mich, wie lange wohl ihr Schatten fortan auf jedem neuen Montag liegen wird. Nun, nach zwei Jahren, weiss ich es.

*

Das letzte Mal, als es ihr noch gut ging, orderte sie beim Pfleger in Bethanien vier Tassen Kaffee, mit diesem lässigen Fingerschnippen, lässig wie ein Pokerspieler, der ein bravouröses Turnier spielt und sich nun großzügig zeigt.

Vier große Tassen Kaffee, vom indischen Pfleger lächelnd serviert, und ein letztes Mal saßen wir am Fenster und blickten hinaus in den Park, der Winter hielt Einzug, und du warst so sanft und warm und still, ich glaube, an dem Abend hast du Abschied genommen von uns und wir alle haben es verpasst, haben nicht richtig hingehört.

*

Einer ihrer letzten Sätze, geflüstert in mein Ohr: “Pass auf, dass Papa keinen Blödsinn macht.”

*

Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen.

Es köpft dein Leben.

*

Sie starb in der 351. Nacht des Jahres, der Raunacht.

*

Abgesehen von diesem schlichten Testament (“ich vererbe hiermit alles an meinen Ehemann”) und der Absprache, nach der sich sowohl Mutter als auch Vater Ave Maria bei der Trauerfeier wünschen, haben meine Eltern wenig über den Tod gesprochen.

(“Was ist intimer als die Sprache unter Eheleuten”, sagt die Gräfin dazu.)

Und: “Deine Eltern sind sehr kindlich geblieben bis ins hohe Alter.”

*

Das allerletzte Mal, dass wir sie sahen, zwei Tage vor ihrem Tod, war Heiligabend. Wir besuchten sie in der Klinik. Sie scherzte, dass sie ja schon deswegen gesund werden müsse, um endlich bei Aktion Mensch abzusahnen, wo sie ein Dauerlos hatte.

“Eine Million”, wünschte sie sich.

“Und dann?” fragte ich, “was machst du mit der Million?”, obwohl ich genau wusste, was kommen würde, aber ich wollte es hören.

“Dann nehm ich euch alle mit.”

“Wohin?”

Sie zwinkerte.

“Weg hier.”

*

11:49 wurde als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter auf dem Totenbett aufs Laken gelegt hatte, in Höhe der Fußknöchel – eine Uhrzeit, die nicht den Tatsachen entsprechen konnte, da mich bereits Punkt 11:30 der Anruf einer Intensivschwester erreichte, ich möchte bitte umgehend zurückrufen.

Das Zimmer des Abschieds auf der Intensivstation. Sie lag mit dem Kopf zum Fenster, in der Schneise, in der das dämmrige Licht einfiel an diesem Dezemberabend, und ich bewunderte diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger geworden war, je mehr sie abmagerte.

Ihr blasses wächsernes Antlitz, die spitze Nase, wie Toblerone.

*

Man sagt, dass man erst dann erwachsen wird, wenn beide Eltern tot sind. Nun ist Mutter am 27. Dezember (Dritten Weihnachten!) zwei Jahre unter der Erde, sie verfault, wo der Wurm seine Werkbank hat, doch Vater bietet dem Wurm Paroli, er ist noch da, sein altes Herz schlägt, und solange es schlägt, bleibe ich ein halbes Balg.

Schlag weiter, altes Vaterherz – schlag!

*

*

Auch wenn sie für Aussenstehende eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn sie Stück für Stück aus diesem Leben verschwand und zum Schluss kaum mehr fünfzig Kilogramm wog, (die zehn Kilo, die sie vorübergehend im Krankenhaus zugelegt hatte, waren im Gewebe angesammeltes Wasser, weil das Herz nicht mehr richtig pumpte), sie war noch in der Welt. Auch wenn ihre Stimme oft schwach war und ins Schlingern geriet, sie war noch in der Welt und wir hörten ihr Wort, ein leises Ende, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte.

Montag, 27. Dezember.

Gegen halb elf komme ich mit dem Bus aus Gräfrath und kaufe beim Bäcker Semmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Supermarkt auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten.

Als ich den Kannenhof runtergehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf, und meine Mutter kämpft zehn Kilometer entfernt mit dem Tod. In der Lukas-Klinik, wo sie wegen eines komplizierten Beinbruchs zur Reha liegt, erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Im Bett liegend läuft sie blau an, sie stöhnt und röchelt schwer, verliert das Bewusstsein. Da Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller ist Erste Hilfe nicht möglich. Sie wird auf die Intensivstation gebracht, wo sie bald darauf, so die Ärztin fassungslos, von einem weiteren “Rieseninfarkt” ereilt wird.

“Sie ist uns unter den Händen weggestorben..”

Zur gleichen Zeit gehe ich den steilen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar. Die Beifahrertür des Wagens steht offen und ragt weit auf den Bürgersteig, stört, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerken würde, er ist am Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich an der Autotür vorbei, bleibe dabei mit dem Innenfutter meiner offenen Jacke hängen. Ich bin noch erhitzt vom Einkaufen und hab den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht meine Jacke nun weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag. Es ist, als präsentierte ich der verschneiten Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen einen Moment.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denk ich noch so für mich, “Himmel, was war das denn jetzt..? Das ist ja noch nie passiert”, und lächle dem Fahrer blöde zu, der seinen Fauxpas mit der Wagentür mittlerweile bemerkt hat und mir entschuldigend zunickt.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.

Wahlmöglichkeit

Mit jeder Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu. Wurde Eisenkorsett. Man hatte mich ins Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb große Garderobe, in dem ein Sofa stand. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Damen leise. Ein Glas Wasser? flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen, zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund hockte vor mir auf dem Boden und beobachtete mich, er wusste nicht, was los ist. Auch die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig alle, evangelisch, adrett, waren ratlos. Da wankt an einem Vormittag im Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann mit Hund auf sie zu, weil ausnahmweise die Hintertüre offen steht. Der Mann ist fahl, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er sie an, mit kläglicher dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

Dann warteten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, ich konnte schon rüberspucken, der Hund auf dem Fußboden, die drei Gemeindemenschen halb im Zimmer und halb auf dem Flur, um die Ambulanz nicht zu verpassen. Ich wurde mit jeder Minute schwächer, es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Und doch war da eine warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte.

Als ich die Kirche Minuten zuvor über den Hintereingang betreten hatte, liess ich mich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand war zu sehen. Stille. Ich hätte mich in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, damit er den Rettungswagen ruft, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte. Ich lieferte mich in der Stadtkirche ein, über den offenstehenden Hintereingang. Es war reine Intuition. Weil ich mir nicht sicher war. Ob ich wirklich Rettung wollte, ob ich weiterleben wollte. Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins dachte ich: Du kannst dich auch sterben lassen.

Du kannst dich sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzen oder Medikamente fressen oder von der Brücke springen muss, nein, war nicht nötig. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, den sie nehmen würden, gäbe es keine modernen Zeiten mit Notruf, Herzkatheter, pulsierendem Ultraschall.

In den Katakomben der Stadtkirche roch es nach Politur und Filterkaffee. Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich, und mein Herz schmerzte. Drückte. Die Holme knackten. Musst bloß ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bißchen noch. Die wärmende Hand unter mir schaufelte mich hoch. Ich flog ein bißchen.

Dann erhob ich mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, Richtung Sozialräume. Wo drei Menschen mich empfingen und die 112 wählten. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund leise junkern hörte und ihn streichelte, er saß jetzt genau zu meinen Füßen.

Wenn gleich die Rettungskräfte kommen, dachte ich, gibts ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen.

Na schön, die Sanitäter kamen an mich ran und retteten mich und brachten mich ins Krankenhaus und der Fahrer fluchte, weil die Einkaufszone zugeparkt war. Der Hund landete für ein paar Stunden im Tierheim, bis die Gräfin ihn auslöste, und ich hatte für einen Moment die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, aber immerhin, ich meine, ich hätte auch alles sausen lassen können.

Sehr beruhigend, das.

Pflegegruppe 32

So erlag er beinahe den Anstrengungen des Krieges gegen sich selbst und den erhaltenen Wunden in hiesiger Stadt.

*

Auf der Intensivstation wird morgens eine große Waschschüssel mit lauwarmen Wasser ans Bett gebracht, inklusive Seife und einer Zahnbürste to go. Aufstehen kann ich ja mittlerweile, mich aber nur im Radius der Schläuche und Kabel bewegen, die mich anketten, ein Meter ums Bett herum. Gepinkelt wird in die Urinflasche. Ich mach eine Pulle nach der anderen voll und klingele.

“Ist voll, Schwester.”

Eine der ständig wechselnden Pflegerinnen meint es gut mit mir und stellt zur Morgentoilette eine Dose 8×4 dabei, für eine frische feminine Note. Zur Abwechslung sprühe ich mir tatsächlich einen Hub unter die linke Achsel, und so kommt es, dass mir bis in den Nachmittag hinein jedes Mal Blümchenscheiße um die Nase weht, wenn ich meinen Kopf nach links drehe und aus dem Fenster schaue.

*

Am Abend wird  meine Lunge geröntgt, mit Hilfe eines mobilen Röntgenwagens. Ich sitze aufrecht im Bett, Röntgenschürze am Sack, Platte vorm Bauch.

“Morgen früh werden Sie auf die Kardiologie verlegt”, sagt die Röntgenassistentin und drückt den Buzzer, wie in der Game-Show. “So.”

Ist die Röntgenaufnahme auch im Kasten.

*

Pflegegruppe 32. Zimmer 13.

“Auf einmal geht das KLATSCH! und dann rappelt es wieder und ich lieg da”, erzählt Günter, der neue Bettnachbar. “Wegen dem Zucker”, fügt er frohgemut hinzu.

Günter ist einundsiebzig und ein Veteran, was Krankenhausaufenthalte anbelangt. Vor Jahren, so erzählt er, hatte er Wasser in der Lunge, und da drückte ihm im Besucherzimmer eine russische Handarbeitslehrerin ein Schwämmchen unters Herz. Er demonstriert es umständlich.

“Hier, so. Und dann hat das Schwämmchen da innnerhalb von vierundzwanzig Stunden peu a peu sämtliches Wasser abgesaugt.”

Jedenfalls verstehe ich das so. Sicher bin ich mir nicht. Günter erzählt viel, quasi ununterbrochen, und der Tag hat gerade erst begonnen. Weil er mich aber mit riesengroßen, nach Bestätigung heischenden Froschaugen ansieht, hebe ich den Daumen zum internationalen Gut gemacht-Zeichen: Allerhand, das mit der russischen Handarbeitslehrerin, wirklich, allerhand. Sämtliches Herzwasser, alles weg, hui.

Günter ist ausserdem ein grosser Jerry Cotton-Fan, und er nimmt gern Filme auf DVD auf. Das ist sein grösstes Hobby, Filme aus dem Fernsehen aufzeichnen und später angucken. Er hat daheim ein üppiges Archiv aufgebaut.

“Meistens guckt meine Frau oben einen Film und ich guck unten Krimis, aber manchmal gucken wir uns auch oben zusammen was an und dann schneide ich unten alles auf DVD mit, ist doch kein Thema.”

Einmal erzählt er lang und bräsig von irgendeinem Tatort, den er gesehen hat, ich höre nach einer Weile kaum noch hin. Erst, als ich denke, so, jetzt musst du langsam mal den Kopf heben und nicken, damit er nicht denkt, du hörst gar nicht zu, erst da seh ich, dass er ein Handy am Ohr hat und mit seiner Frau telefoniert.

*

“Hast du gestern Tatort geguckt?” höre ich ihre schrille Stimme.

“Ja klar hab ich Tatort geguckt “, sagt Günter.

“Gut. Hab ich für dich aufgenommen. Kann ich dann löschen, oder?”

“Tatort?”

“Ja. Tatort. Hast du doch schon gesehen.”

“Ja, hab ich gesehen. Kannst du löschen. Aber danach bei Inspektor Lewis, da bin ich eingeschlafen. Hast du aufgenommen?”

“Inspektor Lewis hab ich auch aufgenommen. Soll ich nicht löschen?”

“Nee, Lewis nicht löschen! Bin ich gestern Abend nach fünf Minuten eingenickt. Guck ich mir in acht Tagen an.”

“Gut.”

Kommunikation unter Ehegatten ist alles.

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Der andere Bettnachbar, ein Maschinenbau-Ingenieur namens Raschke, stammt ursprünglich vom Chiemsee, lebt aber seit langem im Bergischen. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und einer fürstlichen Abfindung seines Arbeitgebers geht es im Juli in Rente.

“Meine Frau und ich sind unter die Mobilisten gegangen”, erzählt er und es dauert einen Moment, bis ich kapiere, dass Mobilisten Leute sind, die im Wohnmobil durch die Gegend gondeln.

“Früher sind wir um die ganze Welt geflogen..”, sagt der Mann, dessen bratwürstelrote Gesichtsfarbe den Herzkranken verrät. (“Der hat eine künstliche Herzklappe, die klappert nachts so laut”, so Günter, “als wär er wieder am Kühlschrank.”)

“Heute sind wir froh, wenn wir in Holland morgens aufbrechen, ein paar Meilen fahren und stehen bleiben, wenn wir der Meinung sind, dass es das Richtige für uns ist. Dafür muss man nicht um die Welt fliegen.”

Wieder einmal blickt jemand beifallheischend in meine Richtung.

“Obwohl, ab und zu im Winter eine kleine Fernreise, dagegen ist ja nichts einzuwenden, oder..?”

Ich nicke. “Nee.”

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So modern die Intensivstation auch eingerichtet war, auf der Pflegegruppe scheinen die Krankenzimmer auf dem Stand der 60er Jahre eingefroren zu sein, mit ihrer zerschundenen Möblierung. Als ich das Nachtschränkchen neben meinem Bett genauer in Augenschein nehme, fühle ich mich an eine DDR-Musiktruhe aus dem Jahre 1958 erinnert, designmäßig auf Ostblock-Linie getrimmt. Schön besonders die vielen silbrigen Knöpfe, die sich ins Nichts drehen lassen, die eingebauten toten kleinen Lautsprecher und die Buchsen für den Anschluss von modernen Tonbandmaschinen.

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“Ja, selbstverschnittlauch!” tönt Günter jedes Mal, wenn er in der Früh wach wird und die Augen aufschlägt.

Gerne auch: “Guten Morgen, Kameraden zur See!”

Er ist zucker- und schwer herzkrank und wird morgen operiert. Er bekommt einen Defilibrator eingesetzt. Eine grosse Operation von mindestens drei Stunden Länge. Es ist seine insgesamte siebzehnte OP. Ein Profi durch und durch. Entsprechend weiss er auch, worauf es ankommt: “Man muss vorher noch mal richtig kacken.” Diesen Rat hat er in der ersten Nacht, die ich auf der Kardiologie verbringe, ordentlich beherzigt.

“Wer weiss, wann ich dafür wieder Gelegenheit habe”, schnauft er um halb fünf in der Früh, als die ersten Vögel singen und er zum dritten Mal den Pott aufsucht. Jede Sitzung, jeden noch so kleinen Klecks Stuhl leitet Günter mit einem ausgelassen knatternden Furz ein. Da kennt er nichts. Nichts ist ihm peinlich. Warum auch. Soll doch die Nachtschwester auf dem Flur ruhig wissen, dass Günter wieder auf dem Töpfchen sitzt, früh um halb fünf. Ein echter Spitalprofi. Nicht mal als ihm Pfleger Daniel, 32, drei Stunden später einen Blasenkatheter legt, zeigt Günter Nervosität.

“Wenn meine Frau anruft, sag ihr, wir gucken nächste Woche Inspektor Lewis. Kennst du Inspektor  Lewis, Daniel? Ist Klasse. Musst du gucken. Kannst mich ja mal besuchen. Ich hab zweitausend Krimis zu Hause, auf Video und auf DVD.”

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Sanne ruft an.

“Lass uns ein paar Tage an die See fahren, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und etwas Zeit vergangen ist.”

Sie träumt von Abenteuern in den Dünen, von Wandern mit dem Hund, von Orten, wo uns niemand erreicht, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss.

“Aber erstmal koche ich uns ne schöne Hühnersuppe, wenn du draussen bist.”

“Ja selbstverschnittlauch”, sag ich.

Da freut sich auch der Hund. Bleiben immer ein paar schöne spitze Knochen übrig, und wir haben jedes Mal Schiss, dass er sich die Kehle aufschlitzt. Um so schöner, wenn alles gut geht.

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Mittags steht die Oberärztin vor meinem Bett.

“Also, Herr Glumm, wie ich sehe haben unsere Ärzte Sie wieder von der Strasse weggeschnappt”, scherzt sie mit Blick auf mein Patientenblatt. “Sie sind ja zum ersten Mal im Krankenhaus, und das in Ihrem Alter, Respekt.”

Sie verpasst mir einige Elektroden auf der Brust und ein Maschinchen, das ein 24-Stunden-EKG durchführen soll. Auf dem dazugehörigen Merkblatt lese ich zwar was von empfindlichen Hochleistunggeräten, der Anblick des handygroßen Dings erinnert jedoch eher an Raumschiff Orion und die Untertassen. Auch Günter hatte nur “Mann, sieht das scheisse aus!” gerufen, als er das Gerät tags zuvor am Körper tragen musste.

Die Oberärztin informiert mich über die Risiken der zweiten Herzkatheteruntersuchung, die einige Tage später, am Mittwoch, stattfinden soll, und erklärt den Eingriff anhand einiger Schaubilder. Ein Ballon wird durch die Arterie eingeführt und im Herzen aufgeblasen, um die von Kalk verstopften Gefäße zu öffnen. Dann wird ein Stent, ein kleines Gittergerüst eingesetzt, um das Gefäß auf Dauer geöffnet zu halten. Ich erfahre, dass es dabei, im Ausnahmefall, auch zum Schlaganfall kommen könne. Oder es stellt sich heraus, dass die Arterien so dicht sind, dass kein Stent mehr gesetzt werden kann. Dann wird der Eingriff abgebrochen, “.. und Sie werden über einen Zeitraum von einem Jahr medikamentös weiterbehandelt.”

Das lässt mich aufhorchen. Ich bin schliesslich alles andere als scharf darauf, noch mal in den OP zu müssen.

“Kann man das nicht gleich mit Medikamenten weiterbehandeln? Brauche ich unbedingt noch einen dritten Stent?”

“Ja natürlich”, sagt sie einigermaßen fassungslos, und schickt mich runter auf U1 zur Echo-Untersuchung. Da treffe ich zufällig den Oberarzt wieder, Doktor Dierks, der den Eingriff durchführte, gleich nach dem Infarkt.

“Sie hatten relativ schlechte Karten an dem Tag, als es passierte. Gut, dass Sie so schnell auf unserem Tisch gelandet sind”, sagt er und führt noch einmal aus, wie chronisch kaputt mein Herz schon war.

“Erinnern Sie sich überhaupt noch an mich?” fragt er zum Schluss.

“Nicht wirklich. Nur der Klang Ihrer Stimme kommt mir bekannt vor.”

“Ja, ich musste laut werden, weil Sie einfach nicht still liegenbleiben wollten.”

Ein groß gewachsener Mann, der Oberarzt, kurzes blondes Haar, eher sym- als unsympathisch.

“Bis Mittwoch”, sagt er. “Und keine Angst. Das machen wir schon.”