Licht, Ärzte, Stimmen

Es war nicht so, als wäre ich lange ohne Bewusstsein geblieben. Vielleicht eine Stunde fehlte mir, seit ich mit Blaulicht eingeliefert wurde und nun auf der Intensivstation aufwachte.

Sofort stand eine Krankenschwester am Bett.

“Wie geht es Ihnen?” Schwester Barbara stand auf dem Namensschildchen. Freundliche Augen, forschender Blick. “Sie hatten einen schweren Herzinfarkt.”

“Ja ich weiß”, antwortete ich eine Spur zu leise und räusperte mich. Ich wollte nicht kläglich klingen, auch wenn es allen Grund dazu gab. Gerade dann nicht. Ich versuchte mich im Bett zu erheben, doch die Schwester drückte mich behutsam zurück. Sie fixierte die Monitore, die geschlossen wie eine Wachmannschaft hinter meinem Bett standen und bläuliches Licht ins Zimmer warfen. Die Geräte maßen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wurde kontrolliert, in meiner Nase steckte eine Sonde.

“Sie können von Glück reden, dass Sie den Herzinfarkt in der Stadt erlitten haben und so rasch im OP waren. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Wald spazieren gewesen. Da hätte der Notarzt viel zu lange gebraucht, bis er Sie gefunden hätte.”

“Ich bin gestern im Wald gewesen”, entgegnete ich, fast ein wenig empört. Tief im Wald sogar, querfeldein, mit dem Hund. Ohne Handy. “Das hätte wohl meinen Tod bedeutet.” Ich liess das Fragezeichen gleich weg.

“Haben Sie kein Handy?” fragte die Schwester.

“Nein.”

“Dann bringe ich Ihnen gleich das Stations-Handy, können Sie Ihre Leute anrufen. Oder wissen die schon Bescheid?”

“Vielleicht weiß meine Freundin schon Bescheid. Ich weiß nicht.”

*

Erinnerungsfetzen im Rettungswagen. Ich liege auf der Bahre, von draußen ruft ein Sanitäter: “Unter der Nummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige.. Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend.

Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, und eine gewisse Kühle. Sie muss doch den Hund abholen, wenn ich ins Krankenhaus komme. Einer muss doch den Hund aus der Kirche holen. Dahinter die erregte Männerstimme, “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt während der Fahrt ins Städtische Krankenhaus, eine Infusion wird angelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch!”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich in den Herzkatheterraum gerollt werde, wo mir die Pflegerinnen auf dem OP-Tisch in routinierter Eile Strümpfe, Hose und Pulli runterziehen.

“Ruhig, Herr Glumm, bleiben Sie ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

*

- Schwester, Sagen Sie, wie viele Herzinfarkte gibt es jeden Tag in unserer Stadt? –

- Hm. Das ist verschieden. -

- Na, ungefähr. –

- Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum? –

- Na, nur so.-

- Es gibt zwei Extreme: Bei anhaltend schwülem Wetter häufen sich Infarkte, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen, dann auch. Dann ist hier Daueralarm auf Station. –

- Hm. Ja. Und heute bin ich der einzige Herzinfarkt? –

- Bis jetzt, ja. -

*

Mit jeder Minute, die ich auf den Rettungswagen warte, schnürt sich der Brustkorb mehr zu, verengt sich das Korsett. Man hat mich ins Hinterzimmer gebracht, wo ein Sofa steht.

“Können wir etwas für Sie tun, Ihnen etwas bringen?” erkundigt sich eine der beiden Damen leise.

“Ein Glas Wasser”, wispere ich und versuche mich zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Der Hund hockt vor mir auf dem Boden und beobachtet mich. Die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig, evangelisch, akkurat, sind ratlos. Da kommt ein Mann mit Hund auf sie zu, an einem stickig-heißen Vormittag im Mai, im Souterrain der Stadtkirche. Der Mann ist fahl, Schweiß pläddert an ihm runter. Er wankt.

“Ich glaube, ich hab einen Herzinfarkt..”, spricht er mit kläglich dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen?”

*

Als ich das Souterrain der Kirche über den Hintereingang betreten hatte, den Hund an der Leine, sank ich zunächst auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand zu sehen, Stille. Um den Notarzt zu rufen hätte ich mich schon in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, der sich lieber in der nahen Stadtkirche einlieferte, über den Hintereingang, der zufällig offen stand. Aus reiner Intuition. Weil ich den Hintereingang von früher kannte, als Karlos Vater in der Stadtkirche als Küster gearbeitet hatte. Und weil ich mir nicht sicher war, ob ich gerettet werden wollte, weiterleben wollte.

Im Mahlstrom meines nachlassenden Bewusstseins hatte sich ein Gedanke eingeschlichen: Du kannst dich ja auch sterben lassen ..

Du kannst dich auch sterben lassen.

Das war kein Suizidmoment, wo man selbst aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzt, wo man Medikamente frisst oder von der Brücke springt, nein, wäre alles nicht nötig gewesen. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ihren Lauf, wie sie ihn in alten Zeiten genommen hätten, als es noch keinen Notruf gab, keine Herzkatheterräume, keine pulsierenden Ultraschallaufnahmen.

Als die Luft sozusagen noch rein war.

Ich kauerte vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, dachte ich in den Katakomben der Stadtkirche, es roch nach Politur und Filterkaffee. Mein Herz drückte und stauchte, die Holme knackten. Musst bloß noch ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bisschen.. warten. Eine wärmende Hand schaufelte mich hoch. Ich flog ein bisschen.

Dann die Entscheidung.

Ich erhob mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, in Richtung der Sozialräume, Richtung Weiterleben. Wo drei Menschen mich empfingen und einer die 112 wählte. Wo ich auf dem Sofa ruhte, den Hund junkern hörte und ihn streichelte. Wir warteten. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod schon so nah, dass ich rüberspucken konnte. Und mit jedem Augenblick, der verstrich, wurde ich schwächer, rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild.

*

Beim gemeinsamen Frühstück hatte sie mich angeblickt.

“Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge”, sagte sie. Was sie manchmal so sagt, morgens. Kleine rätselhafte schöne Sachen.

Ich spielte kurz mit dem Gedanken, den Schlaf aus dem Auge zu reiben, doch dann würde es ja nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn. Das würde niemand wollen. Man reibt sich keinen Schmuck aus dem Auge, schon gar nicht eine Träne. Also liess ich es so, wie es war, eine Spezialität von mir, und beschäftigte mich wieder mit meinem Marmeladenbrot. Selbstgemachte Marmelade, von ihr selbstgemacht. Die einzige Marmelade weltweit, die Kraft spendet.

Während sie nach dem Tee griff und schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch und hielt den Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge. Dahinter ihr Kürzel, um in Fragen des Urheberrechts erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, und meinen ersten schnellen Senf dazu, ein lakonisches:

Na. Ich weiß auch nicht.

*

Anderthalb Stunden drauf, viertel vor elf, rast ein großer Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Herzinfarkt. Mitten in der Fußgängerzone. Seither höre ich anders hin, wenn die Sirene sich nähert. Seither liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Straßen fliegt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt:

Ich bin das.

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt, erst nett, schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, und erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN SIE DOCH RETTEN und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, voller Plaque, mussten per Ballon aufgedehnt und mit Stents versorgt werden, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, erklärte der Oberarzt. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport. Minimalinvasiv.

Koronare 3-Gefäßerkrankung, Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, sagte der Doktor.

Verdammtes Plaque, dachte ich.

 My poor heart is aching (Nina Simone).

Die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidet, und wie gekonnt eine Schwester mit dem Einmalrasierer mein Schamhaar stutzt. Wir müssen an Ihre Leiste ran. Kalter Schweiß auf der Haut, mein weißer Schwanz.

O Herr, reiß die Himmel auf! Es ist soweit. Soll ich jetzt kommen?!

*

Auf der Intensivstation bin ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfängt. Einzig meine Zimmergenossin erinnert an die Gefahr, in der ich mich befinde. Eine Frau, die maschinell beatmet wird, aber ich kann sie nicht sehen, ihr Anblick ist von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Ich liege flach auf dem Rücken, darf mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir Schwester Barbara wieder und wieder einimpft. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das Bein nicht bewegen, “sonst passiert es noch, dass Sie innerlich verbluten.”

Na komm. Da bleibt man schon mal vierundzwanzig Stunden ruhig auf der Stelle liegen.

Und dennoch gibt es am Abend einen verzweifelten Moment, wo ich das Stillhalten fast nicht mehr aushalte und kurz davor bin, mir sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu reißen und mich mitsamt dem Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, damit ich es hinter mir habe. Was nicht funktioniert hätte. Zwar war das Fenster weit geöffnet an diesem Maiabend, doch da war ja noch das robuste Mückengitter im Weg.

Intensivstation: Fluchtversuch endet im Fliegenrollo.

Perfekt, irgendwie.

*

10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

Es ist was ganz schlimmes passiert

Schon im gleichen Moment, als ich die angsterfüllte Stimme meines Vaters höre, weiß ich, dass ich den Klang nie mehr los werde, für den Rest meines Lebens.

“Es ist was ganz schlimmes passiert”, sagt er am Telefon, “Mutter ist tot.”

Ich steh in der Küche. Ich bin gerade reingekommen, verschwitzt vom Einkaufen. Mutter ist tot. Es ist was ganz schlimmes passiert. Ich sinke auf den Stuhl nieder.

“Was ist los?” ruft die Gräfin.

“Meine Mutter ist tot”, sage ich tonlos, und zu Vater in den Telefonhörer: “Ich komme sofort.. Ist jemand da?”

Ja, ein Bruder meines Vaters ist bereits da, der Bruder, der zwei Häuser weiter wohnt.

Die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu erhalten, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen. Mit dem Unterschied, dass du gar nicht wusstest, dass du im ICE unterwegs bist.

Die Gräfin, Tränen in den Augen, nimmt mich in den Arm. Ich trinke ein Glas Wasser. Ich bin verschwitzt vom Einkaufen. Wieso trinkst du jetzt? Deine Mutter ist tot. Wie kannst du etwas so profanes tun wie trinken? Planeten müssten abstürzen, die Zeit stillstehen, du müsstest im Boden versinken vor Scham.

Ein Glas Wasser.

Ich versuche meine Schwester zu erreichen, sie ist im Winterurlaub in Italien. Sie geht nicht ans Handy. Ich atme auf. Ich will nicht derjenige sein, der die Todesnachricht überbringt, auch wenn man mit dem Tod rechnen musste. Dem Tod dieser rätselhaften stolzen Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

Ich rufe meinen Bruder an. Im Kölner Büro.

“Mutter ist tot”, sage ich.

“Ach du Scheisse”, stammelt er leise. “Ich komme. Soll ich dich abholen? Fahren wir zusammen zu Vater?”

Er ist durcheinander, ich höre, wie er schon kurz nach Erhalt der Todesbotschaft die Gedanken sortiert: bloß nicht durchdrehen, jetzt.

Weil die Gräfin an Heiligabend, dem letzten Tag, an dem wir Mutter besucht haben, nicht mitkommen konnte, drängt sie darauf in die Klinik zu fahren, sich zu verabschieden.

“Ich möchte sie noch mal anfassen.”

Wir rufen Vater an, fragen, ob er mitkommen möchte, nein, natürlich nicht, aber wir sollen ohne ihn fahren. Mein Bruder ist sich nicht sicher, ob er Mutter noch einmal sehen möchte, ob er dazu in der Lage ist, und auch ich fürchte, dass ihr schönes Gesicht in meiner Erinnerung fortan zur Totenmaske erstarrt und halte mir die Entscheidung offen.

Zu dritt fahren wir im Wagen meines Bruders durch die verschneite Stadt. Es geht nur langsam voran. Rollsplitt knirscht unter den Rädern, Granulat. Niemand spricht ein Wort. Die Dauerlast des Pappschnees hat Bäume reihenweise umknicken lassen. Wie vom Blitz getroffen sind viele in der Mitte gespalten und umgestürzt; sie zersplittern, noch warm im Fleisch, schmerzhaft schön.

Als wir die geräumte Stadtautobahn erreichen, stoppt mein Bruder am Straßenrand. Er steigt wortlos aus und löst die Schneeketten von den Vorderreifen. Die Situation ist so unwirklich, als bewegten wir uns im Séparée einer Wirklichkeit. Ich fühle mich leer und abgekämpft. Das Spiel meines Lebens: verloren.

Meine Mutter ist tot.

“Meine auch”, murmelt mein Bruder, als er wieder am Steuer sitzt und sich das Eis aus den Kleidern klopft. Sein Atem dampft. Immer wieder höre ich die Stimme meiner Mutter, es treibt mir die Tränen in die Augen: dass ich sie nie wieder hören werde. Wo sie doch so gern geschnattert hat, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen den Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute.

Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht!

Ich spüre die Hände der Gräfin. Endlich erreichen wir die Klinik. Wir erkundigen uns nach der Intensivstation, doch der Portier schickt uns auf Station 30, wo wir Mutter Heiligabend besucht haben. Frau Wolf, ihre Bettnachbarin, ehemalige Hutmacherin aus Hamburg, telefoniert gerade, sie blickt uns erschrocken an. Noch sind alle Utensilien von Mutter im Zimmer. Ich sehe ihre Brille auf dem Nachttisch, die Reader’s Digest-Hefte. Wir kommen gleich wieder, bedeute ich Frau Wolf, und machen uns auf die Suche nach der Intensivstation.

Der Verabschiedungsraum. Wie sie daliegt, hell angestrahlt vom Deckenlicht. Das weiße Bettlaken ist bis unters Kinn hochgezogen, nur das Gesicht ist zu sehen, ihr spitzes Näschen, wie Toblerone. Das Kinn wird von einer Stütze gehalten. Nichts in ihren friedlichen Gesichtszügen deutet auf den letzten großen Kampf hin. “Ihre Mutter ist uns unter den Händen weggestorben.” Sie ging mit einem Paukenschlag: zwei Herzinfarkte, kurz nacheinander.

Eine große bleiche Ruhe erfüllt den Raum. Während mein Bruder im Hintergrund bleibt und das Zimmer schon bald fluchtartig verlässt, streichle ich Mutters Wange, die Gräfin schnuppert an der noch warmen Haut. Sie riecht nach Nivea. Wir ziehen das Laken zurück, und wie immer liegt Mutters Hand auf dem Unterbauch, wo sie zeitlebens den Sitz ihrer Seele ausmachte. Eine Schwester betritt den Raum, dimmt das grelle Licht, “so ist es besser, nicht wahr.”

Sie fragt, ob sie etwas für uns tun kann, ich fühle ihre Hand an meiner Schulter.

11:30 ist als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter aufs Totenbett gelegt hat, in Höhe der Fußknöchel. 11 Uhr 30. Genau zu dieser Zeit kam ich bepackt wie ein Sherpa vom Einkaufen und ging den engen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt ist, und da stand dieser Wagen halb auf dem Gehweg.

Die Beifahrertür war offen und ragte weit auf den Bürgersteig, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerkt hätte, er war mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängelte mich seitlich an der Autotür vorbei, blieb dabei mit dem Innenfutter der offenen Jacke hängen. Erhitzt vom Einkaufen hatte ich schon im Supermarkt den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment stand meine Jacke jetzt weit offen, wie ein einzelner Flügelschlag, es war, als präsentierte ich der Welt mein Herz, groß und verwundbar, für diesen winzigen Augenblick.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.