Babylon & ein doppelter Rittberger

Sommer 86.

In Mexiko-Stadt steigt das Finale um die Fußball-WM, das Schreinerkollektiv feiert Party. Spät am Nachmittag treffen sich die Mädels in dünnen violetten Jäckchen und Netzstrümpfen im Hof der Werkstatt, die Jungs kommen in Blue Jeans und Shirt. Man grüßt die Neuankömmlinge, wenn man sie kennt, man ignoriert sie und schaut schnell woanders hin, wenn man sie nicht kennt oder nicht kennen will, man muss ja nicht jeden kennen wollen.

Ich steh mit meinem Bier irgendwo im Schatten und halte Ausschau nach Benzini. Der muss hier irgendwo auf Krücken unterwegs sein, er trägt sein Bein in Gips. Oben in der Werkstatt stimmen Soon Come ihre Instrumente, eine lokale Reggae-Sensation mit einem jungen Drummer, der dafür bekannt ist, den Beat staubtrocken zu klopfen und dabei so wild und attraktiv sein junges volles langes Haar zu schütteln, als trommele er in der Muppet Show: Statler & Waldorf in blutjungen Jahren.

„He, hast du Benzini gesehen?“ frag ich den dicken Hansen.

„Benzini..? Mh, der ist eben mit der kleinen Blonden abgehauen..“

„Welcher kleinen Blonden?“

„Ja, der Junkiebraut.. wie heißt die noch?“

Der dicke Hansen fährt sich durchs Haar.

„Cindy?“ frag ich.

„Cindy. Genau. Die sind zusammen weg.“

„Wohin?“

„Woher soll ich das wissen. Hinten in den Wald, glaub ich. Ficken.“

Ich zapf mir ein Bier und laufe über den sonnengefluteten Hof, schon leicht einen in der Krone. Es ist gerade mal sechs Uhr. Wie zum Teufel soll ich bis zum Endspiel durchhalten? Ich muß Benzini finden, der hat garantiert Koks auf der Tasche. Marschierpulver. Und wenn er sich wirklich mit Cindy verdünnisiert hat, ziehen die beiden sich gerade was weg. Von wegen Ficken. So ein Blödsinn. Cindy steht nicht auf Sex. Sie kann überhaupt nicht verstehen, was die Typen für einen Wind darum machen.

„Ihr Kerle wollt doch sowieso nur abrotzen und dann pennt ihr ein. Was soll der ganze Heckmeck, den ihr da veranstaltet.“

Weit können sie nicht sein, mit Benzini auf Krücken. Ich hol mir noch ein Bier und mach mich auf die Suche. Hinten im Wald, meint der dicke Hansen. Hinter der Schreinerwerkstatt führt ein schmaler Pfad ins Grüne. Ich balanciere einer lehmigen Traktorspur entlang, bis ich ein eingezäuntes Gelände erreiche.

Baustelle. Eltern haften. Benzinis krächzende Stimme ist von weitem schon zu hören.

„Keiner fickt Conni so gut wie ich! Keiner..!“

Ich zwänge mich durch ein Loch im Drahtzaun, gerade mal groß genug für mich. Meine Jacke kriegt was ab, ratscht an der Schulter auf.

„War ja klar!“ schimpfe ich.

Mein Lieblingslumpen.

Benzini und Cindy lümmeln auf verschlissenen Campingstühlen und rauchen einen Joint.

„Die dumme Sau!“ schnarrt Benzini, das Gipsbein auf den wackligen Tisch abgelegt. Er nimmt einen Schluck aus der Wodkaflasche. Auf Resten von Teerpappe, die wie ein Steg einen Teil des morastigen Bodens überbrücken, stakse ich auf die beiden zu.

„Ach nee, guck an – der Glumm! Will der Lump wieder einen kiffen!“ grinst Benzini übers ganze Zigeunergesicht.

„Na, hallo“, meint Cindy freundlich.

„Hallo“, sag ich, und an Benzini gewandt: „Falls du Connie meinst mit dumme Sau, die hat sich eben mit dem glatzköpfigen Fotograf dadurch getan.“

Benzini spuckt den Fusel aus.

„Die dumme Sau!!“

„Sag ich doch.“

„Schönen Schnäuzer hast du dir wachsen lassen“, lächelt Cindy. Sie hantiert mit ihrem Gürtel, löst ihn aus dem Hosenbund. „Steht dir gut.“

„Ja?“

„Ja.“

„Scheiß Weiber!“ flucht Benzini.

„Mach dir nix draus“, meint Cindy, „vielleicht fickt der Fotograf sie nicht so gut wie du, dann hast du Glück gehabt. Dann holst du sie dir einfach wieder. Ist doch kein Akt. Ein Fotograf, pff.. was ist das schon gegen Benzini. Ein Knipser.“

Der Wind trägt den Reggae-Sound aus der Schreinerwerkstatt herüber. Es klingt immer noch nach Soundcheck, doch Soon Come werden schon gefeiert, bevor sie überhaupt loslegen.

„Gleich fliegt die Mähne wieder“, sag ich.

„Was? Wer fliegt?“ Benzini glotzt mich an, als würde er gleich losspucken. Er ist mächtig geladen.

„Dem Drummer seine Matte.“

Cindy lacht auf, und macht sich an die Arbeit. Sie nimmt ihren dünnen roten Ledergürtel, legt ihn um den Oberarm, zieht eine Schlaufe fest. Erst jetzt bemerke ich die aufgezogene Pumpe auf dem Tisch, fertig zum Fixen. Daneben liegt, von der Handtasche nur halb verdeckt, ein angekohlter kleiner Löffel und ein Sturmfeuerzeug.

Benzini glotzt uns an, aus ernüchterten glasigen Augen.

„Keiner fickt Conni so gut wie ich.“

„Schön für dich“, meint Cindy unterkühlt. „Kannst du mir einen Schuss setzen?“

„Hau bloß ab. Will ich nix mehr mit zu tun haben. Damit bin ich durch, Kinder.“

Mich fragt sie erst gar nicht.

„Kein Koks da?“ frag ich Benzini.

„Hau ab. Alles weg.“

Cindy ist auf der Suche nach einer brauchbaren Vene. Einer, die es noch tut. Ihre Armbeuge ist voll blauer Flecke und verhornter Haut.

Sieht nach Unfall aus, denke ich. Ein Unfall nach dem anderen. Eine Unfallserie.

„Dann zieh wenigstens den Gürtel stramm, Benzini.., bitte.“

Er greift widerwillig nach der Schlaufe, zieht sie stramm. Bei gesunden Menschen würden sich jetzt lange blaue Kanäle anbieten, nicht so bei Cindy. Und doch findet sie überraschend flott eine Vene.

„Gibts doch nicht..“, murmelt sie, „tatsächlich“, und setzt die Nadel an. „Strammer!“

Der Schuss gelingt auf Anhieb. Gleichmäßig füllt sie ihren Blutkreislauf mit der braunen Pampe, legt routiniert die Spritze ab, öffnet ihren Gürtel.

„Normalerweise muss ich.. den Arm mit heißen Lappen bearbeiten, damit ich überhaupt was brauch..bares auftue..“

Sie drückt seufzend einen Finger auf die Einstichstelle, und ihr Unterkiefer sackt ab, in Zeitlupe.

Benzini packt mit beiden Händen nach dem Gipsbein und hebt es vom Tisch runter.

„Die blöde Fotze!“

Er schnappt sich die Krücke, die am Tisch lehnt, und richtet sich mühsam an ihr auf. Steckt die halbvolle Wodkaflasche in die Jackentasche und humpelt behende davon, über die lehmige Baustelle.

„He, wohin?“ ruf ich, der Ordnung halber.

„Connie suchen! Dann ficken!“

„Die ist weg“, ruf ich zurück. „Glaub es mir.“

Er verschwindet hinter dem Rohbau.

Cindy genießt den Kick. Ihr Kopf wippt hin und her, wie ein bräsiges Pendel. Ich lass mich neben ihr auf dem Campingstühlchen nieder, das Benzini freigegeben hat.

Obwohl der Rohbau schon zwei Stockwerke hoch gezogen ist, wirkt die ganze Baustelle, als wäre dem Bauherren die Puste ausgegangen. Ein Pleitegelände. Überall finden sich zerbrochene Ziegelsteine, Säcke voller Glaswolle sind aufgerissen, ein Zementmischer liegt verbeult auf der Nase.

Auch wenn ich nur zwei, dreimal am Joint gezogen hab, ich bin so bekifft, ich muß mich ein bisschen bewegen. Cindy ist eingepennt. Hinter dem Rohbau geht es eine Böschung hinab aufs Nachbargrundstück. Zwei Jungs turnen in einem Kirschbaum herum, und feixen.

„Ich bin Pathologe!“ ruftt der eine.

„Werf mal ein paar Kirschen runter, Pathologe!“ ruf ich.

„Was..?“

„Kirschen. Schick mal ein paar runter.“

„Wie viele?“

„Weiß nicht.. sechs? Sechs Kirschen für zwei Leute? Hast du sechs Kirschen da?“

Mein forsch-angekifftes Auftreten verunsichert die Jungs, aber nur kurze Zeit. Beide tragen ein grün-weißes Fußballtrikot.

„Spielt ihr bei Britannia?“

Sie nicken.

„D-Jugend?“

„Ja..“

„D1?“

„Klar, was sollen wir denn in der D2?! Bist du Hellseher?“

Sie pflücken Kirschen, werfen sie in meine Richtung. Ich sammle sie auf und kehre zu Cindy zurück. Die scheint nicht bemerkt zu haben, dass ich eine Weile fort war.

„Wenn ich Glück hab und treff ne Vene, die noch intakt ist, bin ich schneller als ein Franzose, der seinen Pastis runterstürzt, glaub mir das“, leiert sie mich an, mit geschlossenen Augen.

„Ach ja?“ frag ich, doch sie hört mich nicht in ihrer Apotheke.

Als sie aufwacht, verstreut sie ihre Schminkutensilien auf dem Tisch. Sie hat allerhand zu tun mit einem Mal. Will sich aufpeppen für die Schreinerparty. Zieht Lidschatten nach, vorm Handspiegel. Der hat einen langen Riss in der Mitte, und Staub auf der Oberfläche.

Ich frage Cindy, ob Schore ihr eigentlich noch was bringt, nach all den Jahren. Ich kenne sie gar nicht clean.

„Schore macht mich rundum zufrieden“, bemüht sie sich deutlich zu reden, doch die Worte hängen ihr von den Lippen wie nasse Wäsche im Hinterhof. „Da könnte Adonis in der Tür stehen.. wär mir auch egal. Für gute Schore lass ich alles stehen.. für gute Schore.“

Mühsam pudert sie die Wangen. Dabei trifft sie nicht immer ihr Gesicht. Ab und zu kriegt die Luft was ab.

„Ich glaub.. ich hab zu viel Gefühle.. die passen gar nicht alle in einen Menschen.. rein. Aber wenn ich clean bin, platze ich. Dann bin ich nur eine kleine Frau.. mit zu vielen Gefühlen, die platzt. Versteht du..?“

Cindy, eine drahtige und eigentlich hübsche Person, entwickelt ungeahnte Energien, wenn sie mal nicht breit ist. Eigentlich ist sie immer breit. Am Montag geht sie in Therapie. Es ist ihre vierte.

„Alkohol ist noch beschissener, glaub es mir. Wenn ich voll bin, verliere ich so was von den Plan. Letzte Woche bin ich in Wermelskirchen in so ner Pinte versackt, weiß der Kuckuck, wie ich da gelandet bin. Jedenfalls labern mich drei Typen an. Ob ich Lust zu kiffen hätte. Klar, sag ich. Logo, klar doch. Wir also nach draußen zum Auto. Auf dem Parkplatz fällt der erste über mich her. Die beiden anderen stehen drumrum und glotzen. Haben sich wohl gedacht, die Alte ist so knülle, können wir eben mal alle drei drüberrutschen. Ja, Junge. Aber nicht mit mir.“

Sie gluckst.

„Aber nicht mit Babsi. Ich hab nämlich meine Stöckelschuhe an und trete um mich wie eine Furie. Erwisch den Ersten im Gesicht. Voll auf die Nase, voll auf den Höcker. Blut spritzt dem Arsch aus der Nase, ne richtige Fontäne schießt da raus. Hättest du die beiden anderen Feiglinge mal sehen sollen, wie schnell die sich dadurch getan haben. Nicht mit mir. Die werden das so schnell nicht mehr versuchen, glaub mir das. Jedenfalls.. nicht bei mir.“

„Hey, du Hellseher! Was ist mit den Kirschen? Wollt ihr noch mehr?“

Die Jungs stehen am Rand der Baustelle, sind die Böschung raufgekraxelt. Ich frag mich, wie lange die beiden uns schon zuhören. Babsi dreht sich um.

„Wo kommen denn die Kurzen her, Alter..?“

„Vom Kirschenpflücken“, sag ich und halt Babsi eine Kirsche hin, doch sie will nicht.

„Bloß nicht. Von so was muss ich kotzen.“

Binnen einer Sekunde hat sie die Burschen vergessen und legt einen brombeerroten Lippenstift auf, der in einem langen Strich nach unten hin verrutscht. Wie ein Komma, das die Schreibmaschine in die falsche Zeile setzt.

„Ihr scheiß Fixer!“

Benzini ist zurück. Duckt sich durch das Loch im Bauzaun und humpelt auf den Tisch zu. Plötzlich bleibt er stehen. Bückt sich nach einem Wackerstein, und pfeffert ihn auf den umgestürzt im Matsch liegenden Zementmischer. Donngg!ggg! – ein dumpfer Gottesdienst.

„Los! Wir spielen Startbahn West! Oder Wackersdorf!“

Er hebt einen zweiten Stein auf und wirft ihn mit aller Gewalt auf den Bauzaun, dass es nur so pfeift. Die Jungs türmen den Abhang runter, und Babsi wird munter.

„Heeyy..?“

„ALLE MANN AUF DIE COPS!“ krächzt Benzini. „SOLINGEN IST BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER! HE-JAAA!!“

Er reicht mir den Wodka rüber. Ich nehm einen Schluck.

„Babylon und ein doppelter Rittberger? Wo hast du das denn her?“

„Pfft. Keine Ahnung. Aus meinem Traum. Ich bin wach geworden und hatte das im Kopf, SOLINGEN IST BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER. Warum? Stimmt das nicht, oder wie?“

Ich nehm eine Hand voll Lehm, backe alles zu einem Klumpen zusammen und laufe „BABYLON UND EIN DOPPELTER RITTBERGER!“ skandierend auf den Zaun zu – klatsche den Schmand gegen das Betreten Verboten-Schild.

„RÄUMEN SIE UMGEHEND DAS GELÄNDE!“ imitiert Benzini einen Befehl durchs Polizei-Megaphon. „SONST GIBBET HAUE!!“

„Scheiße. Seid ihr fertig“, murmelt Babsi.

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