Deutsche Junkies sind Petzliesen

Ich war fast vierzig, als ich Anfang 2000 im Methadonprogramm landete. Zum Programm gehörte psychologische Beratung, ein monatlicher Pflichttermin, bei dem ich mich einem schnauzbärtigen Therapeuten gegenüber sah, der gern ausführlich von hochalpinen Wandertouren berichtete, mit Annika, seiner niemals endenden großen Liebe. Es dauerte seine Zeit, bis ich dahinterkam, wer Annika war: eine für ihr Alter erstaunliche fitte 11jährige Schäferhündin.

Ergiebiger war da schon der wöchentliche Termin bei Doc Hilten, meinem behandelnden Hausarzt. Er stellte das BTM-Rezept für Methadon aus, um das sich alles drehte. Doc Hilten war ein desillusionierter, vom Leben enttäuschter Mann um die fünfzig, der viel lieber Lufthansa-Pilot geworden wäre statt Drogendoktor. Manchmal sagte er Dinge, mit denen man als Patient durchaus etwas anfangen konnte, richtige Wahrheiten rutschten ihm heraus im Grenzgebiet zur Weisheit, doch da man musste schon sehr genau hinhören, um es nicht zu verpassen in dem Wust aus medizinischem Ritual-Rhabarber, das er über einen ergoss, wenn er einmal in Fahrt geriet, besonders dann, wenn er sich sicher sein konnte, dass sein Gegenüber kein Wort kapierte. Ein Umstand, aus dem er vermutlich seine ganze ärztliche Autorität abzuleiten schien. Keine Ahnung. Ich verstand den Mann nicht. Er war bis obenhin voll Bullshit.

Was den Umgang seiner Patienten mit Methadon betraf, beziehungsweise Polamidon, der rechtsdrehenden Variante von Methadon, schien auch Doc Hilten kein anderes Rezept zu kennen, als den Ersatzstoff langsam aber sicher runterzudosieren, so wie es die meisten seiner Kollegen taten.

„.. und irgendwann bist du auf Null, ohne es wirklich gemerkt zu haben“, sagte Doc Hilten. „Zum Schluss verschreibe ich dir leichte Beruhigungsmittel, und zusätzlich können wir Bio-Energetik machen, wenn du das brauchst. Dann bist du clean. Dann hast du es geschafft. Dann hast du dein Leben zurück. Dann spielst du wieder Bundesliga.“

Ich blickte ihn an. In welcher Liga spiel ich denn jetzt? dachte ich. Ich hatte die Gegenfrage schon auf der Zunge, darauf schien er nur zu warten, und auch er hatte die nächste Antwort schon parat, sie war längst vorbuchstabiert und tausend Mal an den Mann gebracht, doch diese Art von langer Hand vorbereitete Treffer gönnte ich ihm nicht. Kreisklasse, mein Freund – du spielst Kreisklasse, er hätte es zu gern gesagt.

Hilten war ein massiger Mann, der seine Drogenpatienten mal duzte, mal siezte, gerade, wie es ihm in den Kram passte, und der definitiv zuviel Süßkram in sich hinein stopfte. Einmal hatte jemand Hilten, du Fress-Buddha! an die Backsteinmauer seiner Praxis gesprüht.

„Mit Bio-Energetik hast du in einer Viertelstunde keine Angst mehr. Vor gar nichts. Auch nicht vor einem cleanen Leben.“

„Tz, als wäre das so einfach.“

„Es ist so einfach“, antwortete Dr. Hilten mit tiefer Bauchstimme. Er holte sie von ganz unten herauf, wie ein Kohlenschlepper, aber damit versuchte er nur Eindruck zu schinden, er versuchte es auf die Barry White-Tour. „Du musst es nur wollen.“

Genau das war die Krux. Die meisten Junkies wollten ja gar nicht clean werden, nicht so rasch jedenfalls und nicht so umfassend, auch wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, im Substitutionsprogramm eines niedergelassenen Arztes gelandet waren.

Wenn Heroin der Jumbo-Jet unter den harten Drogen ist, ist Methadon abgesichertes Fliegen. Mit Methadon befindet sich der Abhängige im Simulator eines großen Verkehrsflugzeugs, der einem die Lust am Fliegen nehmen soll. Was die Suchtproblematik an sich betrifft, die Ursache, die Wurzel der Sucht, ist das ganze nicht mehr als sinnlose Verlagerung, die aber, immerhin, einige handfeste Vorteile bietet. Im Gegensatz zum üblichen Strassenheroin ist Methadon sauberer Stoff, es bleibt viel länger im Blut, und im übrigen: Man muss ja nur genug von dem in einer gelben Trägerflüssigkeit servierten Ersatzstoff einnehmen, und schon sitzt es sich im Simulator fast so gemütlich und kommod wie im Jet selbst. Selbst der Kontinent, den man als Junkie überfliegt, kommt einem erstaunlich bekannt vor, wenn man aus dem Fenster blickt..

„DA UNTEN HAB ICH LANGE GEWOHNT! SIEHST DU DAS HAUS DA VORN? DA UNTEN, RECHTS!! UND DA HAB ICH IMMER RUMGESTANDEN! HE, SCHAUT MAL, DER TYP MIT DEM KÄPPI, IST DAS NICHT DER KLEINE WIEGAND..!?“

Manchmal, wenn ich gute Laune hatte, machte ich Doc Hilten eine kleine Freude.

„Nächsten Monat“, versprach ich ihm, weil er es nun mal hören wollte, „nächsten Monat geh ich einen halben Milliliter runter, Herr Doktor!“, worauf er mich anglotzte wie ein Bergführer, der es nicht nur gewohnt war, dass ihm niemand folgte, sondern dem darüber hinaus plötzlich und unmissverständlich klar wurde, dass sich daran auch niemals etwas ändern würde.

*

Der Drogensüchtige hat es doppelt schwer. Er kämpft gegen seine Sucht und er kämpft um seine Anerkennung als Suchtkranker. Zwar ist es gesellschaftlicher Konsens geworden, von Heroinsucht als Krankheit zu schwafeln, doch wehe, der Drogenkranke führt sich wie ein Suchtkranker auf, dann steckt man ihn ins Gefängnis. Dabei ist es nicht seine Schuld, dass die Strassenpreise für xfach gestrecktes Heroin reine Phantasiepreise sind, mit denen die Mafia sich dick und fett macht, aber der Süchtige muss es ausbaden. Da ihm in der Regel nichts anderes übrigbleibt, als klauen zu gehen, um seine Sucht zu finanzieren, landet er irgendwann im Knast, wo er nicht hingehört. Nicht als Kranker.

Wer jetzt den Kopf schüttelt, „aber er ist doch kriminell geworden, um sich Heroin zu beschaffen“, dem sei gesagt: kaum ein Alkoholiker geht wegen Beschaffungskriminalität ins Gefängnis. Das hat er nämlich nicht nötig. 10 Euro für zwei Flaschen Korn am Tag kriegt man immer irgendwie aufgetrieben, zur Not bettelt man es sich zusammen. 150 Euro dagegen für einen Stoff, der regulär nicht mehr als 5 Euro kosten dürfte, und dabei würden die Opiumbauern in Afghanistan immer noch ihren normalen Schnitt machen, 150 Euro kriegt man kaum Tag für Tag zusammen, ohne kriminell zu werden.

Wäre der Stoff legal zu erwerben, meinetwegen unter Auflagen, es gäbe es nur einen Verlierer: die Mafia.

*

Ich war ein Sniefer, ein Blower, kein einziges Mal in meiner gesamten Laufbahn hab ich eine Spritze angepackt. Schon das Aufziehen der Pumpe schreckte mich ab, war mir zu technisch, und eine Nadel in meine Vene zu stechen erschien mir fast wie ein Verbrechen. Eine Weile hatte ich das Pulver vom Blech geraucht, von Alu-Folie, bis ich davon Asthma bekam, also stieg ich aufs Sniefen um, bis die Nase fast hinüber war und ich kaum noch etwas riechen konnte.

Da hielt ich inne in dem täglichen Trott aus Pulver organisieren und konsumieren und fragte mich, was ich in den Jahren der Abhängigkeit nennenswertes erlebt hatte, abgesehen von toxischen Knüllern und gelegentlichen Schmuggelfahrten nach Rotterdam – es fiel mir nicht viel ein. Andererseits, erlebten cleane Leute so viel mehr? Diejenigen, die süchtig waren nach Shoppen und Fressen, nach Nimbus, Überstunden und dicken Motorrädern, hatten die am Ende des Tages mehr zu erzählen als wir Süchtigen?

Nicht, dass es irgendwen wirklich interessierte, wer mehr zu erzählen hatte am Ende des Tages, (das Leben war ja kein Wettstreit um Erlebnisse), (oder?), aber waren es nicht genau diese Leute, die ihren legalen Süchten nachgingen, die hasserfüllt auf Junkies niederblickten, sich an ihnen abarbeiteten? Die sich so viel besser fühlten, so überlegen, nur weil ihnen nicht gleich der Arsch auf Grundeis ging, wenn ihnen der Stoff mal einen Tag lang ausging.

Eine Menge Leute aus dem inneren Zirkel waren süchtig geworden oder wenigstens zeitweise drauf, unter anderem Ringo, der es am ärgsten trieb und clean gar nicht mehr vorstellbar war. Dann waren da die zahllosen Süchtigen, die man mit der Zeit kennenlernt, wenn man sich auf der Szene bewegt, Menschen, die allein und unsichtbar für die normale Welt auf ihrer vom Amt finanzierten Bude hängen, in der unentwegt der Fernsehapparat plärrt. Und wenn es doch mal klingelt und es kommt Besuch, ist es garantiert Besuch von der Szene und es wird getratscht und hergezogen über andere Junkies.

Wer von wem um wie viel abgezockt worden ist, wer schmal und fertig aussieht, wer auf den Strich geht trotz akuter Hepatitis, wer Leberwerte um die Tausend hat, wer seine Alte beklaut, wer bei den Bullen ausgepackt hat, selbst wer sich mit einer schlimmen Verstopfung, drei Wochen hab ich nicht mehr geschissen, ungelogen, durch seine faden, verhärteten Tage schlepp, hier findet er Erwähnung. Wer im Knast sitzt, wer wieder draußen ist, auf zwei Drittel, wer gutes Koks vertickt, kaum verschnitten, direkt aus Panama und kein verdammtes polnisches Arbeiterkoks.

„Rachel vertickt Coke..?! Die Rachel? Die fertige Rachel..?? Hast du ihre Nummer?“

„Hm.. schon. Aber von mir hast du die nicht!“

„Nee. Is klar.“

Wer tot ist und so weiter.

*

An diesem Vormittag im Juli war ich unterwegs zum Mühlenplatz, wo der Bus nach Elberfeld abfahren sollte. Verpasste ich den, konnte ich mir das Rezept für diesen Tag abschminken, Punkt zwölf machte die Praxis dicht. Dann war Sense. Noch zehn Minuten, dann fuhr der Bus ab. Dennoch machte ich einen schnellen Umweg zu den Bimbos und Polacken, die auf der Treppe vorm Kaufhof lümmelten und sich einen Spaß daraus machten, mit falschen Hundertmarkscheinen zu wedeln, einem Reklame-Gag aus der Zeitung, nur um die Normalos zu verspotten.

Ich fragte nach Schröder, der sich in der Regel vorm Kaufhof aufhielt, seinem Arbeitsplatz. Und da war er auch schon. Auf Arbeit. Wie es sich gehörte. Ich ging auf ihn zu. Er nickte.

„Willste was schnappen?“

„Schon. Ja. Aber.. geht auch für vierzig?“

„Nee, geht nich. Ich hab nur Fuffies. Abgepackt.“

„Kein kleiner Bubble dabei, für vierzig?“

„Echt nich, nee. Ist der Tarif. Fuffzig. Nix zu machen.“

Nix zu machen, nix zu machen.. Natürlich war da was zu machen. Noch konnte ich nämlich die ganze Aktion abblasen. Noch konnte ich Schröder sitzen lassen an seinem versifften kleinen Arbeitsplatz, noch konnte ich einfach in den Bus steigen nach Wuppertal-Elberfeld und mein Rezept abholen, in der Apotheke einlösen und wieder nach Hause fahren, das alles konnte ich sehr wohl machen.

„Wie ist die Schore? Gut?“ stieß ich hervor.

Schröder glotzte dämlich. „Na, normale Bimboschore eben. Gut. Klar. Ist gute Schore.“

So ein Schwachsinn. Was sollte der Mann auch darauf antworten? Dass seine Schore Dreck war? Dass man sie besser nicht kaufte? Ich hatte längst verloren. Nicht an diesem Tag, sondern am Tag zuvor, als ich ebenfalls auf dem Platz gewesen war und einen Bubble geschnappt hatte. Und das war der Grund, warum ich mich heute so grau fühlte, so klein, so mies. Deshalb war ich hier und brauchte Nachschub.

Suchtdruck nennen Spezialisten wie mein Psychologe diesen Zustand. Doch was wissen die wirklich von Sucht. Sie haben sich alles angelesen. Psychologen sind die Pappnasen, die dir ein Motto verpassen, damit du gut durch den Karneval kommst. Sie sind die Ausputzer der Gesellschaft. Dabei stimmt der Begriff Suchtdruck nicht mal. Ein Süchtiger leidet unter Entzugsdruck: Man will den verdammten Entzug weghaben, und das ist etwas ganz anderes. Es führt lediglich im Ergebnis zur Sucht.

„Was jetzt?“ fragte Schröder genervt.

Ich mochte den dünnhäutigen Alt-Junkie nicht besonders, der mit beleidigter Miene auf den Treppenstufen vorm Kaufhof hockte und seine Bubbles vertickte, als hätte die Welt ihn dazu genötigt. Als hätte die Welt irgendwann beschlossen, ihn für den Rest seiner Tage auf der Treppe vorm Kaufhof zu platzieren, um gefälligst minderwertiges Material zu verticken. Die Leute umzubringen mit gepanschtem Stoff.

Um uns herum strömten Passanten zu den Bushaltestellen, niemand hatte einen Blick für uns. Trotzdem, ich war nervös.

„Sollen wir nicht lieber woanders hin?“

„Quatsch. Ist ruhig heute. Keine Bullen. Kein Problem.“

Na schön.. Schröder saß den ganzen Tag hier rum, das war sein Revier, hier kannte er sich aus. Der Deal ging blitzschnell über den Handteller. Bubble gegen Geldschein, ein Transfer, der mich auf der Stelle blank machte. Nicht mal Tabak konnte ich mir jetzt noch leisten. Von den Apothekengebühren fürs Methadon ganz zu schweigen. Aber wirklich beunruhigend war etwas anderes: die Schore. Sie wirkte auf den ersten Blick so dunkel, als hätte Schröder das bisschen Heroin, das eh nur drin war, noch mit Kakaopulver gestreckt. Ich hastete zum Bahnsteig rüber, an dem die Linie 605 gerade vorfuhr. Obwohl die Fahrt nach Elberfeld sich mit der Aktion eigentlich erledigt hatte, stieg ich ein, ich wollte so schnell wie möglich weg vom Mühlenplatz. Angeblich wurde die Treppe vorm Kaufhof vom Dezernat observiert, wurden Fotos geschossen vom gegenüberliegenden Pressehaus aus.

Im Bus verzog ich mich nach hinten, in die letzte Bank. Studenten der Uni Wuppertal stiegen zu, Rentnerinnen, Schüler. Einer hatte ein Clever & Smart-Album in Arbeit, zog aber ein Gesicht, als handelte es sich um den späten Günter Grass. Am liebsten hätte ich das Zellophansäckchen auf der Stelle aufgebissen und mir ein Näschen gezogen, musste mich aber gedulden. Die Strecke nach Wuppertal war zu sehr Bergisches Land, als dass man sich auf die Schnelle was wegsniefen konnte. Ein Jahr zuvor hatte ich während der Fahrt leichtfertigerweise versucht, eine Line zu ziehen, prompt war mir in der erstbesten Kurve das Pack zu Boden gerauscht, worauf ich wie ein Wahnsinniger über den Boden gekrochen war und so ziemlich alles in die Nase zog, was Ähnlichkeit mit Pulver gehabt hatte.

In der Bank vor mir saßen zwei ältere Damen. Sie beklagten das heftige Gewitter, das in der Nacht zuvor niedergegangen war, nach drei Wochen alttestamentarischer Hitze.

„Was da los war am Himmel, Frau Schnippering, mein Mann war ja nur noch am ausstöpseln. Fernseher, Mikrowelle, Heimorgel, dabei hatten wir schon seit einer Stunde gar keinen Strom mehr.“

Als sich der Bus oben in Cronenberg bis auf den letzten Sitzplatz füllte, stieg ich entnervt aus. Das T-Shirt klitschnass, so heiß war ich mittlerweile auf die Schore. Was ich brauchte, und zwar sofort, war eine Telefonzelle. Ich klapperte zwei, drei Nebenstraßen ab, doch erst in der Nähe eines Altenstifts, unter einer Reihe hoher schattiger Bäume, fand ich ein abgelegenes Telefonhäuschen.

In einem lichten Moment fragte ich mich, wann ich das letzte Mal soviel Umstände wegen eines einzigen beschissenen Bubble gemacht hatte, und mir fielen auf Anhieb zwei ähnliche Begebenheiten ein, allein in den letzten Monaten.

Die Luft war stickig. Vorsichtig öffnete ich den eingeschweißten Bubble – sofort stand Schröders übler Körpergeruch in der Zelle, seine kranke Chemie, und selbst der gebrochene gelbliche Blick des Leberkranken war zu spüren. Ich streute das Pulver übers Telefonbuch, das aufgeschlagen vor mir lag, unter R, Rieder bis Rönchen, und hackte die Körnchen mit der Krankenkassen-Card noch feiner. Teilte schließlich alles in zwei Lines auf, jede Line fingerlang. Schnell den Fahrausweis zum Röhrchen gerollt, kurz nochmal umdrehen, ob jemand kam, und dann: die erste Line. Pfah..! Das brannte so höllisch in der Nase, das Schäufelchen Chemie, dass ich beinahe kotzen musste.

Gerade als ich die zweite Straße in Angriff nehmen wollte, näherte sich eine kleine dunkelhaarige Frau in Shorts. Sie verlangsamte ihren Schritt, als sie mich entdeckte, und blieb vor der Zelle stehen. Mist. Mist.. Mist..! Die schien doch tatsächlich telefonieren zu wollen. Mit übers Telefonbuch gebeugtem Oberkörper tarnte ich notdürftig das Gift, doch dann sagte ich mir, scheiß der Hund drauf, und zog den Rest durch die Nase, weg damit.

Ich stieß die Tür auf. Wedelte wie doof mit meiner Plastik-Card, die irgendwie die Telefonkarte darstellen sollte, oder wie, und fragte scheinheilig, „Brauchen Sie lange?“, als würde ich ihr gnädigerweise den Vortritt lassen wollen. Die Frau glaubte mir kein Wort. Grummelte was auf italienisch, lächelte unsicher. Ich erwiderte „Okay“ und hielt ihr die Türe auf, wobei braunes schmutziges Pulver aus meiner Nase rieselte. Die kleine Frau betrat irritiert das Telefonhäuschen, ich machte, dass ich wegkam.

Als ich mich noch mal umdrehte, dreißig Meter entfernt, stand sie immer noch da und blickte mir hinterher. Vielleicht spielte sie mit dem Gedanken, die Bullen anzurufen.

„Komische Mann hier in Zelle! Schnüffelt in Buch!“

„SCHNÜFFELT IN BUCH??! WIR SIND SOFORT DA! HALTEN SIE IHN FEST!!“

„Komische Mann aber scho weg.. Allo? Allo..!“

Da ich schon mal hier war, lief ich eine Runde durch Wuppertal, wo der Bayer-Konzern Anfang des 20. Jahrhunderts das beliebte Heroin erfunden hatte, ein Wundermittel gegen Husten. Fast hundert Jahre später gurkte ich nun einmal die Woche in unsere Nachbarstadt, um mir ein Substitutionsmittel verschreiben zu lassen, weil ich vom Wundermittel süchtig geworden war. Das Leben war super, irgendwie. Richtig irre.

Ich wartete immer noch auf die Wirkung, Schweiß brach mir aus. Falls Schröder mir irgendwelchen Dreck vertickt haben sollte, saß ich in der Patsche. Dann hätte ich nochmal Schore auftreiben müssen, richtige Schore, ohne einen Pfennig in der Tasche.

*

Als die Linie 605 auf dem Rückweg Richtung Innenstadt rumpelte, hatte auch der letzte Krümel Gift meine Nase verlassen und rann die Kehle hinunter. Ich räusperte mich, ein lautes kratziges Räuspern, das sich bis in die vorderen Sitzreihen fortsetzte, eine La-Ola-Welle der Bronchien, plötzlich räusperte sich der halbe Bus.

Schröder, du verfluchter Drecksack! Mieser kleine Abzieher! Statt Heroin kursierte irgendein kakaofarbener Strychninverschnitt in meiner Blutbahn, oder was auch immer das war! Wie konnte ich auch so naiv sein und einen Bubble kaufen von einem abgewrackten Altjunkie, von dem es in der Szene hieß, er schieße Heroin nur im Cocktail mit Rohypnol und wanke wie ein Geistesgestörter durch die Nacht, bis die Bullen ihn aufgriffen und ins LKH verfrachteten.

Zornig sprang ich am Rathaus aus dem Bus, mit einem Satz, dass es mir beinah den Fuß verdrehte, als ich auf dem Asphalt aufsetzte. Zornig auf mich selbst, spielte ich auf dem Weg zum Platz die Möglichkeiten durch, wie ich Schröder entgegentreten würde.

„Eh, du Blender! War in dem Bubble vorhin eigentlich auch Heroin drin?“ hörte ich meine Worte suchen, wobei ich die Rückforderung der Kohle mit einer Kopfnuss unterfütterte, Ca-dongg, so gewaltig, dass es über den ganzen Platz hallte, damit auch noch der Letzte mitkriegte, dass man mich besser nicht abzog, Leute! (Beware of the Dog!)

Schröder hing vorm Kaufhof herum, bei den Bimbos. Das waren die größten Abzieher. Bimbos beschissen die Leute nicht nur, wo sie konnten, gemeiner noch: sie waren selbst clean, im Gegensatz zu den einheimischen Junkies, die durch die Bank selbst drauf waren, wenn sie einen um zehn Pfennige beschissen. Als ich auf Schröder zutrat, drehte er das Gesicht zur Seite. Eine Geste, die ich zunächst als Ausdruck seines schlechten Gewissens interpretierte, dann bemerkte ich erst die beiden Gestalten, die links und rechts von Schröder saßen, ihn merkwürdig in die Mangel nahmen. Normal gekleidete Gestalten waren das, keine Bimbos, keine Junkies – das waren Zivilbullen.

Ohne einen weiteren Blick zu riskieren, schlenderte ich am Kaufhof vorbei, die Fußgängerzone runter, ab durch die Mitte. Das wars dann. Aus. Kein Dealer auf der ganzen Welt rückte einen Tag später einen Nachschlag heraus, niemals. Versuchte man es dennoch, kamen Argumente wie, „was denn, die Schore war schlecht? Kann gar nicht sein. Da bist du aber der einzige, der sich beschwert. Alle anderen sind zufrieden..“

Bla bla. Kopfnuss.

Vorm großen Spiegel in der Auslage eines Modegeschäfts machte ich den ultimativen Pupillentest. Manchmal war man breit und merkte es nicht. Das kam vor. Stattdessen bekam ich einen Mordsschreck: Pupillen glotzten mich an, groß wie Bratpfannen, aus einer aschfahl gehetzten Fratze. Ich musste schleunigst was unternehmen, um die Pupillen auf Stecknadelgröße schrumpfen zu lassen, und zwar ohne einen verdammten Pfennig auf der Tasche.

*

„ZUGRIFF!“

Das war Kennie. Er hockte auf der Terrasse des neuen italienischen Eiscafe und winkte feixend mit der Zeitung. Mit dem Stellenmarkt. „Wie siehts aus, Meister?“

„Schlecht“, sagte ich. Obwohl: vielleicht liess sich ja was reißen.Wenn Kennie gut drauf war, lief er gerne in Spendierhosen rum.

„Wo kann man denn was klarmachen?“ fragte er. „Ne Ahnung?“

„Eventuell, ja. Aber ich bin nicht flüssig.“

„Macht nichts. Bin heute spendabel. Big Spender, ha ha!“

„Hast du ne Telefonkarte?“ fragte ich.

„Klar, Mann. Hier.“

Kennie war ein Sonderfall. Er war geschlagene zehn Jahre clean gewesen. Dann hatte er einen Telefonanruf gekriegt, und ehe er sich versah, saß er im Cabrio nach Dortmund, zur alten Stammdealerin. Unterwegs baute er einen kapitalen Auffahrunfall und fuhr mit dem Taxi weiter, den Wagen ließ er der Einfachheit halber auf der Kriechspur der A3 zurück. Beim Aussteigen in Dortmund knickte er am Bordstein mit dem Fuß um, Achillessehnenriss: scheißegal. Nach zehn Jahren Abstinenz war von einer Sekunde auf die andere nur noch ein Ziel in seinem Kopf, einen Schuss setzen, einen Mordsschuss setzen, und wenn die ganze Aktion noch so eine Heidenkohle kostete.

Mittlerweile war Kennie im Methadonprogramm. Der Witz in seinem Fall, sagen wir, ein weiterer Witz: in der Zeit, als er clean gewesen war, arbeitete er in einer Drogenklinik, wo er fest als Therapeut angestellt war. „Gut dotierter Job, krisenfest!“ krähte Kennie gern, wenn er davon erzählte. Er quasselte überhaupt gerne, besonders, wenn es um seine Zukunft ging. Mal träumte er von der Eröffnung eines kombinierten Brauhauses/Cafes auf Westerland („Oder wo auch immer, jedenfalls keine stinknormale Kneipe, damit kann man heutzutage nix mehr reißen“), mal von dem Aufbau einer Art Unternehmungsberatung, die sich auf die optimale Nutzung vorhandener Räumlichkeiten in Unternehmen spezialisiert hatte.

„Was glaubst du, wie viel Konzerne gar nicht wissen, dass sie zehn, zwanzig Zimmer leerstehen haben!“ war er mal wieder kaum zu halten in seiner Begeisterung, was man in diesem Leben noch so alles anstellen könnte, außer Heroin zu sich zu nehmen.

„Kennie, pass auf, ich probiers mal bei meiner Connection“, fiel ich ihm entnervt ins Wort und stiefelte zur nächsten Telefonzelle. Diese verdammte Stiefelei zur nächsten Telefonzelle ging mir langsam auf die Nüsse. Es gab um diese Uhrzeit zwei Möglichkeiten, wo man, außer auf der Platte, was checken konnte: bei der Unke oder später bei Tonio. Ich wählte die Nummer der Unke.

Die Unke saß einen großen Teil des Tages auf der Couch und verkaufte mit stämmigen nackten Schenkeln („Puuh, ist heiß heute, oder?“) Schore und Koks. Da sie beides selber schnupfte, in rauen Mengen, war ihre Nase in der Regel verstopft und sie schnoberte wie ein marodes Industriepferd. Ihr Anrufbeantworter sprang an.

Frau Doktor macht gerade Hausbesuche. In dringenden Fällen sprechen Sie ihre Mitteilung auf Band. Frau Doktor meldet sich dann zurück. Gute Besserung.

Ich stöhnte. Machte die Unke erstmal ihre Runde, war sie frühstens um Mitternacht wieder daheim. Und manchmal kam sie gar nicht nach Hause, das konnte auch passieren. Dann erzählte sie am nächsten Tag, sie hätte bei ihrer lesbischen Freundin übernachtet, auch wenn diese davon gar nichts ahnte, dass sie lesbisch sein sollte.

Gut. Andere Connection. Tonio. Der war nicht nur teurer als die Unke, der war noch auf der Arbeit. Er jobbt als Werkzeugmacher. Lief den ganzen Tag im Blaumann durch die Gegend, auch in seiner Freizeit, und erst recht beim Verschecken. Der Blaumann schien ihm die perfekte Tarnung. Und er hatte recht. Wer beobachtete schon einen Handwerker, der einem anderen Mann die Hand gab, wenn er ihn traf. Dass dabei Heroin-Bubbles gegen Drogengeld getauscht wurde, na, mein Gott, Herr Vorsitzender, das konnte nun wirklich niemand ahnen!

Es war gleich drei Uhr. Tonio musste noch eine Stunde arbeiten, erst dann konnte ich ihn anrufen. Bis dahin hieß es, zurück ins Cafe und dem verdammten Geplapper von Kennie lauschen. Seinen Leberwerten. Dem Alkohol. Den vielen Jägermeistern.

„Ist sogar so weit, dass ich trotz Methadon einen Affen schiebe, wenn ich mal einen Tag keinen Jägermeister saufe.“

Er plapperte und plapperte, er plapperte gegen den Stillstand an wie die ganze Welt gegen den Stillstand anplapperte, dabei wartete er nur darauf, dass es endlich vier Uhr wurde und Tonio, der Italiener, von der Arbeit kam und ich ihn endlich anrufen konnte.

„Wieso bist du eigentlich pleite?“ meinte Kennie. „Ich meine, so vollständig pleite.“

„Weil ich mir heut schon einen Fuffie geholt hab.“

„So siehst du aber nicht aus.. mit deinen großen Pupillen.“

„Was ja auch Abzug.“

„Ein Abzug? Wer hat dich abgezogen?“

„Schröder.“

„Schröder? DER Schröder?“

„Genau der.“

„Alter, wie doof muss man sein, um von dem Fertigen was zu kaufen..? Hast du mal in sein Gesicht geguckt? Da ist keine Kontur mehr zu sehen, von all den Drogen. Der sieht aus wie ein beschissener Kretin, ach was, ein leerer Kanister.“

„Ja ja, ist ja schon gut.“ Ich hatte keine Lust, darüber zu sprechen. „Wie viel brauchst du überhaupt?“

„Hunni“, meinte Kennie.

Cool.

Fünf vor vier stand ich in der Telefonzelle. Zwar hatte Kennie ein Handy, aber er wollte nicht geortet werden können, wie er meinte, er gab es mir nicht. Kennie war schizophren, was Bullen anbelangte. Überall sah er Schmiere, ständig fühlte er sich verfolgt. Auch Tonio wechselte sein Handy jeden Monat. Seit drei, vier Tagen hatte er eine neue ellenlange Nummer, die ich trotzdem schon auswendig kannte.

„Ja, halloo?“ meldete er sich mit dieser charmanten Stimme, wie er es manchmal drauf hatte, wenn ihm der Schalk im Genick saß, eine extratiefe basslastige Stimme. Wenn er den sonoren Geschäftsmann gab, im Blaumann.

„Wie gehts?“

„Ja. Gut“, sagte er. „Willst du mich besuchen?“

Darauf hatte ich gewartet. Auf genau diese Formulierung. Willst du mich besuchen. Das war das Zeichen, das er was auf der Tasche hatte. Ich strahlte innerlich. Wie ein einziger kleiner Satz einen Mann so glücklich machen konnte.

„Genau. Das hab ich vor.“

„In Ordnung. Wie lang willst du bleiben?“

Wenn Willst du mich besuchen? der Code für Alles okeh war, ich hab was zu verkaufen, dann ging es bei der Frage wie lange willst du bleiben darum, wieviel ich kaufen wollte. Sagte ich „Zehn Minuten“, bestellte ich für hundert Mark. Fünf Minuten entsprachen fünfzig Mark usw. Die Achillesferse des codierten Frage-Antwort-Spiels war die Bekanntgabe des Übergabetreffpunkts, denn der variierte ständig, und oft gab es für die jeweilige Stelle kein Codewort. Manche Orte dagegen waren klar festgelegt. Sagte Tonio etwa: „Wir treffen uns dahinter“, dann war dahinter HINTER der großen Shell-Tankstelle, in deren Nähe er wohnte. Und sagte Tonio, wir treffen uns „in der Stadt“, bedeutete das den Parkplatz hinterm Rathaus. Und „Ich muss zum Zahnarzt“ meinte als Treffpunkt die Praxis von Doktor Hilten, in der auch Tonio und seine Gina ihr tägliches Methadon abholten. Wenn sie Lust dazu hatten.

An diesem Tag gab es ein ziemliches Durcheinander. Tonio, in der Stadt unterwegs, drückte sich beim Telefonieren so lange vor der Bekanntgabe des Übergabepunktes herum, wie es ging.

„Äh, wo bist du? Zu hause?“ wiederholte ich.

„Nee, in der Stadt. Ecke Kasinostrasse Oststrasse.“

„Äh“, sagte ich überrascht, „gegenüber vom Friedhof?“

„Genau. Halbe Stunde.“

Hm. Das zum Thema codierte Bestellungen.

„Halbe Stunde“, sagte ich, und Kennie atmete auf. Wir überbrückten die Wartezeit mit zwei Pils und einer kleinen Marihuana-Lolle, was Kennie nervös machte, warum auch immer. Dann war es soweit, und er steckte mir den Hunni zu.

„Ich muss noch ein, zwei Besorgungen machen. Treffen wir uns wieder hier im Cafe?“

„Klar“, sagte ich und zog los.

Ecke Kasino/Oststrasse liess ich mich auf den Stufen vor dem italienischen Frisör nieder. Und wartete. Und wartete. Kein Tonio weit und breit. Wo blieb der scheiß Itakker. Als ich schon aufstehen und gehen wollte, um nach einer verdammten Telefonzelle zu suchen, kam er mir keuchend auf dem Rad entgegen.

*

Wir tauschten Stoff gegen Geld.

„Oh nee, Tonio, Scheiße. Nicht schon wieder so ein dunkles Zeug!“ brauste ich auf. Zwei Abzüge an einem Tag, das verkraftete das stärkste Suchtherz nicht.

„Quatsch, ist nicht dunkel. Die Folie ist dunkel, ich hatte keine andere, aber die Schore da drin ist die helle, wie immer.“

Okay. Die helle war gut. Damit konnte man arbeiten.

Ich ging auf den Friedhof und verzog mich aufs Männerklo. Machte mir erst mal ein gutes Näschen, knotete den Bubble zu. Knotete ihn wieder auf, streute mir noch ein Näschen, knotete den Bubble zu. Überlegte, ob ich mir auf die Schnelle vielleicht noch ein kleines Näschen machen sollte, nur rasch den Bubble aufknoten, nur ein kleines bisschen noch, ein Näschen nur..

Als Kennie mir auf der Kasinostrasse begegnete, er hatte keine Ruhe gehabt im Cafe zu warten, trug er links einen Strauß Rosen in Packpapier, rechts einen Fisch in dünnem Fischeinwickelpapier.

„Kennie! Wohin? Party?“

„Nach Hause.“

„Ah, machst es dir gemütlich, wie?“

„Sicher. Den Fisch in die Blumen stecken, alles auf die Heizung, halbe Stunde voll aufdrehen, fertig ist der Budenzauber.“

„Feine Sache“, sagte ich und steckte ihm den Bubble zu, den Rest vom Hunni.

„Sicher.“

*

Der nächste Mittag. Bevor ich nach Elberfeld aufbrach, hing ich eher unhungrig im McDonalds herum und knabberte an einem Cheeseburger, als die Türe aufschnappte, und wer kam da rein? Fleschkönigs.

„Ist nicht wahr! Der alte Flesch!“

„He.. Herr Graf!“

Wir fielen uns in die Arme.

„Ich dachte, du wärst tot“, meinte ich.

„Alter, nee, noch leb ich, Alter.“

Und wie! Wie immer nämlich. Die BILD-Zeitung leger unter den Arm geklemmt wie ein Banker die FAZ, das rot gelockte Haar schulterlang, Schneidezähne im Eimer, Sonnenbrille X-Large.

„Na gut, die Leber ist was angeschlagen, aber noch bin ich auf dem Schirm, Alter.“ Er züngelte nach dem Cheeseburger in meiner Hand. „Seit wann frisst du denn so ne Ami-Pappe, Alter?“

Wir hatten uns sechs oder sieben Jahre nicht gesehen. Damals war Fleschkönigs verschwunden, von einem Tag auf den anderen. Wie vom Paralleluniversum verschluckt. Keiner wusste was genaues, nicht mal sein schweigsamer Kumpel, mit dem er ständig herumhing. Gerüchte machten die Runde. Mal hatte Flesch AIDS und siechte in einer Spezial-Klinik in New England dem Tode entgegen, mal war er auf der Flucht vor den Bullen in Nordspanien verhaftet worden.

„Wo hast du denn nun gesteckt, all die Jahre?“

„Na, ne Weile in Rotterdam“, sagt Flesch. „Drei Jahre in nem Zigeunerlager, unter Messerwerfern und Feuerschluckern. Einen riesigen Ami-Wohnwagen hab ich gehabt, und so einen großen Puffi-Hund, hör mal.“ Bis ihn der internationale Haftbefehl doch noch ereilte, und Flesch die letzten achtzehn Monate in Wuppertal absitzen musste. „Im Knast hab ich das Schreiben angefangen. Mehr so den drastischen Stil, du verstehst.“

Er machte eine Geste, als ob ich schon Bescheid wüsste, und nahm die Sonnenbrille ab.

„Und sonst? Was macht das Gift?“ fragte ich.

Flesch kam näher. Seine Pupillen waren harte, kleine Diamanten.

„Na, du kennst das ja. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, zum Naschen.. ich mein, wer sagt da nein..“ Er wurde leiser. „Ich will hier nicht den Lauten machen, aber einen Bubble kann ich noch abdrücken. Einen von elf, hab ich gestern Abend in Hannover klargemacht, auf der Platte.“

„Auf der Platte in Hannover?“

„Hab ich ne Woche Messebau gemacht. Hannover ist die Härte, Alter. Hannover hat ne härtere Platte als Berlin oder Rotterdam. Da schleichen am Bahnhof Hunderte Fertige um dich herum und alle wollen für dich was klarmachen, die abgerissensten Vögel, alle total krank. Ich steh da also mit meinem Hunni wie der König von Hannover und weiß nicht, wem ich trauen soll. Urplötzlich umkreisen mich fünf, sechs Leute, schirmen mich regelrecht ab, und ein kleiner Bimbo kommt an und zählt mir elf Bubbles in die Hand. Eins, zwei, drei, vier.. ein Handel unter ehrlichen Kaufleuten, elf Bubbles fürn Hunni, korrekt fette Teile, kein Thema. Ich sofort ins Hotel, die Türe zu und einen Bubble nach dem anderen weggeraucht..“

„Der König von Hannover“, flachste ich.

„Der König von Hannover mit elf Bubbles! Wie gesagt, einen kann ich abdrücken, eins a Material“, meinte Flesch. „Musst du wissen, hör mal.“

Wir einigten sich auf einen Zwanni.

„Ist wirklich eins a, das Stöffchen, da knallst du mit dem Schädel auf den Tisch, versprochen. Hör mal, im Moment wohn ich noch bei ein paar Hühnern auf der Niedersachsenstrasse, aber demnächst mach ich hier ne Wagenburg auf. In Rotterdam hab ich Blut geleckt. Ich such nur noch ein paar Leute, die mitmachen, die nen Wohnwagen haben oder so. Grundstück hab ich schon an der Hand. Ein verlassener Schrottplatz. Was meinst du? Kein Interesse? Kennst du jemanden, der Lust auf ne Wagenburg hätte? Kannst mich ja mal besuchen kommen. Mit deiner Frau.“

„Wo? Auf dem Schrottplatz?“

„Nee, bei den Hühnern auf der Niedersachsenstrasse. Bin da noch ne Weile gemeldet.“

*

Die Praxis von Doktor Hilten lag in der Fußgängerzone von Elberfeld. Da ich mein Kommen telefonisch angekündigt hatte, ging ich davon aus, dass das Methadon-Rezept bereits ausgestellt war und ich es nur abholen musste. Die Bruckner, eine agile Sprechstundenkraft, die stets mehrere Dinge gleichzeitig erledigte, telefonierte gerade und stöberte dabei in der gewaltigen Patientenkartei. Das Wartezimmer war proppenvoll, Junkies aus Wuppertal und dem gesamten Bergischen Land gaben sich die Klinke in die Hand.

Als die Bruckner den Hörer auflegte, schob ich wie üblich den Fünfer Rezeptgebühr über den Tresen. Sie gab meine Daten in den Rechner ein, schaute auf den Computerbildschirm.

„Tja, mein Freund und Kupferstecher, ich würd sagen, da ist heute nochmal ne UK fällig.“

„Schon wieder? Ich hab doch erst letzte Woche..“

„Tja, wir müssen vier UK’s pro Quartal machen. So stehts geschrieben. Dazu sind wir verpflichtet, mein Freund.“

Den Kupferstecher liess sie bereits weg. Sie roch den Braten. Verflucht. Das hatte noch gefehlt. Von der Schore, die Flesch mir abgedrückt hatte, war ich breit wie lange nicht, meine Pupillen Stecknadelköpfe. Die Bruckner reichte mir einen Plastikbecher. Für die Urin-Kontrolle. „Oder möchten Sie gleich zum Doktor rein?“

„Nee“, beeilte ich mich, „nee, schon in Ordnung.“

Vielleicht traf ich ja auf dem Pott jemanden, der einen Nösel saubere Pisse abdrücken konnte. Wäre ja möglich gewesen. War aber nicht. Ich stand mit dem leeren Plastikbecher in der Hand vorm Waschbecken und wartete auf irgendeinen cleanen Kameraden, doch es war wie verhagelt. Entweder hatten die Leute ebenfalls Beikonsum gehabt oder aber ich erntete erst gar keine Antwort. Nach zehn Minuten gab ich auf, pinkelte in den Becher, und stellte ihn, nur spärlich gefüllt, „mehr geht nicht“, im Labor ab.

„Ist das Rezept schon fertig?“ versuchte ich es.

„Na, Moment, mein Freund“, rief die Bruckner, die meine Frage vorn an der Rezeption mitbekommen hatte. „Erstmal schön das Ergebnis abwarten..“

Ich nahm im Warteraum Platz. Pech auf ganzer Linie. Schließlich konnte man Glück haben und das Rezept wurde einem schon ausgehändigt, bevor das Screening durch war. Dann hieß es, schnell um die Ecke in die Apotheke und das BTM-Rezept einlösen, bevor das Labor das Ergebnis parat hatte und in der Apo anrief, um das Rezept zu stornieren. Wurde man positiv auf ein Opiat oder andere illegale Drogen getestet, war Sense mit Take Home. Dann hieß es mindestens zwei Monate lang jeden Tag in der Praxis in Elberfeld antanzen und Methadon abschlucken, statt den Vorrat für eine Woche mitnehmen zu dürfen. Dann war man zunächst „aus der Bundesliga abgestiegen“, wie Doktor Hilten es nannte.

Als ich so dahockte, zwischen all den Süchtigen, schraubte Hilten plötzlich den Kopf aus dem Chefzimmer, und zufällig traf mich sein Habichtblick. Er fixierte mich regelrecht, und auch wenn der Vorgang nur eine Sekunde dauerte, ich sah Hass aufblitzen in seinen Augen. Es dauerte keine zwei Minuten, da winkte der Doc mich ins Chefzimmer. Und kam gleich zur Sache.

„Was haben Sie denn für Pupillen?“

Diese verfluchten hell-grünen Augen. Da blieb nichts verborgen.

„EIGENTLICH MÜSSTE ICH KNALLHART SEIN GEGENÜBER PATIENTEN WIE SIE EINER SIND! SIE WOLLEN GAR NICHT ENTZIEHEN, SIE WOLLEN AUCH OHNE HEROIN GUT DRAUF SEIN!“

Ohne Heroin? Wieso? Zeigte das Test-Ergebnis etwa nicht die Einnahme von Heroin an? Hilten schien zu glauben, ich hätte zuviel Methadon intus und von daher so winzige Pupillen.

„Ich äh hab heut morgen.. ich bin..“, setzte ich konfus an, doch der Doc scheint einen schlechten Tag zu haben: demonstrativ zerriss er das Methadon-Rezept (wo hat er das denn her, plötzlich?) in zwei Teile.

„UND JETZT RAUS MIT IHNEN!“

„Doktor Hilten, ich geb ja zu, ich hab heute.. die vergangene Tage zu viel genommen, ich hab Stress.. mit meiner Freundin, und damit ich keinen.. Beikonsum..“

Während ich irgendetwas faselte, fasste ich den Entschluss, hier so lange sitzen zu bleiben, bis ich ein neues Rezept in den Händen hatte, und sollte es auch das letzte sein, was ich von Dr. Hilten bekommen sollte. Der tippte unwirsch auf der Tastatur herum.

„WIE OFT KOMMEN SIE? EINMAL DIE WOCHE?!“

„Ja, alle sieben Tage.“

„NA, DAS IST JA WOHL EINMAL DIE WOCHE, ODER NICHT!!“

Das könnte ihn besänftigen, dachte ich. Schließlich war ich genau im Rhythmus. Ich war keinen Tag zu früh in der Praxis, wie es so viele andere Substituierte versuchten. Doktor Hilten schien einen Gang zurückzuschalten. Er seufzte.

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie Methadon zutiefst unterschätzen? Ein Methadon-Entzug ist um ein vielfaches härter als ein Heroin-Entzug.“

Das war mir nicht neu. Das war Dauerthema in der Szene. Dennoch lauschte ich den Worten des Doktors, als hörte ich dies alles zum ersten Male.

„Ein Methadon-Entzug dauert mindestens sechs Wochen, und geht vor allem nach vier Tagen erst richtig los. Jedenfalls wenn man mit dem Saft so maßlos umgeht wie Sie.“

Er wollte wissen, wie viel ich heute genommen hatte.

„Zehn Milliliter“, tischte ich ihm auf. Das wäre zwei mehr gewesen als die verordnete Tagesdosis.

„So, zehn also. Und wie kommen Sie dann mit den Töpfen eine Woche lang aus, wenn Sie das Zeug saufen wie Wasser?“

„Das hab ich ja nur heute gemacht.. und gestern.“

Dann kam ich drauf: das Ergebnis war ihm noch gar reingereicht worden. Anders konnte es nicht sein. Für einen kurzen Moment erschauderte ich bei der Vorstellung, dass die Bruckner jetzt zur Türe reinkam, das Ergebnis in den Händen: Positiv auf Heroin getestet. Dann wäre ich auf ganzer Linie erledigt gewesen.

„.. das war das letzte Mal, Doktor, versprochen!“ hörte ich mich betteln.

Der Doc winkte genervt ab.

„Ich kenn euch Vögel doch. Wenn euch das Wasser bis zum Halse steht, erzählt ihr einem das Blaue vom Himmel. Was wir machen ist folgendes: Ich seh Sie in vierzehn Tagen hier wieder. Fangen sie mit acht Milliliter an und dosieren sich jeden Tag ein bisschen runter bis Sie wieder auf fünf sind. Sie werden sehen, das funktioniert. Wenn nicht, müssen Sie sich Nachschub auf dem Schwarzmarkt besorgen, oder wo auch immer, ist mir egal..“

Er begleitete mich zur Tür und rief der Bruckner zu, sie sollte ein neues Rezept für mich ausstellen. Im Warteraum waren alle Blicke auf mich gerichtet. Ich wiederum guckte an der Rezeption vorbei, zum Labor. Da stand mein Becher, immer noch auf dem Tablett. Wahrscheinlich war er nicht mal getestet worden.

„Noch mal Glück gehabt, wie“, meinte die Bruckner, während der Drucker ratterte und mein neues Rezept schrieb.

Ich fühlte mich sturzclean plötzlich.

22 Gedanken zu „Deutsche Junkies sind Petzliesen

  1. kommt da noch mehr? würde mich freuen.
    ziellose junkie geschichte, irgendwie – so wie das leben (stell ich mir vor) eben ziellos wird, wenn man süchtig ist, abgesehen vom magnetischen Nordpol: der stoff. und wo man ihn herbekommt, fürs nächste mal.
    und in der zwischenzeit: warten, alte geschichten, tratschen. dummes zeug labern. man erlebt ja nix.

  2. Ich hab die Protagonisten dieser Geschichte fast schon bildlich vor Augen gehabt. Als Solinger, der mit den Örtlichkeiten was anfangen kann, kommt die Story noch intensiver rüber. Ich geb den anderen Leuten Recht, du solltest wirklich ein Buch schreiben.

    Gruß

    Glummi

  3. Pingback: Der unerhörte Exzess – Airen schreibt STROBO « The Glumm

  4. Pingback: 2011 in review « Glumm

  5. zwar eine alte geschichte herr glumm,,aber ich bekomm jetzt noch gänsehaut,,es gibt leider viel dreck innerhalb zweier buchdeckel,,aber sowas frech subversives findet sich nicht,,nur in blog’s gibt es diese schreibe,,weiter weiter // lz.

  6. Ach Mann,ich würde ja jetzt so gerne anfangen,aber wen interessiert’s?aktuell sieht’s so aus,daß mein Methadoc der Rente immer näher kommt und kein Nachfolger in Sicht.nicht nur,daß take home trotz positiver UK bei ihm normal ist,ich bin seit Jahren so dermaßen hoch dosiert (offiziell),daß ich weit mehr als die Hälfte für etwas Kohle abdrücken kann.immer an eine bestimmte Person,ganz ohne Streß und sogar ohne schlechtes Gewissen,weil es demjenigen zu lästig ist einmal die Woche beim Doc zu erscheinen,obwohl er täglich in der Nähe arbeitet.und trotzdem-nach weit über zwei Jahrzehnten ähnlicher Geschichten,hängt mir selbst der wöchentliche Zehnminutenmarsch zum Hals raus.manche Arzthelferinnen kenn ich seit weit mehr als zehn Jahren.obwohl sie meine cleane Freundin mögen,in unser Enkelkind vernarrt sind (schlepp die Kleine nie mit dahin,haben mich hin und wieder mit der Kleenen beim Einkaufen getroffen),der Geruch des gescheiterten Junkies hängt mir für alle Zeiten nach.egal wie freundlich,pünktlich und beikonsumfrei ich auch in Zukunft sein werde.aber der Tag seiner Rente wird kommen und natürlich werde ich auch dann noch nicht clean sein.der Doc kennt mich seit meiner Kindheit.als 14jähriger hatte ich Scharlach,er brachte mir das Penicillin nach Hause,seitdem kennt er mich.die Vorstellung mit dem Bus irgendwohin fahren zu müssen,irgendnem Arzt,der womöglich 20 Jahre jünger ist als ich vollzusülzen bzw anzubetteln,daß ich doch bitte meine Methadics bekomme,obwohl ich einmal in drei Wochen böse war,dazu bin ich mittlerweile echt zu alt.geht zu sehr an die Substanz.Alternativmöglichkeiten?Entgiftung?drei Wochen eingesperrt mit 20 Jahre jüngeren Hardcorejunks?ach Scheiße,wem kann ich denn mal für dieses Dilemma die Schuld geben…?

  7. Hab die Geschichte jetzt nach einem Monat nochmal gelesen. Fand sie letztens schon geil geschrieben, jetzt noch mehr. Manche Passagen sind einfach der Hammer, so gut,daß ich sie gleich drei- viermal hintereinander gelesen hab. Eins mit Sternchen !

    • ich werd irgendwann in nächster zeit einen link auf deinen neuen blog setzen, damit du auch ein paar besucher kriegst. das ist am anfang gar nicht so einfach. das macht aber erst dann sinn, der link, wenn du ein paar mehr stories auf lager hast. die erste ist schon mal gut, andreas. weiter!

      • Danke Andreas, ich denke Du bist so gerade, daß ich mir den Satz sparen kann, aber mir ist wichtig, daß Du das dann nur aus Überzeugung machst. Und ich denke auch, daß da erst noch ein paar Stories kommen müssen. Hab jetzt drei, aber natürlich sehr short.
        Klar, wie soll ich an Leser kommen? Ich hab bis jetzt einem Kollegen davon erzählt, die wenigen Menschen mit denen ich richtig Kontakt habe, sind teilweise gar nicht im Netz. Und irgendwie fehlt mir auch das Selbstvertrauen, ein bißchen Eigenwerbung zu machen. Wird sich mit der Zeit aber sicher auch ändern. Wichtig ist momentan für mich, daß es Spaß macht und daß ich mich verbesser. Wird Zeit, daß Deine Pause bald vorbei ist. Kannst doch nicht zwei Monate, nachdem ich von Dir und Deinem Blog erfahren hab ne längere Pause machen!
        Ich werde am 2.6.an der Hand operiert, hab heut den Termin bekommen. Danach kann ich wohl drei Wochen lang echt nichts machen.
        Kummer Dich um.Deine Schulter! LG !

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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