Vom Schreiten elektrischer Körper

Die Gräfin ist geladen.
„Ich will eigentlich in die Normandie! Und was ist..? Nichts ist! Stattdessen renn ich wieder durch diesen scheiß Wald hier! Den hab ich schon tausend Mal gesehen.. diesen verfickten Scheißwald! Ich kenne jedes einzelne Reh mittlerweile! Dahinten das, weißt du, wie das heisst?! Renate!“

„Renate Tomate“, murmle ich.
Wir hatten geplant, ein paar Tage wegzufahren, müssen es aber verschieben, weil ein Kollege krank geworden ist.
„Wir fahren doch, im August. Sind nur noch.. ein paar Monate. Und dann hab ich lang und schmutzig Ferien. Ausserdem kennst du garantiert nicht JEDES Reh..“

Mh. Das kam nicht gut. Das hätte ich besser nicht sagen sollen. Nicht so jedenfalls, mit den Monaten.
„Ach, du! Immer nur Warten! Blödmann!“
Sie ist so zornig, dass der Kies wegspritzt unter ihren leichten Sandalen.

Den Blödmann hätte sie sich sparen können. Ich hasse Beleidigungen. Dann kocht es hoch in mir. Dann .. ach, Scheiße. Was soll’s. Sie hat ihr monatliches Frauenleiden, das sie selbst ihren Frontlader nennt. Ein empfindlicher Frontlader. Sie ist dann nicht die Prinzessin auf der Erbse, sie ist die Prinzessin auf der DNS einer Erbse.

Als wolle sie aus dem TV-Bild immer noch Helligkeit herausnehmen, obwohl es schon sturzdunkel ist.
Stockdunkel.
So ähnlich.
Was weiß ich denn.
Ich hab ein Männerleiden, das begann mit der Geburt und jetzt bin ich mittendrin und es wird nicht einfacher. Auf meine Erbsen-DNS.

Was ein Samstagvormittag.

Mann und Frau sind mit dem Hund unterwegs. Elektrische Körper schreiten durch den Kleingartenverein. Stöcke splittern unter ihren Sandalen, und Vögel, verstört, verirren sich in der Luft. Wissen nicht wohin. Wie weiter.

Selbst Haargummis, die auf dem Weg liegen, Teenagerfrisuren entfallen, ähneln heißen Tintenfischringen.
Bloss nicht drauftreten!
Brühgefahr!
Wundverbände!

Ein paar Schrebergartenkinder spielen lauthals Terrorist.
„In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben, sechs..“

Wir sehen zu, dass wir Land gewinnen. Das schweisst zusammen, ein bißchen, immmerhin.
Ein bißchen zusammengeschweisst geht nicht..?
Entweder – oder?

Der Himmel ist eine Riesenpulle heute. Ich nehm einen Schluck, mit Wolkenschaum am Mund.
Auf dem Boden erneut ein Gespenst – diesmal Bonbonpapier.

Als wir am Bärenloch ankommen, hat sich die Lage tatsächlich beruhigt. Frau Moll, die hinter uns hergeschlichen ist, springt befreit in den grossen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das Stichlinge fischt.

„Ich hab schon sechzig Stück!“ sagt die Kleine stolz.
„Kaulquappen?“
„Nee, Stichlinge..!“

Ich komm hinzu und glotz in den Eimer.
„Das sind doch keine Stichlinge, das sind glitschige Gürkchen.“
Mir hört heute niemand zu.
„Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?“ tanzt das Mädchen um Frau Moll herum.

Die Gräfin ist schon im Teich, bis zu den Knöcheln, sie hat ihre zornigen Sandalen ausgezogen.
„Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge..!“ ruft sie.

Das Mädchen zieht ihre Badelatschen ebenfalls aus und folgt der Gräfin ins Wasser.
„Vielleicht nuckeln die Stichlinge mir ja auch am Zeh!“
„Kannst du schwimmen?“ fragt die Gräfin.
„Klar, aber doch nicht hier drin. Ist doch zu niedrig. Und ich hab Schiss vor den Karpfen. Da sind welche hier drin. So Oschis..“
Sie bückt sich und holt eine losgelöste Steinplatte aus dem Teich.
„Guck mal, was ein Oschi! Ein Mondoschi!“
„Eher ein Halbmond-Oschi“, meint die Gräfin, das Teil sieht aus wie ein halber Mühlstein und wiegt bestimmt.. was.

Das Mädchen lässt die Platte ins Wasser plumpsen.
„Hier, fühl mal meine Muckis!“ sagt sie zur Gräfin. Die Beiden haben sich innerhalb von fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, Frau Moll paddelt hinterher, wie ein Welpe.
„Komisches Gefühl untem Fuss“ ruft mir die Gräfin zu. „Als würde man über Leichen latschen.“

Als wir spät am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir einen Mann, der seiner Frau mal zeigen will, wie hoch er sein Portmanee werfen kann mit 500 Euro (!) drin, doch dann hat er Pech und die Börse verschwindet im dichten Geäst des Kastanienbaums.

Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wieder zu bekommen. Hochklettern geht nicht, der Stamm hat nämlich unten keine Äste. Also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in den Baum hoch, in der Hoffnung, die Börse so zu treffen, dass sie sich löst und runterfällt.

Irgendwann wird uns die Sache zu dumm, und da auch seine Frau nur noch „Blödmann!“ zischelt, endet der Tag, wie er begonnen hat.
So ungefähr.

Aber besser.