Deutsche Musike

  1. Sie reibt meinen Puls.
    „Kann der auch schnurren?“

*
In unserer Kindheit, Ende der 60er Jahre, gab es noch fahrendes Volk, das am Rand der Stadt ihr Lager aufschlug.
Ein Bild, das komplett verschwunden ist aus unserem Land. Es gibt noch Zigeuner in Deutschland,  aber keine fahrenden Spielleute und Wahrsagerinnen
„Die waren wie ich“, erzählt die Gräfin. „Die hatten bunte Sachen an, die hatten schwarzes Haar. Ich dachte immer, zu denen gehöre ich..“
Sie war acht Jahre alt, die kleine Gräfin, als sie ihre Kreise zog um das Camp der Zigeuner, zwar in gebührendem Abstand, aber mit dem Wunsch verschleppt zu werden.
„Meine Mutter hat mich immer gewarnt: Die nehmen dich mit, wenn du denen zu nahe kommst!“
Es hat nie geklappt.

*
Es ist nicht das Mittelmaß, das in diesem Land den Ton angibt, es sind diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dazu zu gehören, zum Mittelmaß.

Keine Sorge, Kinder. Das wird schon noch.

*
Leben – was ist das schon. Man wird allein geboren, man stirbt allein, und zwischendurch trifft man ein paar Leute, wenn man Glück hat.

*
Mit ihr verschwand nicht nur die Sonne, das Wetter insgesamt hörte auf zu existieren. Er stand im Regen.

*
Die Gräfin hat beschlossen, das Warum abzuschaffen. Ab in den Wandtresor damit, abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Kein Warum mehr in der Welt! Warum? Nur so.

*
Wenn wir am Abend die letzte Runde drehen mit dem Hund, begegnet uns ab und an der finstere Reitersmann. Schwarzes Cape, dunkle Kappe, dunkle Hose, schwarz glänzende Stiefel, auf einem großen schwarzen Rappen.
Wenn die beiden im Dämmerlicht gemächlich daher schreiten, langsamer als im Trab, das hat Majestät.

Eine andere Familie in der Nachbarschaft hat sich ein Pferd angeschafft. Ein rötlicher Fuchs, für den die Autogararge umgebaut wurde, zum Stall. Da steht der Fuchs nun geparkt, wird ein Mal die Woche ausgeführt, (nicht geritten), und gelegentlich hört man ihn schnauben.
Ich glaube, er betet: Der nächste Versuch, ihn tiefer zu legen, möge ihn töten.

2 Gedanken zu „Deutsche Musike

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