Wo immer dein Rom liegt

1
Unterwegs mit der Gräfin, während der Kapitalismus den Bach runtergeht.
„Ach ja!? Dann geh doch nach China“, lacht sie auf, „und werd Konsumist!!“

2
Die Nächte werden kühl, der Herbst ist da. Die gute alte Frau Frühdunkel.
Sie naht mit stürmischem Schritt und Sturzregen, Birken schütteln sich wie nasse Hunde, unter Kastanienbäumen: klock! klock! („Dasn Wetter, was? Ich hab ebn n‘ Regenbogn gesehn, sah gut aus.“)

Es ist Herbst in der Stadt,
alles klafft auf, und
blättert ab.

3
Der Essigbaum in unserem Garten hat Kraft gekriegt, in seiner schätzungsweisen 10. Saison.
Sein Stamm, dick wie Männerarme.
„Der ist schon seit Jahren so dick“, widerspricht sie. Und seufzt. „Ich möchte auch mal so wenig mitkriegen wie du. Ich bin mein halbes Leben damit beschäftigt, dich auf irgendwas hinzuweisen..! Mir fehlt die Zeit für Hinweise an mich selbst!“

Wenn sie zornig wird und übertreibt, hach, ich komm mit Küssen rüber, schiebe sie heiß an ihren Leib, (unterm Regenschirm).
„AUFHÖREN! DAS IST.. UNGERECHT!“

4
„Ich bin immer wieder fasziniert, wieviele Leben ein einzelner Mensch leben kann“, sagt sie.
„Schön“, sag ich, „gesagt.“
„Wie, schön? Das ist überhaupt nicht schön. Das ist.. verwirrend.“

5
„Du..“
Spätabends, ich bin schon fast eingeschlafen, flüstert sie meinen Namen.
„Du..?“
„Mh..?“
„Können wir nicht einen Film über mich drehen? Ich will mich endlich mal groß im Kino sehen.“

6
„In diesen Blick hab ich mich verliebt“, sagt sie, als ich die Brille abnehme. „In diese Mischung aus Verwegenheit und Entschuldigung. In dieses: Soll nicht mehr vorkommen. Und dann wegdrehen und gackern.“

Ich hasse Brillen.

7
„Du darfst über mich schreiben, was du willst. Hauptsache, ich bin die Schillerndste, die Schönste, die Beste.“

8
Seit Tagen regnet es, ununterbrochen, als würden Rausche-Engel vorm Urinal stehen, aber der Hund muss ja trotzdem vor die Türe, und alleine geht er nicht.
Als der Regen aussetzt, sind wir sofort in den Gummistiefeln.

Graues Krähen-Wetter.
Man hängt gelb (runter von Ästen).
„Dieses kunterbunte Wachsen in der Natur.. finde ich sehr tröstlich“, sagt sie.

„Hier wollte ich schon immer mal stehen.“
Sie versteckt sich hinter mannshohem Schilfrohr und pflückt verkohlte Brombeeren.
„Meinst du, die schmecken noch?“
Ich untersuche die Früchte im Strauch daneben. Rote Früchte, wie Puffreis.
Eine leere Matrix.
„Vogelbeeren?“
„Nee.“

Bei den wenigen Leuten, die uns begegnen, macht es leise klick! in den Gehirnen, das sind die inneren Fotos, die man schießt im Herbst. Wenn man flammen-orange Laubbäume sieht und elf Töne von Grün und mittendrin ein blaues Haus, aus dessen Dach ein Schornstein ragt und dampft.

Und da, wie die Baumwurzeln schimmern, feucht – „möchte man so drüber lecken!“ ruft sie übermütig.

9
„Wenn das alles nicht klappt mit der Malerei, schreib ich ein Buch. Also, ich rede und du schreibst. .. In meinem Buch gibt es nur Helden, aber meine Helden sind bestimmt nicht die Micky Mäuse dieser Welt. Es sind die Versehrten, die Bekloppten. Der ganze rosa Fischschwarm mit dem einen lila drin.“

10
Rot und gelb liegt das Laub im Park.
„Nächste Woche ist alles blau“, sag ich.
„Blau?“
„Ja. Der Herbst hat eine neue Farbe angemeldet.“

11
„Weißt du was? Wenn ich Glück hab“, sag ich, „werde ich berühmt, wenn ich tot bin.“
Aber nur wenn ich Glück hab.

12
Aber ist auch nicht wichtig.
„Wo immer dein Rom liegt“, sag ich, „das ist wichtig. Dass du es findest.“
„Du meinst ich. Dass ich es finde.“
„Ja, ich.“
„Und du.“
„Ja. Du. Also ich – und du. Wir alle. Rom. Finden.“

11
Während die Gräfin eine Zugereiste ist, bin ich hier geboren.
„Glumm“, murmelte der Herr im September 1960, „such dir einen Platz zum leben.“
Nun war ich damals schon ein bequemes Bürschchen, also erkundigte ich mich, wo ich gelandet war.
„Solingen“, antwortete der Herr. „In der Stadt der Messer.“
„Scharf“, sagte ich.

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