Beim Schorsch

Ende der Achtzigerjahre gingen die Gräfin und ich gemeinsam auf Sauftour. Sie konnte ganz schön was wegschlucken, besonders scharfe Sachen wie Whiskey und Wodka, da konnte ich nicht mithalten. Ich war ein Biertrinker, und ab und zu einen warmen Osborne oder 103er. Ich war schwer beeindruckt.

Wenn wir freitags und samstags durchgemacht hatten, schleppten wir uns sonntags zum Schorsch und bestellten Kotletts mit Bratkartoffeln. Schorsch hieß eigentlich Gregorius und war ein trauriger kleiner Grieche, der sich so oft räusperte, als täte ihm das ganze Leben leid, besonders sein eigenes in der kleinen verräucherten Eckkneipe am Neumarkt.

Er machte einen zerbrochenen Eindruck, und wir erfuhren, dass ihm die Frau weggelaufen war. Er trug ständig dieses mausgraue Zeugs, alles an ihm wirkte wie ein Kittel. Ein scheuer Mann, dessen Augenlider heftig zuckten, wenn er nervös wurde, und wenn es ganz schlimm kam, setzte sich das Zucken in den Schultern fort. Dann stand ein kleiner grauer Hausmeister vor einem, der in die Steckdose gegriffen hatte, und es tat ihm leid, dass seine Gäste mitansehen mussten, wie der Strom durch ihn raste.

Gregorius also, doch jeder nannte ihn bloß Schorsch.

Mal abgesehen vom Fraß in der normalen Pommesbude, die der Eckkneipe angeschlossen war, bot Schorsch stets auch ein Mittagsgericht an, aber nur auf Nachfrage. Die meisten Gäste, die entweder ihre Frikadellen kauften an der Theke der Pommesbude oder die hinten in der Kneipe ihr Bier tranken, wussten nichts von diesem Angebot, es interessierte sie auch nicht. Sie wollten saufen und eine Runde würfeln und nachts um zwei nach Hause eiern. Mit ner kalten Frikadelle auf der Faust, die Fresse senfverschmiert.

Vielleicht war es das, was Schorsch so traurig machte, dass er sich permanent räuspern musste. Denn beim Tagesgericht zeigte Schorsch, was er drauf hatte. Es war einfache griechische Landküche, deftige Eintöpfe mit Fleisch und frischem Gemüse und immer so reichlich, dass wir uns kaum noch bewegen konnten, wenn wir brav alles aufgegessen hatten.

Wir hatten Spaß gefunden an seiner Kocherei und kamen auch mitten in der Woche, nicht nur sonntags. Und wir nahmen nicht nur Koteletts mit Bratkartoffeln, wir futterten uns durch die Speisekarte. Und weil es uns so schmeckte, kam Schorsch an den Tisch und brachte persönlich Nachschlag, ohne dass wir nach ihm gerufen hätten. Er fühlte sich gebauchpinselt und legte sich immer mehr ins Zeug. Er nahm das Kochen sehr ernst.

„So, was kann ich euch heute bringen?“ Fast schüchtern trat er an den Tisch. „Ich hab schönen Eintopf da.“

Zuletzt nahmen wir nur noch Eintopf, den er für eine Handvoll Nachbarn zauberte, die seine Kochkünste schätzte. Es war so lecker, wir sind fast geplatzt. Ich möchte da nur diesen legendären Ostergulasch erwähnen, mit geschmorten Fenchelgemüse. Den Laden am laufen hielten aber weiter die Stammgäste, die zum Trinken kamen und gelegentlich eine Frikadelle vom Tresen nahmen. Sie machten sich ein bißchen lustig über Schorsch, der aus dem fernen Griechenland gekommen und irgendwie anders war.

Aber wenn er den Nachschlag zum Tisch brachte, den er mit der Suppenkelle direkt aus dem Riesenbottich ausschenkte, dann war er ganz Gregorius aus Thessaloniki. Berühmt für seine Frikadellen und Koteletts. Und die Eintöpfe. Ein kleiner stolzer Mann, und aus dem Zucken wurde ein Zwinkern.

Einmal, nach einem Eintopf, der so lecker schmeckte, dass er zweimal die tiefen Teller nachfüllte, wobei sein rechtes Augenlid zitterte wie ein Kolibri, konnten wir uns tatsächlich nicht mehr rühren. Wir wollten den Rest des Sonntags gemütlich bei der Gräfin ausklingen lassen, doch als wir Ecke Neumarkt/Kölner Strasse erreichten, mussten wir stehenbleiben. Es war Sommer, und nichts ging mehr.

Die Beine wie Kopfsteine im Pflaster verankert und ein Gefühl, als schubsten unsere dicken Bäuche in der Luft an, standen wir geschlagene zehn Minuten auf dem Bürgersteig herum, Frauen mit Kinderwagen kurvten um uns herum, der Zeitungsjunge wechselte kopfschüttelnd die Straßenseite. Wir waren knapp am Magendurchbruch und kamen nicht vom Fleck. Wir konnten nur noch prusten. Nicht mal eine Zigarette ging noch rein. Nichts zu machen.

„Boah“, seufzte die Gräfin. „Ich kann nicht mal meine eigene Spucke runterschlucken. Dann kotz ich.“

Irgendwann hatten wir es überstanden. Vom leckeren Nachgeschmack zehrten wir drei Tage.

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