Mit Thomas Kling in Bochum *

Nikolaus-Tag 1987

„Beim nächsten Ton ist es.. sieben Uhr.. zehn Sekunden“, dröhnte der Auftragsdienst, scharf und unnachgiebig, als kreiste eine Messerschmitt im Telefonnetz.

Ich hatte kaum drei Stunden geschlafen, ich war immer noch betrunken.

„.. sieben Uhr.. zwanzig Sekunden.“

Ich hielt den Hörer weg und stierte in die Dunkelheit. Mein Herz wummerte vom jähen Aufwachen, ich schmeckte nach Cognac und Nikotin. Ich legte auf und liess mich zurückfallen ins Bett. Erstmal realisieren, was los war, erstmal warten, bis das Wummern sich beruhigte. Das Herz seinen Modus wiederfand.

Vielleicht klingelte das Telefon ja nochmal. Ich ruf dich um Sieben an, hatte sie gesagt, wenn ich Lust hab mitzukommen. Um Sieben.. spätestens. Zur Sicherheit hatte ich den telefonischen Weckdienst beauftragt. Zum Glück. Ich wartete eine Zigarettelänge im Liegen, doch Modell Hamburg, das beigefarbene Spezialtelefon für Sehbehinderte, blieb stumm. Es hatte im Telefonladen im untersten Regal gestanden, mit Tasten, so riesig, dass sie mit Boxhandschuhen bedient werden konnten. Absolutes Kassengift. Karlos und ich hatten gar nicht anders gekonnt, wir mussten den Apparat kaufen, schon aus Mitgefühl für potthässliche Einzelstücke. Schön, dann ruft sie eben nicht an, dachte ich. Dann fahr ich eben allein. Allein bin ich sowieso besser. Allein bin ich am besten. Warum rief sie nicht an, verdammt. Ich hatte keine Lust auf Alleinsein.

Die Wohnung war ausgekühlt, Atemwölkchen pufften vor sich hin. Weder Karlos noch ich hatten daran gedacht, ein Brikett nachzulegen, der Ofen war über Nacht ausgegangen. Karlos schlief noch, die Tür zu seinem Zimmer war zugezogen. Keine Ahnung, wo er am Abend abgeblieben war, im Mumms hatte ihn niemand mehr gesehen. Seine schwarzen Sargträgerschuhe, sonst penibel auf Hochglanz poliert, wie es die Friedhofsordnung verlangte, lagen kreuz und quer und schlammverschmiert im Flur, wie gestrandete Containerschiffe.

Einen großen Mocca und eine Kippe später stiefelte ich los, Richtung Hauptbahnhof. Ich war zu dünn angezogen für die Temperaturen, doch zum Zurückgehen war es zu spät, dann verpasste ich womöglich den Zug. Ich legte einen Zahn zu, damit mir warm wurde. Die Lunge rasselte und pfiff, ein eisiger Wind trieb Schneeböen vor mir her. Ich war verkatert wie lange nicht. Hätte es für die Lesung kein gutes Honorar gegeben, ich wäre auf der Stelle umgekehrt und zurück unter die Decke gekrochen. Scheißdreck.

Sie hätte ruhig anrufen können.

08 Uhr 07.

Der Ruhrgebiets-Express lief ein. Ich war heilfroh, als ich endlich im Abteil Platz nahm, und der Zug fuhr ab. Neben mir türkische Kinder, die sich lautstark in ihrer grimmigen Landessprache stritten. Neue Ausfallerscheinung nach übermäßigem Schnapskonsum: dieses tumbe wattierte Gefühl im linken Ohr, als büßte ich allmählich mein Gehör ein. Als zöge sich das linke Ohr, es war ausschließlich das linke, peu a peu in die Tiefe der Schnecke zurück. Als hätte es genug gesoffen, das linke Ohr, genug für dieses Leben.

Die Matinee-Lesung organisierte das Bochumer Kulturamt. Eingeladen waren mit Thomas Kling und mir zwei Literatur-Preisträger des Landes NRW in Lyrik und Prosa. Kling war eine Nummer für sich. Während der Preisverleihung in der Düsseldorfer Kunsthalle hatte wie zufällig ein Pöttchen Düsseldorfer Löwensenf aus seiner Manteltasche gelugt. Es war sonnenklar, es war augenfällig, auch wenn ich noch nicht eine Zeile von ihm gelesen hatte: sein Name war Programm.

In Hagen musste ich umsteigen. Ich hatte noch nie so einen grauen Bahnhof gesehen. Am Kiosk besorgte ich mir zwei Dosen Bier und widmete sie Pepe, der im Sommer zuvor in Hagen beerdigt worden war, gleich neben seinen Großeltern. Ende Juni hatte sich Pepe in München einen Speedball zu viel geschossen, auf einem Wirtshausklo. Dem Wirt war aufgefallen, dass der Kaffee zwanzig Minuten unangerührt auf dem Tresen stand, er ging nachschauen, was los war auf der Toilette. Er hörte schweres Atmen hinter einer verschlossenen Kabinentür, man konnte den Kopf eines jungen Mannes auf den Fliesen liegen sehen, überall Blut, verstreutes Fixerbesteck. Er rief den Notarzt, doch der konnte nichts mehr tun.

Pepe wurde 24. Seine letzte Augenblicke verfolgten mich. Ich versuchte mir vorzustellen, was er gefühlt haben muss, als die versehentliche Überdosis ihn flutete und er aus den Latschen kippte. Als er in Windeseile geschnallt haben muss, dass es diesmal definitiv zu Ende ging. Dass er dieses Mal nicht davonkam. Nicht dieses Mal. Ich fragte mich, was in Pepe vorging, während Bodenfliesen seine Stirn kühlten. Zogen Szenen seines – unseres – Lebens an ihm vorüber? War ich irgendwo beteiligt? Sonst jemand von der alten Truppe? Der alten Gang? Hörte er sein eigenes Keuchen? Schmeckte er sein Blut? Was fühlt man, wenn man ahnt, dass es das letzte Gefühl sein wird, dass man in seinem Leben fühlt.

Nach fünfzehn Monaten Knast und Therapie war Pepe belohnt worden. Fürs Durchhalten. Weit weg von Solingen, in München liess sein dauergebräunter Herr Business-Plan-Vater einen Jeans-Shop springen, zum Neustart in ein cleanes Geschäftsleben, auf der Leopoldstrasse. Wenn schon, denn schon. Es dauerte einen Monat, und Pepe griff wieder in die Ladenkasse. Gelernt ist gelernt. Ruckzuck war er wieder drauf, ließ sich mit Vorstadt-Bimbos ein, die den Jeans-Shop in zentraler Lage als Treffpunkt nutzten, um Bubbles zu verticken.

„Wenn ich ihn darauf ansprach, hat er nur von afrikanischen Geschäftsfreunden gesprochen”, erzählte Pepes Münchner Freundin, die nach seinem Tod Pumpen in der Wäsche fand. Trotz der Therapie war er in Wirklichkeit nie clean gewesen. Er hatte nie aufgehört, sich Heroin zu spritzen. Am liebsten Speedballs, in Verbindung mit Kokain.

“Ich bau mir nach Feierabend schon mal einen kleinen Joint, mehr nicht”, hatte Pepe allen Ernstes behauptet, als er das letzte Mal in Solingen zu Besuch war. Dass er fürs Kiffen extra die Rolladen runter ließe, damit die Nachbarn nicht reingucken könnten. Als er diesen Stuss verzapfte, wir standen im Mumms am Tresen, sprangen bei mir alle Alarmglocken an. Als hätte Pepe fürs Kiffen je die Rolladen runter gelassen. An diesem Abend versprach er, mich später im Hotel zu besuchen, ich hatte Nachtdienst an diesem Tag. Doch er kam nicht. Es war das letzte Mal gewesen, dass ich ihn gesprochen hatte, und er hatte Scheiße erzählt.

Das erste Bier am Nikolaustag 1987 kippte ich auf ex und widmete es dem guten alten Pepe. Heroin ist wie ein bösartiger Juckreiz. Man weiß nur zu gut, dass, sollte man sich jetzt kratzen, es danach nur umso schlimmer jucken wird, aber erstmal wird es BESSER, für einen klitzekleinen Moment der Erleichterung wird es BESSER, und genau dafür schenkt jeder Junkie sein kleines Leben her. Als ich Anfang Juli durch einen Telefonanruf von Pepes Tod erfuhr, musste ich lachen. Nicht laut. Leise. Ich konnte nicht anders. Es war nicht einmal ein Lachen.

Bochum. Ein Mitarbeiter des Kulturamts erwartete mich am Bahnsteig. Daneben stand Thomas Kling. Wir reichten uns die Hand, gingen ein paar Meter. Er redete, ich nicht. Damit war das Feld abgesteckt. Vorm Bahnhof wartete ein Wagen. Der Mann vom Kulturamt stieg vorn ein, Kling und ich hinten. Ich hatte eine ziemliche Fahne mittlerweile, vom Rest- und vom Neu-Alkohol, was aber niemand merkte, da der Knabe vom Kulturamt vorn saß und Kling in einem fort quasselte. Er war nervös und er war Profi gleichzeitig. Er war schmal und er war blass. Es fehlte nur ein Schmiss auf der Backe, und er hätte seine eigene Bruderschaft aufmachen können.

„Kling hat was extrem maschinelles in seiner Sprache“, hatte die Gräfin gemeint, selbst von blauem Satz-Adel, und: „Vielleicht komm ich morgen mit. Ich ruf dich an.“

Bochum, Innenstadt. Eine Ampel stand auf rot, wir warteten. Ich blickte aus dem Seitenfenster, beobachtete Schulkinder, sie rutschten lärmend über einen zugefrorenen Teich. Sie spielten Hockey mit langen frisierten Holzstöcken und einer zum Puck umfunktionierten runden Hartsalami, der Schiedsrichter machte Kunststückchen auf dem BMX-Rad. „He! Guckt euch das an..!“ rief ich verdattert, doch Kling quasselte ungerührt weiter und der Mann vom Kulturamt und der Fahrer hatten zu tun mit dem Sonntagsverkehr. Ich blieb allein mit mir.

Die Lesung fand im Museums-Cafe statt. An der kleinen Bar genehmigte ich mir den ersten Osborne des Tages. Der Moderator stellte die Autoren dem Publikum vor. Kling war bekannt, war Liebling des Feuilletons, so der Moderator. Sein Ton war sachlich und ruhig, er hatte das Matinee im Griff. Na schön. Ich fing dann mal an. Ich war Erster. Dann hatte ich es auch als Erster hinter mir. Ich las etwas aus Komma, ich blute, wo ich krank vor Liebeskummer und Einsamkeit durch Düsseldorf torkle, kurz vorm Weihnachtsfest, ein manisch-depressiver Dezembertext.

Das Publikum bestand aus nicht mehr als zwei Dutzend Leuten, von denen sehr wahrscheinlich jeder Einzelne selbst schrieb. Als ich nach einer halben Stunde mit dem Text durch war, bat der Moderator um Reaktionen. Ich war gut in Form. Ich hatte anständig gelesen, einen Kaffee und zwei Osborne in Arbeit. Eine Frau meldete sich zu Wort, sie schnippte mit dem Finger, als säße sie in der Schule. Als sie drangenommen wurde, sprach sie mich direkt an: „Herr Glumm, ich könnte Ihnen stundenlang weiter zuhören.“

„Sehr schön“, antwortete ich und blickte zum Moderator rüber, „ich könnte auch stundenlang weiterlesen. Setzen.“ Der Saal tobte. Der vierte Osborne. Keine weitere Wortmeldung. Doch, Moment. Thomas Kling. Er meinte, „Glumm schreibt ehrlich“, was mir nicht sonderlich gefiel. Ehrlich? Was soll das denn sein. Jeder biegt sich seine miese kleine Wirklichkeit so lange zurecht, bis sie ihm gut steht. Ehrlichkeit ist auch nur ein Gag.

Dann wurde Kling fast väterlich. „Pass auf, dass du nicht verheizt wird“, sagte er. Der Moderator fragte noch irgendwas, der Ordnung halber, ich entgegnete der Ordnung halber irgendetwas, dann legte der Meister los. Kling war nicht allein. Er war nur allein (mit dem Moderator) zum Bahnhof gekommen, um mich abzuholen. Er wurde von Jansen begleitet, einem befreundeten Musiker an den Keyboards. Jansen gab eine merkwürdige Figur ab. Wirre Mähne und kurze Beine, die in weiten Flanellhosen steckten. Fehlten nur die Zauberpantoffeln, und der kleine Muck hätte höchstpersönlich am Synthi gestanden, Furchen der Verzweiflung in die Stirn getrieben.

Es war nicht mal vierzehn Uhr, und ich hatte Feierabend. An der Bar zog ich mir ein Bier nach dem anderen rein. Dazu Osborne. Ja, sicher. Noch einen. Scheiße, war ich besoffen.

Nach der Lesung landeten wir alle in der gediegenen Altbauwohnung einer Dame aus dem Publikum. Sie sah aus, wie ich mir gemeinhin eine Mäzenin vorstellte: alleinstehend, um die fünfzig und genug Asche, um im Wohnzimmer ein gewienertes Bechstein-Klavier stehen zu haben. Sie servierte selbstgemachte Stachelbeertorte mit selbst geschlagener Sahne. Unangenehm: Jansen grub die Tante an. Und nicht nur das, er fingerte auf den Klaviertasten herum und wackelte dabei so komisch auf dem Klavierhocker, dass er zweimal auf den Boden knallte. Kann der nicht einfach die Fresse halten und auf dem Sofa einpennen, dachte ich.

Sein Freund Kling lief zu großer Form auf. Er erzählte der intimen Runde, dass er und Jansen seit 72 Stunden auf den Beinen und eigentlich schon halbtot waren. Sie waren direkt von einem interdisziplinären Kunst-Happening in Zürich gekommen. Es folgten, im Plauderton, theoretische Anmerkungen zur deutschsprachigen Literatur. Kling streute Fremdwörter ein, von denen ich niemals gehört hatte. Kling war der Star. Ich zählte nicht wirklich. Ich war betrunken und saß im Publikum. Einmal warf ich ein, wie sehr ich moderne deutsche Literatur hasste, sie sei provinziell und lumpig. „Deutsche Autoren schreiben, als hätten sie Muffen, was die Nachbarn sagen könnten,“ sagte ich. Kling wieherte kurz – und übernahm wieder die Führung. Er er ertrug keinen Schatten. Nicht eine Sekunde. Er war große Klasse. Ein Blödmann. Und ich war mir im Nachhinein nicht mal sicher, ob ich das mit den modernen deutschen Autoren vielleicht doch nur gedacht hatte.

Abends lud das Kulturamt Bochum zum Essen bei einem stadtbekannten Griechen. Kleine Marihuanasticks glühten an meinem Tisch, endlich besserte sich meine Laune. Ich hatte fünfhundert Mark Honorar in der Tasche, ich war bekifft und betrunken, das Essen war lecker. Übermütig orderte ich zum Dessert ein Kotelett in Klarsichtfolie aus dem Automaten einer benachbarten Post-Kantine. Kling, neben mir, lachte, aber nicht wirklich. Irgendetwas stimmte mit dem Kerl nicht. Na schön. Mit wem stimmte überhaupt irgendetwas in diesem Leben.

Feierabend. Jansen und Kling, die beide in Köln lebten, bestanden darauf, mich nach Hause zu bringen. „Ist doch kein Umweg, über Solingen.“ So ein Blödsinn. Von Bochum nach Köln über Solingen war natürlich ein Umweg. Jansen fuhr einen großen kalten Ford Transit. Mit seinen ultrakurzen Kleine Muck-Beinchen schaffte er es gerade so an Bremse und Gaspedal ran. Trotz meiner relativen Voltrunken- und Bekifftheit ließ ich während der ganzen Autobahnfahrt kein Auge vom Asphalt. Ich plädierte für die Kriechspur, konnte mich aber nicht durchsetzen.

Kling („Erprobung herzstärkender Mittel“) und ich stellten unterwegs fest, dass wir außer einem kümmerlich dotierten Literaturpreis noch etwas gemeinsam hatten: wir konnten beide nicht Autofahren. Wir hatten beide keinen Führerschein. Leute, die schreiben, können nie Autofahren. Ist doch logisch. Entweder oder.

Kling, der die Dreißig schon erreicht hatte, rechnete mir auf der A3 in Höhe Langenfeld vor, dass er sieben Pfennig an jedem verkauften Gedichtband verdiente und eine Weile in Helsinki gelebt hatte. Außerdem hatte er sich auf einer Schiffsreise mit dem finnischen Kapitän angefreundet. Kling sprach sogar ein bisschen finnisch, er liess einige Proben hören. Wir waren erschöpft, als wir in der Stadt ankamen. Die Beiden liessen mich an der Mummstrasse raus, direkt vor der Kneipe.

“Kommt ihr noch mit rein, auf einen Sprung?”

Nein. (Heftig.) Man sieht sich. (Nie.)

Karlos stand am Tresen. Es war weit nach Mitternacht.

“Och nee – guck an, die alte Tante Glumm! Die kannst du lesen schicken und alles – die geht nicht kaputt.”

“War aber knapp”, sagte ich.

*

In Erinnerung an Thomas Kling (1957-2005)

Advertisements

5 Gedanken zu „Mit Thomas Kling in Bochum *

  1. Pingback: Bochum - Blog - 30 Mar 2009

  2. Pingback: 2011 in review « Glumm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s