Fadenwarze

Ja, richtig. Ich bin meine eigene Kultstätte. Ich mache ständig Bohei um mich. Ich, Glumm, Chroniker, tue das in dem Bewusstsein, dass es viele hundert Millionen Menschen in Europa und Amerika gibt, die nicht viel anders sind als ich. Die sind wie ich. Von dem Milliardengewimmel in China ganz zu schweigen. Wie soll man da was Besonderes sein. Einzigartig womöglich. Und warum auch? Hat der Herrgott uns etwa gemacht, nur damit jeder von uns etwas besonders ist?

Ja.

Es geht heute um mein Gesicht, wo zwischen Mund und Nase neuerdings eine kleine Warze gezüchtet wird, ohne dass man mich dazu befragt hätte. Und das ganze wäre auch nicht weiter erwähnenswert, würde das Teil mit der Zeit nicht zerfasern wie ein altes Blumenkohlröschen und ungesund aussehen.

Die Leute gucken schon komisch.

„Mach dir mal die Schnötte da weg!“ sagen die Blicke, ohne dass Worte fallen.

„Ist keine Schnötte“, entgegne ich, ebenfalls ohne Worte,  „ist eine Warze.“

„Hm..? Ich habe doch gar nichts gesagt..“

„Dann glotz gefälligst nicht so!“

Ein ähnliches Teil ist mir vor Jahren schon mal aus der Haut gefahren, allerdings nicht im Gesicht, sondern weiter unten am Hals, in Höhe des Kehlkopfes. Der Tonspur.

„Das kommt von dem ganzen Bullshit, den du ständig quasselst“, hat der dicke Hansen damals gemeint. „Das hat sich entzündet. Ist doch logisch. Wenn ich dein Kehlkopf wär, ich würde auch versuchen zu türmen. Bloß raus aus deinem Hals!!“

„Wenn du meinst“, antwortete ich und blieb cool. „Du Stück Scheiße.“

Zuletzt hatte die Warze gewisse Ähnlichkeit mit einem Propeller und drehte sich wie wild, wenn ich daran herumspielte, bis es plötzlich, es war Sommer, einfach runterfiel, ganz von selbst, auf den Boden. Zur Sicherheit hab ich dann nochmal drauf getreten.

Das ist meine liebste Methode: warten, bis die Dinge sich von alleine lösen, dann noch mal drauftreten.

Auch die jetzige, die neue Hautirritation zwischen Mund und Nase nimmt sich Zeit, um von selbst zu verschwinden. Nimmt sich viel Zeit. Mittlerweile sieht es in meiner Fresse aus, als würden mir vertrocknete kleine Popel aus der Nase kriechen. Versteinerte Mini-Lava.

Die Popel-Rose von Kairo.

„Mach dir endlich mal die Schnötte da weg!“ kreischen die Leute schon.

Onkel Fitting, für jeden spirituellen Schnickschnack zu haben, kriegt es bereits mit der Angst, wenn wir uns zufällig begegnen, auf dem Frühlingsfest.

„SÖHNCHEN“, ruft er erschrocken am Bierstand, als er mich als Mitglied der Familie identifiziert. „WAS HAST DU DENN DA!!? DIE WARZE LIEGT JA MITTEN IM MAGISCHEN DREIECK..!“

Er geht auf Abstand.

„Das ist eine gefährliche Angelegenheit, eine Warze im magischen Dreieck. Glaub mir das. Geh zum Arzt, Söhnchen..“

Vielleicht hat er ja recht. Der Onkel Fitting. Er war schon im Radio, weil er mit verstorbenen Angehörigen kommuniziert.Vielleicht haben ja alle recht, bloß ich nicht.

Die Gräfin meint ja schon lange, „pflege dich mal ein bißchen. Trage Creme auf nach dem Duschen, wenigstens das. Und geh zum Hautarzt, lass den Propeller am Hals wegmachen. Du hast noch mehr so Dinger. Willst du im Alter aus der Wäsche gucken wie ein blatternverseuchter alter Dattel-Opa?“

Sie übertreibt natürlich. Wir übertreiben alle gern. Übertreibung ist wie Tinte: man könnte das Leben sonst nicht lesen.

Mein Hautarzt ist ein uralter Pole an der Konrad-Adenauer-Straße. Er gehört längst in Ruhestand, weigert sich aber, die Praxis aufzugeben. Er nuschelt. Er ist ein ganz schlimmer Nuschelkopp, und in seinem Wartezimmer ist es immer voll. Lauter Kroatinnen, Inderinnen, arabische Damen, Türkinnen, seltsamerweise. Eine einzige Frau kommt aus Deutschland, das ist die resolute Arzthelferin. Sie stolpert fast über meine Beine, als sie ins Wartezimmer reinplatzt mit der Neuigkeit.

„Frau Hatice!!?“

„..ja?“

„Kommen Sie bitte mit durch. Und Herr Glumm?“

Ich steh auf. Ich salutiere fast. Ich bin keine Frau.

„Sie nehmen bitte schon mal in der Kabine Platz.“

Hui. Die ist aber eng, die Kabine. Bis aufs Höckerchen und einem stehenden Kassenarzt passt da nicht viel rein. Vielleicht zwanzig Hautschüppchen, paar Rötungen, 1 schrumpeliger Hautsack. Aber noch ist sowieso kein Arzt da.

Ich bin allein und ich warte. Öde Stellwände. Ist total fade. Dann: Doktor kommt! Also, kommt in die Kabine nebenan – aber immerhin. Schon mal ein Anfang.

Und man kann schön mithören.

„Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Herr Doktor“, sagt eine Frau in blitzblankem Deutsch. „Können Pilze auch in die Scheide gelangen? Mein Frauenarzt weiß nicht mehr weiter. Das juckt da unten, wie Harry.“

Die hingenuschelte Antwort vom polnischen Doktor lässt sich nicht dechiffrieren, beim besten Willen nicht. Er schlürft die Silben in sich rein wie Soße, die so lecker ist, dass er nicht teilen mag. Alle Soße für polniscche Doktor!

Danach ist die Kabine rechts von mir dran. Ich frage mich: hat er mich womöglich vergessen in der Mitte? Mich, das Sandwichkind? Das ewig übersehene Musterbalg? Die werden immer übersehen, die Sandwichkinder, und wenn sie groß sind, ist das Geschrei groß, weil sie mächtig Wirbel machen, um wahrgenommen zu werden:

ICH BIN DIE BEATLES!

Die Patientin nebenan, ich höre davon, hat anders gelagerte Probleme. Sie klagt über schweren Haarausfall.

„Mittel Sie gegeben, Doktor, hat nichts genutzt, Herr.“

Ich höre ein Rascheln.

Doktor: „Verlieren mehr als hunnert Haar an Tag, Frau?“

Hüsteln.

„Hundert Haare am Tag, Doktor? Bestimmt viel liegt im Abfluss morgens in Badezimmer. Viel Haar, wie bei Hund. Kann ich auch nicht allein zu Hause lassen, verliert direkt alle Haar der Hund. Kleine Hund, ganze dicke Bischel Haar, wie ich..“

Der Rest ihrer Worte geht unter im leisen Tonfall des Nuschelpolen. Ich versteh nur so was ähnliches  „ei, ei, ei!“ und „Nervensilvester“ und „Störung“, na, ich weiß nicht.

Nervensilvester.

Endlich, ich bin an der Reihe. Die Beatles. Hallo, Herr Doktor. Ich hab den alten Sack lang nicht gesehen. Er erinnert mich zunehmend an Wojtola, den früheren Papst aus Polen. Er ist genauso klein und gebeugt, und das Gesichtchen zäh.

„Wo brennt, junge Mann?“

Bevor ich auf meine Problemzone unterhalb des Näschens zu sprechen komme, da, wo brennt, hat der alte Nuschelkopp schon erkannt, was Sache ist, er schlurft auf mich zu, mit einer riesigen Lupe in der Hand.

„Aaah ja, sehscho..“, murmelt er, und wippt dabei mit der Lupe vor und zurück, wie ein gut geöltes Jojo.

„Iseifadwazz.“

„Bitte? Ist was? Ist schlimm..?!“

„Is nix schlimm, nein. Eifadwazz.“

Er nuschelt eine Helferin herbei, auf echt polnisch, und weist sie an, zu übersetzen.

„Eine Fadenwarze. Kein Problem. Kriegt der Doktor mit Stickstoff weg.“

Ich folge ihr ins Behandlungszimmer. Sie rollt einen großen silbernen Kessel heran, aus dem Dampf steigt, als sie den Deckel öffnet. Sie tunkt ein Wattestäbchen in den Kessel, rührt darin herum wie in Zuckerwatte, und schließt den Behälter.

Mit dem Stickstoff auf dem Stäbchen wird die Warze eingepinselt, bei jeder Berührung zischt und knistert es unterhalb der Nase. Ich sitze auf dem Hocker und atme kleine kühlende Feuerchen.

„Mal nicht atmen“, sagt sie.

Ach so.

Sie hebt den Deckel des Silberbottichs noch einmal an und tunkt das Wattestäbchen in den Stickstoff, kurzum: jawohl, die Prozedur wird wiederholt. Dann ist es gut für heute. Ich soll nächste Woche wiederkommen, um die gleiche Zeit.

Halb vier.

„Ich hatte schon mal so eine ähnliche Warze“, sag ich beim Rausgehen zur Arzthelferin, damit sie sich merkt, mit wem sie es zu tun hat, nächste Woche um die gleiche Zeit. Damit ich was besonderes bin in ihen Augen. Damit ich Chefarztbehandlung bekomme. „Es sah aus wie ein Propeller, hier am Hals. Wo man redet. Wie bei einem Modellflugzeug.“

Sie guckt verständnislos.

„Hm. Nächste Woche also. Und nicht dran knibbeln, junger Mann. Das fällt von allen ab.“

Advertisements

Ein Gedanke zu „Fadenwarze

  1. Pingback: 2011 in review « Glumm

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.