Mein nordamerikanisches Herz

„Hast du gehört, Brautigan hat sich die Kugel gegeben“, sagte Linus eines Abends, als er ins Mumms reinkam, es muss im Januar 1985 gewesen sein.

„Was..? Richard Brautigan??“

„Ja. Er hat sich erschossen, in seinem Haus in Montana, oder in Kalifornien, keine Ahnung. Aber schon im Herbst letztes Jahr. Und heute wäre er fünfzig geworden. Hab ich gestern Abend im Radio gehört.“

„Nee, du Scheiße.. Das wusste ich nicht.“

Ich nahm einen Schluck Bier.

„Warum?“

„Warum was?“

Linus hatte große Kulleraugen und raspelkurzes Haar, wodurch seine Augen noch größer wirkten, wie Auftaktsiege.

„Warum hat er sich erschossen?“

„Weiß nicht. Hat er mir nicht gesagt.“ Er stieß mit mir an. „Auf Brautigan. Auf seinen Fünfzigsten.“

„Ja..“, sagte ich verstört.

Ich war wie betäubt. Brautigan war tot. Einer meiner wenigen Helden. Ich kannte seine Bücher noch nicht sehr lange, und es war Linus gewesen, der sie mir empfohlen hatte. Linus, der immer einen Geheimtipp auf Lager hatte, der sich besonders gut bei Amerikanern auskannte. Im Gegenzug hatte ich ihm John Steinbeck geliehen, Die Straße der Ölsardinen. Linus verliebte sich so sehr in den Roman, dass er, je länger er darin las, immer langsamer wurde, weil er Angst hatte, das Buch sei sonst zu schnell am Ende. Für die letzten beiden Seiten brauchte er zwei Monate.

„Jetzt ist nur noch Hank übrig“, sagte ich, und Linus nickte. Jetzt war nur noch Bukowski übrig. Brautigan und Bukowski waren unsere Helden in einem Meer aus Scheiße. Ihre Bücher machten Mut, dass man auch anders schreiben konnte. Dass man sein Herz in die Hand nehmen konnte. Dass man es wenigstens versuchen sollte.

dichtergross

(Glumm bei der Arbeit, Zeichnung die Gräfin, ’94)

Auf 500beine: Die Fütterin

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