Verdammt in RS

Remscheid ist eine Nachbarstadt von Solingen, dunkel und unauffällig und von steilen Straßen durchzogen. Es gibt ein Röntgen-Museum, der berühmte Herr Röntgen ist nämlich in Remscheid geboren. Auch Litfass-Säulen sieht man dort. Der Herr Litfass kam aber nicht aus Remscheid.

Auf das leuchtend rote Plakat, das an der Litfass-Säule für die Erotik-Messe in Wuppertal wirbt, hat jemand ein ausgelutschtes Kaugummi geklebt, und zwar exakt in den Schritt der anschmiegsamen Dessous-Lady. Vor der Litfass-Säule steht ein warm eingepackter Knirps, der selbstvergessen in der Nase bohrt und sich das Plakat anguckt, als seine Frau Mutter aus dem Supermarkt tritt, bepackt wie ein Sherpa des Kapitalismus.

„Yannick!“ ruft sie ihren Sohn bestürzt zur Ordnung, „Yannick-Eberhard!!“

Ich betrete das Eis-Cafe mit Blick auf die zugeschneite, steile Fußgängerzone.
„Mein lieber Mann“, schnauft die alte Frau, die mir gegenüber sitzt. Sie trägt eine Mütze mit einem dicken blauen Bommel und einen stabilen Mantel. „Mein Bruder Valentin hatte am Valentinstag Geburtstag. Aber der ist längst tot, der Arme.“

Sie nimmt zwei Bistro-Tischchen in Anspruch. Rechter Arm auf dem rechten Tisch, linker Arm auf dem linken Tisch, dazwischen sie auf der gepolsterten Bank. Zu ihren Füßen: ein aufgespannter Regenschirm, eine Handtasche und eine prallgefüllte Einkaufstüte, aus der oben eine Packung gefrorenes Kirsch-Eis hervorlugt.

„Ich hab ja gar nicht gewusst, dass Valentinstag ist. Guck ich eben in ein Blumengeschäft rein, in die Auslage, weißt du, liegen da lauter rote Herzen rum. Eine ganze Herzwiese voll.“
Hm, meint die mich? Spricht die mit mir?
Die italienische Serviererin bringt den Kaffee.

„Ja, der ist schon lange tot, der Valentin..“ Die Frau zündete sich eine Zigarette an. „Was soll ich zuhause, junger Mann? Ich hab gespült und aufgeräumt, was soll ich da. Hör mal, ich rauch seit 1936, und dann kam der Krieg. Nee, hör auf, mit dem Rauchen hab ich noch nie Schwierigkeiten gehabt, da gewöhnst du dich dran. Ich hab immer gearbeitet und immer geraucht. Aber ich paff ja nur. Keine Lungenzüge. Seit 1936, weißt du.“

Außer uns sind nur ein paar Italiener anwesend, in modischen Westen. Sie starren angestrengt in die Fußgängerzone.
„Hier läuft wenigstens schöne Musik. Nicht so wie dahinten bei den Russen.“
Die alte Frau mit der lustigen Bommelmütze holt einen kleinen Schminkspiegel aus ihrer Handtasche, in die sie flink zwei Zuckerstückchen verschwinden lässt. „Die mit ihrem Kasatschokk da hinten. Fräulein!“
Die Serviererin kommt.
„Guck mal.“ Die alte Frau drückt ihr den kleinen Spiegel in die Hand. „Schenk ich dir. Hab ich aus dem Theater in Paris. Musst du nur was sauber machen. Ist wie neu.“
Die Italienerin lächelt unverbindlich, nimmt den Spiegel, verzieht sich. Eine Weile ist Ruhe. Keine Musik, kein Geschnatter. Nur Geschirrklappern im Hintergrund, das Zischen der Espressomaschine. Aber wenn man zu laut nichts sagt, ist auch schlecht, denkt die alte Frau und fängt wieder an zu plappern.

Es klopft es an die Fensterscheibe. Draußen steht eine ausladende Spiegelei-Matrone und winkt.
„Hallooo..!!“
Schon ist sie zur Tür rein, mit einem Wusch Schneeluft.
„Warst du einkaufen?“ fragt die alte Frau. „Mein lieber Mann, was hast du denn da alles eingekauft.“
Die Neue setzt sich dazu, mit Unmengen Tüten und Täschchen.
Sie strahlt.
„Luise kommt auch gleich!“

Ich leg das Münzgeld auf den Tisch und will gehen, aber so einfach ist das nicht. Ich finde keinen Ausgang. Überall Taschen, Tüten, Wortschwall.
„Junger Mann!“ ruft die italienische Serviererin. „Hier lang!“
Sie führt mich die zwei, drei Meter zur Tür und lächelt verhalten, als ich auf die Fußgängerzone trete, in Remscheid.

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