RSV Kohlfurth: Zum 100jährigen Bestehen einer untergegangenen Legende

“He, schiess her!” sag ich.

Der Junge zögert. Erst als er meine O-Beine ausmacht, die mittlerweile gar keine echten O-Beine mehr sind, eher zwei Satzzeichen, Klammer auf, Klammer zu, (es reicht jedoch, um noch den alten Fußballer erkennen zu lassen: dreimal die Erde umrundet mit dem Leder am Fuß), da endlich wirft mir der Junge die Pille zu. Im halbhohen Bogen.

Ich stoppe sie mit dem Oberschenkel, lass sie tänzeln, fünf, sechs Mal, links, rechts, rechts, dann abtropfen und per Dropkick zurück an den Absender, schön trocken, wie eine Frikadelle vom Tresen des Vereinslokals. Das ist natürlich nicht ohne Risiko, mit Fünfzig einen Lederball auf dem Oberschenkel tänzeln zu lassen, so aus dem Stegreif und dann per Kunstkick zurückzubefördern, ohne sich zuvor warm zu machen. Ohne die Muskeln zu lockern. Ohne sich ein bisschen einzufinden in die plötzliche Fußballsituation, eine Situation, wie ich sie unzählige Male erlebt habe – nur eben in jüngeren Jahren.

Die Mistpille könnte ja schon nach dem ersten Tänzeln vom Oberschenkel rutschen und plump zu Boden fallen, wie eine dicke fette Kartoffel, und dann steht man da, ein Anfänger, dem das Blut zu Kopfe steigt, ne knallrote Bombe mit Fünfzig, im günstigsten Falle. Weniger günstig: ein doppelter Bandscheibenvorfall, der einen bis ans Lebensende jeden Morgen beim Aufstehen an diese wehmütige kleine Einlage erinnert.

Mit anderen Worten: Ich sollte es lieber sein lassen. Aber ich kann nicht anders. Kommt mir ein Ball unter die Augen, muss ich handeln. Zumeist handelt ohnehin der Ball. Er sucht mich auf. Ich bin sein Magnet.

Ich bin sein Mekka.

Es ist schon Standard. Wenn ich zufällig irgendwo hergehe, wo gebolzt wird, dauert es keine dreißig Sekunden und der Ball rollt auf mich zu. Schön, vielleicht muss ich einen halben Schritt nach links oder nach rechts machen, um ihn annehmen zu können, aber im Ergebnis rollt er in meine Richtung. Direkt auf mich zu. Ein Orakel. Denn tut er es nicht, weiss ich sofort, es ist etwas nicht in Ordnung. Da stimmt was nicht mit meinem Leben. Dem Ball.

Der Spielfreude.

Der Keeper, Susanne Eggert, 2012

Fußball.

Wir spielten auf den weiten saftigen Wiesen der Hasseldelle, bevor dort die Neue Heimat frech ihre grauen Hochhäuser aufschlug. Erst stellten sie mich ins Tor, die Großen, weil ich noch zu klein war, um im Feld mitspielen zu können, „der wimmelt uns nur zwischen den Beinen rum“, doch dann durfte ich als Torwart mein Debüt geben und sprang von Pfosten zu Pfosten wie ein Flummi, hielt die unmöglichsten Bälle, ich war sechs Jahre alt. „He, der kann ja richtig was.“

Danach durfte ich im Feld mitspielen.

Ich war ein dreister Dribbler. Ein Fummelkopp. Beine anderer Jungs waren für mich nichts als gegnerische Stangen, die es zu umkurven galt, so eng und elegant wie möglich. Wäre ich im Friaul geboren wie der mütterliche Zweig meiner Vorfahren, aus mir wäre ein alpiner Slalomfahrer geworden. Ein Risiko-Bergsteiger, ein echter Sherpa-Bescheißer.

Als ich sieben wurde, meldeten mich meine Eltern in der E-Jugend des RSV Kohlfurth an, und ich blieb bis zu den A-Junioren, da war ich achtzehn. Ich spielte alle zehn Jugend-Saisons durch. Den vereinseigenen Platz konnte man von unserer Wohnung in der Hasseldelle aus sehen, vom Küchenfenster aus. Da unten lag das Spielfeld, im Kohlfurther Kessel, Entfernung Luftlinie einen Kilometer, bei Nebel zwei. Ein Fußballplatz wie ein Versprechen.

Eine Verheißung.

Sonntagnachmittag stand ich mit dem Feldstecher von Carl Zeiss am Fenster und guckte mir ein Heimspiel unserer 1. Mannschaft an. Winzige Figuren in bunten Trikots, die sich merkwürdig geräuschlos bewegten. Das wurde schnell anstrengend und ich ging lieber vor die Tür, irgendwo ein Eins Null schießen. Das war besser. Das tat gut. Das war mein Metier.

Dummerweise war ich eine Monokanone, ich hatte von Anfang an nur einen rechten Fuß. Mit links ging so gut wie gar nichts. Mein linkes Bein war bloßes Standbein, wie bei einer Tipp-Kick-Figur war es nur dazu da, damit ich das Gleichgewicht hielt. Das war auch der Grund, warum ich es laut Ekki, unserem Trainer in der A-Jugend, bei allem Talent niemals in den bezahlten Fußball geschafft hätte. Man mußte auch damals schon beidfüßig unterwegs sein. Und ich hatte nur einen rechten Fuß und wenig Lust, den linken zu trainieren. Bei allem anarchischen Anstrich, ich war schon früh konservativ.

Der RSV war ein Arbeiterverein, beinahe britisch in seinem trotzigen Stolz.

Als Rasspe Sport Verein Kohlfurth ging der Club im Jahre 1909 aus dem Betriebssport hervor. Rasspe, ein mittelständischer Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen, führte im Firmen-Emblem einen Pfeifenkopf, der vom höchsten Schornstein aus den Kohlfurther Kessel bedampfte, an der Stadtgrenze zu Wuppertal. Spötter tauften den RSV daher „Ormsnut“, Solinger Platt für:

Atemnot.

Dass ich im Gegensatz zu meinen Mitspielern keine Schlosserlehre bei Rasspe absolvierte, sondern das Gymnasium besuchte, wurde mir so erst bewusst, als unsere Klasse kurz vor der Mittleren Reife eine Betriebsbesichtigung bei Rasspe durchführte. Da standen also meine Teamkameraden im Blaumann an ölverschmierten lärmenden Pressen, während ich reichlich schnöselig daherkam in meinen Gary Glitter-Jeans, umgeben von Mitschülern, deren Eltern zum Teil so vermögend waren, dass sie Sporting Lissabon einfliegen ließen für das gelungene Sportabzeichen ihres 16jährigen Sohns Uwe Carl-Rainer.

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Der RSV-Platz war eine Rarität. In der Mitte schwarze Asche, (später rote), an den Rändern Rasen. Nicht Fisch, nicht Fleisch, oder Fisch und Fleisch, ganz wie man will, jedenfalls ein gottverfluchter Acker, gefürchtet bei den Gastmannschaften, die mit dem Belag nicht klar kamen. Ich hab heute noch schwarze Aschekörner in den Knien, von den vielen Heimspielen.

Die seltsamen Platzverhältnisse hatten aber auch ihr Gutes. Weil man als Spieler automatisch danach strebte, aufs weiche Gras am Spielfeldrand auszuweichen, zog unser Team ein offensives Flügelspiel auf. Ich wartete als Vollstrecker in der Mitte bis die Pille kam, und dann – paff! Wie mein Onkel Fitting!

„Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt den Lockenkopf decken!“ war der Spruch, der mich durch die Jugend begleitete, bis die krausen Haare glatter wurden und ich keine Tore mehr erzielte, weil ich am Abend zuvor wieder mal irgendwo versackt war.

Eine weitere Kohlfurther Besonderheit: Vereinsheim und Umkleidekabinen lagen gut einen Kilometer vom Platz entfernt. Dazwischen Felder und Rübenacker, die vor allem im Winter zu Schlammwüsten mutierten. Manch ein Team war schon erledigt, bevor es unseren erbarmungswürdigen Nicht-Fisch, Nicht-Fleisch Platz erreicht hatte. Wir waren schon eine gefürchtete Heimmannschaft.

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Die widrigen Platzverhältnisse und ein für die damalige Zeit hoher Ausländeranteil, (italienische und türkische Väter, die bei Rasspe ranklotzten, meldeten ihre Söhne beim RSV an), sorgten dafür, dass der Club nicht gut gelitten war. Für einen Gegner wie Union Solingen, im 15 Kilometer entfernten Stadtteil Ohligs beheimatet und schon von der Mentalität eher zu Düsseldorf gehörend, bedeutete ein Auswärtsspiel in Kohlfurth eine Reise nach Germanien, zu den Urvölkern, eine Partie bei den Schmuddelkindern, „die haben Messer im Stutzen! Die jagen uns durch ihren Kuhdung!“

Wirklich verfeindet waren wir mit der 1. Sportvereinigung aus dem Stadtteil Gräfrath, deren Jungs stets in blütenweißen schmucken Trikots aufliefen und vor Arroganz kaum aus den Stutzen kamen. Für sie waren wir die Prolls aus der Nordstadt, die Kohlfurther Juffen, während sie für uns nur Bubis darstellten, die sich von Mutti noch den Bauch waschen ließen. Wir hassten die 1. Sportvereinigung, sie hassten uns. Eine faire Angelegenheit, es wogte hin und her.

Zu den magischen Momenten zählte der Freitagmittag, wenn daheim die Postkarte im Briefkasten lag. Absender: RSV Kohlfurth. Inhalt: Spielort, Anstoßzeit, Treffpunkt des nächsten Punktspiels. Nun war das alles während des Trainings unter der Woche bereits bekanntgegeben worden, doch erst die Postkarte mit der abgestempelten Briefmarke Freitagmittag im Briefkasten machte es offiziell: Ein Match stand an. Der Countdown lief. Fußballschuhe putzen, (oder 50 Pfennig in die Mannschaftskasse, wenn man mit dreckigen Tretern zum Spiel erschien), abgenudelte Schraubstollen auswechseln, IST DAS TRIKOT GEWASCHEN, MUTTI, mit Wiwi Wupperbusch, unserem Rechtsaußen, Hassgesänge auf die 1. Spvgg. einstudieren, im Kanon.

Mein Lieblingstrainer war Ekki, in der A-Jugend. Mit Ende zwanzig war er gerade mal zehn Jahre älter als wir, er nahm uns Jungs ernst, er hatte ein Händchen für uns.

Ein Spiel ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war gegen Ende der Saison, es ging um alles oder nichts. Aufstieg in die Niederrheinliga, wo Fortuna Düsseldorf und der Wuppertaler SV warteten, oder ein weiteres Jahr gegen Blau-Weiss Wald und die Sportfreunde Witzhelden. Konkurrent um den Aufstieg war der Sportclub Reusrath mit dem kuriosen Trainer Zimmermann, der eine Stimme hatte wie ein Huhn und auch so aussah, mit seinem dürren langen Hals.

Wenn wir zum Auswärtsspiel nach Reusrath fuhren, in der üblichen Wagenkolonne, krähte und gackerte es aus den Seitenfenstern, bis wir die Auffahrt zu den Umkleidekabinen erreichten. Dann war schlagartig Stille, wir hielten die Luft an. Da stand er, Zimmermann, das eiserne Huhn. Er führte ein straffes Regiment mit seiner hohen Hühnerstimme, die wie eine Sirene durch Reusrath hallte.

„MENSCH, MANNI!! DU TRIFFST KEINEN MÖBELWAGEN AUS ZWEI METERN!“

„DIE PILLE VERHUNGERT JA! DIE KRIEGT UNTERWEGS JUNGE!!“

Ein Huhn mit Autorität.

Ekki nahm mich vor dem Match beiseite. Ich sollte nicht nur die Nummer 10 des Gegners mattsetzen, sondern auch das eigene Spiel ankurbeln. „Trainer“, sagte ich, „das schaff ich nicht.“ Zwar hatte er mich im Laufe seiner Amtszeit schon vom Sturm ins Mittelfeld zurückbeordert, was überraschend gut funktionierte, doch dem Spielmacher der gegnerischen Mannschaft auf den Füßen stehen und den Ball in den eigenen Reihen verteilen..?

„Glummi“, sagte er, „du machst das. Das ist dein Spiel.“

Ohne dass Ekki je darüber gesprochen hätte: Er war hochrangiger Manager bei einem renommierten Solinger Schneidwaren-Unternehmen. Kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag fiel er in der Kantine tot vom Stuhl. Einfach so. Das Herz. Der Stress. Die Beisetzung fand 2003 an einem klaren blauen Wochentag statt. Ein Schwarm Kraniche zog hoch über den Parkfriedhof, als ich am offenen Grab stand und mich fragte, warum zum Teufel niemand „Hintermann!“ ruft, wenn der Tod daherkommt, auf seinen schwarzen Tretern, damit man weiß, aha, da isser. Da kommt er. Von hinten. Und man schnell noch die Biege machen kann.

Das Entscheidungsspiel beim SC Reusrath endete unentschieden, was uns nicht weiterbrachte. Wir hätten gewinnen müssen, um in die Niederrheinliga aufzusteigen. Dennoch war es das Spiel meines Lebens, an diesem Nachmittag. Ich rannte mir die Blutkörperchen aus dem Leib, ich verteilte die Lederpille wie eine ehrgeizige Stationsschwester auf der Chirurgie, ich riss das Trikot der gegnerischen Nummer 10 noch in hautähnliche Fetzen, als die Hühner des Herrn Zimmermann in ihrem Bretterverschlag längst den Aufstieg feierten.

Einige Jahre zuvor, in der D-Jugend, war es noch andersrum gewesen. Auch damals konkurrierten wir mit Reusrath um den Aufstieg in die Bestengruppe. Kurz vor Ende der Begegnung wurde uns ein Elfer zugesprochen, und ich als Mittelstürmer und Torschützenkönig machte mich ans Werk. Und dann trat ich mit meinen zwölf Jahren mehr in den Boden als vor den Ball. Die entsetzten Aufschreie meiner Kameraden im Rücken schaute ich dem Lederball hinterher, der feixend in Richtung Torwart holperte, es sich kurz vor der Linie aber anders überlegte und eine grobe Unebenheit des Platzes nutzend von einem Hubbel abhob und dem verdutzten Keeper durch die fangbereiten Arme glitt: 1:0!

Wir waren Meister!

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Unser erster Trainer in der E-Jugend hieß Alfred Schütz. Ein untersetzter 60jähriger Schlosser mit Schiebermütze und riesigen Ohren, der uns Knirpse nicht gerade mit Samthandschuhen anfasste. Das waren Kohlenschlepperfäustlinge, mit denen er uns bearbeitete und beknetete und beschimpfte, wobei Kohlenschlepper niemals Fäustlinge trugen, wir wurden also von einem unechten Kohlenschlepper mit riesigen Ohren und schlimmen Blähungen trainiert: es spotzte wie ein defektes Heizöfchen, wenn er an der Seitenlinie stand.

Den dicken Duce hatte Trainer Schütz besonders auf dem Kieker. „Duce, fauler Hund!“ rief er und seine riesigen Ohren wackelten wie Hausschlappen. „Duce, Duce, Duce…! Dir kann man beim Laufen die Schuhe besohlen!“ Duce war ein kleiner dicker Sizilianer, dem ich im Februar 1987 die erste Begegnung mit der Gräfin verdankte. Er sah ein bisschen so aus wie Honore de Balzac, wenn Honore de Balzac wie der Duce ausgesehen hätte. Ein freundlicher Vogel, übergewichtig, ein bißchen verschroben.

So wie es sich gehörte, beim RSV.

Dann war da noch Tempelmaier, der Trainer, der uns nur eine halbe Saison lang gecoacht hat, es muss in der B-Jugend gewesen sein. Ein Volltrottel vor dem Herren. Von nichts eine Ahnung, aber immer am Plappern. Bei Heimspielen lief Tempelmaier nervös hinterm Tor auf und ab, ein langes Elend, dem der Wind das dünne Haar zu einer Sturmfrisur hochbrutzelte, die er verzweifelt in den Griff zu bekommen versuchte, indem er das Haar platt drückte bis zur nächsten Böe. „Kommt heiß aus der Sahara, der Wind!“ plapperte er und niemand hörte hin. Als Geschäftsmann sorgte er mit ein paar Hunderten in die Vereinskasse nicht nur dafür, dass sein hüftsteifer Sohn Achim als Vorstopper einen Stammplatz in der B-Jugend genoss, er schusterte ihm sogar Berufungen in die begehrte Niederrheinauswahl zu.

Am Wochenende fuhren sie gerne auf die Königsallee nach Düsseldorf. Da hockten Tempelmaier und Sohn Achim dann zwischen den einheimischen Bonzen und Schickimickis und furzten vorstädtisch ins Gestühl.

Irgendwann in den späten Neunzigern hab ich sie wieder gesehen, Vater und Sohn, in einem schäbigen Kiosk am Stadtrand, den sie übernommen hatten. Das ganze war ihnen so peinlich, sie taten, als hätten sie mich nicht erkannt. Ich ließ mich aber nicht lumpen und kaufte eine schöne Tüte Süßigkeiten, für fünf Mark. Aber nur süß-sauer, Herr Tempelmaier! Ohne Lakritze!

„Die schmiert immer so von innen!“ lachte ich.

Der Keeper, Susanne Eggert, 2012

Da die Jugendspiele meist am Samstag stattfanden, hatte ich sonntags Zeit, um mir die Senioren anzugucken. Dummerweise krebste die erste Mannschaft des RSV in der 2. Kreisklasse herum, das war uninteressant, also ging ich fremd: Alle vierzehn Tage zum Heimspiel der ersten Mannschaft der verhassten 1. Sportvereinigung 03..

Die spielte damals Oberliga und hatte einen schlagkräftigen Anhang. Tausend Zuschauer an der Nibelungenstrasse waren keine Seltenheit. Der Platz hatte einen Belag aus roter Asche, und die Zuschauer standen dicht gedrängt hinter den Geländern, die mit Werbetafeln bestückten waren und einen Höllenlärm verursachten, wenn Hunderte von Zuschauern mit den Fäusten gegen das Blech boxten, und feste Schuhe hatte man ja auch an, besonders im Winter.

Der harte Kern der Fans war bewaffnet mit Fahrradhupen, deren blanke metallische Töne aus den Stadien heutzutage gänzlich verschwunden sind. Ausgestorben.

Wenn im Nachtprogramm gelegentlich Wiederholungen laufen von legendären Fußballschlachten der 70er Jahre, dann hört man es noch mal massenhaft von den Rängen hupen, als hätten dort 50.000 Herrenfahrräder gesessen, und nicht Zuschauer.

Diese Sonntage an der Nibelungenstrasse gehörten mir ganz alleine. Ich war elf Jahre alt und ging alleine hin und blieb während des ganzen Spiels alleine, selbst wenn der nächste Angriff der 1. Sportvereinigung roten Staub aufwirbelnd aufs gegnerische Tor zurollte und ich in meine Tröte blies.

Nach dem Match ging ich allein in die überfüllte Vereinskneipe und holte mir eine Schachtel Pommes rot-weiß, ohne mit irgendjemand ein Wort zu wechseln. Und dann ging ich alleine nach Hause. Ich war vielleicht nie wieder alleine so glücklich wie an diesen Sonntagen, die so einsam und turbulent zugleich waren. Introvertiert und doch mittendrin, das war das Leben, das mir gefiel, selbst an einem Sonntagnachmittag in Gräfrath, beim verachtenswerten Intimfeind.

*

2009 hätte der RSV sein hundertjähriges Bestehen gefeiert. Honoratioren wären „Ri, Ra, Rau, Er, Es, Vau!“ skandierend noch aus dem letzten Kohlfurther Fachwerkhäuschen gekrochen, um der Legende zu gratulieren, doch es sollte nicht sein.

Da der Platz dem Ausbau des benachbarten Kühlhauses der Frischdienst-Zentrale im Wege stand, die das Gelände aufgekauft hatte, löste sich der Verein Ende der 90er Jahre auf. Bitter: zu dem geplanten Ausbau kam es nie, die Frischdienst-Zentrale zog nach Wuppertal.

So liegt der alte RSV-Platz heute verlassen da, eine verwilderte Pferdekoppel, ohne Pferde. Quasi im vorauseilenden Gehorsam hatte die damalige Vereinsführung den RSV ausradiert für immer. Und dagegen protestiere ich jedes Mal scharf mit rechts, wenn mir eine Pille über den Weg läuft.

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3 Gedanken zu „RSV Kohlfurth: Zum 100jährigen Bestehen einer untergegangenen Legende

  1. Pingback: 2011 in review « Glumm

  2. Mann o Mann, da kommen Erinnerungen hoch. Ich habe es in all den Jahren nicht für möglich gehalten, das mich irgend etwas oder irgend wer an Solingen positiv erinnern wird können. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich beim TSV Aufderhöhe jemals gegen den RSV gespielt habe. Ich glaube nicht. Das war noch D und C Jugend.

    Aber ehrlich, Ohligs als „Düsseldorf-affin“ wahrgenommen zu haben, ich weiss nicht. Süllingen-Ülligs habe ich ganz anders in Erinnerung. Da waren mehr Malocher, schräge Typen, schräge Kneipen, als viel zu oft für manchen von uns, gut war. Sicher hatten wir Bremshey da wohnen, aber sonst….

    Jedenfalls, vielen Dank für deine Erinnerungen, die mich tatsächlich einfingen und nicht so schnell wieder loslassen werden….

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