Ecke Kasino und Goerdeler Strasse

An der Ecke Kasino und Goerdeler Strasse, wo ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran erinnert, dass dort mal ein Briefkasten gehangen hat, finde ich einen Zettel auf dem Boden. In Schreibschrift verfasst. Doch in dem Moment, wo ich ihn lesen möchte, bleibt eine alte Frau vor mir stehen. Eine alte Frau mit einem Pudel an der Leine. Direkt vor mir. Als wären wir gut miteinander bekannt. Als liessen wir täglich unsere Hunde miteinander raufen und plauderten dabei.

„Was hab ich mich hier.. heut morgen.. böse hingelegt“, sagt sie schleppend. Eine resolute alte Dame. Sie hält sich die Backe. Die ist etwas gerötet und geschwollen.

„Ich hab beim Arzt angerufen und einen Termin gemacht. Das ist so nah am Auge, kriegt man doch Angst. Nicht, dass das noch wandert. Ist nicht ungefährlich. Nicht wahr?“

Unsere Hunde stehen sich unbeteiligt auf dem Trottoir gegenüber; zwei Weibchen, die sich gegenseitig der Teilnahmslosigkeit bezichtigen. Sie hecheln sich an. Der Hund der alten Dame ist ein Pudelweibchen, das wie eine träge dicke Frisörin aussieht.

„Was äh ist denn passiert?“ frage ich höflich. Obwohl ich die Frau noch nie gesehen hab. Aber wenn einem eine alte Frau erzählt, dass sie auf die Fresse geflogen ist: zuhören, Hilfe anbieten. Da hab ich so gelernt. Schließlich könnte es die eigene Mutter sein, der so etwas zustößt, und dann möchte ich dich mal sehen! Ein Fremder, der Ohr und Hilfe verweigert!

„Was passiert ist!?“ jammert sie und hält sich die Wange. „Dahinten, wo es so eng ist, bei dem Haus.. mit den Schindeln, da.. da ist.. es passiert.“ Sie spricht, als stünde sie unter Beruhigungsmedikamenten. Oder unter Schock. „Da ist.. der Gehweg so eng, man passt als.. Fußgänger doch kaum alleine drauf..“

Frau Moll schaut zu mir hoch, mit diesem strengen, fast schon tadelnden Gouvernanten-Blick: He Chef, nun mach mal hinne, ich hab wirklich keinen Nerv stundenlang mit der fetten Frisöse rumzustehen! (So was Arrogantes, denk ich. Und auch die Pudeldame erregt sich: Frisöse!? Selber Flittchen!)

„Und dann kommen mir auch noch zwei Schülerinnen entgegen, auf dem engen Stück vor dem.. Haus mit den Schindeln. Aber meinen Sie, die machen Platz, die beiden Flegel?! Puste..kuchen! Nichts.. da! Da muss ich arme alte Frau mit kleinem Hund auf die vielbefahrene Strasse ausweichen, und schon ist es passiert..! Bleib ich mit dem Absatz an der Bordsteinkante hängen, und stolpere. Sind ja überall.. so ähm Schlaglöcher hier.. auf der Strasse. Die von der Stadt machen ja.. was sie wol..len.“

Zornig dreht sie ihr Gesicht zur Seite. Ich sehe eine ziemlich dicke Backe, die sich lila verfärbt. Villa Hügel, denk ich.

„.. und glauben Sie, die zwei Mädchen hätten.. mir hochgeholfen? Im Leben.. nicht! Die treten noch drauf! So sind sie doch, sogar die jungen Mädchen!“

„Na ja, es sind ja nicht alle so..“, verteidige ich die Jugend von heute, ein Impuls, der mich stets überkommt, wenn Teeanger etwas anstellen. Vermutlich, weil ich mich selbst noch als Jugendlicher fühle, oder zumindest als Erwachsener, der ständig und überall sein Kinderzimmer mitnimmt, wohin er auch geht.

Was ich allerdings an aktuellen Halbwüchsigen vor mir sehe, sind bloß zwei schwarzgekleidete Pokemon-Freaks, die ihr Fotohandy über die gestürzte Alte schwenken, damit sie auch später noch was zu lachen haben, wenn sie zuhause sind und ihre Bilder-Beute herumzeigen.

„Ich bin auf dem Weg zum Arzt, nicht, dass die Beule noch wandert. Ist ja so nah am Auge.. Ach, wenn doch nur meine kleine Micky dabei gewesen wäre, die hätte niemand an mich rangelassen, da wäre mir.. nichts passiert, die hätte mich verteidigt. Nicht wahr, kleine Mikki?! Tapferes kleines Mädchen. Jetzt bist du auch noch scheinschwanger geworden, von all der Aufregung heute.“

So direkt angesprochen, macht die Pudeldame einen Schritt zur Seite. Ihre rosa Zitzen schleifen dabei über den Boden, wie Schnürsenkel, die zu lang und schlaff geraten sind. Dann wackeln Frau und Hund davon, ohne sich zu verabschieden. Aber warum auch, wir kennen uns ja gar nicht.

An der Ecke Kasino und Goerdeler Strasse, in Höhe des alten Briefkastens, beziehungsweise wo früher einmal ein Briefkasten montiert war und jetzt nur noch ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran erinnert, falte ich den Zettel auseinander, der auf dem Boden lag, und lese einen Brief, in Schön-Mädchen-Schrift.

Liebster,

wir haben gleich 4 Std. Deutsch scheiß Blockunterricht, und ich könnte soo wegpennen. Hoffentlich klappt das morgen mit Nico. Der ist ja dann sowieso wieder total bekifft. Na, wer kennt ihn schon anders.. Hauptsache, morgen abend klappt alles und wir können schön einen ziehen.

Aber lass uns nicht wieder streiten, wenn wir breit sind, Liebster! Lass uns lieber zu den Laubenpiepern gehen und einen Quickie schieben. Ich hab morgen sowieso mein Kleid an. Ich mach mich richtig schön für dich.

So, jetzt muss ich wieder rein, Deutsch wartet.  4 Stund. scheiß Blockunterricht! Vielleicht hast du recht, und wir beide sehn uns zu oft, aber ich mag dich eben. Nein, nein, nein: ich liebe Dich!! Bis morgen um 6 bei Nico.

Deine Nina

P.S.: Muss ich noch schnell erzählen. War gestern mit Mel in der Stadt. Als wir nach Hause wollten, kommt ne alte Frau uns entgegen und ist hingefallen. Einfach so. Die lag eben da und hat uns angeschrieen, wir wären asoziale FOTZEN (!!), warum wir nur rumstehen und nicht helfen, dabei wollten wir ihr grade hochhelfen. Danach natürlich nicht mehr, wo die uns angebölkt hat. Mel hat noch so getan, als wollte sie der Tante einen Buckel treten. Völlig malle.