Zwei schwarze Babes (u.a.)

„Du kannst deiner Bestimmung nicht entgehen“, sagt die Gräfin. „Das Schicksal hält dich wie an einem Gummiband, es läßt dich mal hierhin, mal dorthin ausreißen, sogar mal einen halben Meter weit, wenn du Glück hast, doch letztlich kehrst du immer zu deiner Bestimmung zurück.“

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Mein Gehirn, ein Ferienkomplex, und es handelt sich nicht um Ferien auf dem Lande, meine Damen! Aber eine Maisonette in City-Lage, top ausgestattet und technisch auf dem neuesten Stand, das wiederum ist es auch nicht. Ach, ich weiß nicht. Sind das überhaupt Ferien in meinem Gehirn? Oder handelt es sich bloß um einen riesigen versauten Komplex? Verdammt.

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Nee, das letzte halbe Jahr ging ich nicht mehr zur Schule. Ich stand morgens auf, wenn auch selten zur ersten Stunde, packte ein paar Schulsachen ein, nicht zu viele, damit die Tasche nicht zu schwer wurde, und machte mich auf die Socken.
Die meiste Zeit verbrachte ich in der Stadt. Ich trödelte durch die Plattenabteilungen der großen Kaufhäuser, oder ich saß im Stonns rum, einer winzigen zweistöckigen Hardcorekneipe neben dem Tchibo. Ab und zu trank ich ein Bier, doch meist hockte ich einfach am Tresen und guckte zur Tür raus. Ich wartete, dass Freunde kamen, ich wartete, dass James gute Musik auflegte, ich wartete auf den dicken Hellmann, den man so schön aufziehen konnte, ich wartete, dass es Mittag wurde, Schulschluß, und ich nach Hause gehen konnte.

Wenn ich ein bißchen zu kiffen hatte, verdrückte ich mich ins Grüne und schrieb ein Gedicht. Einmal saß ich auf Bauer Potts Wiese, es war Frühling. Von Potts Wiese aus hat man einen grandiosen Rundumblick über die Stadt und die Wupperberge bis rüber nach Wuppertal und Remscheid. Ein warmer Wind strich durchs hohe Gras, die Sonne schien. „Ringsum entblößen sich die Käfige“, begann das Gedicht. Das war glaub ich der Tag, an dem ich beschloss, Dichter zu werden.

Meine Eltern wussten nichts davon. Dass ich nicht mehr zur Schule ging. Dass ich schon seit Monaten nicht mehr dagewesen war. Ich war volljährig, ich schrieb meine Entschuldigungen eine Zeitlang selbst, dann keine mehr. Als der Brief vom Gymnasium kam, fielen meine Eltern aus allen Wolken und schlugen hart auf. Warum hast du nie etwas gesagt? Warum bist du so ein Heimlichtuer geworden? Nimmst du Drogen? Was soll werden? Vielleicht ein Dichter, sagte ich. Ein Schreiber. Schreiben. SCHREIBEN? fragte mein Vater. Er fragte nicht laut. Es war nur so, er hatte es nicht verstanden. Vielleicht auch nicht, sagte ich. Ich brauche Ferien. Ich fahre weg. Karlos fährt mit, sagte ich. Der war schon lange aus der Schule raus und schlief bis mittags. Er las meine Gedichte. Es konnte losgehen.

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Natürlich kann eine Situation gelingen wie eine gute Mahlzeit: a la minute. Aber wenn man gar nicht darauf hinarbeitet, wenn man also, im übertragenen Sinne, gar nicht gekocht hat und am Abend steht dennoch eine selbst zubereitete Speise auf dem Tisch, auf den Punkt gewürzt und alles, dann fasst man sich schon an den Kopf, „das gibt’s doch gar nicht!“ Ist mit den üblichen Maßstäben kaum zu vereinbaren. Zauberei. Alchemie. Aber es kann auch anders kommen. Ganz anders.

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Ich hatte ein Date mit Ringo. Ich war spät dran. Vorm ehemaligen Wienerwald-Restaurant, das einem Irischen Pub gewichen war, überquerte ich den Zebrastreifen und hörte plötzlich diese forsche Frauenstimme, “helloo..!“, oder hey!

Ich blieb stehen und guckte hoch. Zwei, drei Etagen überm Irish Pub drängelten sich zwei Frauen am Fenster und winkten. CUM UP! Zwei schwarze Frauen. Meinten die mich? Es war laut. Autoverkehr. “Yes, you.. Must help! Just a minit! No problem! Okeh?!” Ich zögerte. Solingen war nicht Nairobi. Worum ging’s? “What you want?” Die beiden yappten wild durcheinander in ihrem Pidgin-Englisch, ein Lastwagen donnerte vorüber und nahm mir die Sicht, ich kapierte kein Wort. Okay, rief ich. Come down. Open the door.

Vorbei am Pub, staubige Ladenfenster, vergessene Konzert-Plakate. In den Siebzigern, als das noch ein Wienerwald gewesen war und man vom Bürgersteig aus den Gästen auf die Teller glotzen konnte, drückten wir Jungs unsere blanken Hintern an die große Scheibe und zogen die Arschbacken auseinander, “prä-sen-tiert die.. Rosette!!” Wir hatten unseren Spaß, die ihr Hendl.

Die Eingangstür zum Appartementhaus schnappte auf. Ein schwarzes Babe, lässig ein Kaugummi in Arbeit. Sie trug ein Top, unter dem sich mächtige Möpse abzeichneten, und rote, irgendwie abgeschnittene Leggings. “Schlampenfaktor 11” hätte Ringo auf den ersten Blick alle Punkte vergeben plus Bonuspunkt, “ein bißchen vulgär kann nicht schaden.” Ringo war vernarrt in harte Abzieher-Ladys. Er wartete sicher schon auf mich, Ecke Mühlenplatz. Eigentlich hatte ich hier nichts verloren. Mir lief schon leicht die Nase, Tröpfchen für Tröpfchen.

Ich folgte der Schwarzen die Treppe hoch, starrte auf ihren Hintern, der wie ein schlingerndes Beiboot die Stufen nahm. Erste Zweifel. Wartete oben ein Lude und knüppelte mich nieder? Im dritten Stock stand eine Zimmertür offen. Sie schlappte keuchend voraus, ich hinterher.
“Cum in!”

Die andere Frau stand mitten im Appartement, karg möbliert, es roch nach frischer Farbe. Sie trug afrikanische Tracht, ein weites Gewand. Im Fernseher lief MTV, ohne Ton. “Can u help?” Sie zeigte auf den Hi-Fi-Turm in der Ecke.
“Doesn’t wok”, sagte sie.
“Hm?”
“Da music doesn’t work. Look.”
Theatralisch drehte sie den Lautstärkeregler rauf und runter, aber die Boxen blieben stumm. “No sound”, wiederholte sie, “u hear?”

Ich ging in die Hocke. Im CD-Laufwerk hatte sich eine CD verklemmt, die Klappe ließ sich nicht öffnen. Auch das Radio funktionierte nicht. Kein Licht, alles tot. Warum? No idea, sagte ich. Ich zog hier am Stecker, ruckelte da am Kabel, fuhr die Antenne ein und aus. Die beiden Schwestern beobachteten mich so freundlich, als wären sie gerade vom Tanzen gekommen, bis das Babe, das mich abgeholt hatte, plötzlich laut wurde, in seiner Muttersprache. Kurz glaubte ich, aus dem anderen Zimmer des Appartements schlurfende Geräusche zu hören und bereitete mich auf einen Faustkampf vor, doch nichts geschah.

Sie guckten mich an, ich guckte sie an. Den Schwestern schien aufzugehen, dass der weiße Mann ahnungslos war von der Technik, und das Interesse erlosch. Beinahe hastig zogen sie sich ans Fenster zurück, drängelten sich aneinander und yappten zur Strasse runter, “hey you! Yes! Must help! Just a minit! No problem!”

Im Treppenhaus sprang ich die Stufen runter, wie ich es als Junge zuhause immer getan hatte: ich nahm je fünf Stufen auf einmal, wobei ich mich links und rechts an Wand und Geländer abstützte. Als ich an die Luft trat, sah ich Ringo auf der anderen Strassenseite, er starrte verblüfft nach oben. „..ich komm hoch,, Mädels..!“

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