Ringo

Heute vor zwei Jahren, am 22. Oktober 2007, starb (R)Ingo. Er wurde 46 Jahre alt. Seine letzten Worte: „Ich bin so müde.“ Dann schlief er ein und wurde nicht mehr wach.

Anfang November 2007.

Es war schon dunkel, als mich die Gräfin und Frau Moll zu Fuß vom Institut abholten, begleitet von einem Tross Glühwürmchen, die wie kleine, grüne Ufos der Trasse entlang blinkten.

„Glühwürmchen im November“, wunderte ich mich, „haben die kein Quartier?“, aber die Gräfin war mit den Gedanken woanders. „Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hast noch eine Stunde zu leben?“

Seit Ringo’s Tod ging er uns nicht mehr aus dem Kopf, der Tod. Mit welcher Nüchternheit er zuschlug. Und wieso es immer die Falschen traf. Obwohl, das stimmte ja nicht. Auch die Richtigen erwischte es, irgendwann.

„Ne Stunde? Ich würde mich erst mal ne Viertelstunde ärgern, glaub ich. Bliebe noch ne dreiviertel Stunde, genau eine Halbzeit. Lang genug, um noch ein Tor schießen.“
„Ein Tor? Wo?“
„Na, unten im Klauberg, auf dem alten Sportplatz. Wo jetzt Kunstrasen liegt. Ich würde ein paar Kumpel anrufen und sagen, macht schnell, ich hab’s eilig. Bringt eine Pille mit. So ne alte, aus richtigem Leder. Obwohl, nee, das dauert zu lang. Bis die Penner einen richtigen Lederball aufgetrieben haben, ist Schlußpfiff.. Tja, keine Ahnung. Was würdest du tun, wenn du noch ne Stunde hättest?“
„Nichts.“
„Wie, nichts?“
„Na, nichts. Einfach dasitzen und auf die Uhr gucken, wie sie schlägt. Und dann, kurz vor Ablauf, mich schnell verabschieden von allen, die ich liebe. Die paar.“
Sie zündete sich eine Zigarette an, und die grün blinkende UFO-Kolonne löste sich erschrocken auf, in alle Dunkelheit.
„Andererseits sollen die sich ja nicht aufregen. Also nee, ich weiß nicht.. Blöde Frage, eigentlich.“

Am nächsten Tag, elf Uhr fünfzehn. Eine Schiefertafel vor der kleinen Kapelle des evangelischen Friedhofs: „Trauerfeier Ringo G.“, mit weißer Kreide stand es geschrieben.

Was bleibt am Ende eines Lebens? „Er war ein Lieber, aber er war ein Armer“, sagte seine Mutter später. Mütter dürfen so etwas sagen, wenn sie weinen. Auch wenn sie nicht weinen. Mütter wissen Bescheid. Mütter wissen Bescheid, wenn sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben, sie wissen Bescheid, wenn ihr Sohn ein Guter war. Ein Lieber, aber ein Armer. Dabei war er gar nicht arm.

„Ringo war ein toller Typ“, kondolierte ich ihr hernach und drückte ihre überraschend warme Hand. Er war ein Aufrechter. Er hat sich niemals klein gemacht. Er hat sich nie für seine Sucht geschämt. Er hat sich nie für irgendetwas geschämt. Er hatte, was man so oft sucht und selten findet, er hatte Mumm.

An diesem windstillen Freitag im November 2007, als der Nebel sich einfach nicht auflösen wollte und die ganze Stadt aussah wie England, lag der Sarg, merkwürdig klein für so ein langes Elend, aufgebahrt in der Kapelle des evangelischen Friedhofs, den ich so gern als Abkürzung nutze, wenn ich in die Stadt gehe.

Es war eine große, ratlose Gesellschaft, die sich eingefunden hatte. All die Bekannten seiner 87jährigen, beinah blinden und wunderbaren Mutter, die ihm so sehr ähnelte, im Gesicht und von der Statur her, dazu Verwandschaft und Freunde, seine hübsche 24jährige Tochter, die Verflossenen und Mary, die Aktuelle, alle waren sie noch mal aufmarschiert. Selbst zwanzig verhuschte Junkies tauchten aus dem Nebel auf, einige mit Blumen in der Hand, und verschwanden nach der Trauerfeier wie sie gekommen waren, im Nebel.

Nachdem der Pfaffe seinen Psalm heruntergemümmelt hatte, wurde ein Ghettoblaster gestartet, verschämt aus der hintersten Ecke heraus. Das Stück hatte Mario, ein Bekannter, am Abend zuvor noch aus dem Internet gefischt – von einer Band namens MASTERS OF REALITY. Ringo hatte es sich gewünscht.
„Kenn ich nicht“, sagte ich zu Mario.
„Kannte ich auch nicht“, sagte Mario.

Was folgte, war wie ein groteskes, letztes Störfeuer von Ringo. Als baumelten seine langen Beine von Wolke 9 runter, die knallrote Ted Nugent-Gitarre geschultert. Kaum, dass der Song der Masters Of Reality eingesetzt hatte, eine harte Southern Rock Nummer, so wie Ringo es liebte, begannen die Glocken der Kapelle zu läuten, wie schepperndes Artilleriefeuer übertönten sie den Song, minutenlang. Selbst, als die CD längst gestoppt war, läuteten die Glocken munter weiter.

Ich sah die Gräfin an, die neben mir saß, auch sie wusste nicht, ob sie nun weinen oder lachen sollte – wir entschieden uns am Ende – für beides.

Was bleibt, am Ende? Was bleibt nach all dem Abstrampeln für ein Schäufelchen Anerkennung? Es bleiben Erinnerungen und ein allerletzter Wunsch, der nicht mehr in Erfüllung gehen sollte.

„Ringo wollte noch mal einen Drachen steigen lassen“, vertraute uns Mary an, seine letzte Freundin, die ihn morgens tot im Bett gefunden hatte. „Jetzt im Herbst.“ Wir standen mit leeren Augen vor der Kapelle, an diesem Freitag im November 2007, an dem nicht der leiseste Windhauch ging, an dem das Laub satt und mirabellengelb von den Ästen hing, an dem der Nebel nicht weichen wollte. Der Nebel.

*

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