Ich ging rein und setzte Kaffee auf

Eine Zeitlang jobbte die Gräfin als Auslieferungsfahrerin für einen Bio-Hof am Rande der Stadt. Der Firmenwagen, ein weißer VW-Sprinter, trug den Slogan BIO-HOF CLEMENTIN – IHR FRISCHE-BAUER und stand genau unter meinem Fenster, wenn sie am nächsten Tag Früh-Tour hatte.

Es war kurz vor Weihnachten, da weckte mich die Gräfin mit einem dampfenden Becher Espresso. Oh, wie freundlich.

„Monsieur“, sagte sie, „guck mal zum Fenster raus.“ Ich hörte schon das Scheppern der Schneeschaufeln, das Fegen der Besen. „Kannst du den Bus frei machen? Ich schaff das sonst nicht. Es ist schon sieben Uhr durch. Ich bin spät dran.“

Sie hatte Glück. Ich hatte im Unterhemd geschlafen, und Männer im Unterhemd sind immer auf dem Sprung.

Ich trank in Ruhe den Espresso und rollte mir eine Kippe. Die erste des Tages. Die Kreislaufkippe. Im Liegen.
„Kannst du die nicht draußen rauchen?“ rief sie aus dem Bad. Was Frauen so alles mitkriegten. Sogar das Lecken über den Klebestreifen eines Zigarettenpapiers morgens um kurz nach sieben im Osten der Wohnung.

Ich zog meinen Hut, die kanadische Platzwartjacke und Gummistiefel an. Frau Moll kam mit vor die Tür, natürlich. Sie hatte die Flocken längst gerochen und war kaum zu bändigen. Schnee war ihr König. Ihr unmittelbarer Vorgesetzter.

„Wenn du ein Schnitzel mit Kartoffeln riechst, wedelst du genauso“, meinte die Gräfin mal. Hunde und Männer, ist sowieso alles dasselbe.

Es war finster und lausig kalt an diesem Dezembermorgen, der Vollmond stand stramm am Himmel wie eine Kochmütze und tunkte den Kannenhof in eine überbelichtete Kulisse.
Die Gräfin tauchte kurz am Fenster auf.
„He! Du kannst später noch genug Fotos machen!“ signalisierte sie. „Mach hin und bummel nicht! Ich bin spät dran..!“

Ich war nicht der einzige Mann, der um die frühe Uhrzeit zum Schneefegen abkommandiert war. Von zig Hauswänden hallte das Gekratze der Abkommandierten wider, während Frauen im Zweitwagen den Berg hochschnurrten, langsam, beinahe nachdenklich, ob der Gatte nicht besser Schneeketten aufgezogen hätte.
Überall knirschte und knarzte es, und Frau Moll hüpfte frenetisch durch den zugeschneiten Vorgarten. Einmal versank sie so tief, dass nur noch die Nasenlöcher hervorlugten, wie zwei Pfefferstreuer.

Zuerst schaufelte ich die Hinterreifen frei, damit der Transporter überhaupt eine Chance hatte, vom Fleck zu kommen. Von hier unten, aus dem Sack der Sackgasse, brauchte es nämlich Anlauf, um es den steilen Berg hoch zu schaffen, der vom städtischen Räumdienst selten bedient wurde. Ich holte Handfeger und Eiskratzer aus dem Keller und beackerte den Wagen. Meine Lunge pumpte und rasselte, die Finger wurden steif vor Kälte und krebsrot. Als ich in den Außenspiegel blickte, stierte mich ein Yeti an, der zuviel Feuer eingeatmet hatte.

Zwanzig Minuten später war der VW-Bus von Schnee und Eis befreit. Der Wagen blitzte im Laternenlicht. Auch Frau Moll schien zufrieden.
„Tipptopp, Chef!“

„He..! Was machst.. du denn da..?!“
Die Gräfin stand vorm Haus und glotzte mich entgeistert an. Sie trug ihren blauen Admiralsmantel. Der war schön warm. Aber ein bißchen unpraktisch beim ständigen Ein-und Aussteigen.
„Na ja, nach was sieht das denn aus?“ erwiderte ich, doch ihre großen, halb belustigten Augen verunsicherten mich.
„Hast du dir den Wagen mal genauer angesehen..?“
Als ich mich umdrehte, begriff ich: da fehlte etwas. Und zwar der Werbeslogan. Der stand da nicht. Der stand nirgendwo. Auf der Strasse hatte jemand „Michi“ in den Schnee geschrieben, mit bloßen Fingern, „du bist fein“ und ein Herz. Das war alles. Kein Bio-Bauer Clementin weit und breit. Kein Frische-Bauer.

Die Gräfin stapfte ein paar Meter die Straße hoch. Sie blieb vor einem anderen eingeschneiten Transporter stehen, der mir zuvor nicht aufgefallen war, und schloss ihn auf. Alles ganz cool. Sie kletterte auf den Fahrersitz, gab Gas, wobei der Sprinter zur Seite wegrutschte wie eine Seifenkiste, dann fing er sich. Lässig winkend bretterte sie den Kannenhof hoch, wobei Unmengen von Schneehütchen vom Wagendach purzelten.

Ich stand da in Anorak und Gummistiefeln, fassungslos, und produzierte Atemwölkchen, als mich jemand müde von der Seite anmurmelte.
„Morgen..“
Ich kannte den Mann vom Sehen. Er wohnte irgendwo nebenan. Er schloss den weißen Sprinter auf, der scheckheftgepflegt unter meinem Fenster parkte. Als er losbrauste, auf nagelneuen Winterreifen, bekam ich etwas am Ohr ab. Mit steifgefrorenen Fingern fischte ich ein schmutziges Eisbröckchen aus meinem Haar, neben mir kugelte Frau Moll durch den Schnee. Unermüdlich, dieser Hund.
Ich ging rein und setzte Kaffee auf.

5 Gedanken zu „Ich ging rein und setzte Kaffee auf

  1. Pingback: Emsers Linkdump am Tach vor dem Feste

  2. Pingback: 2011 in review « Glumm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.