Neuschnee und Gerechtigkeit

Zehn Zentimeter Neuschnee über Nacht. Anwohner in Army-Stiefeln und feuerroten Warnwesten räumen die Gehwege, die sofort wieder zuschneien. Die  Räumgeschwindigkeit hält dem Fall der Flocken kaum stand. Flinke weiße Würmer gehen nieder. Ein Transporter hat sich verfahren. Er rollt bei ausgeschaltetem Motor den Kannenhof runter, rutscht weg, stösst an einem Bordstein an. Verschlucktes Andocken. Würde jetzt zufällig ein Schlitten ziehendes Kind daherkommen und überfahren werden, nichts wäre zu hören. Keiner würde etwas mitkriegen. Bis aufs das Knirschen des Holzes vielleicht.

Mittags spazieren wir mit dem Hund durchs winzige neue Industriegebiet am Gleisdreieck. Galvanotechnik hauptsächlich.

„Was ein schmucker Betrieb!“

Ein älteres Ehepaar schiebt sich den schnurgerade gefegten Weg entlang, Arm in Arm. Vor der großen Halle schippen türkische Mitarbeiter den Neuschnee zur Seite. Graue Aluminiumgesichter, es riecht nach Gummi aus weit geöffneten Hallentoren, die teuren Maschinen sollen ausatmen. Die Halle, keine drei Monate alt, besitzt keine richtigen Fenster, nur Einsparungen in den Wänden, in denen das einfallende Sonnenlicht seine Notdurft verrichtet.

„Das muss auch reichen“, meint die Gräfin. Sie trägt heute Hut. Die Krempe hängt durch vom vielen Schnee, er fällt zusehends nasser. „Endlich passt der Hut mal.“

Am Klauberg überholt uns ein Angeber auf einem Polarschlitten, gezogen von vier Huskies.

„Ho!!“

Wir gehen zur Seite, Frau Moll guckt desinteressiert weg. Juckt mich nicht, heißt das. Bleib mir weg mit Huskies. Keine zweihundert Meter weiter, die kleine Parkbucht. Da hat der Angeber seinen Pick-Up geparkt und der steckt im Schnee fest. Er kommt nicht heraus. Die Reifen drehen durch.

Eine Windböe bläst von der Seite, wie ein Hai, der aus dem Nichts kommend das Maul aufreißt, als die Gräfin und ich anschieben helfen. Früher hätte man gesagt, die haben ihren sozialen Tag. Das sind Pfadfinder. Die wollen Punkte sammeln. Was man heute sagt, weiß ich nicht. Ich brauche alle Kraft für mich. Da ist eigentlich nichts mehr übrig. Zum mal eben anschieben, wenn einer mit seinem Pick-up im Schnee feststeckt.

Die vier Huskies, vom Angeberherrchen auf der Wiese an einen Pflock angebunden und mit Dörrfleisch ruhig gestellt. Frau Moll kriegt eine Portion ab. Reicht aber nicht. Sie wimmert, weil sie mehr Dörrfleisch will, was die angeleinten Huskies, allesamt Rüden, zu wütenden Antwortattacken animiert. Der ganze Klauberg vibriert im Hundelärm, als die Wagenräder des Pick-Ups durchdrehen.

„Haltet die Fresse!“ brülle ich fünf Hunde an. Hunde kann man anbrüllen, die nehmen das nicht krumm. Die sind froh, wenn einer der Chef ist. Den Mund aufmachen ist wichtig bei Hunden. Oder Zeichen geben, mit der Hand den Mund aufmachen. Geht auch.

Was den Chef der Huskies anbelangt, den Mann hinterm Lenkrad, der ist ein Trottel. Er begreift nicht, dass unterm Schnee eine Eisschicht lauert, er gibt trotzdem Vollgas, und mit jedem Mal Vollgas bugsiert er die Räder nur noch tiefer in den Schlamassel. Zuletzt zerfetzt er selbst die beiden Gummimatten, die wir unter die Hinterreifen gelegt haben, für eine bessere Haftung.

„So ein Trottel.“

Ich meine, das weiß doch jedes Kind, Motor langsam kommen lassen, und dann – meinetwegen – Ho! Stattdessen tritt er das Gaspedal durch bis zum Boden und macht alles noch schlimmer.

Beim nächsten Versuch, ich steh genau hinterm Auspuff, fährt mir ein Stich ins Kreuz, so heftig, dass ich denke, Hexenschuss. Bandscheibenvorfall. Tennisarm. Und das nur wegen unserer dämlichen Hilfsbereitschaft. Der Blödmann hat ja nicht mal gefragt, ob wir helfen könnten. Wir sind rüber und haben direkt angepackt. Eine vertrottelte, nach Diesel stinkende Initiativ-Bewerbung.

Der Boden hinterm Wagen ist mittlerweile so seifig, die Gräfin hat das Gefühl, „ich hab weichgekochte Schuhe an.“ Spricht sie und lacht. Ich nicht. Ich fühle mich ausgenutzt, von Neuschnee beschmutzt. Ich hab schlechte Laune, den ganzen Tag schon. Mein Rücken schmerzt. Hunde kläffen. Der Huskieführer steigt aus. Er hat sich seit zwölf Wochen nicht rasiert. So macht man das in Vancouver, hat er in Men’s Health gelesen. In den Northern Territories. Wo auch meine warme Platzwartjacke herkommt. Obwohl ich noch nie Men’s Health gelesen habe. Wir sind alle verunreinigt.

„Ich geh zur Tankstelle hoch und kauf mir Schneeketten. Das wird wohl das Beste sein“, sagt der Mann. Seine Tölen bleiben derweil angepflockt.

„Ja, mach das“, sag ich und zur Gräfin gewandt: „Jetzt hab ich das ganze Wochenende den Rücken im Eimer, nur weil wir so gutmütig sind.“

Unterschwellig mache ich sie dafür verantwortlich, dass wir den Pick-Up angeschoben haben.

„Ach, jetzt steigere dich doch nicht immer so rein“, meint sie gelassen. Aber ich grummle weiter.

Erst als ich mich erinnere, wie sehr ich meinen Vater als Kind hasste, wenn er meiner Mutter mal wieder die Schuld für irgendetwas gab, für das sie gar nichts konnte, wenn er ungerecht wurde und ich mich wunderte, warum er es nicht selbst bemerkte, erst da halte ich meinen Mund. Wir machen uns auf den Heimweg, das Geheule der Huskies in den Ohren, abschwellend. Zuletzt den verschneiten Kannenhof runter. Ich schweige, bin sozusagen mit ausgeschaltetem Motor unterwegs. Gedämpft.

*
Auf 500beine Die 2-Euro-Frau</

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s