Dem geneigten Leser, dem ungeneigten und dem ohne Neigung überhaupt

Es ist schon eine ganze Weile her, da kam regelmäßig dieser Russe ins Mumms gerauscht. In seinem schweren Armeemantel, dem langen grauen Vollbart und den wuchtigen, wie zu einer Brücke zusammengewachsenen Augenbrauen, die Nase ein Betonpfeiler, erinnerte er an Solschenyzin, den Schriftsteller, also nannten wir ihn Solschenyzin, niemand kannte seinen wirklichen Namen.

Er war Schachspieler bei 1868 Solingen, und als Schachspieler redete er kaum ein Wort. Einmal nuschelte er etwas, das klang so ähnlich wie „Nur private Russen sind gute Russen“, aber beschwören möchte ich nicht, dass es das wirklich war, was er gemeint hatte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er in der 1. Mannschaft des deutschen Abonnentment-Meisters 1868 spielte oder in der 2. Mannschaft. Meist stand er einfach im Mumms herum, eine Zigarre und ein großes Glas Altbier in Arbeit und lächelte sein Russenlächeln, unermüdlich, geheimnisvoll.

Sperrte er den Mund doch mal auf, dann für einen einzigen Satz, den er ständig wiederholte: „Immer gut rauchen“, prostete er uns zu, „und Mathematik!“

Die buschigen Augenbrauen wurden nur übertroffen von diesem ganz und gar ordinären Mund. Ein Mund wie eine bloße Öffnung, ja, es war fast, als habe man ein Loch in seinen Kiefer geschlagen und ein paar faule Zähne hineingeworfen. Da Solingen Schachstadt ist, der Club 1868 ist deutscher Abonnementmeister im Vereinsschach, ist man hier merkwürdige Figuren gewohnt, die nichts anderes im Kopf haben als spanische Spieleröffnungen und Springertausch, doch selbst in diesen Kreisen war unser Russe ein Unikum.

Eines Tages tauchte er nicht mehr auf. Niemand wusste etwas. Die Wetten im Mumms liefen auf Lungenkrebs oder ein exklusives Schachturnier bei Gaddafi in Libyen.

*
Claudia, Kompagnon der Gräfin, die beiden teilen sich ein Atelier, ist eine Schamanin. Sie glaubt fest daran, dass man dem Universum nur die richtigen Kommandos schicken muss, und schon klappt das.

„Schon klappt was?“ frag ich neugierig die Gräfin, als sie davon erzählt.

„Na, alles, was du dir im Leben vornimmst.“

Seither bete ich nicht nur harsch, ich hab zusätzlich einen Chinaböller im Briefkasten platziert, damit ich direkt was in der Hand hab, wenn die gute Nachricht einläuft.

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„Eines Tages wird alles so sein, wie ich das möchte. Nur ich werde nicht so sein, wie ich das möchte. Verdammt!“

(Die Gräfin)

*
Als kleines Mädchen versuchte sie ständig, kranke Tiere vor dem sicheren Tod zu bewahren. Jungvögeln, die aus dem Nest gefallen waren, schob sie Würmer in den Hals, „trotzdem waren die Vögelchen ruckzuck verendet.“ Auch Mäuse brachte sie mit nach Hause, „die hatte ich allerdings aus dem Nest geklaut, weil die so schutzbedürftig aussahen.“

„Ich wollte immer alle Tiere aufpäppeln, die malad waren, wollte propere Riesenvögel aus Spatzen machen – hat leider nie funktioniert. Meine Mutter hat mal einen Schreikrampf gekriegt, als sie meine Jackentasche ausleerte und da war eine glibbrige tote Kröte drin, die ich am Teich gefunden hatte. Danach hat sie nie wieder meine Taschen angerührt.“

„Wenn ich vom Teich kam, hatte ich ständig die Jacke voller Froschlaich und Würmern und was sonst so über den Boden krabbelte. Andererseits waren aber auch tausend Insekten an mir interessiert, muss man ja auch mal so rum sehen.“

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Der Doktor rät:
„Morgens ein Haufen,
und der Tag ist
gelaufen.“

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„Ich denk immer, Männer mit viel Pusteln im Gesicht hätten ein dreckiges Sexleben, so wie der Westerwelle. Ich meine, andere Leute scheißen es aus, aber bei dem hängt es im Gesicht.“

(Die Gräfin)

*
Es gibt viel größere Arschlochberufe als Heroinhändler. Holzfäller zum Beispiel ist ein Arschlochberuf, Matrose auf einer Fischfangflotte, Kontrolleur im öffentlichen Nahverkehr, Lobbyist. Aber wer kriegt immer auf die Mütze?

Die armen Heroinhändler kriegen immer auf die Mütze.

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Selbst beim (gelegentlichen) Putzen schläft das Sprachzentrum der Gräfin nicht.“Ich hab gleich keine Lust mehr“, ruft sie, als sie den Küchentisch wienert, „zu zürichen!“

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Wenn ihr langweilig ist, produziert ihr Gehirn Worte, die vom Klang her zueinander passen: ZUSÄTZLICHE RIESENEIDECHSEN, oder VIERTELPFUND FINSTER. Das kullert so aus ihr heraus, ohne ihr Zutun.

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„Ich bin ja eher zufällig zur Welt gekommen“, spricht sie auf ihre ungeplante Geburt an, sie war kein Wunschkind. „Und das ist es auch, was ich am besten kann: zufällig sein.“

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„Käse ist unberechenbar, Käse ist weiblich“, sagt sie. „Da denkt man, der Weichkäse ist okay, der war die ganze Zeit im Kühlschrank, aber dann stinkt die Rinde so nach Ammoniak, als stünde man im Stall mitten im bepissten Stroh, und das beste: Es schmeckt.“

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Wir alle würden bessere Menschen sein, wenn wir offiziell böse sein dürften.

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Als das Jahr 2000 anbrach, war es wie mit dem Jahr 1984: alle Welt glaubte, das war’s, jetzt knallt’s, und dann geschah gar nichts. Im Gegenteil Sowohl 1984 als auch 2000 waren sterbenslangweilig.

Das Jahr 2010 hingegen, unbelastet von literarischer Vorlage und Fin de siècle-Hysterie, klingt so, als hätten wir endlich die Zukunft erreicht. 2010 bringt Sternenmehl und neue Mammutjagden. 2010 wird das Jahr, in dem der Herrgott Kontakt aufnahm. (Und zwar zu seinen interstellaren Kollegen: Ich weiß nicht mehr, was ich mit denen machen soll da unten. „Ach, laß sie verrecken. Schmeiss sie alle runter“, so der Gott von Soyka, Sonnensystem g6al.)

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Nichts ist abstoßender, als sich selbst beim Lügen zuzuhören.

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Das Böse, das, was uns wirklich bedroht, kommt nicht aus der Religion der Muslime, es ist das Sublime derer, die uns sublim alles unterjubeln wollen, in omnipräsenten Verkaufslandschaften.

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„Ich habe noch nie mit Gott gelacht. Ich hab noch nie zu ihm gesagt, na, hör mal, du bist mir ja vielleicht einer..“

(Die Gräfin.)

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„Eigentlich freu ich mich für die Erde“, meint die Gräfin, „wenn wir Menschen von der Bildfläche verschwunden sind. Dann kann die Natur mit der Arbeit beginnen und aufräumen. Wie nach einer Riesenparty.“

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„Schmetterlinge sind fliegende Bilder.“ (Sie)

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Auf 500beine: 5 Jahre 500beine: Lobhudeln

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Drei Jahre war der Priester unterwegs, verkleidet als Ziegenhirte. Dann stieg er den letzten Berg hinauf, und endlich sah er, was sich die Leute im Land erzählten.

Die Rast, Susanne Eggert, 2009

4 Gedanken zu „Dem geneigten Leser, dem ungeneigten und dem ohne Neigung überhaupt

  1. „Aber wer kriegt immer auf die Mütze? Die armen Heroinhändler kriegen immer auf die Mütze.“

    ich hab erstmal ne flasche wein aufgemacht.
    gute sätze gehören ausgiebiger gefeiert, als tote christen.

  2. AMADEA meint:

    „Wer hat schon eine Auswahl an eigenen Zitaten. Das ist was !!!“

    (Ihren Kommentar musste ich herüberretten, da dieser Beitrag, DEM GENEIGTEN LESER.., aus Versehen 2mal gepostet wurde.)

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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