Kaputt geschrieben

4. Juli 2008

Donnerstags arbeite ich bis 18 Uhr in der Bibliothek des Instituts. Als ich nach Feierabend durch den Süd-Park stiefle, bei klebrigen fünfzehn Grad, da humpelt jemand vor mir her, mit einem schwarzen Hund an der Leine. Moment mal.. ist das nicht der Harry?! Könnte sein, so von der Statur her, aber seit wann humpelt der? Ich schließe zu ihm auf.

Klar ist er das.

„Harry, alter Humpelbaron“, quatsche ich ihn von der Seite an, „was hast du angestellt? Seit wann humpelst du?“

Sein Hund, ein junger Labrador, dreht sich um und springt an mir hoch, die Steuermarke klimpert in der einbrechenden Dunkelheit.. pling. Pling.

„Alter, du bist das! Du krummer Parkettleger!“

Erleichtert reicht Harry mir die Hand, wobei er sich mit den Beinen in der Leine verheddert und beinah ins Straucheln gerät.

„Das hätte noch gefehlt, Alter, dass ich mich aufs Maul lege.. Schampus! Nicht anspringen!“

„Macht nichts, der riecht nur Frau Moll.“

„Frau Moll?? Hast du ne neue Olle?“

„Quatsch.. Meinen Hund.“

„Ach so. Der Strubbel. Frau Noll?“

„Moll. Und der hier heißt Schampus?“

Harry fasst seinen Labrador enger, und nickt.

„Und ich dachte schon, Mann, wer marschiert da hinter mir her? Ich hab schon meinen Schlagring parat gehabt..“

„Ist wahr?“

„Was denkst du denn, Alter. Abends im Süd-Park, die aggressiven Skater, da weißt du nie. Die fahren dir die Hacken ab, und weg sind sie.“

Harry gehört zu den Leuten, die ich schon lange kenne, ohne mit ihnen befreundet zu sein.

„Schampus kenne ich nicht“, sag ich. „Hast du den schon lange?“

„Halbes Jahr.. ungefähr. Ich wollt mir eigentlich einen belgischen Schäferhund zulegen, aber dann stand Schampus vor der Tür und hat Pfötchen gegeben.“

„Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch“, sag ich. „Allerdings könnte der Kollege allmählich mal die Nase aus meinem Sack nehmen.“

„Er weiß eben, was gut ist“, sagt Harry.

„Auch wieder wahr. Was hast du mit dem Bein angestellt?“

„Arbeitsunfall!!“ Er scheint ein bißchen empört zu sein, dass ich noch nichts davon gehört habe, wie schwer es ihn erwischt hat. Dass die stille Post nicht mehr so reibungslos funktioniert wie früher, die Hast-du-schon-gehört-Post, als wir jeden Abend am Tresen standen und uns flapsig Gags und Gin-Tonics zuwarfen und zwischendurch um die Ecke gingen, eine Lolle rauchen. „Ich krieg schon seit Sommer Verletztengeld, Alter, so lang ist das schon her mit dem Unfall. Mittlerweile bin ich schon wieder gut zu Fuß, ich kann schon wieder richtig dancen, hier…“

Tap, tap, tap, deutet Harry einen Tanzschritt an mit einer Puppe im Arm, die nicht da ist, und lässt dabei diese merkwürdig abgehackte Donald Duck-Lache durch den Süd-Park hallen, für die Harry bekannt ist, „haaack, haaack, haaack..“, so gekonnt, dass ich mitlachen muss, obwohl es nichts zu lachen gibt, außer der Erinnerung an früher.

„Im Betrieb hat sich ne Stahlwalze selbständig gemacht und ist mir hinten reingerutscht, hat mir fast das Bein zerquetscht. Mein erster Gedanke war, Scheiße, jetzt kann ich erstmal nicht mit dem Hund raus..“

Bei einer Not-Operation wurde das linke Bein mit Stahlplatten und Schrauben verstärkt.

„Ich bin nur noch ein einziges Ersatzteillager. Wenn du mal was brauchst, was spezielles aus Metall, ruf einfach an. Vielleicht kann ich dir was aus dem Lager holen.“

Und wieder Donald Duck.

„Wo bist du operiert worden?“

„Hier im Städtischen. Darüber kannst du einen Roman schreiben. Die Gips-Ärztin hat nur Mist gebaut. Der war viel zu weit der erste Gips, da drin konnte man verstecken spielen, soviel Spiel hatte der, da musste erst der Chefarzt kommen und ruckzuck war der Gips wieder runter und ein neuer dran, schön eng, wie ne Möse von ner schönen Mutter, nur nicht so nass, haack haack haack..! Nee, ich sage dir, die kochen auch nur mit Wasser, die Herren Doctores.“

Die nahe Luther-Kirche schlägt sechs Uhr. Der Mond, ein blauer Abendpropeller. Krähenwetter.

„Wenn du wochenlang auf Krücken rumhumpelst, erklär das mal deinem Hund, der hält dich für übergeschnappt, wenn du nach hundert Metern schlapp machst und umkehren musst, weil du kurz vorm Abkacken stehst.“

„Wieso macht das nicht dein Bruder? Ich mein, der könnte den Schampus doch ne Zeitlang nehmen, der hat doch sowieso nix zu tun.“

„Der Benny?? Das glaubst du doch selbst nicht. Erst war er mal wieder irgendwo in Antwerpen verschollen, und jetzt ist sein Bein auch kaputt. Der kann überhaupt nicht mehr laufen, nicht einen Meter weit.“

„Wieso das denn? Aus Solidarität? Hat der ein Gewerkschaftsbein?“

„Quatsch, der hat den Fuß im Arsch. Hat sich ein Abzess entzündet, Benny kann keinen Schritt mehr geradeaus machen. Der liegt zuhause bei Muttern und lässt sich pflegen, der Arsch. Aber hier, einen Exel-Kurs fürs Arbeitsamt, das geht, das kann er machen, da kann der Herr nächtelang vorm Monitor sitzen und von S-Verweisen und Tabellen träumen, na, du kennst ja den Benny..“

O ja, ich kenne Benny und den Haufen anderer Verlierer, wo man das Gefühl nicht los wird, dass der Herrgott in Wirklichkeit ein Spötter ist, der jeden Morgen aufs Neue erwartungsfroh auf seiner Himmelstribüne Platz nimmt und den Fernstecher rausholt: so, wollen wir doch mal sehen, wer heute was vor den Latz kriegt.

„Schon gehört?“ meint Harry aufgekratzt. „Die Moni ist tot.“

„Moni..? Welche Moni?“

„Na, die Moni.“

Etwa die Moni, die sich im Heroinrausch so schön hemmungslos zwischen den Schenkeln kratzte, so lange, bis die halbe Kneipe mitgekratzt hat, mit den Augen?

„Ich dachte, die ist clean“, sag ich.

„Ja, die Moni ist clean, die du meinst.. Nee, die Moni mein ich nicht! Ich mein die andere Moni, die mit dem kleinen Hund. Die ist nicht clean. Die ist tot.“

„Die mit dem ganz kleinen Hund?“

„Genau. Der immer wie ein Flummi an einem hochgesprungen ist.. Der Zitterbalken.“

„Und die Moni ist tot?!“

„Ja, die ist tot. Herzschwäche. Mit sechsundvierzig. Einfach so. Umgefallen. Tot.“

 

Und dann die Sache mit Gregor, Gregor aus dem Kongo. Ein rabenschwarzer Lastwagenfahrer mit einem dicken deutschen Schäferhund. In Witzhelden, einem kleinen Kaff im Bergischen Land, unweit von Solingen, holt sich Gregor nach dem Kegeln eine Schale Pommes auf die Faust. Zwischen zwei parkenden Autos hindurch tritt er auf die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten, und wird prompt von einem Wagen erfasst.

Er stirbt auf der Stelle.

„Überall auf der Straße lagen Pommes rum“, erzählt Harry, der zufällig in Witzhelden zu tun hatte an diesem Tag. „Noch fünfzig Meter weiter hinter der Kreuzung.. überall.. lagen Pommes.“

Beim Kegeln hatte Gregor aus dem Kongo seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert, in der Kneipe, in der er manchmal selbst kellnerte, wenn auf dem Bock nichts zu tun war, wenn er zusehen musste, wie die Miete reinkam. Gregor, ein Kerl mit einem Kreuz wie ein Reckturner, der zur falschen Zeit am falschen Ort in eine Schale Pommes Frites vertieft war.

Ehrlich gesagt: Ich weiss nicht genau, was das Schicksal daran so witzig fand. Wahrscheinlich ist Witzigkeit kein Eingreifkriterium für das Schicksal.

Keine Ahnung.

Eine Woche lang lag Gregor aus dem Kongo im Koma, Gregor aus dem Kongo, den viele Leute gemocht hatten, weil er so ruhig war und stets in sich gekehrt, dann verfügte die Staatsanwaltschaft die Abschaltung der Geräte.

Harry gönnt uns keine Pause. Während er Schampus von der Leine lässt und der Hund den Park abstromert, demonstriert mir Harry haarklein, wo genau in seinem Bein zwei Stahlplatten und zwölf Schrauben stecken. Die Haut darüber spannt sich so dünn, man kann das bläuliche Metall im Fleisch gut erkennen.

„Demnächst muß ich probeweise wieder arbeiten, zwei Stunden am Tag.“

„Zwei Stunden am Tag? Was soll der Blödsinn denn?“

„Vorschrift der Berufsgenossenschaft. Die wollen sehen, ob ich Fortschritte mache. Ich hab ja noch ein zweites Bein, das können sie mir dann auch noch zerquetschen. Mir solls recht sein. Sollen die mich doch kaputtschreiben.“

„Kaputtschreiben? Lang nicht mehr gehört. Gibts das überhaupt noch?“

Das war ja mal gang und gäbe, dass die Leute den Vertrauensarzt aufsuchten, ihm von ihrer defekten Bauchspeicheldrüse erzählten, die angeblich Geräusche von sich gab wie ein Geigerzähler, und eine Dreiviertel Stunde später gingen sie kaputtgeschrieben in Rente, mit Mitte Dreißig. Aber das funktioniert kaum noch, dass man kaputtgeschrieben wird. Das muss man schon selbst in die Hand nehmen.

*

Eine Woche später. Die Gräfin trifft Moni auf der Straße. Mit ihrem kleinen Hund. Er springt wie ein Flummi an ihr hoch.

„Ich dachte, du wärst tot“, staunt die Gräfin, der ich von dem Gespräch mit Harry erzählt habe.

„Ja, hab ich auch gehört“, meint Moni.

Ihr kleiner Hund hat Herzbeschwerden gehabt, war ein paar Tage malad gewesen. Das war alles. Daher das Gerücht. Jetzt titscht er wieder, der kleine Hund. Der Zitterbalken. Na, kann passieren, so ein Übermittlungsfehler.

Bei dieser gewaltigen Moni-Dichte im Bergischen Land.

Zwei Monis.

(Ich kenne sogar noch eine dritte, die Schreiner-Moni, und natürlich eine vierte, die Moni-Moni.)

 

Schinkenroman Glumm 2020

Advertisements

5 Gedanken zu „Kaputt geschrieben

  1. Pingback: links for 2010-02-05

  2. Pingback: links for 2010-02-06

  3. Pingback: 2010 in review « mmulG

  4. ich finde .alle könnten ruhig mal die schnauzehalten
    kurt z..hihi
    das ausgerechnet der harry mit dem bein den vogel abgeschossen bleibt
    berührt mich unzentrisch
    sie haben die seuche monsieur und das ist gut so..
    oder wat oder wie.

  5. Pingback: 2011 in review « Glumm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s