Kaputt geschrieben

Als ich am frühen Abend im Süd-Park unterwegs bin, ich komme von der Arbeit, humpelt zwanzig Meter vor mir jemand her, mit einem großen Hund an der Leine, das könnte der Harry sein, so von der Statur her – bloß, seit wann humpelt der? Ich schließe zu ihm auf. Klar ist das der Harry.

„He, du alter Humpelbaron“, quatsche ich ihn blöd von der Seite an, „was ist los? Was hast du gemacht?“

Erschrocken dreht er sich um, und der Hund, ein junger Labrador, springt an mir hoch, zur Begrüßung, wobei Harrys Bein sich in der Leine verheddert und fast ins Straucheln gerät. „Ach.. du bist das..!“ Erleichtert reicht Harry mir die Hand. „Scheiße auch, das hätte noch gefehlt, dass ich mich hier aufs Maul lege.. He! Schampus! Nicht anspringen! Wie oft soll ich das noch sagen! Das geht nicht in seinen Kopf rein.“

„Macht nichts“, sag ich. „Der riecht nur meine Frau Moll.“

„Deine Frau Moll? Hast du ne neue Olle?“

„Quatsch. Meinen Hund.“

„Ach so, ja, der strubbelige Mischling, klar. Frau Moll.“ Harry fasst den jungen Labrador enger. Sein schwarzes Fell glänzt, er hat Nasenlöcher wie ein nagelneuer Europa-Stecker, mit denen er an mir schnuppert. „Mann, ich dachte schon, wer marschiert da hinter mir her? Ich hab schon meinen Schlagring parat gehabt.“ Er holt das Teil aus der Jackentasche und zeigt es mir. „Abends im Süd-Park, die aggressiven Skater, da weißt du nie. Die fahren dir in die Hacken, zocken die Brieftasche und weg sind sie.“

Harry gehört zu den Leuten, die ich schon lange kenne, ohne mit ihnen befreundet zu sein.

„Schampus heißt der Kollege hier? Hast du ihn schon lange?“

„Halbes Jahr.. ungefähr. Ich wollt mir eigentlich einen belgischen Schäferhund zulegen, aber dann stand Schampus vor der Tür und hat Pfötchen gegeben.“

„Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch“, sag ich. „Allerdings könnte der Kollege allmählich mal die Nase aus meinem Sack nehmen.“

„Er weiß eben, was gut ist“, sagt Harry.

„Auch wieder wahr. Was hast du mit dem Bein angestellt?“

„Arbeitsunfall!!“ Er scheint ein bißchen empört zu sein, dass ich noch nichts davon gehört habe, wie schwer es ihn erwischt hat. Dass die stille Post nicht mehr so reibungslos funktioniert wie früher, die Hast-du-schon-gehört-Post, als wir alle noch am Tresen standen und uns flapsig Gags und Gin-Tonics zuwarfen und zwischendurch um die Ecke gingen, eine Lolle rauchen. „Ich krieg schon seit Sommer Verletztengeld, Alter, so lang ist das schon her mit dem Unfall. Mittlerweile bin ich schon wieder richtig gut zu Fuß, ich kann schon wieder dancen, hier.“

Tap, tap, tap, deutet Harry einen Walzerschritt an mit einer Puppe im Arm, die nicht da ist, und lässt dabei diese merkwürdig abgehackte Donald Duck-Lache durch den Süd-Park hallen, „haack, haack, haack..“, dass ich mitlachen muss, obwohl es nichts zu lachen gibt, außer der Erinnerung an früher. Als Harry genauso am Tresen gelacht hat.

„Im Betrieb hat sich ne Stahlwalze selbständig gemacht und ist mir hinten reingerutscht, hat mir fast das Bein zerquetscht. Mein erster Gedanke war, Scheiße, jetzt kann ich erstmal nicht mit dem Hund raus..“

Bei einer Not-Operation wurde das linke Bein mit Stahlplatten und Schrauben verstärkt.

„Ich bin nur noch ein einziges Ersatzteillager. Wenn du mal was brauchst, was spezielles aus Metall, ruf einfach an. Vielleicht kann ich dir was aus dem Lager holen.“

„Wo bist du operiert worden?“

„Hier im Städtischen. Darüber kannst du einen Roman schreiben. Die Gips-Ärztin hat nur Mist gebaut. Der war viel zu weit der erste Gips, da drin konnte man verstecken spielen, soviel Spiel hatte der, da musste erst der Chefarzt kommen und ruckzuck war der Gips wieder runter und ein neuer dran, schön eng, wie ne Möse von ner schönen Mutter, nur nicht so nass, haack haack haack..! Nee, ich sage dir, die kochen auch nur mit Wasser, die Herren Doktoren, sag ich dir.“

Die nahe Luther-Kirche schlägt sechs Uhr.

Der Mond, ein blauer Abendpropeller.

Krähenwetter.

„Wenn du wochenlang auf Krücken rumhumpelst, erklär das mal deinem Hund, der hält dich für übergeschnappt, wenn du schon nach hundert Metern schlapp machst und umkehren musst, weil du kurz vorm Abkacken stehst.“

„Wieso macht das nicht dein Bruder? Ich mein, der könnte den Schampus doch ne Zeitlang nehmen, der hat doch sowieso nix zu tun.“

„Der Benny?? Das glaubst du doch selbst nicht. Erst war er mal wieder irgendwo in Antwerpen verschollen, und jetzt ist sein Bein auch kaputt. Der kann überhaupt nicht mehr laufen, nicht einen Meter weit.“

„Wieso das denn? Aus Solidarität? Hat der ein Gewerkschaftsbein?“

„Quatsch, der hat den Fuß im Arsch. Hat sich ein Abzess entzündet, jetzt kann Benny keinen Schritt mehr geradeaus machen. Der liegt zuhause bei Muttern und lässt sich pflegen, der Arsch. Aber hier, einen Exel-Kurs fürs Arbeitsamt, das geht, das kann er machen, online mein ich, da kann der Herr nächtelang vorm Monitor sitzen und von S-Verweisen und Tabellen träumen, na, du kennst ja den Benny, der kriegt sowieso nie was auf die Reihe..“

O ja, ich kenne Benny und den Haufen anderer Verlierer, wo man das Gefühl nicht los wird, dass der Herrgott in Wirklichkeit ein Spötter ist, der jeden Morgen aufs Neue erwartungsfroh auf seiner Himmelstribüne Platz nimmt und den Fernstecher rausholt: „was ist denn da unten los.. das ist doch nicht zu fassen, kriegt der schon wieder was vor den Latz..!!“

Harry demonstriert mir haarklein, wo genau in seinem Bein zwei Stahlplatten und zwölf Schrauben stecken. Die Haut darüber spannt sich so dünn, man kann das bläuliche Metall im Fleisch gut erkennen.

„Demnächst muß ich probeweise wieder arbeiten, zwei Stunden am Tag.“

„Zwei Stunden am Tag? Was soll der Blödsinn denn?“

„Vorschrift der Berufsgenossenschaft. Die wollen sehen, ob ich Fortschritte mache. Ich hab ja noch ein zweites Bein, das können sie mir dann auch noch zerquetschen. Mir solls recht sein. Sollen die mich doch kaputtschreiben.“

„Kaputtschreiben? Lang nicht mehr gehört. Gibts das überhaupt noch?“

Das war ja mal gang und gäbe, dass die Leute den Vertrauensarzt aufsuchten, ihm von ihrer defekten Bauchspeicheldrüse erzählten, die angeblich Geräusche von sich gab wie ein Geigerzähler, und eine Dreiviertel Stunde später gingen sie kaputtgeschrieben in Rente, mit Mitte Dreißig. Aber das funktioniert kaum noch, spätestens der Amtsarzt schiebt dem einen Riegel vor. Nein, solche Vorstöße muss man heutzutage schon selbst in die Hand nehmen, Kaputtschreiben.

 

Schinkenroman Glumm 2020

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5 Gedanken zu „Kaputt geschrieben

  1. Pingback: links for 2010-02-05

  2. Pingback: links for 2010-02-06

  3. Pingback: 2010 in review « mmulG

  4. ich finde .alle könnten ruhig mal die schnauzehalten
    kurt z..hihi
    das ausgerechnet der harry mit dem bein den vogel abgeschossen bleibt
    berührt mich unzentrisch
    sie haben die seuche monsieur und das ist gut so..
    oder wat oder wie.

  5. Pingback: 2011 in review « Glumm

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