Transportschaden

Als ich wach werde, ist es stockdunkel. Der Schuss ist verschwunden, nur ihre finnige kleine Freundin liegt noch im Bett, tief in den Decken vergraben. Finnig nannte meine Mutter eine Hühnersuppe, der man auf Anhieb nicht ansieht, wie brühend heiß sie ist. Finnige Suppen verstecken ihre Hitze unter einer unauffälligen Oberfläche, und man verbrennt sich schnell die Fresse.

Ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, dann raffe ich meine Klamotten zusammen und geh nach nebenan. Das helle Tageslicht irritiert, mehr nicht. Von der tagelangen Sauferei bin ich nicht mal mehr verkatert. Wenn man viel trinkt, ist es irgendwann wie auf Arbeit. Man geht hin, man drückt die Karte, macht seinen Job. Und irgendwann ist man wieder besoffen und hat Feierabend.

Im Wohnzimmer entdecke ich den Schuss auf dem schwarzen Ledersofa. Sie sitzt da, die nackten Beine angezogen, und stiert durch die mächtigen Panoramafenster in den Garten. Sie trägt Slip und ein schwarzes Dessous, raucht eine Zigarette. Regen nieselt gegen die Scheiben.

Während ich den Pullover anziehe, beobachtet sie mich ungeniert. Ich hab Mühe mit den Strümpfen. Sie ist bleich, hat eine Gänsehaut auf den Armen. Ob sie erwartet, dass ich ihn nochmal reinstecke? Hm.. Jetzt hab ich die Strümpfe aber schon an.

„Termin?“ fragt sie der Ordnung halber.

Ich nicke und murmle, ja, Termin, irgendwas. Wir geben uns ein Küsschen. Sie riecht nach Kippen und Bier. Als ich die Haustüre hinter mir zuziehe, versuche ich mich zu orientieren. Seltsamerweise befinde ich mich in der gleichen Gegend wie vierundzwanzig Stunden zuvor, als ich mich von der Unordentlichen verabschiedete. Wo ich mich allerdings genau aufhalte, weiß ich nicht. In Ohligs, irgendwo am Weyer. So langsam gerät alles durcheinander. Das Jetzt, es macht mir zu schaffen. Dass fast schon Zukunft ist, was immer man auch tut, und kaum hat man es getan, ist es schon Geschichte – es gibt keine Gegenwart. Kein Jetzt zu finden – nirgends. Nur elender Transport, ohne Halt. Man kann jederzeit ins Schleudern geraten, soviel steht fest, man kann Hals über Kopf vom Band fliegen. Das geht ganz schnell. Tock, tock. Bist du unten und weg.

Ich biege in einen Heckenweg ein, der in einer Parkanlage mündet. Stiehl’s Teich lese ich auf dem Schild: Ballspielen erwünscht. Nicht zu fassen. Da wache ich in fünfundzwanzig Jahren kein einziges Mal im Westen der Stadt auf, und nun gleich an zwei verkaterten Morgenden hintereinander. Ach nee. Stimmt nicht. Ich hab ja keinen Kater. Bloß leichtes Bluten.

Transportschaden.

Eine Joggerin kommt mir entgegen, federnder Laufstil, sie etwas Glück in zwanzig Schrittfolgen. Vom Rest-Alkohol befeuert male ich mir aus, wie ich sie ins Gebüsch schubse, sie kurz und heftig stoße, so heftig, ich seh ihr Jogginghose reissen. Blut schneuzend stiefle ich durch den Park, die Arme vor der Brust verschränkt, weil mir kalt wird, und halte dem verärgerten Blick eines Anglers stand, der am Fischteich hockt, im grün glänzenden Regencape.

Stunde später, am Kannenhof. Karlos ist ausnahmsweise daheim. In Unterhose und grünem OP-Hemd stochert er im Kohleofen, als ich zur Tür reinkomme.

„Herr Geheimrat, der Ofen ist aus. Tässchen Mocca?“

Er ist erkältet. Wir brauchen neue Briketts. Hast du Kohle? Das Telefon. Das Burgfräulein. Ob ich ihre Kreditkarte gefunden habe.

„Nee“, sag ich.

„Ist schon drei Tage her“, sagt sie. Und wo ich die ganze Zeit gesteckt habe. Ob ich was dagegen hätte, wenn sie am Nachmittag vorbei käme. Wegen der Karte.

„Nee“, sag ich.

„Was jetzt.., ja oder nein?“

Ich hab einen schlimmen Kater mittlerweile. Dass ich Blut gerotzt im Park, macht mir Sorge.

„Ja“, sag ich, und wir beenden das Gespräch.

Karlos grinst.

„Kreditkarte liegen lassen“, prustet er. „So ein Blödsinn. Sie braucht doch nur einen Grund, um anzurufen.“

„Quatsch. Die ruft auch so an.“

„Na ja klar. Sie weiß doch gar nicht mehr, was Sache ist.“

„Da ist auch nichts.. Sache.“

„Na, eben. Für dich nicht. Aber das weiss sie ja nicht. Für sie bist du sehr wohl.. Sache.“

Scheiße, er hat recht. Was für mich bloße Spielerei ist, Vertändeln von Nacht, das scheint für sie mehr zu sein. Sonst würde sie nicht dauernd mit so komischen Mädchenfragen ankommen. Was ich denn gerade so denke. Ob ich sie gern habe. Wo ihre Kreditkarte geblieben sei. Und, ganz oben: Warum ich so wenig rede. „Mit Karlos hast du doch auch andauernd was zu bequatschen.“

Als Karlos fort ist, häng ich mich mit dem neuen Stern in die Badewanne. Sobald das Wasser zu kalt wird, lasse ich brühendheißes Wasser nachlaufen. Nach zwei Stunden löst sich mein Ich endlich auf.

Später hacke ich ein paar Absätze in die robuste schwarze Continental aus den Vierzigern, dann ist sie auch schon da, das Burgfräulein, die blonde Barbara. Sie trägt heute Zopf. Und einen PLO-Schal.

Mit dem Rücken zur Wand lümmeln wir auf dem Bett, erzählen uns unwichtige Dinge. Die Küsse, klein und zart, überhaupt ist mit ihr alles sehr unschuldig, ja beinahe niedlich.

„Ich hab Lust auf Popcorn“, sagt sie und wir beschließen, uns einen Film anzusehen. 19 Uhr-Vorstellung im Programmkino auf der Schützenstrasse. „Rote Küsse“, eine Liebesgeschichte. Wir sind die einzigen Zuschauer. Ich penne nach nicht mal einer halben Stunde ein.

Weil ich den ganzen Tag nichts gegessen hab, gehen wir anschließend zum neuen Chinesen am Werwolf. Ich nehme Ente süß-sauer, sie Schweinefleisch.

„Rindfleisch ist mir zu glitschig“, sagt sie. Oder ich? Keine Ahnung. Sie isst mit Stäbchen, nicht ungeschickt.

Weil wir uns nichts zu erzählen haben, schielen wir zum Nachbartisch rüber, wo eine eingedeutschte chinesische Kleinfamilie mit Messer und Gabel speist. Der Sohnemann verwechselt Sojasauce mit Maggi, und als die Familie aufbricht, zeigt er vorlaut aufs Aquarium und fragt, ob die Fische darin eines Tages so groß werden wie das Aquarium und ob es dann platzt und wohin das Wasser dann läuft und kommt die Feuerwehr durchs Fenster?

Ich lade das Burgfräulein auf seine Aufforderung hin zu mir auf einen Kaffee ein, sie nimmt an und bleibt über Nacht. Der Alkohol besetzt immer noch mein Blut, ich kriege ihn kaum hoch, wir einigen uns darauf, Silvester zusammen zu feiern.

Am nächsten Morgen bin ich sofort in ihr drin. Sie hat eine so rosige und entspannte, ja gesunde Gesichtsfarbe, ich traue mich kaum, sie hart ranzunehmen.

Irgendwie läuft hier was falsch, die ganze Zeit.

*
Auf 500beine eine kleine Kettenreaktion

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10 Gedanken zu „Transportschaden

    • da ja
      alles und alice

      lebt
      warum nure hab ich das nie gelesem
      carrolll jones oda so
      ich glaub ich hätte es nicht verstandem
      bin aber nich traurig mehr
      sehe das schiksal als was ganzes
      und zwar
      ein gedächniss
      und wer weinen kann
      hats erlebt
      seine lieblinge
      im geräusch der band
      jj..oda cale
      sürry
      schwitz
      so geht das nich zu schnell
      mitch ryder gab mir ne kopfnuss
      echt live
      und er der
      der saggte ins mikrophon
      merci

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