Santa Esmeralda

Die Gräfin hat ja öfter mal den Refrain eines Hits auf den Lippen, nimmt es dabei aber mit dem englischen Text nicht so genau. So war sie lange davon überzeugt, Message in a bottle von Police hieße „Massage in a bathroom“, Seifen-Massaker in nem Badezimmer.

„Warum auch nicht?“ sagte ich.

Und Brian Hylands Klassiker unter den Hallo Nachtarbeiter-Edelheulern, Sealed with a kiss, hieß bei ihr stets „See you with a kiss“, ich seh dich mit nem Kuss. Als ich sie über den Originaltitel aufkläre, „Versiegelt mit nem Kuss“, will sie davon nichts wissen.

„Ich seh dich mit nem Kuss gefällt mir besser“, sagt sie und hat natürlich Recht. Wen juckt Texttreue, wichtig ist allein das Gefühl, das ein Song transportiert. Ein guter Song schafft seine Botschaft selbst dann rüber, wenn der Hörer bloß Quattro Stationi kapiert, vier Bahnhöfe ohne alles.

Auch mir war lange Zeit nicht klar, was Patti Smith in der legendären Einleitung zu Gloria mit „Jesus died for somebody’s sins, but not mine“ meinte, die hingerauchte Zeile, mit der ihr Debutalbum Horses begann und das ich hundert Mal gehört, aber nicht richtig verstanden hab. Und war das etwa wichtig? Nee. Natürlich nicht.

Soweit also sind wir uns einig. Was die Gräfin indes wirklich stört, ist die Tatsache, dass sie so selten die Interpreten der vielen internationalen Hits kennt, die sie falsch mitsingt.

Freitagabend.

Wir liegen im Bett und schauen diesen britischen Kultfilm, in dem ein Oldie nach dem anderen kurz angespielt wird.

I was made for loving you baby scheppert aus der Buntkiste, und schon blickt die Gräfin mich von der Seite an, mit diesem Na-du-Schlaumeier-nun-sag-schon-von-wem-das-ist-Blick.

Wer das gespielt hat.

„Kiss“, glaub ich. „Na klar, das sind Kiss.“

Dann folgt eine Nummer, so spurtstark, dass der Gitarrenriff quasi stiften geht vor dem nachfolgenden Stotter-Gesang.

„Das ist You ain’t seen nothing yet„, ruft die Gräfin, „das weiß ich auch!“

„Schön, aber von wem?“ frag ich, mich lässig zurücklehnend und meine Schuhspitzen anvisierend, nur so, aus lauter Lebensfreude.

„Vom wem..?!  Woher bittesehr soll ich das denn wissen, Blödmann.“

„Bachmann-Turner Overdrive.“

Zuletzt: Don’t let me be misunderstood.

„Im Original von den Animals“, sag ich ungefragt, „aber das hier ist die Disco-Version aus den 70ern.. von… von.. verdammt, warte! Ich komm drauf… Das lief immer im Stonns, verfluchte Kacke!“

Ich versuche das Jahr 1979 zu reaktivieren und mir vorzustellen, wie ich im Stonns stand, dem düster gekachelten Beatschuppen am Graf Wilhelm-Platz, gleich neben dem Tchibo. Das Stonns war winzig-klein, aber zweistöckig. Ein Ort, wo der dicke Hellmann seinen Stammplatz am Tresen mit einem Humpen Altbier verzierte, und wo James, der Wirt, hammerlaut „Hold on – please don’t let me be misunderstood“ nass abspielte, von.. von.. ich habs auf der Zunge..

Komm aber nicht drauf!

Während der dicke Hellmann sein Bier kippte und mit James, dem Wirt, totterte, „mein Ruf ist schlecht, James, aber ich bin gut“, quoll sein Hintern vom Barhocker wie eine fette Qualle in den engen Gang rein, so aufdringlich, dass, wer sich an ihm vorbeizwängte, automatisch einen Blick in die Hölle riskierte: in Hellmanns legendäre ellenlange Arschritze, die sich einer behaarten Murmelbahn gleich im Hosenboden seiner Bluejeans verlor, und die sich (darüber hinaus) selten gewaschen hatte.

Das war kein Schlitz mehr, in den Hellmann Einsicht gewährte, das war schon ein Schlatz. Und zwar der Schlatz von einer Einladung, im Vorbeigehen etwas in seiner verlängerten Arschritze abzustellen, ein Glas Kölsch vielleicht, wogegen Hellmann absolut nichts einzuwenden hatte. So brauchte er nur nach hinten zu langen, und schon hatte er eine frische Stange Hellbier in der Hand.

„Geht schon in Ordnung, Jungs.“

In der Silvesternacht 79 auf 80 allerdings, zum Dekadenwechsel, als jedermann dachte, bald ist alles im Eimer, in dieser Nacht, das Stonns blieb bis in der Früh um acht geöffnet, stopfte ihm jemand einen roten Chinakracher in die verlängerte Arschritze, mit dem Zünder nach oben, und nur James, dem Wirt, ist es zu verdanken, dass den Gästen Hellmanns Arsch nicht buchstäblich um die Ohren flog.

„WAS..?? ZUM TEUFEL!!?“ bäumte sich Hellmann am Tresen auf und zog den Böller aus der Hose, während wir Jungs grölend zur Tür herausspritzten – bloß weg hier! Das roch nach Ärger. Na ja, nicht nur. Da war auch noch anderer Gestank in der Luft.

Aber worauf wollte ich hinaus..? Ach so, Himmel: Don’t let me be misunderstood! Im Original also von Eric Burdon und den Animals, klar, doch die Version im Stonns am Graf-Wilhelm-Platz, 1980, hammerlaut und nass abgespielt, war die.. die Disco-Version von.. yes!

Santa Esmeralda!

(An Neujahr 1980 hatte das Stonns geschlossen, und auch die nächsten Tage ließen wir verstreichen, bevor wir uns um Heilige Drei Könige herum wieder in die düsterste aller bergisch-rheinischen Spelunken wagten. Der dicke Hellmann saß unrasiert und fett auf seinem Barhocker und trug eine nagelneue, noch steife blaue Latzhose, doch seine Kiste ließ er nie wieder so offenherzig in den engen Gang quillen.

Eine Ära war zu Ende, und die dünnärschigen Achtziger läuteten ihre Geburt ein.

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7 Gedanken zu „Santa Esmeralda

  1. Bin bei Wikipedia vor kurzem eher zufällig drauf gestoßen:

    „Don’t Let Me Be Misunderstood ist ein Song, der von Bennie Benjamin (1907–1989), Gloria Caldwell und Sol Marcus geschrieben wurde. Die Interpretation von Nina Simone auf ihrem Album Broadway-Blues-Ballads machte ihn 1964 zum ersten Mal populär“

    Die Animals kamen dann mit ihrer Version 1965. Fand’s insofern interessant, weil’s zeigt, dass anscheinend schon damals mehr gecovert als komponiert wurde…

    • harlekin? das ist neu für mich. das muss dann vor ca. 1977 gewesen sein oder? wie lange gab es das harlekin, und sah es genauso/ähnlich aus wie das stonns?

  2. Nein, nein, sorry, ich habe das etwas missverständlich formuliert. Das, was Du da als Stonns beschreibst, habe ich an einem anderen Ort als Harlekin erlebt.

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