Pudding!

„Weißt du, wen ich lang nicht mehr gesehen hab?“ sag ich.

„Nö.“

„Den Pudding.“

„Ja.. Ich auch nicht.. Ist bestimmt ein halbes Jahr her. Ach was, länger. Da war noch Sommer.“ Sie blinzelt belustigt. „Als er versucht hat mit mir zu flirten.“

„Hm, ja“, sag ich. „Hast du erzählt.“

Richtig aufdringlich war er geworden. Hat sie erzählt.

„Aufdringlich..? Na ja, er hat sich bei mir untergehakt, ein paar Meter. Mehr nicht.“

„Mh. Der soll schön die Flossen bei sich behalten.“

„Ach, der ist einsam, der Pudding“, verteidigt sie ihn. Eine Zeitlang gab es kaum ein Gesicht, das sie so gerne malte wie seins. „Hat der eigentlich jemals ne Frau gehabt? Der Pudding?“

„Keine Ahnung. Nee. Glaub nicht. Ich kenn den Pudding nur solo.“

„Dabei hat er so treue braune Augen. Gutmütige Augen. Aber er ist zu schüchtern. Ich mein, der spricht doch keine Frau an. Traut er sich doch gar nicht. Oder?“

*

Der gute alte Pudding. Marschiert seit einem halben Jahrhundert in seinem Deutschlandparka durch die Nordstadt und beschwert sich über Gott und die Rasspe AG und die Welt, die keine Gnade kennen und ihn alle fallen gelassen haben.

Am Wochenende wird er schon mal von ehemaligen Arbeitskollegen zum Angeln abgeholt, sie fahren zum Rhein runter. Die Stelle bei Hitdorf ist ein Geheimtipp. Sie fischen Brassen. Im Sommer ködern sie Brassen mit Kellog’s Honig Smacks, im Winter mit Maden, in Maggi gewälzt.

„Da drehen die Brassen durch. Da beissen die an wie bekloppt. Für die ist Maggi wie ne Schlemmermahlzeit von Iglo.“

Pudding hat ein schräges, freundliches Gesicht ohne viel Zähne und solches Brimborium. Er trägt es ganz in Leder, in der Regel mit einer Roth Händle aufgehübscht, ohne Filter, und der Scheitel auf seinem Kopf trennt das Fett der einen Kopfhälfte vom Fett der anderen.

Warum der Pudding Pudding genannt wird? Keine Ahnung. Ich hab ihn nie gefragt. Ich glaub auch nicht, dass ihn irgendwer je gefragt hat.

„Sag mal, Pudding – wieso heißt du eigentlich Pudding?“

Blöde Frage.

*

„Weißt du, was sein Problem ist? Er sieht aus wie ein Kindermörder“, sag ich zur Gräfin. „Als würde er i-Dötzchen fressen.“

„Der Pudding? Blödsinn. So schräge Figuren fressen keine Kinder. Im Gegenteil. Das machen die Milchgesichter. Was hat der eigentlich früher gearbeitet? Der Pudding?“

„Der war Werkzeugmacher. Und am Wochenende hat er immer im Puff am alten Nordbahnhof rumgehangen..“

„Im Puff? Als was? Hausmeister?“

„Nee. Als Ficker vor dem Herrn.“

„Du redest Quatsch.“

„Nee, das stimmt. Wenn einer Nutte nach einem richtigen Kerl zumute war, nach all den Papis, das Pepita-Hütchen auf dem Kopp, musste Pudding ran. Hat er erzählt, damals.“

Sie bricht in Gelächter aus.

„Der Pudding..! Was ein Vogel.“

„Ja“, sag ich. „Aber der soll schön seine Flossen bei sich halten.“

*

Gestern Mittag. Ich geh nach der Arbeit der Korkenziehertrasse entlang, kommt mir ein Mann entgegen. Der Pudding, denk ich. Da isser. Doch dann ist der Mann bis auf ein paar Meter heran, und ich sehe, er hat mit Pudding lediglich die Statur gemein und den schweren schleppenden Gang einer alten Blues-Nummer. Aber sonst? Nichts. Keine Roth Händle, kein Spruch auf den Lippen, nichts. Ne normale deutsche Gurke. Vonwegen Pudding.

*

Dann – heute Mittag – gleiche Uhrzeit, ich spaziere mit dem Hund die Korkenziehertrasse entlang. Wieder kommt mir jemand entgegen, der wie der Pudding.. und diesmal ist es der Pudding!

Als er mich erkennt, wechselt er die Spur auf meine Seite und grinst.

„Och, nee!“ sagt er, und die Hand kriecht aus seinem Parka wie ein verschorftes Reptil.

„Pudding!“ sag ich. „Das wurde aber auch Zeit!“

„Was denn?“

„Dass wir uns nochmal sehen.“

Wie immer hat Pudding eine Zigarettenkippe in Arbeit, die niemals qualmt und doch nicht aus ist. Er ist unser Lucky Luke, er ist der poor lonesome Cowboy, und seine Beine sind sein treuer Gaul Jolly Jumper.

„Hör mal, das ist doch nicht der Hund“, sagt er, “ mit dem deine Frau immer rumläuft?!“

„Na sicher ist der das“, sag ich.

„Dann ist der aber ganz schön auseinandergegangen. Was gebt ihr dem denn zu fressen? Hefe, hör mal?“

„Blödsinn. Der ist nur kein Welpe mehr. Das ist alles, Pudding. Ganz normal.“

„Der gute alte Pudding“, wiederhole ich strahlend seinen Namen, den ich so gern sage, ich meine, wer heisst schon Pudding mit 49 Jahren und hat auch nichts dagegen, so gerufen zu werden.

„Und, Pudding, wie isses? Lange nicht gesehen.“

Sein Hals ist faltig geworden wie Buttercreme, die am Rande der Torte herunterläuft und sich überlappt. Eine müde, vertrocknete Torte. Großartig.

„Ich bin jetzt Hartz vier, und was machen die Verbrecher? Nehmen mich aus der Vermittlung raus. Weil ich angeblich krank bin. Dabei will ich arbeiten. Sollen sie mich doch abknallen. Wären sie mich los. Wär die Sache erledigt“, klagt er. „Ich komm kaum noch vor die Tür, seit ich keinen Wagen mehr hab.“

„Du hast keinen Wagen mehr?“

„Hab ich doch abgemeldet. Keine Flocken mehr für Benzin. Und zu Fuß bin ich auch nicht gut. Das Bein. Und hier, Asthma. Weißt du doch.“

Mit jedem Wort rollt die Zigarettenkippe in seinem rissigen Mund ein Stück mehr nach rechts, bis sie schließlich im Mundwinkel landet und die Reise von vorn losgeht, zum entgegengesetzten Mundwinkel. Die sind immer unterwegs, die Fluppen vom Pudding. Sie qualmen nicht, und sind doch nicht aus. Die haben ein Leben.

„Ohne Auto und schlecht zu Fuß, da kommst du kaum noch vor die Tür“, kaut  er zornig auf seiner Kippe.

„Und was ist mit Angeln?“ frag ich.

„Was soll sein mit Angeln? Geht ja nicht, ohne Wagen. Wie soll ich da zum Rhein runterkommen?“

„Deine Kumpel können dich doch mitnehmen.“

„Ach, meine Kumpel.“

Seine Nase ist mit der Zeit so krumm geworden und sieht aus, als versuche die Nasenspitze in den Mund reinzuwachsen, damit sie auch mal ziehen kann an der Zigarette, die niemals brennt, aber immer an ist. Die will auch leben, die Nase, nicht immer nur wachsen. Immer nur wachsen ist nicht schön. Immer nur wachsen ist kein Leben.

„Was ist denn mit deinen Kumpeln?“

Beim Wort „Kumpeln“ sinkt sein Hals tiefer in die trockenen Buttercremeschluchten, und die Ohren zucken wie riesige Fische, die man zurück ins Wasser wirft, weil sie geschützt sind. Weil es nicht mehr viele von ihnen gibt. Die laufen kaum noch rum. Die sterben aus. Die haben bald kein Leben mehr.

„Mein Bruder hat mich letztes Wochenende zum Rhein gebracht, nach Monheim. Zum Nachtangeln, und ist wieder gefahren. Scheiße, hat das geschüttet. Zwei Tage und eine Nacht, nur geschüttet. Ich hab das Wasser bis zum Campingstühlchen im Zelt gehabt. Nee, ich war froh, als der Frank mich Sonntagabend wieder abgeholt hat. Alles stank nach Müll und war nass.“

Die Gräfin hat mir mal erzählt, dass sie vor ihm stand und sein Gesicht am liebsten vom Hals gebrochen und mit nach Hause genommen hätte auf die Staffelei, um es bis ins Detail abmalen zu können.

„Das war ein starkes körperliches Verlangen. Dem Pudding das Gesicht vom Rumpf zu reissen.“

Ein junges Ding radelt auf der Korkenzieherbahn an uns vorüber, sexy 15 und auf dem Weg zur Chemie-Nachhilfe. Pudding schielt ihr so großspurig hinterher, dass ich es auch ja mitkriege, und die Kippe macht einen Satz.

„Näh, zu jung, die Kleine. Mit der kannst du nur ne Propellernummer machen.“

Er demonstriert sofort, was das ist, ne Propellernummer. Da wird die Frau auf das Geschlechtsteil des Mannes geschraubt und angeschoben bis sie langsam an Fahrt gewinnt und immer schneller wird, bis zum Schluss die Puppe durchdreht und vom Hocker fliegt..

„Pschiijuuhhh..! Wie bei Hoppe hoppe Reiter!!“

Pudding lacht, ich lache, aber es dauert nicht lang, und Pudding wird wieder böse. Böse aufs Arbeitsamt, weil die immer noch nicht gezahlt haben. Obwohl doch schon der Siebte ist, und „die müssen doch am 31. zahlen, die Schurken! Oder nicht!?“

„Klar“, sag ich. „Noch keine Kohle drauf?“

Er schüttelt den Kopf.

Böse auf die Autoversicherung, die hat auch noch nicht gezahlt, obwohl er den Wagen schon Anfang des Jahres abgemeldet hat, „da müssen die doch langsam mit der Erstattung rüberkommen, bestimmt zweihundert Euro.“ Böse auf den Vermieter, eine Verwaltungsgesellschaft. Die hat doch versprochen neue Fenster einzubauen, nach über zwanzig Jahren.

„Und was machen die Brüder? Bauen nur ein Fenster ein statt direkt alle drei! So Plastikfenster da!“

„Thermopane?“

„Nee, Plastikfenster! Die Bude schimmelt seit zwanzig Jahren, und was machen die Brüder?! EIN Fenster! Nicht DREI!“

Als das Gemoser und Gemotze kein Ende nimmt, bin ich dran mit meiner Wahrheit. Ich meine, ich muss ja auch sehen, wo ich bleibe.

„Pudding, ich hab Hunger. Meine Puppe wartet zu Hause mit dem Essen.“

„Ja gut“, sagt er, denkt aber nicht daran, mich ziehen zu lassen. Er motzt weiter, noch mal Autoversicherung, noch mal die Vermietungsgesellschaft, bis ich schließlich, langsam aber bestimmt, losmarschiere.

„Pudding“, sag ich, „Ich muss mal los, nach Hause.“

Kipperingend sucht er nach einer gelungenen Pointe zum Abschied, doch heute will ihm partout nichts einfallen.

Wir reichen uns die Hand.

„Machs gut, Pudding.“

„Jo, du auch. Und füttert euren Hund nicht mit Hefe, sonst wird der noch zum Teilchen.“

„Puddingteilchen“, sag ich.

„Jou. Genau.“

Pudding, Susanne Eggert, 2007

Ein Gedanke zu „Pudding!

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Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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