Der Überfall

Nachtdienst im Hotel. Die fünfte Nacht hintereinander. Die Zimmer sind fast ausgebucht, in Köln ist Photokina. Ich bin völlig groggy. Erst gegen drei ist Ruhe. Ich will mich im Büro hinter der Rezeption eine Runde aufs Ohr legen, da schellt es. Auf dem Überwachungsmonitor erkenne ich eine Person. Ein Mann. Er lehnt an der Eingangstür im Erdgeschoß, ohne Gepäck, so weit ich das sehe.

“Mh ja..”, melde ich mich mürrisch über die Gegensprechanlage.

“Haben Sie noch was frei heut Nacht? Und wie teuer?”

“Ein Einzel hab ich noch, ja”, brumme ich. “Hundertfünfzig, mit Frühstück.”

„Hundertfünfzig??“

„Ja, Messepreise.“

“Gut.. ja… Machen Sie mir auf?”

Per Summer drücke ich die Tür auf, und während der Typ in den Aufzug steigt und in den elften Stock unterwegs ist, zieh ich mir Hose und die Gesundheitsschlappen vom Chef an. Die fünfte Nacht ist die schlimmste. Ich bin so erledigt, dass ich kaum noch was mitkriege, denn als ich aufschaue, steht der Knabe schon da. Ich hab weder den Gong des ankommenden Aufzugs noch seine Schritte gehört. Er bleibt einen Meter vor der Rezeption stehen, seltsamerweise.

“Hallo”, sagt er.

Irgendwie kommt der Typ mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich ihn hinstecken soll. Vielleicht war er schon mal hier und ich hab ihm ein Zimmer verkauft. Oder ich kenne aus anderen Zusammenhängen, hier aus der Stadt. Keine Ahnung. Einheimische übernachten aus den dubiosesten Gründen im höchsten Hotel am Platze.

“Hallo”, grüße ich knapp.

Wieso kommt der nicht näher, denk ich. Gewöhnlich tun das die Leute, die sich nur erkundigen wollen, was so ein Zimmer kostet, ob Frühstück im Preis enthalten ist, ob es Rabatt gibt, wenn man im voraus bucht, solche Sachen. Aber diese Anfragen kommen nicht nachts um drei. Und die Blicke der Leute flackern nicht so unruhig.

“Kann man bei euch nur gegen Vorkasse übernachten?”

Ärger liegt in der Luft. Mit diesem Blick stimmt was nicht. Der Blick ist kalt, und er schnüffelt.

“Ja”, sag ich, “nur gegen Vorkasse. Sonst geht gar nichts.”

“Was ist mit einem Scheck?”

“Nein”, sage ich, “Scheck geht nicht.”

“Und wenn ich meinen Personalausweis hinterlege?”

“Haben wir alles schon gehabt. Da hat auch jemand seinen Ausweis hinterlegt und ist nie wieder aufgetaucht. Der liegt heute noch hier, der Ausweis. Tut mir leid.”

Ich klinge schon wie mein Chef, in Zimmer 13, rechts den Flur runter. Um die Kosten zu drücken, hat das Ehepaar aus dem Sauerland die Mietwohnung gekündigt und ist ins Hotel gezogen. Folge: die beiden geräumigen Doppelzimmer, die sie nun bewohnen, können nicht mehr vermietet werden. Die Rechnung geht nicht auf.

“Und warum keinen Scheck?”

Ich zucke mit den Schultern. “Order vom Chef.”

Und plötzlich geht alles ganz schnell. Er zieht gereizt am Reißverschluss seiner Wildlederjacke und greift in die Innentasche.

“Was würdest du sagen, wenn hier drunter eine Waffe wäre? Was würdest du dann sagen..? He?”

Was ist denn jetzt los? Ist das ein Spiel?

“Was ich dann sagen würde..? Weiß nicht. Ich würd dir nicht glauben.. glaub ich.”

Etwas in ihm baut sich auf. Versteift sich. Aus einer vagen Idee wird ein Entschluss. Er setzt einen Schritt auf die Rezeption zu und zielt auf mich, mit etwas, das ich nicht sehen kann, das er in seiner Jackentasche versteckt hält. Vielleicht nur eine Banane, vielleicht ein Messer. Eine Pistole. Eine Smith and Wesson, Kaliber 38. Es läßt sich nicht erkennen.

“Ich hab hier eine Knarre und du rückst jetzt die Kohle raus.”

Raubüberfall. Ich weiß nicht, ob ich den Kerl ernstnehmen soll. Er macht einen stocknüchternen und unberechenbaren Eindruck. Er ist einen halben Kopf größer als ich, stämmig, blonder Bürstenschnitt, kantiges Gesicht. Drei Tage-Stoppeln. Die Waffe in seiner Jackentasche wirkt auf mich mal komisch, so als mache er nur den Zeigefinger lang, und mal authentisch, dann sehe ich den Lauf einer 38er Special, die sich gegen das Futter der Jacke drückt.

Kann doch sein, denk ich. Es sind genug Bekloppte unterwegs.

“Mach keinen Scheiss”, sag ich, “lohnt doch nicht.”

“Rück die Kohle raus! Und nur Scheine! Keine Münzen!”

Ich lass die Kasse aufspringen und trete einen Schritt zurück. “Dann komm um den Tresen rum und nimm dir das Geld selbst raus”, höre ich mich sagen., doch das passt nicht in sein Konzept. Er guckt gar nicht hin, sein Blick bleibt stur auf mich gerichtet.

“Nein.. Du gibst mir die Kohle.”

Ich hab selbst keinen Plan, was ich mit der Aktion bezwecken will. Will ich Zeit gewinnen? Zeit wofür? Dass er plötzlich Kniepäugelchen macht und Ätsch sagt, war doch nur Spaß? War nur ein Gag?

“Jetzt mach schon!“ wird er ungeduldig. “Nur die Scheine! Kein Wechselgeld!”

Ich greife in die aufgezogene Schublade der Kasse und packe alles, was an Zehnern, Zwanzigern und Fünzigern in der Kasse ist, auf den Tresen. Es sind vielleicht fünfhundert, sechshundert Mark.

“Die Hunnies auch!”

“Hier sind keine Hunnies. Kannst dich ja selber überzeugen. Hier.. komm rum. Sind nur noch Münzen drin.”

Während seine rechte Hand weiterhin in der Jacke steckt und auf mich zielt, grabscht er mit links über den Tresen nach den Scheinen und stopft sie umständlich in die Hosentasche.

“Ist dir klar, dass du für die paar Mark in den Bau gehst?” sag ich. “Das ist doch bescheuert.”

Er hält einen Moment inne. Scheint selbst überrascht zu sein, was er hier veranstaltet. Dass tatsächlich er der Akteur ist, dass er nicht vorm Fernseher sitzt und einen Sonntags-Krimi verfolgt.

Ich versuche die Situation zu nutzen.

“Pass auf, du gibst mir die Kohle wieder, steigst in den Aufzug und verschwindest und Schwamm drüber. Vergessen wir die Geschichte.”

“Geht nicht. Ich brauch das Geld.”

Seine Augen sind so unruhig, sie laufen Hürden, eine Sprintstrecke, und als er das Ziel erreicht, ist er außer Puste.

“Das ist das erste Mal, das ich so was mache..”

“Dann lass den Quatsch doch einfach.. Gib mir einfach die Kohle zurück.”

Tatsächlich greift er in die Hosentasche und knallt die Scheine, die er zu packen kriegt, auf den Tresen der Rezeption. Bestimmt zweihundert Mark. Eher mehr. Er schwitzt im grellen Neonschein der Rezeption.

“Den Rest auch noch”, fordere ich sanft.

“Nee.. geht nicht. Den Rest brauch ich.”

“Wofür?”

“Fürs Taxi.. Ich muss nach Düsseldorf. Ich brauche das Geld.”

“Mach dich doch nicht unglücklich, Mensch, für die paar Mark”, wiederhole ich mich, doch die Situation ist festgefahren. Er fängt sich wieder und droht, in der nächsten Nacht wiederzukommen und mich abzustechen, sollte ich wirklich sofort die Bullen rufen, sobald er gleich weg ist.

“Ich bin ein scharfer Hund, pass bloß auf..! Wehe, du drückst Alarm, bevor ich weg bin, dann..”

“Hier gibt’s keinen Alarm”, sag ich unwirsch und verschwinde nach hinten ins Büro, um meinen Tabak zu holen. Das ist ein Raubüberfall, denke ich überrascht. Was mach ich hier eigentlich? Eine rauchen mit dem Räuber.

“Kann ich mir eine drehen?” fragt er.

“Was?.. klar”, sag ich und lege den Tabaksbeutel auf die Rezeption,. Er zögert, dreht sich aber keine. Wahrscheinlich, weil er dazu die Waffe aus der Hand legen müsste. Oder was auch immer er da in der Hand hält..

“Ich hau jetzt ab. Ruf nicht die Polizei. Ich warne dich. Ich komm morgen Nacht wieder und..”

“Nicht die Polizei rufen? Du bist lustig. Und wWas soll ich deiner Meinung nach meinem Chef erzählen, wo die ganze Kohle ist?”

“Das ist deine Sache”, sagt er nervös.

Wir einigen uns darauf, dass ich die Polizei erst rufe, wenn er das Hotel durch den Haupteingang im Erdgeschoß verlassen hat, plus drei Minuten Vorsprung. Wie früher auf dem Bolzplatz. Wenn das chancenlose Team mit den Knirpsen ein paar Tore Vorsprung bekam. Und dann trotzdem unterging.

“Drei Minuten Vorsprung”, sagt er.

“Okay”, sag ich. “Das ist fair.”

“Aber wenn du die Bullen rufst, bevor ich weg bin, komm ich morgen wieder und stech dich ab.”

Ja sicher. Er macht kehrt und stapft zu den Aufzügen. In dem Moment, als die Aufzugstüre sich schliesst und der Lift mit einem Ruck losfährt, nehme ich den Telefonhörer in die Hand und wähle die Eins-Eins-Null.

“Hier ist der Nachtportier vom Turmhotel, ich bin grade überfallen worden!”

“Wie war Ihr Name, bitte?”

Ich spüre plötzlich, wie meine Stimme zittert, ich bin richtig aufgebracht. Der hat mich überfallen. Ich bin überfallen worden.

“Der Kerl verschwindet gerade in Richtung Graf-Wilhelm-Platz! Ich kann ihn sehen auf meinem Monitor, der flieht zum Taxistand! Er will nach Düsseldorf!”

“Nach Düsseldorf? Woher wissen Sie das?”

“Hat er gesagt!”

Ich beschreibe ihn mit knappen Worten (stämmig, groß, blond) und höre im Hintergrund, wie die Personenbeschreibung direkt über Funk weitergegeben wird. Ich leg auf und laufe den Flur runter, klopfe an Zimmertür 13, Ehepaar Pümacher.

“Ich bin überfallen worden!” rufe ich. “Aufmachen!”

Es dauert einen Moment, ich höre Stimmen, ein Poltern, dann erscheint der Chef im Bademantel, verpennt.

“Was ist los..?”

“ICH BIN ÜBERFALLEN WORDEN.”

“Was äh..? Sind Sie okay? Haben Sie die Polizei schon gerufen? Einen Moment..”

Ich laufe in den Frühstücksraum, von wo man den perfekten Überblick über den Graf-Wilhelm-Platz und den Taxistand hat. Da stehen ein paar Wagen, vom Täter keine Spur. Zwei Streifenwagen kommen mit Blaulicht und Sirene angerast. Und im Hotel klingelt es Sturm. Ich seh die Bullen noch aus ihren Wagen steigen und eile zur Rezeption. Vier Leute auf dem Monitorschirm. Alles Männer, kein Gepäck.

“Kripo Wuppertal. Machen Sie bitte auf..”

Zivilbullen. Ich drück per Summer die Tür im Erdgeschoß auf und laufe zurück in den Frühstücksraum, zur Live-Übertragung. Der Chef ist mittlerweile ebenfalls eingetroffen. Wir werden Zeuge, wie vier Polizisten den Gesuchten vom Rücksitz eines Taxis zerren, (sein kurzes blondes Haar blitzt auf, schlohweiß im Licht der Laternen), und wie einer der Beamten den Würgegriff ansetzt. Mit Erfolg.

“Guck mal, der kotzt!” ruft mein Chef.

Eine Stunde später, auf dem Revier. Ich mache meine Zeugenaussage. Beim Täter wurde keine Waffe gefunden, erfahre ich. Es ist fast fünf Uhr mittlerweile. Die Beamten sind müde. Selbst der Funkverkehr schweigt. Das gestohlene Geld, das, was übriggeblieben war, vielleicht 250 Mark, hatte sich der Knabe noch schnell in die Backentaschen gestopft, als die Streifenwagen aufs Taxi zurasten, in dem er saß.

“Respekt”, sag ich am Ende der Vernehmung. “Ich mein, da waren fast nur Zehner und Zwanziger in der Kasse, das muss man erstmal alles in die Fresse reinkriegen..”

Der Wachtmeister guckt überrascht auf.

„Stimmt.“

Beim Verlassen des Präsidiums fällt mir ein, dass ich noch ein Pack Heroin in der Tasche habe. Es ist sechs Uhr früh, und mir wird heiß. Wenn jetzt ein Drogenhund seinen Dienst beginnt und mir auf dem Flur begegnet, hab ich die Arschkarte gezogen, denk ich, und der diensthabende Beamte am Empfang drückt per Summer die Tür auf.

8 Gedanken zu „Der Überfall

  1. Er kam mir gar nicht vor wie’n Arschloch. Er hätte sich sonst nicht „erweichen“ lassen, hätte nicht gezögert, nicht gezweifelt. Ich hätte mein Versprechen gehalten. Aber vielleicht hast Du Recht. Ich war ja nicht in der Situation.

  2. schätze, ich muss an der story noch was tun. der knabe kommt nicht richtig rüber, er war unberechenbar und ich wusste bis zum schluß tatsächlich nicht, hat der da jetzt ne knarre drunter oder nicht.

  3. Das liegt an Deinen humoristischen Einlagen mitten im Ernst der Situation. Aber wehe, Du änderst an denen etwas. Ich habe mich köstlich amüsiert. Deine Geschichte ist gut so, wie sie ist. Ich bin nur etwas über-empathisch. Ist’n Charakterfehler.

  4. Pingback: Du bist so kalt « Glumm

  5. scheiss doch auf die kohle-
    bestellst ihm ein taxi und fragst soll ich mitkommen.-?
    mach und schnell noch ein paar schnittchen.-
    wie war dein name noch gleich..-
    oder brauchst ein schnaps..
    das passiert hier alle paar tage das einer nich zahlen kann..-
    ich könnte die sweet empfehlen
    mach hinne
    bitte,.-? beeil dich –
    jo sicher-komm ja schon
    mit früstück?
    waaas?
    nee warn witz sorry
    so blöd kann mensch also sein werden
    ausgerechnet ohne fluchtweg
    ich hätte dich gefesselt und die fresse mit clopapier gefüllt.-
    denn rausmarschiert als wär nix gewesen..-
    hihi.-
    a star is born.-

  6. Pingback: Du bist so kalt | Studio Glumm

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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