Alles Scheiße in Deutschland

Wenn ich noch was am Kiosk holen muss, steh ich vor der Wahl: entweder beim dicken Schmutzvogel auf der Klingenstrasse oder oben auf der Wupperstrasse, wo der Kindermörder seine kleine Trinkhalle betreibt. Der Kindermörder heißt Kindermörder, weil er mit seinen sechzig Lenzen immer noch so putzig und unschuldig aus seiner Bude glotzt, wie es nur ein gelernter Kindermörder vermag, der den Ranzen voller Stielaugen hat, wenn die Schule aus ist. Dass er zudem Nationalsozialist ist, erfuhr ich an dem Morgen, als ich mit dem Rad kurz anhielt, um ein Päckchen Kaugummis einzusammeln.
„Schönen Tag noch“, sagte ich, während ich das Wechselgeld einsteckte, „in Ihrem Büdchen.“
„Ich hab immer schöne Tage hier“, griente er, „Arbeit macht frei.“

Wenden wir uns dem dicken Schmutzvogel auf der Klingenstrasse zu. Der hat vor seiner Eingangstür einen weithin sichtbaren knallroten Sonnenschirm aufgestellt, darunter die große GEÖFFNET-Tafel, auch wenn geschlossen ist. Ist doch egal. Muss man eben selbst aufpassen, welcher Tag ist und wieviel Uhr. Zwischen eins und drei ist Mittag. Außer am Wochenende. Da ist von neun bis halb zwölf zu. Sonst auf. Oder andersrum.

Der dicke Schmutzvogel ist dick und mundfaul und trägt stets dieselbe müffelnde olle Strickjoppe. Eigentlich müffelt die ganze Trinkhalle nach Strickjoppe. Heute ist sein Sohn da. Zwanzig Jahre jünger, unrasiert und nur halb so dick, adidas-Jacke. Als ich den Tabak bezahle, fällt mir neben dem Wechselgeldtellerchen ein Packen Flyer auf, auf denen jemand seine Dienste anbietet. Eine Spezialreinigung, ausdrücklich auch für private WC-Anlagen, worauf ein stilisierter Toiletten-Pümpel hinweist.

„Kannst du einstecken“, sagt der Sohn.
„Ist von dir?“ frage ich.
„Ja. Mach ich seitn paar Tagen. Nur nebenher.“
„Und? Schon Kundschaft gehabt?“
„Nee, noch nich. Mach ich ja erst seitn paar Tagen. Spezialreinigung.  Nur nebenher. Man muss sich was dazu verdienen. Kannst du einstecken. WC-Wäsche.“
„Nee brauche ich nicht. Ich bin Kosmopolit. Ich scheiße ins Freie. Ich darf das.“
Er hört gar nicht hin.
„Muss man ja machen, nebenher, heutzutage. Hier, pass auf. Der Kiosk kostet fünfhundert Tacken Miete im Monat, plus zweihundert Tacken Nebenkosten. Und was verdien ich hier, an einem Päckchen Tabak? Zehn Cent. An einer BILD? Drei Cent. Vier vielleicht. Oder hier, die Zeitschrift. Verdien ich sieben Cent dran. Das ist doch Mist, bei siebenhundert Fixkosten.“
Sieben Cent an einer Zeitschrift? Was redet der denn da?
„Ich hab einen Bekannten, der hat auch einen Kiosk. Der macht an jeder Zeitschrift dreißig Prozent Gewinn“, sag ich. „Und nicht sieben Cent.“
„Quatsch, sieben Cent“, beharrt er. Er geht in das Nebenzimmer, wo rund um die Uhr Besuch auf dem Sofa sitzt und die Vorräte wegraucht. Er kommt mit einer Liste wieder, vom Zeitschriftenzwischenhändler.
„Hier. Guck. Da.“ Er zeigt auf die Mehrwertsteuer-Spalte. „7 Cent. Mehr nicht.“
„Das bedeutet 7 Prozent“, sag ich. „Das ist Umsatzsteuer.“
Ich bin kein Angeber, aber ich hab das mal gelernt, bei der Umschulung zum Steuerfachangestellten, einer der kleineren Pleiten meines Lebens. Der halbdicke Schmutzvogel starrt mich mit großen Augen an, er ähnelt der GEÖFFNET-Tafel draußen vor der Tür. Egal, ob geschlossen ist. Macht doch nix.
„Das ist die Mehrwertsteuer“, wiederhole ich. „Auf Zeitschriften sind 7 Prozent Mehrwertsteuer drauf. Nicht 7 Cent.“
„Was?! Nee! Sieben Cent! Alles Scheiße in Deutschland!“ Er senkt die Stimme. Als dürfe der Besuch im Nebenzimmer nicht hören, was er mir nun zu sagen hat. „Wieso Mehrwertsteuer? Eben sagst du Umsatzsteuer.“
„Mehrwertsteuer ist Umsatzsteuer. Ist nur ein anderes Wort.“

Er drückt mir einen Packen Flyer in die Hand.
„Mh. Hier. Bisschen Reklame machen. Kannst du einstecken“
Eigentlich wollte ich der Gräfin eine Wundertüte mitbringen, für Knaben. Aber die kauf ich jetzt lieber oben beim Kindermörder. Der hält wenigstens die Klappe. Und schlachtet still vor sich hin.

*
..
Als sie mir das erste Mal übern Weg lief, das Make-up einmal quer durchs Gesicht gerutscht wie ein schwerer Ausnahmefehler, musste ich aufpassen, dass ich nicht laut loslachte, so verschroben kam sie rüber. Mittlerweile freue ich mich, sie zu sehen. Eine tapfere kleine Frau mit einem kleinen Pinscher und einer kleinen Rente. Immer unterwegs, immer unter Dampf.
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Auf 500beine Wunderbare Frau Heller

Januarmädchen, Susanne Eggert, 2010

Ein Gedanke zu „Alles Scheiße in Deutschland

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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