1972, Mittagszeit

Ich war zwölf Jahre alt, als im Erdgeschoß unseres Mietshauses dieses sonderbare kinderlose Paar einzog. Die Frau war sexy, sie trug Minirock und das Haar hennarot gefärbt, er war klein und bestand nur aus dieser Nase, die knochig und krumm in seinem Gesicht hockte. Er hatte etwas krötenhaftes an sich, und er blickte einem nie in die Augen. Ich traute ihm nicht. Ich ging ihm aus dem Weg, wo ich nur konnte.

„Was die Frau wohl an dem Zwerg findet“, wunderte sich meine Mutter.

Mittagszeit, ich kam aus der Schule. Mit meinem schreiend blonden Lockenhaar und den femininen Gesichtszügen machte ich ersten Eindruck auf Schwule, eine nervende Geschichte, die ihren Höhepunkt erreichte, als Drago, der verrückte schwule Kellner, für mich tanzen wollte, für einen Kuss, da war ich 25. Danach war Schluss. Schwule mögen keine älteren Herren.

Ich schloss die Haustüre auf. Der kleine Mann stand im Flur. Die Tür zur Erdgeschoßwohnung stand offen. Ich wusste nicht, ob er auf mich gewartet hatte, so ganz zufällig schien er nicht da zu stehen. Ob ich mal eben anfassen könne. Ein Sofa. Zu zweit wäre das kein Problem. Alleine ginge das nicht.

„Dauert nicht lange, Junge.“

Meinem ersten Impuls folgend wollte ich ihn stehen lassen, wollte einfach weitergehen, die Treppe rauf und heim, dann dachte ich, was soll schon passieren. Wir wohnten im selben Haus, er hatte eine Frau. Eine sexy Frau. Ich nickte. Nur auf einen Sprung, sagte er, und ging vor ins Wohnzimmer. Er bot mir etwas zu trinken an. Ich sagte nein.

„Limonade?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Setz dich“, sagte er. „Du hast keinen Durst? Du möchtest doch bestimmt eine Cola. Ich hab kalte Cola..“

„Nein. Danke.“

Es war Mittagszeit. Ich war hungrig. Ich hörte einen Vogel in der Wohnung. Ich nahm Platz. Ich wollte die Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen. Er setze sich zu mir. Er war klein und drahtig, und da war diese große strenge Nase. Seine Haut wirkte aus der Nähe wie Sackleinen, von Grobheit durchzogen. Wo war das Sofa, das wir tragen sollten? Wir saßen auf einem Sofa. „Wo soll es denn hin?“ fragte ich. Ich hörte den Vogel. Ich mochte keine frei fliegenden Vögel in Wohnungen. Mein Onkel hatte einen Sittich, wenn der durchs Zimmer flog, landete er auf meinem Lockenkopf und begann ein Nest zu bauen, wobei sich die flatternden Flügel in meinem Schopf verfingen und sowohl der Vogel als auch ich Panik bekamen

Er rückte näher. Alles an ihm war Energie. Ich sah seine Schläfen beben und pochen, und als ich unvermittelt seine Hand auf meinem Schenkel spürte, schoss die Hitze durch meinen zwölfjährigen Körper, einem Blitzschlag gleich, und ich dachte, Scheiße, jetzt passiert es. Erwischt. Knochige klobige Männerfinger begannen meine Schenkel zu streicheln, zu bearbeiten, zu massieren, ungeduldig und fordernd. Ich hörte ihn schnauben. Der Vogel schrie, von irgendwoher. Nein! rief ich. Ich sprang auf, schnappte die Schultasche und lief los. Die Wohnung hatte den gleichen Grundriss wie unsere. Ich war Sportler. Ich flog durch den langen Flur zur Etagentür, drückte die Klinke runter. Als ich spürte, wie die Tür aufging, machte mein Herz einen Satz. Ich sprintete die Treppe hoch, 58 Stufen, die ich so oft gezählt hatte, wenn ich von der Schule kam. Oben angekommen, klingelte ich Sturm.

Mutter war in der Küche, das Radio plärrte, sie hantierte mit der Pfanne. Sie hörte mein Klingeln nicht. Im Erdgeschoß schlug die Türe zu, Schritte näherten sich. Ich klingelte wie verrückt. Tap, tap, tap –  er folgte mir tatsächlich. Der ist verrückt, dachte ich. Endlich öffnete Mutter. „Hast du den Schlüssel liegen lassen?“ Ich hatte vergessen, dass ich einen Schlüssel hatte.  Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen. Stattdessen blieb ich still. Ich war verwirrt. Ich fühlte mich schuldig. Warum war ich ihm in die Wohnung gefolgt? Ich hätte ja nicht mitgehen müssen. Ich sagte kein Wort. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Ich sagte nie auch nur ein einziges Wort, in all den Jahren nicht, ich behielt es für mich.

Ich war schuld. Ich hätte nicht mit ihm in die Wohnung gehen müssen, ich hätte den Vorwand erkennen müssen.

Das Paar zog bald aus, doch der Mann ist mir in den folgenden Jahren immer wieder über den Weg gelaufen. Meist am Mühlenplatz. Er erkannte mich nicht, oder jedenfalls tat er so, als wüsste er nicht, wer ich war, doch jedes Mal, wenn er mir begegnete, auf irgendeinem Bürgersteig, stur an seiner Kippe saugend, wurde es heiß und mir fuhr der Schreck in die Glieder. Noch mit Dreißig ist mir das passiert, als ich ihn längst um Haupteslänge überragte und mühelos hätte umhauen können. Ich bin schuldig bis heute. Dass ich es nicht getan habe. Dass ich ihm nicht die Fresse blutig geschlagen habe.

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