Frag die Engel: Auf LSD

LSD war das Geheimnis dieses Sommers. Das Geheimnis der großen Brüder. Wir hörten so viel, sie erzählten so wenig. Sie behielten es für sich. Es war ihr letzter Trumpf. Pepes großen Bruder mussten wir lange bearbeiten, bis er endlich nachgab und eine Yellow Sunshine besorgte. Eine funkelnde kleine gelbe Sonne. Wir hatten regelrecht betteln müssen, bis wir sie endlich in den Händen hielten. Und nun steckte sie in unserem Kopf, und es geschah – nichts.

Als wir uns schon beinahe verschaukelt fühlten, vom Geheimnis abgekoppelt, ging es, leicht noch zunächst, los. Ein erster sachter Einschlag. Wer LSD nicht kennt, wer es nie probiert hat, der erwartet alles mögliche, nur kein organisches Federn, keinen unaufdringlichen Gast an einem milden Sommertag. Ja, man weiß anfangs nicht einmal, bin ich schon auf Acid? Ist das schon die Linse?

Angenehm, das Licht.

Urplötzlich ist man mittendrin. Ohne Worte. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, sind Worte nichts als tapsige Urlauber, die im falschen Augenblick durchs Bild rennen. Eines der irrsten Erlebnisse, auf einem späteren, mehr vom Speed dominierten Trip: Wie der Bruder vom dicken Hansen und ich nebeneinander auf dem Klo hocken, uns schweigend eine Klobrille teilen. Es war, als wollte der Stuhl überhaupt nicht enden, als hätten wir ganze Planeten ausgeschieden. „Boh..“, grunzte der Bruder vom dicken Hansen.

Am Zedernweg ließen wir uns im Gras nieder, Pepe und ich, lang ausgestreckt, die Ohren nah am Bachlauf. So mächtig kam der Klang, so unmittelbar, als senkten sich gewaltige Tonarme in die Rille einer Geräuscheplatte. Wie von Ping Pong-Schlägern geschmettert pfiffen und giggelten die Wassertropfen. Wir beobachteten unsere geweihten Finger, wie sie von Norden her durchs schäumende Wasser schlenderten. Norden war Ruhe. Norden war Acid. Von nun an würde der Norden für immer Acid sein.

Der Höhepunkt: Wie wir Schulter an Schulter auf der Kuhwiese stehen und zur Sonne aufblicken. Mit der bloßen Kraft des Augenblicks schoben wir sie am Himmel entlang, platzierten sie neu am Firmament. Fixierten sie. Ließen sie kopfüber abtropfen. Mit einer Genickstarre wie im Kino, erste Reihe, liefen wir über die Weide.

Dass es auch ganz anders kommen kann, dass LSD einen Infarkt auslösen kann, eine künstliche Psychose, wenn man den falschen Zeitpunkt erwischt, den falschen Ort, die falsche Dosierung..

Ostern 1978. Patti Smith kam nach Düsseldorf. Sie war so populär geworden, dass wir die Karten im Vorverkauf besorgen mussten. Einen Tag vorm Konzert rief Pepe an und meinte, er könne Acid klar machen.

„Ein Konzert auf Trip? Bist du übergeschnappt?“

„Kein normaler Trip. Yellow Sunshine..“

Das war etwas anderes. Eine Yellow Sunshine war das Land, in dem die Welt noch einmal erschaffen wurde, und man durfte einen kurzen Blick darauf werfen. Dennoch hatte ich kein gutes Gefühl. Ein Trip gehörte in die Natur. Keine Wände.

Wir waren vorm Mumms verabredet an diesem Samstag, Pepe, ich, sowie drei, vier andere Leute, die ihre Karte ebenfalls schon in der Tasche hatten.

Pepe nahm mich beiseite.

„Yellow Sunshine hat sich erledigt“, sagte er, und ich war schon fast erleichtert, „aber mein Bruder hat eine Red Star abgedrückt. Sind auch gut.“

Am liebsten hätte ich die ganze Sache abgeblasen, doch Pepe wollte das Konzert unbedingt auf Pille erleben, und es war ungeschriebenes Gesetz, einen Freund niemals allein auf Trip gehen zu lassen. Warum wir aber den gezackten, rot glitzernden Stern gleich in zwei Hälften teilten und einwarfen, statt ihn erst mal zu vierteln und eine halbe Stunde abzuwarten, dafür gibt es im Nachhinein nur eine einzige Erklärung: Wir waren siebzehn.

Ich seh uns noch vorm Mumms stehen, an den Parkscheinautomaten gelehnt. Wie Pepe den Stern in der hohlen Hand entzweibricht und jeder seine Hälfte schluckt, Schluck Bier hinterher, und wie der dicke Hansen Wind von der Sache kriegt und neugierig angeschlichen kommt.

„He! Was pfeift ihr beide euch denn ein? Ne Linse?“

„Was? Nee“, sagte Pepe.

Auch ich schüttelte nur den Kopf. Der dicke Hansen auf Drogen bedeutete nur Scherereien. Und was man auf Acid partout nicht gebrauchen kann, ist jemand, der Scherereien macht. Dafür ist LSD nicht gebaut.

Wir fuhren mit zwei Wagen nach Düsseldorf. Ich stieg beim Schuh ein, im roten Kasten-R4, Pepe im Wagen dahinter. Schuh war ein charmanter langer Schlaks, der skeptisch in die Welt guckte und mich mit „He, du Spezialist“ zu grüßen pflegte. Er war ein paar Jahre älter, Kategorie großer Bruder.

Nach nicht mal einer halben Stunde setzte die Wirkung ein – mitten auf der Autobahn. So rasch hatte es mich noch nie erwischt. Ich konnte kaum stillhalten, die Füße drängelten wie Flöze unterm Sitz hervor, wollten nur raus aus der verdammten Karre. Ich war heilfroh, als wir endlich den riesigen Parkplatz vor der Philipshalle erreichten. Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen, stürzte Pepe auf mich zu.

„Alter, was ist das denn..?!“ zischte er, begleitet von einem verzerrten Grienen.

Im gleißenden Flutlicht mächtiger Laternenmasten marschierten wir Seite an Seite über den Parkplatz. Wie Stars im Scheinwerferlicht fühlten wir uns, auf schwarz geteerten, glänzenden Bühnenbrettern, unsere Beine pumpende Briketts. Der Stern erstrahlte. Ein rot glitzernder Aufgalopp.

Als in meiner Nähe jemand versehentlich seinen Schlüsselbund fallen ließ, löste das in meinen Ohren ein Scheppern aus, als stürzten Stahlträger aus großer Höhe auf den Beton einer leeren Fabrikhalle. Ich duckte mich erschrocken, während Pepe lässig weiter stolzierte. Hin zum Gemurmel, hin zum Gelächter der In-Crowd, die, zurecht gemacht für Patti Smith, Richtung Kassenbereich strömte. Umtost vom Hupen ankommender Autos, vom Clubsound schwerer Motorräder, verschmolz alles zu einer einzigen pulsierenden Show. Willkommen auf deinem Trip, machs gut, Kamerad, verlier mich nicht. Ich holte Pepe ein. Wir blickten uns an, halb irre schon.

Nachdem Ordner die Eintrittskarten abgerissen hatten und wir die Vorhalle betraten, das Reich der Bierstände und T-Shirt-Verkäufer, wurde mir schlagartig bewusst, dass es für die nächsten Stunden kein Entrinnen geben würde aus diesem schmucklosen Bau. Bedrängt von Fans in schwarzen punkigen Capes, die sich nach vorne kämpften, um die besten Plätze zu ergattern, schoben wir uns in den Innenraum der Philipshalle. Aus Bühnen-Boxen, zu Türmen übereinandergestapelt, dröhnte Miss you von den Stones, Miss you mit dem rollenden Disco-Basslauf und der fröhlichen Mundharmonika, und dieses eine Mal noch grinsten wir uns verschwörerisch an, Pepe und ich, bevor wir uns für den Rest des Abends aus den Augen verlieren sollten.

Unterhalb der Tribüne bildete sich eine Gasse, in der das Publikum hin und her strömte, hin zu den Bierständen, zurück zu den Plätzen. In diesen Gesichtern begann der Horror. Mir begegneten Fratzen, breit wie Brotkästen, die Mäuler eingekleistert, als mampften sie aufgeweichtes Krepp, blutig geratschte Augen überall. Ich blickte in Schlachthof-Visagen, ich sah teigige Fleischwunden. Ich hatte auf Trip Halluzinationen gehabt, doch das sprengte alles Gesehene. Und da ich aus Erfahrung wusste, dass dieser Zustand, die elektronische Vollvergiftung, eine ganze Weile anhalten würde, dass keine schnelle Erlösung in Sicht war, bekam ich es mit der Todesangst. Die Säure schoss die Beine hoch, ich lief wie auf aussuppenden Batterien umher. Unmöglich, anzuhalten. Ich

fand niemanden von meinen Leuten und traute mich nicht mehr in Gesichter zu blicken, ich mied Gesichter – inmitten siebentausend Gesichtern.

Einmal stand der dicke Hansen neben mir und brüllte etwas in mein Ohr, doch ich verstand ihn nicht, ich starrte nur zu Boden, um seiner gespreizten Fratze zu entgehen.

„Keine Vorgruppe..“, wiederholte Hansen, und ich floh aus dem Innenraum.

Als ich die Gasse unterhalb der Tribüne erreichte, blickte ich hinauf zu den Rängen, und jetzt geriet meine Wahrnehmung komplett durcheinander. Die Bewegungen der Menschen, die dort oben nur ihre Plätze einnahmen, deutete ich falsch. Ich glaubte, das Publikum sei in Panik geraten. Ich sah Menschen flüchten, über die Sitze stolpern, es war ein einziges Gewimmel. Vielleicht ist Feuer ausgebrochen, dachte ich, und jetzt klettert alles wild durcheinander und stürzt Richtung Notausgang.

Doch merkwürdig. Nirgends waren Schreie zu hören, keine Hilfe-Rufe, eine lautlose Panik hatte die Halle ergriffen! Und was zum Teufel war mit den Leuten um mich herum los? Wieso gaben sich alle so unberührt? Sah niemand außer mir, was oben auf der Tribüne vor sich ging!?

MERKTE DAS DENN NIEMAND?

Das Hallenlicht erlosch unter Gejohle und schrillen Pfiffen, und mit der einsetzenden Dunkelheit verschwand das Gespenst einer Massenpanik. Ich versuchte mir klarzumachen, dass es nur Halluzinationen gewesen sein mussten. Nur Hallus.. Aber was heißt nur. Auf LSD gibt es kein nur. Alles ist gleichsam wichtig, man bewegt sich in tausendfacher Vergrößerung unterm Elektronenmikroskop, man schwimmt auf der Pipette. Das Selbst ist enthauptet. Es gibt kein Ich mehr.

Auf Resten einer entglittenen Seele, niedergedrückte Versuche, mir zu entkommen. Abgrund überall. Weg vom Abgrund – hier entlang! Ich versuchte, Vorsprung zu gewinnen, Vorsprung vor mir selbst, einen Meter nur, inmitten rempelnder Körper, diesem brutalen MILLIARDENGEMURMEL. Hätte ich es doch nur ungeschehen machen können.. hätte ich doch nur.. Doch ich blieb zugeschnürt, randvoll pulsierend.

Auf der Bühne erschien Patti Smith, die sich feiern ließ für ein erbärmliches Gitarren-Solo. Das gab mir den Rest. Ich tigerte zurück in die die Vorhalle, zu den Poster-Ständen, den Fress- und Saufbuden, der Garderobe. Immer in Bewegung, ohne ruhige Sekunde. Alles, was im cleanen Kopf ein Kinderspiel gewesen wäre, in die S-Bahn setzen und die halbe Stunde nach Hause fahren, es war mir unmöglich.

Beifall brandete auf. Das erste Stück war vorbei. Ich schlich hinters Mischpult, wo genug Platz zum Tanzen war. Die Band spielte Ask the angels, ich versuchte zu tanzen, mich in die Musik einzugraben, eine Schutzschicht aus Noten zu ziehen, doch ich fand mich nicht ein. Ich spürte die Musik nicht. Es war nur ein Hampeln. Ich blieb auf der Pipette.

Schuh begegnete mir an der Garderobe. Wir waren nicht gerade das, was man Freunde nannte. Was sagt man einem Bekannten, wenn die Seele gerade von zu starkem LSD zerschossen wird?

„Schuh.. ich bin auf Trip.. ich pack das nicht mehr..“, mehr brachte ich nicht heraus. Die Worte eines Hängenbleibenden. Nüchternes Zeugs. Doch Schuh zögerte keinen Moment.

„Lass uns hier verschwinden. Mir gefällt das Konzert eh nicht. Und ich hab einen dicken Brösel im Wagen.“

„Nein. Nicht kiffen“, sagte ich, „bloß nicht!“

Ich hatte Angst, dass mit Haschisch alles nur noch schlimmer werden würde, doch Schuh ließ sich nicht beirren.

„Auf Horror hilft nur viel kiffen, so viel wie möglich.“

In seinem R4 holte er ein Piece aus dem Handschuhfach, groß wie ein Hühnerei. Wir rauchten fünf oder sechs Joints, bis Schuh nicht mehr konnte und nur noch für mich drehte. Es war, als drückte das THC allmählich die Säure aus meinen Beinen, als würde sich mit jedem Zug eine weitere leichte Decke über meine Sinne legen, in der kühlen Stille des Autos. Wir sprachen kein Wort. Ich hatte keins, Schuh wollte nicht. Als der Brösel fast ganz aufgeraucht war, gaben die Dämonen Ruhe. Ich verschwand in meinem Beifahrersitz wie die Prinzessin auf der LSD-Erbse, die tief unter mir ihr vorläufiges Grab gefunden hatte, und funkelte.

Schuh gähnte ausgiebig.

„Du Spezialist.“

 

7 Gedanken zu „Frag die Engel: Auf LSD

  1. maiomei-also wenn mir von irgend was anders würd,direkt körperlich sozumsagen,fast übel bis schlecht …-das soll was heissen…sone art ferntriprevue –muss was kiffen…!!!

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