20 Jahre danach: Der Brandanschlag von Solingen

Der Anschlag Pfingsten 1993 ist nicht umsonst in Solingen passiert, oder besser: in einem Provinznest wie Solingen, wo bis heute eine muffige Stimmung vorherrscht und in der Bevölkerung die Ressentiments brodeln gegen alles, was anders ist.

29. Mai 93, Pfingstsamstag

Es ist stickig heiss, ich finde seit Tagen kaum Schlaf. Wenn ich um halb acht vom Nachtdienst nach Hause komme und mich aufs Ohr haue, bin ich keine zwei Stunden später wieder wach und starre erschöpft zur Decke.

Mittags klopft es ans Fenster. Es ist mein Bruder. Er steht mit den Fingern praktisch vorm Bett und zerrt an mir, so laut und fordernd ist sein Klopfen.

„He! Mach auf!“

Ich steh auf und öffne das Fenster.

„Es hat gebrannt!“ ruft mein Bruder, er steht im Vorgarten. „Am Bärenloch hat ein Haus gebrannt, es hat vier oder fünf Tote gegeben. Alles Türken.“

Die Mittagssonne brennt in den Augen, und ich kapiere nicht.

„Was ist los?“

„Mach das Radio an. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Los, zieh dich an. Nun mach schon.“

Ich öffne ihm die Türe, und während ich mich anziehe, erzählt er, was er weiss. Viel ist es nicht. Eigentlich nur das, was er schon erzählt hat. Als ich die Schuhe zubinde, fällt mir ein, dass ich zwischen zwei und drei in der Nacht im Hotel vorm Fernseher saß und Sirenen hörte: einen endlosen Mahlstrom aus Feuerwehrwagen, Krankenwagen und Polizeiautos, doch ich dachte mir nichts dabei. In schwülen Nächten, zumal bei Vollmond und an einem langen Wochenende, ist es nichts besonderes, wenn Feuerwehr und Notärzte im Dauereinsatz sind.

In den Parkanlagen laufen wir der Gräfin und Daisy in die Arme. Die Beiden sind bepackt mit Tragetaschen und Tüten, sie kommen vom Einkaufen.

„Schau an, die Herrschaften“, stöhnt die Gräfin. „Könnt ihr gleich mal anfassen und..“

„Am Bärenloch hat es gebrannt“, sag ich sofort, „ich hab dir einen Zettel geschrieben. Es soll fünf Tote gegeben haben.“

„Ja, fünf Türken“, sagt mein Bruder fast schon genervt. „Oder vier.“

„Wir haben oben im Laden auch so was gehört, aber da war nur von Brandstiftung die Rede“, meint Daisy blass. „Nicht von Toten..“

„Das waren die Nazis“, meint die Gräfin.

Wir bringen die Einkäufe rein und machen uns auf die Socken. Erst Richtung Papageiensiedlung, dann die steile Schlachthofstraße hoch. Über der ganzen Nordstadt liegt ein großes düsteres Gemurmel, das je lauter und bedrohlicher klingt, je näher wir dem Bärenloch kommen. Es ist, als näherten wir uns einem Wespennest.

„Die Nordstadt ist ein Wespennest“, meint mein Bruder. „Da ist alles fest in türkischer Hand. Wenn das wirklich Brandstiftung war und die Täter Neonazis, was glaubt ihr, was hier die Post abgeht.“

„Da gibt’s ne Menge Grauer Wölfe“, wirft die Gräfin ein. „Die warten nur auf ihre Gelegenheit.“

Sie kennt sich aus, war eine Weile mit einem Türken zusammen, einem in Deutschland geborenen Alleviten.

„Für die Grauen Wölfe ist das ein gefundenes Fressen. Können sie den Deutschen endlich aufs Maul hauen, darauf haben die nur gewartet. Das sind Faschos. Die hassen Deutschland, die hassen unsere ganze Demokratie.“

„Es sind doch nicht alles Graue Wölfe“, wendet Daisy ein, bleich und außer Puste. Sie wohnt in der Nachbarschaft und ist eine gute Freundin der Gräfin.

„Natürlich nicht. Aber die heizen die Stimmung an, und die Anderen folgen.“

Am Schlagbaum, der Hauptverkehrsader der Nordstadt, biegen wir in die Kuller Strasse ein, von da aus geht’s runter zum Bärenloch, einem weitläufigen Parkgelände. Von überall strömen Menschen herbei. Es stinkt verbrannt. Am Rand des Bärenlochs steht das abgefackelte hohe Fachwerkhaus, inmitten benachbarter Häuser, die nichts abbekommen haben und so intakt dastehen, als wäre nichts passiert. Als könnten selbst die adretten Häuschen rundherum nicht glauben, was da in ihrer Mitte geschehen ist.

Hunderte von Menschen versperren die Sicht auf die Ruine, nur der Dachstuhl ist aus der Entfernung gut zu erkennen, ein Gerippe aus verkohlten rußigen Balken, das in den Himmel ragt. In den oberen Fensterkreuzen hängen Blumensträuße, darüber eine rote Fahne, der türkische Halbmond. Es müffelt nach Brikett und nassem Papier. Ein Geruch, der mich an meine Kindheit erinnert, wenn nach einem langen Sommer die Kohleöfen wieder in Gang kamen und die Schornsteine schwarzen Rauch zögerlich in die Luft pumpten.

Ich seh bekannte Gesichter. Man nickt sich betreten zu. Ausgerechnet Solingen, wa? Ausgerechnet Solingen. Ja.

Es ist nicht zu fassen.

Ein Hubschrauber donnert nervös über uns hinweg, die Leute ducken sich, bis der Helikopter abdreht und über dem nahen Bärenloch zur Landung ansetzt.

„Da sitzt der Seiters drin!“ ruft jemand. Es klingt, als käme der Teufel persönlich, um nachzuschauen, ob auch gute Arbeit abgeliefert wurde. Von irgendwoher ertönt das Wehklagen einer einzelnen Frau, ein arabischer Singsang, eine Litanei, die sich nicht lokalisieren läßt. Es ist, als käme es direkt aus dem Haus der Toten.

Wir drängeln uns durch die Menge, bis wir vor dem stinkenden abgebrannten Haus stehen. Auf dem Grundstück sind noch die Wäscheleinen gespannt, an denen Kleider und Männerunterhosen hängen, weiße Hemden, ein Strampelanzug.

Zwei Kinder und drei Frauen, hört man, sollen tot sein. Die Feuerwehr sei viel zu spät eingetroffen und habe wegen der vielen parkenden Autos Schwierigkeiten gehabt, die Drehleiter auszufahren. Wertvolle Zeit sei verstrichen. Ein Kleinkind soll aufs Pflaster geknallt sein, es muss das Sprungtuch verfehlt haben. Ein Türke liegt angeblich im Koma, die Haut nahezu ganz verbrannt.

Die Gräfin tippt mich an. Neben dem von rot-weissen Bändern abgesperrten Hauseingang stehen große, beschriftete Einmachgläser auf einem kleinen Betonsockel.

„Teppich-Probe Eingangsbereich“, entziffert sie eins der Etiketten, und: „Probe Fußmatte. Labor.“

„Das Haus hat gebrannt wie eine Fackel“, spricht ein Anwohner in ein ZDF-Mikrofon, umringt von Presseleuten mit Notizbüchern und Diktiergeräten. „Die Schreie haben mich geweckt. Das war gegen.. halb zwei. Eine Frau hat ein kleines Kind im Arm gehalten und stand im brennenden Fenster.. dann ist sie gesprungen. Da vorn schlug sie auf, auf dem Beton.. ja, da vorn.“

„Ja, da war die Feuerwehr schon da, aber die haben.. nein, so schnell nicht. So schnell konnten sie das Sprungtuch nicht aufspannen..“

Innenminister Seiters taucht auf, mit Gefolge. Er wird mit schrillen Pfiffen und Buhrufen empfangen. „Who the fuck is Seiters?“ spottet mein Bruder. „Kohl müsste hier sein. Aber der ist ja nie da, wenn es brenzlig wird.“

Angeblich wurden Skinheads in der Nacht gesehen. Mal sind es drei, mal ist es nur einer, mal eine ganze Gang, aber immer flüchteten die Täter, nachdem das Feuer ausgebrochen war, in Richtng Bärenloch.

„Soviel Skinheads gibt’s hier doch gar nicht“, sag ich.

„Was denn? In ganz Solingen keine drei Skinheads?“ zieht mein Bruder die Augenbrauen hoch. „Hast du das Zählen verlernt?“

„Quatsch. Ich mein, hier gibt’s doch gar keine echte rechte Szene.“

„Nur weil hier kaum Kids in Springerstiefeln durch die Gegend rennen, SS-Runen auf den rasierten Schädel tätowiert?!“

Immer mehr Leute strömen zur Ruine am Bärenloch, hauptsächlich Türken, zornige junge Männer, die eine brodelnde Arena betreten. Sie kommen von überall her, man sieht es an den Autokennzeichen. Aufruhr liegt in der Luft. Unheil. Es wird eng.

„Ich krieg es langsam mit der Angst“, meint die Gräfin. Sie will nach Hause. Sie mag keine Gewalt, die in der Luft liegt. Sie und Daisy nehmen ein Taxi, während mein Bruder und ich dableiben.

„Passt auf euch auf.“

Die Sorge ist nicht unberechtigt. Solingen ist kein Dorf wie das niedersächsische Mölln, wo auch ein von Türken bewohntes Haus brannte, wo es ebenfalls Tote gab. Und Solingen liegt nicht im Osten wie Rostock-Lichtenhagen, wo Vietnamesen auf der Flucht vor dem deutschen Mob beinahe gelyncht wurden, es ansonsten aber kaum Ausländer gibt, die auf Rache sinnen könnten. Solingen und Umgebung ist ein brodelnder Topf, hierzu zählt das Ruhrgebiet und der gesamte Köln-Düsseldorfer Raum. Hier leben hunderttausende Türken, die einen Brandanschlag auf Landsleute kaum so einfach hinnehmen, sondern Gerechtigkeit fordern.

Der Gedanke ist kaum da, schon beginnt an der sechsspurigen Verkehrskreuzung eine erste Sitzblockade. Erst sind es nur ein paar Dutzend Türken, die sich auf dem von der Sonne erhitzten Asphalt niederlassen, schnell sind es Hunderte. Autoreifen werden herangerollt und übereinander getürmt, Matratzen aus einem nahen Betten-und Matratzenmarkt rübergetragen und in Brand gesteckt, plötzlich lodert der Schlagbaum am hellichten Tag. Zwei Spuren werden von den Blockierern auf eigene Faust absperrt, Richtung Südstadt geht nichts mehr. Polizei läßt sich nicht blicken. Autos kurven vorsichtig um die Leute herum, in Schrittgeschwindigkeit. Niemand murrt, es gibt kein Gehupe – schon im eigenen Interesse. Alle haben Schiss, dass nur noch ein winziger Funke fehlt, und es knallt richtig.

Am späten Nachmittag beruhigt sich die Lage etwas, die Lokalpresse lässt ein Extra-Blatt verteilen:

MIT KIND IM ARM IN DEN TOD GESTÜRZT.

Ein spontaner Trauermarsch formiert sich, bewegt sich zur Unteren Werner Strasse am Bärenloch, flankiert von einer Kolonne türkischer Taxifahrer aus Duisburg und Bochum, die feierlich und aufsässig zugleich Einzug hält.

Zum Schluss sind es über zehntausend Bürger, die sich schweigend zum Tatort bewegen. Noch nie habe ich in den Straßen der Stadt auch nur annähernd so viele Menschen gesehen. Wütende Sprechchöre flammen auf, in türkischer Sprache, ebben ab, scheitern. Niemand weiß, wohin mit seinem Zorn, seiner Trauer.

Die Atmosphäre ist seltsam heiß und morbide, und hat doch etwas beinah zartes.

30. Mai ’93, Pfingstsonntag

Der Generalbundesanwalt erlässt am Nachmittag Haftbefehl gegen einen 16jährigen Hauptschüler aus Solingen. Nach drei weiteren Komplizen wird gefahndet. Sie haben aus Frust gezündelt, heißt es, weil sie zuvor auf einer Party, die in einem Schrebergarten stattfand, Hausverbot erhalten hatten.

Unter den Tätern ist ein Arztsohn, dessen Vater ich zufällig kenne. Wir haben gemeinsam Fußball gespielt in der Auswahl des Städtischen Klinikums, wo ich 1980 Zivildienst leistete. Ein Liberaler, ein Linker, der sich für Ärzte gegen den Atomkrieg engagierte, der auf dem Sportplatz vor Einsatzfreude nur so sprühte, der immer gute Laune hatte. Wieso fackelt sein 15jähriger Sohn das Haus einer türkischen Familie ab, als wäre es lästiger Abfall?

Sonntagabend beginnt für mich die letzte von sieben Nachtdiensten. Das Turm-Hotel ist komplett ausgebucht. Pausenlos klingelt das Telefon, ob noch ein Zimmer frei sei. Mein Chef macht das Geschäft der Saison. Die Preise ziehen an.

„Sagen Sie, Herr Glumm, können Sie noch ne Besenkammer von zu Hause mitbringen?“ strahlt der Chef mich an, „die können wir dann auch noch verkaufen.“

Alle deutschen Fernsehsender haben Reporter und Kamerateams vor Ort, selbst aus Frankreich und England reisen Medienleute an. Der Los Angeles Post hingegen muss der Chef absagen: Sorry, sorry! We’re so sorry, no room, no, no! Sorry!

Absurde Situationen an der Rezeption. Der Nachrichtensender n-tv wiederholt just in dem Moment seine Schalte zum Haus am Bärenloch, als derselbe Reporter, der angeblich gerade LIVE vor der Ruine zu sehen ist, vor der Rezeption auftaucht und lauthals nach seinem Zimmerschlüssel verlangt. Als gleichzeitig seine Stimme aus dem Fernsehapparat plärrt, so sonor, so souverän, so LIVE, muss ich laut auflachen, es platzt richtig aus mir heraus, doch der Anchorman aus der zweiten Reihe verzieht nicht mal eine Miene, als er vor mir am Tresen steht.

Bis spät in die Nacht schellt das Telefon, laufen Fax-Nachrichten ein, hocken Techniker des WDR im Frühstücksraum und nehmen ein letztes Bier. Der Tresen ist zugeparkt mit Journalisten, die telefonieren. Die ganze Welt will wissen, warum Neonazis in Solingen zugeschlagen. Warum ausgerechnet in diesem kreuzbraven Kaff.

Ein Journalist steht lässig an der Rezeption und gibt seinen Text per Telefon durch: In der Feuerwehrleitstelle laufen in der Brandnacht 37 Anrufe von Anwohner ein. Einer davon, jetzt kommt Originalton:

Unser Türkenhaus brennt!

Nur allmählich kehrt Ruhe ein. Ich setz mich ins Büro, will eine Kippe rauchen, etwas relaxen, da läutet das Telefon. Die Gräfin. Sie ist für zwei, drei Tage nach Soest geflüchtet, wo ihre Lieblings-Oma im Krankenhaus liegt, immer noch, es ist das Herz.

„Oma Soest schläft viel“, erzählt sie, und wie immer, wenn die Gräfin weg ist, und sei es nur für wenige Tage, bin ich froh, ihre Stimme zu hören. Ihre Stimme ist meine Heimat. „Wenn Oma Soest wach wird, ist sie immer ganz verwirrt. Sie zupft an der Bettdecke wie ein kleines Mädchen und summt Hope hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.“

Ich muss lachen. Bin froh, mal was anderes zu hören.

„Ist eigentlich nicht zum Lachen“, meint die Gräfin, und lacht leise. „Als ich heute an ihrem Bett gesessen hab, sagt Oma Soest plötzlich, leg dich doch zu mir. Ist doch genug Platz im Bett.“

„Wann kommst du zurück?“

„Wenn es vorbei ist, mit Oma.. Im Moment muss man ja nicht daheim sein, um mitzukriegen, was sich abspielt in der Stadt. Läuft ja alles im Fernsehen.“

Wir verabschieden uns mit kleinen Küssen, die immer leiser werden, wie ein Licht, das herunterdimmt bis es finster ist. Es dauert. Danach setz ich mich vor den Fernseher und guck eine alte Folge von Kojak, Einsatz in Manhattan.

Eher beiläufig nehme ich ein Rumpeln wahr, als würden elf Stockwerke tiefer Container übers Kopfsteinpflaster geschoben, irgendwo unten in der Innenstadt. Erst denk  ich mir nichts dabei, so weit oben kommen die Geräusche der Stadt häufig merkwürdig verzerrt an, doch dann denke ich, Moment, da unten ist doch gar kein Kopfsteinpflaster – was ist da los? Ich verstehe kaum noch den Fernseher, so laut ist es draussen. Was treiben die Penner da unten? Werden Müll-Container umgeschmissen?? Und wer zu Henker soll das überhaupt sein – die ?!!

Ich wechsle in den Frühstücksraum, wo Panoramafenster einen grandiosen Ausblick übers Bergische Land bieten, und beobachte elf Stockwerke tiefer, im phosphorgelben Licht der Laternen, wie eine aufgeputschte Menge in einer breiten Schneise über den Graf-Wilhelm-Platz spurtet. Wie Steine geschleudert werden, Schaufenster angesprungen, parkende Autos umgestoßen. Was zum Teufel..?!?

Revolution!!

Vom Tumult überrumpelt, recke ich die Faust zur Decke, in die Nacht hinaus: „JUNGS! JAAA!“

Es dauert keine Minute, da rasen die Streifenwagen heran, die Hauptwache ist keine dreihundert Meter entfernt. Blitzartig teilt sich die Menge in kleine Grüppchen, stiebt auseinander. Einige flüchten in Richtung Eingang Turm-Hotel. Da ist Sackgasse, Jungs, da kommt ihr nicht weiter, da ist Schluss, verdammt! Ich eile zur Rezeption, sehe im Monitor, wie die Burschen, viele vermummt, vor die verschlossene Eingangstür laufen und nicht weiter wissen, während Polizeiwagen schon den Rückweg abschneiden.

Ich zögere einen Moment, öffne dann per Summer die Eingangstür, und die Gruppe, es sind nicht mehr als fünf oder sechs Leute, verschwindet hastig im Treppenhaus. Wenn sie clever sind und sich ein bisschen auskennen, können sie übers Parkdeck Rot das Weite suchen, wo die Tankstelle ist. Die Polizei, die eh nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, lässt die Brüder flüchten und macht kehrt, mit kreiselndem Blaulicht und Martinshorn.

31. Mai ’93, Pfingstmontag

Sieben Uhr morgens. Als die Chefin einmarschiert, um mich abzulösen, stapft sie erst mal zum Kühlschrank und entnimmt eine eisgekühlte Cola. Setzt die Flasche an und trinkt sie in einem Zug leer. Dann stöhnt sie wie eine Concierge im Pariser Hochsommer.

„O la la, ist das heiß draussen, Herr Glumm, ich schwitze schon wieder, puh..! Haben Sie schon gesehen, was die Chaoten heut Nacht angerichtet haben?! Die ganze schöne Innenstadt liegt in Trümmern.“

Wovon spricht sie? Die ganze schöne Innenstadt? Meint die Solingen? Die ist tot, die schöne Altstadt, seit Solingen am Ende des zweiten Weltkriegs ausgebombt wurde, und was in den 50ern wieder aufgebaut wurde, dieses schmucklose ängstliche Beton, das war wie das letzte Verbrechen der Nationalsozialisten und hat mit schön nichts am Hut.

„Ich geh dann mal gucken“, verabschiede ich mich von der Chefin in meine Freiwoche.

In den Fußgängerzonen sind tatsächlich so gut wie alle Schaufenster zu Bruch gegangen. Ausnahme: türkische Geschäfte und eine Musikalienhandlung am Schlagbaum, deren Inhaber Jugoslawe ist. Griechische Pommesbuden dagegen sind extra platt gemacht worden. Auch vor meiner Lieblings-Kaffeestube am Graf-Wilhelm-Platz, wo es die ofenwarmen Rosinenschnecken gibt, türmt sich ein Haufen Glas und Schutt.

„Wir sind nicht versichert gegen Glasschaden“, sagt Inhaberin Rosi, die mit ihrem Mann eine große Dämmplatte an der Stelle anbringt, wo zuvor mal ein Schaufenster war. Die Beiden haben ihre letzten Kröten in den Laden gesteckt, und plötzlich schäme ich mich für die Revolution, für meine nächtliche Begeisterung.

Scheiß Revolution, denk ich, so aus der Nähe betrachtet.

Die Innenstadt ist eine einzige Reparaturwerkstatt. Überall wird genagelt, gehämmert, geküppert. Als Notbehelf werden dicke Pressholz-Platten eingezogen, wo vorher Fenster waren – die beauftragten Schreinerbetriebe haben zu tun.

Plünderer sollen unterwegs gewesen sein in der Nacht, was ich nicht recht glaube, bis mir auf den Treppenstufen vorm Kaufhof ein Kleiderständer auffällt, an dem nur noch die leeren abgefressenen Bügel hängen.

„Alter, hat das geknallt heut Nacht!“ grüßt Benno, ein Junkie, der schon morgens vorm Kaufhof abhängt. Heut Morgen ist er besonders früh dran. Das lässt er sich nicht entgehen, der schöne Krawall. Er kickt eine zerdepperte Bierpulle vor sich her und setzt sie gegen eine Hauswand, wo sie in noch kleinere Scherben zerspringt. „Wie in Kreuzberg hier, Alter! Wa?“

Am Straßenrand sammeln sich die braven Bürger der Stadt, ihr Palaver klingt längst nicht mehr so reserviert wie in den Tagen zuvor, als man sich geschämt hat für die jugendlichen deutschen Täter. Das ist jetzt schon Geschichte, jetzt wird wieder gezetert: Chaoten, Autonome, türkische Krawallbrüder! raus aus unserer schönen Stadt!

Benno zieht den Kopf ein und trollt sich.

„Mach’s gut, Alter.“

Am Nachmittag findet im Bärenloch ein großes Benefizkonzert statt. Zur gleichen Zeit ziehen tausend zornige Türken zum Polizeipräsidium an der Goerdeler Strasse. Sie wollen Gesinnungsgenossen befreien, die in der vorangegangenen Nacht festgenommen wurden. Wieder fliegen Steine, diesmal zwischen rivalisierenden türkischen Gruppen: Linke gegen Graue Wölfe. Die Stadt befindet sich permanent im Ausnahmezustand. Aber nur die Innenstadt. In anderen Ortsteilen bleibt es ruhig und beschaulich, wie immer. Man trinkt sein Feierabendbier im Garten. Schaut TV.

Mein erster freier Abend nach einer Woche Nachtdienst. Das Mumms, eh schon ein enger Karnickelschlauch, ist so rappelvoll wie sonst nur am Wochenende. Autonome aus Wuppertal und Berlin holen sich Tipps, wo sich Fluchtwege in der Stadt auftun und wo sogenannte Boxringe stehen, falls Nazis auftauchen und es im Kampf Mann gegen Mann geht. An jedem zweiten Tisch liegen Stadtpläne aus, für die Auswärtigen.

„Und sonst? Wie isses? Machste immer noch Nachtdienst?“ näselt Micks, dem die Stimme schräg überm Jochbein sitzt, vom vielen Koksen, und den ich länger nicht gesehen hab.

Ich nicke missmutig. Ich meine, gibt es irgendwo einen dämlicheren Job auf der Welt als Nachtportier, für einen Mann Mitte Dreißig? Es sei denn, man hat keine Ambitionen. Dann geht so ein Job in Ordnung. Hab ich keine Ambitionen? Verdammt, nein!

„Ist garantiert psychisch bedingt, glaub mir das“, nuschelt Micks, „das mit dem Nachtdienst.“

Ich weiß nicht genau, was er damit meint, schätze aber, er hat Recht.

„Wo ist die Gräfin?“

„In Soest“, sag ich. „Auf der Flucht.“

„Vor dir?“

„Vorm Chaos.“

„Also doch vor dir“, meint Micks und lacht.

In den TV-Nachrichten kommentiert RTL die Ausschreitungen der letzten Nacht mit dem schönen Satz, „Von der Nordrhein-westfälischen Landesregierung zum Nichtstun verdonnert, antwortet die Polizei mit gaanz vorsichtigem Schlagstock-Einsatz“, und der Tresen im Mumms vibriert vor Gelächter.

Nach Mitternacht statten wir der Brandruine einen Besuch ab. Wir, das ist in diesen Tagen eine wechselnde Geschichte, aber mein Bruder ist auffallend oft mit von der Partie. Karlos lässt sich nicht blicken, auch Schnaat nicht. Der dicke Hansen? Der weiß vermutlich nicht mal, was passiert in der Stadt.

Die Kamerawagen der TV-Stationen, von Satellitenschüsseln überwuchert, parken die Bürgersteige am Bärenloch auch zu nächtlicher Stunde zu, die Ruine wird mehr und mehr zum Wallfahrtsort. Zwei Tage schon brennt ein Mahnfeuer, immer wieder von Neuem angefüttert. In der ersten Nacht, so erzählt man sich, haben aufgebrachte Türken ihre Kleider vom Leib gerissen und in die Flammen geworfen.

Überall sind Kerzen und Teelichter, Blumen auf dem Bürgersteig. Das Haus ist merkwürdig unbeteiligt. Die Fenster im Erdgeschoß sind mit Pappe zugestellt, auf eine Fensterbank hat jemand kleine Babyschuhe abgestellt.
Transparente, zuvor auf Demonstrationen durch die Strassen getragen, verhängen die Fenster, fast alle mit türkischen Parolen, nur eins auf Deutsch: „UN-Truppen nicht nach Kuwait, sondern nach Bosnien und Solingen!“

Ich bin unrasiert, seit Tagen.

„Du siehst allmählich selbst schon aus wie ein grimmiger Schwarzkopf“, sagt mein Bruder, „mit deinen Killerstoppeln.“

Das sagt der Richtige. Verdammter Hippie. Wir beobachten den Einzug der nächsten türkischstämmigen Rächer, der Strom reißt nicht ab, ein Auto nach dem anderen, vollbesetzt, die Kennzeichen zugeklebt, den roten Halbmond aus den Fenstern flatternd.

Als wir gegen drei Uhr auf dem Heimweg sind, geht urplötzlich ein mächtiges Gewitter nieder. Es blitzt, es donnert, der Regen prasselt auf die Strassen.

1. Juni ’93. Dienstag.

Erst ruft der Mitsubishi Boy an. Er ist vor zwei Jahren nach Hamburg gezogen.

„Ich häng die ganze Zeit vorm Fernseher und guck, ob ich einen von euch Vögeln erkenne, wenn mal wieder ne Demo ist, aber nie ist einer zu sehen. Hängt ihr nur im Mumms rum? Oder habt ihr noch gar nicht mitgekriegt, was bei euch los ist?“

Kaum hab ich aufgelegt, ruft die Gräfin an. Sie ist traurig.

„Ich glaub, Oma Soest lebt nicht mehr lange.“

Ihre Mutter, die Onkel und Tanten wollen nun dafür sorgen, dass sie aus dem Krankenhaus kommt und daheim sterben kann, im Kreise der Familie.

„Weißt du, Oma Soest hat die schönsten krummen Finger der Welt.. Da steckt der ganze Schmerz des Lebens drin.“

Als kleines Mädchen hat sie Oma Soest fasziniert in der Küche dabei zugeschaut, wie sie das Gulasch zauberte und Torten, und niemals musste Oma Soest eine Waage zu Hilfe nehmen, sie hat alles nach Gefühl gemengt und gewürzt. Und wie lecker sie immer gerochen hat, nach Nivea und nach Essenmachen, für die Gräfin war es der leckerste Geruch der Welt. Zum Abschied sagt sie, ich solle aufpassen, wenn ich auf eine Demo gehe.

„Nicht, dass du dir einen Stein einfängst und blind wirst. Lach nicht.. Kann doch passieren. Ein blöder Querschläger, und das war’s. Wärst du nicht der erste, dem das passiert.“

„Ich halt mich zurück“, sag ich. „Du kennst mich doch.“

„Na, eben, deswegen. Du hast ein Talent für den falschen Moment.“

„Ist wahr?“

„Na, manchmal schon.“

Später Nachmittag, nächster Protestmarsch. Ich bin nur noch auf der Strasse. Das ist meine Stadt, das sind meine Strassen, das sind meine Toten. Einmal, als der Zug am Mumms vorüber zieht, seh ich bekannte Gestalten vor der Tür stehen, Glas Bier in der Hand und so dämlich glotzend, wie ich sonst vorm Mumms stehe, Glas Bier in der Hand und dämlich glotzend.

Nachdem es in der Nacht zuvor erneut gekracht hat und auch die letzte Schaufensterscheibe in der Innenstadt zu Bruch gegangen ist, greift die Polizei härter durch, die Kinnriemen der Helme fest gezurrt. Vor allem auf Autonome, aus der ganzen Republik angereist, haben sie es abgesehen. Auf den schwarzen Block. Selbst die GSG 9, ein lässiges Trüppchen, verschanzt sich in Hofeinfahrten und Seitengässchen, die Beine hochgelegt und am Sack kratzend, bis es los geht.

Abends findet auf dem zentralen Mühlenplatz eine Protestveranstaltung der Gewerkschaft statt. Ich treffe Leute, die ich lange nicht gesehen hab. TB, seit Jahren in Berlin, wo er bei Synanon untergekrochen ist, einer Drogenselbsthilfe, klatscht mich ab.

„Alter.. das gibt’s doch nicht..!“

Das letzte Mal in Solingen war er Ende der 80er, da übernachtete er beim dicken Hansen, dem er freundlicherweise gleich in der ersten Nacht dreihundert Mark und den fabrikneuen Audi 80 geklaut hat. Die Bullen stellten TB keine Stunde später auf der Autobahn, kurz vor der holländischen Grenze.
TB, das Gesicht wie aus der Asservatenkammer, beklagt sich, das man ihn heut schon aus zwei Solinger Kneipen raus geworfen habe, nur weil er ständig in schwarzen Klamotten rumläuft.

„Die halten mich alle für einen Autonomen“, grinst TB, der lange Schlaks. „Mögt ihr keine Autonomen? Dabei bin ich doch nur ein Junkie.“ Mit dem Wagen vom dicken Hansen wollte er damals nach Rotterdam, erzählt er ungefragt. „Den Wagen zu Geld machen, von dem Geld Schore kaufen, mit der Schore zurück nach Berlin, Kasse machen.“

„Genialer Plan“, sag ich.

TB legt mir den Arm um die Schulter.

„Alter, du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, endlich clean zu sein.“

Ich glaube ihm kein Wort. Er erzählt, dass er in Haft Gitarrespielen gelernt habe.

„Echt, Alter, da muss man mich erst verhaften, damit ich anfange, Gitarre zu lernen.“

Als ich mich umdrehe, läuft mir der gute alte Kitty über den Weg. Der alte Super-Kapitalist. Wir haben auf dem Gymnasium die Schulbank geteilt und erregt diskutiert. Er hat das Geld verteidigt, ich das Geld der Menschen. Nun lebt er schon lange in den USA. Was ich nicht wusste: er leitet die deutsche Niederlassung der Commerzbank für Nordamerika. Er ist in der Pool Position.

„Und du? Was machst du so?“ fragt er aus diesem etwas zu klein geratenen, spöttischen Mund.

„Ich protestiere“, sag ich.

Nach Reden von Lokalpolitikern und Gewerkschaftern marschieren ein paar tausend Türken und Deutsche zur Unteren Werner Strasse. Es ist die fünfte oder sechste Demo, ich komm mit dem Zählen nicht mehr mit, aber zum ersten Mal ist die Polizei mit großem Aufgebot dabei. Wir fühlen uns wie Hooligans, die zum Stadion begleitet werden, damit wir nicht aufs feindliche Lager treffen. Bloß, da ist kein feindliches Lager in den Strassen von Solingen, nirgends. Keine Nazis, die man bekämpfen könnte, niemand, der sich mit offenem Visier in den Weg stellt und ruft, Jawohl, ich verbrenne Kinder, ich verbrenne Frauen, ich verbrenne Türken! Und weil das niemand sagt, endet auch die Randale nicht.

Der Zorn auf die Brandstifter, der Hass auf die schweigende Mehrheit, für die der ruinierte Ruf der Stadt wichtiger ist als der Tod von Menschen, findet kein anderes Ventil. Die Täter sitzen, obwohl gefasst, daheim.

Und dann rauscht am Schlagbaum, der großen Verkehrskreuzung, die eigentlich abgesperrt ist, ein weißer Volvo in das Ende des Protestzugs. Niemand weiß, woher der Wagen so plötzlich gekommen ist. Ein Mädchen, 15 Jahre alt, wird auf die Motorhaube geschleudert.

„NAZIS!“ brüllt jemand.

Ich glaube, das bin ich. Mein Bruder wird kreidebleich. Der Volvo, HA – Hagener Kennzeichen, versucht zu flüchten, wird von aufgebrachten Türken verfolgt. Zwei Streifenautos schneiden dem Wagen in letzter Sekunde den Weg ab. Stoppen ihn, zerren zwei Männer aus dem Wagen. Deutsche, militärisch kurzer Haarschnitt, Doc Martens Stiefel.

Pflastersteine fliegen aus den angrenzenden Gärten, Polizisten reißen ihre Schutzschilder hoch, schützen die beiden Nazis vor jungen Türken aus der Nordstadt, schnell sind weitere Streifenwagen da. Die Stimmung in der Stadt ist auf dem Siedepunkt. Erneut lodern am Schlagbaum Brände auf, Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes donnern im Tiefflug über die Stadt, setzen Sondereinsatzkommandos ab. Eine dritte Nacht mit Millionenschaden soll es nicht geben. Das Viertel am Schlagbaum ist ein Meer aus weißen Polizeihelmen und schwarzen Kapuzen von Autonomen und jungen Türken, andere Leute trauen sich kaum noch auf die Strasse.

Es folgt die bislang härteste Nacht, aber ich bin nicht dabei. Ich bin müde und geh nach Hause. Als ich im Bett liege, höre ich die Konzerte aus der Stadt, es klingt wie das Geblöke von Kampfschafen bei Vollmond.

 

3. Juni ’93, Donnerstag

Heute findet die offizielle Trauerfeier für die Opfer statt, für den kommenden Samstag ist eine letzte Groß-Demo geplant mit 50.000 Teilnehmern. Die vier Brandstifter sitzen in U-Haft. Außer einem bereits inhaftierten 16jährigen drei weitere Solinger im Alter zwischen 15 und 23 Jahren. Alle wohnen in der Nähe des Tatorts und waren dafür bekannt, im Bärenloch paramilitärischen Scheiß veranstaltet zu haben.

In der Lokalpresse wird eine Skizze veröffentlicht, mit der sich verfolgen lässt, welchen Weg das Quartett in der Nacht von Freitag auf Pfingstsamstag zum Bärenloch genommen hat, nachdem es auf einer Party rausgeschmissen wurde. Zur Strafe, schworen sie, sollte das Türkenhaus büßen.

Ich verfolge den Weg in der Zeitung mit dem Finger. Selbst die eingezeichneten Abkürzungen kenne ich so gut, dass ich den Weg in der Phantasie mitgehe. Auch wie die vier gezielt die BP-Nachttanke aufsuchten und einen Kanister Benzin kauften, ist nachvollziehbar. Aber was sie in dieser schwülen Nacht geredet haben mögen, da hört es bei mir auf. Das funktioniert nicht. Ich kenne ihre Sprache nicht. Ich weiß nicht, was sie geredet haben, beim Pläne schmieden.

 

6. Juni ’93, Sonntag

Statt der erwarteten fünfzigtausend Leute sind es nicht mal fünfzehntausend, die sich am Samstag zum großen Finale versammeln, zur Großdemonstration auf dem staubigen Platz unten am Weyersberg, wo sonst die großen Zirkusse gastieren. Tausende Autonome aus dem ganzen Bundesgebiet und linke Türken verbrüdern sich gegen rechte Graue Wölfe, und alle zusammen gegen die Bullen.

Yüksel, ein türkischer Taxifahrer, den ich schon lange kenne, erklärt die plötzliche Radikalität seiner Landsleute auch damit, dass man in der Heimat traditionell überzeugt sei, jeder Türke sei als Soldat geboren. Mich nervt es nur noch, die ganzen Auto-Korsos, die Pfeifkonzerte, der ganze beschissene Hass, der ständig geschürt wird. Vor allem der schwarze Block ist auf nichts anderes als Krawall aus. Wie alle Spießer haben sie ein fest umrissenes Feindbild, unumstößlich: Bullen sind Schweine, und es läßt sich nicht reden mit ihnen. Ich seile mich ab. Ich bin erledigt. Erschöpft. Ich brauch Entspannung.

Weil ich in der Nähe bin, klingle ich bei Fleschkönigs. Ein Prinz aus dem Poesiealbum meiner Kindheit. Er trug schon als Junge das rote Haar schulterlang, und ich hab noch etwas gut bei ihm, seit er mich 1965 im Sandkasten beschissen hat, bei einem Tauschgeschäft. Weil er von mir damals ein fast nagelneues Matchboxauto ergaunerte, einen hummerroten Maserati, während ich von ihm bloß einen gelben Plastik-Citröen bekam, eine 2CV, eine miese Ente, bei der auch noch die Räder vorne blockierten.

„Du hast noch was gut bei mir“, hatte er letztens versprochen, als ich daran erinnerte, an den Beschiss, und jetzt ist es soweit, ich werde das Versprechen einlösen. Ich brauche Entspannung. Flesch ist der lässigste Mann, der mir je begegnet ist. Schon sein Gang ist von einer afrikanischen Schwere und Duldsamkeit, als trüge er Kohlensäcke über den Schultern. Ich klingele.

Er öffnet. Er hat Besuch. Ein Kumpel. Zu zweit sitzen sie auf der Couch, bis zum Kragen zu mit Heroin. Sie verfolgen im Fernseher eine Live-Reportage von den Krawallen in der Stadt, genauer gesagt: unten vor der Haustüre. Welch eine Momentaufnahme. Das Pfeifkonzert kommt in Stereophon, links von der Strasse, rechts aus dem TV-Gerät. Eine ohrenbetäubend skurrile Live-Installation.

„Flesch, was hältst du von der Sache?“ rufe ich, nachdem er mir eine Line gestreut hat, und Fleschkönigs, lange rote Haare, Sonnenbrille X-Large, die Augen auf Halbmast, entgegenet: „Alter, ich guck mir das seit Tagen in der Glotze an, das ist mir zu heftig. Das muss ich nicht haben, hör mal..“

Nicht ein einziges Mal habe er in den vergangenen Tagen den Fuß vor die Türe gesetzt, obwohl er mitten im Getümmel wohnt. Andererseits, was soll ein Junkie auch da draußen? So lange er genug gutes Material im Haus hat und im Fernsehen alles live übertragen wird.

„Scheiße, ich kack ab“, murmelt sein Kumpel, den ich nicht kenne, und nickt ein. Joghurt tröpfelt ihm vom Kinn.

Flesch ist erst seit kurzem wieder im Lande, nachdem er eine Weile versc. Keiner wusste, was Sache war, nicht mal seine besten Kumpel. Mal hatte Flesch AIDS und siechte in einer Klinik in New England vor sich hin, mal war er auf der Flucht vor den Bullen in Spanien verhaftet worden. Als er mir dann Anfang des Jahres wieder über den Weg lief, am Mühlenhof, sah er aus wie ein verdammter Banker, mit verspiegelter Sonnenbrille und teurem Nadelstreifenanzug. Nur, dass er statt der gefalteten FAZ die BILD unterm Arm trug, leger zusammengerollt.

Nachdem wir uns kurz in den Armen lagen, fragte ich ihn, wo er gesteckt habe, all die Zeit. Ob das wahr sei, mit AIDS und so.

„Quatsch, Alter! Ich war drei Jahre im Zigeunerlager in Rotterdam, bin unter Messerwerfern und Feuerschluckern abgetaucht. Einen riesigen Ami-Wohnwagen hab ich gehabt, und einen großen Puffi-Hund. War cool. Jetzt wohn ich bei ein paar Hühnern auf der Niedersachsenstrasse.“

Zwischen Rotterdam und den Hühnern war dann noch die Sache mit dem internationalen Haftbefehl, der ihn ereilte, Flesch musste achtzehn Monate in Wuppertal absitzen.

„Am Siemonshöfchen hab ich das Schreiben angefangen. Mehr so den drastischen Stil, du verstehst..“

Er machte eine Geste, als ob ich schon Bescheid wüsste, und nahm die Sonnenbrille ab.

Ich lege Flesch einen Zehner auf den Tisch, worauf er noch einen streut. Kein langes Palaver. Ich zieh eine ordentliche Nase, zwischen leeren schimmligen Joghurtbechern, und dann sehe ich zu, dass ich Land gewinne.

Ein Gedanke zu „20 Jahre danach: Der Brandanschlag von Solingen

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