Vom Fotografieren (7)

1998 kam ich mit dem Rad aus der Stadt und bog in den Kannenhof ein, eine steil abfallende Gasse, die nach zweihundert Metern in einem großzügigen Park-und Wendeplatz versackt.

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Dahinter beginnt der Wald, Landschaftsschutzgebiet. Da wohnen wir. Links am Wendeplatz. Mitten in der genossenschaftlichen Gartensiedlung, 1926 erbaut nach Wiener Vorbild.

Mit dem Rad den Kannenhof runter geht auf zweierlei Art: mit angezogener Bremse oder halsbrecherisch in voller Fahrt.

Ich zog also gerade die Handbremse an, da blinkte etwas im Sonnenlicht, mitten auf dem Asphalt, 1998. Ich stieg ab. Eine kleine rechteckige Stofftasche. Ich hob sie auf und war im ersten Moment enttäuscht. Keine Brieftasche, nur eine Kameratasche, aber mit Kamera drin. Immerhin. Ich öffnete den Klettverschluss. Eine Kleinbildkamera von Rollei. Sah neu aus. Rollei Prego Zoom. Sechs Bilder verknipst. Ich rollte den Berg runter, vorsichtig, dass ich mich nicht aufs Maul legte, nicht ausgerechnet jetzt, als Fotograf.

Ich schoss das erste Foto, als ich in die Küche trat und die Gräfin am Tisch überraschte, vertieft in die Wochenendausgabe der Morgenpost. „Nicht..!“ rief sie. Zu spät. Mit Blitz. Sie stöhnte.
„Wo hast du die denn her?“
„Gefunden.“
„Echt?“
„Echt.“
„Sieht so neu aus.“

Danach lag das Ding erst mal in der Ecke. Niemand interessierte sich dafür. Erst 2001 fiel mir die kleine Kamera beim Aufräumen wieder in die Hände. Jetzt war sie nicht mehr neu. Es konnte losgehen. Ich hielt das Leben um mich herum fest und klebte die Bilder ganz altmodisch in Foto-Alben ein. Ich machte fünf Alben voll, zehn, zwanzig, ich machte fünfzig Fotoalben voll. Das Einkleben der Bilder, und besonders das Aussuchen, war wie Zen für mich, ich konnte mich stundenlang damit beschäftigen. Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt, als ich ganze Nachmittage am offenen Wohnzimmerfenster gesessen und Matchboxautos über die Fensterbank geschoben hatte.

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Ohne Kamera ging ich nicht mehr aus dem Haus. Selbst auf dem Weg zur Mülltonne baumelte sie griffbereit am Hals, ich wusste ja nie, wann sich ein Motiv mit einem Pfeil auftat oder ob die Lichtverhältnisse jemals wieder so perfekt sein würden.

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Unsere gemeinsamen Spaziergänge änderten sich, wurden immer langsamer. Wir kamen kaum voran, weil die Maschine dauernd in Betrieb war, wir gingen unterwegs verloren. Wir verschollen zusehends.

Ich machte Selbstportraits und schrieb drunter, für die nächste Viertelstunde heiße ich Giovanni, ich laufe gern gegen Laternen.

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Zumeist musste aber die Gräfin als Motiv herhalten, meine Muse. Anfangs reagierte sie genervt, wenn ich sie mal wieder im Sucher hatte, doch mit der Zeit gewöhnte sie sich daran. Im Gegenteil: machte ich mal ein paar Stunden lang keine Aufnahme von ihr, wurde sie stinkig.
„Bin ich dir jetzt nicht mehr gut genug, oder wie!?“

An meinem 44. Geburtstag leisteten wir uns eine Spiegelreflex. Keine digitale, sondern eine analoge, die noch mit Silberfilm zur Arbeit ging. Wenn 99 Prozent der Leute ihre alten Apparate, die noch gut ihren Dienst versahen, für kleines Geld verschleuderten, nur um die neueste Billionen-Pixel-Kiste zu ergattern, dann kaufte ich mir erst recht eine klassische Kamera und bunkerte auf Vorrat 400er-Silberfilme von Kodak. (Man weiß ja nie, ob man nicht doch vielleicht besser der Herde gefolgt wäre.)

Im April 2004 knipste ich zufällig die berüchtigte Schraubenzieherstecherin, als sie mir im Wald am Altenbau über den Weg lief, mir schlotterte die ganze Kamera.

Später fand ich sogar die Tatwaffe. Sie steckte noch im Baum, und der Griff war total rot.

Bei einem anderen Spaziergang fotografierte ich Sanne beim Kurzschliessen zweier Nacktschnecken.

„Kurzschluss von Schnecken für Kurzentschlossene!“

Tagsdrauf verguckte ich mich ultraspartanisch in den Handlauf eines Treppengeländers, ging ganz nah ran an den Bauzaun, machte einen Seufzer vor Freude, als ich im Rinnstein Knallplättchen fand. Diese feuerrote Minisekunde Kindheit. Ich nahm sie in die Hand, alles abgeknallt, die ganze Rolle. Wie längst vergessene Schwefelmusik. Wie das brutzelte im Herzen. Ein Foto, schnell.

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(FALSCHES BILD.)

Ich zog Fotolieder pfeifend durch die Strassen, ich streunte mit dem Apparat durch Wald und Moos, ich war der Fotoapparatstreuner mit Hund. Ich entwickelte Foto-Episoden, verrutschte Abendmärchen, düstere Hitzeflecken in der City.

Es passierte, dass ich das superbste Motiv vor der Brust hatte, dass je ein Fotograf vor der Brust gehabt hatte, und dann blinkte auf dem Display der Minolta das Symbol für leere Batterien auf (nach tagelanger Warnung). Und eine Sekunde drauf war auch das Symbol erloschen; absolute Betriebseinstellung. Hektisch öffnete ich das Batteriefach und ließ die beiden kleinen Spezialbatterien in meine offene Hand purzeln, startete verzweifelte Wiederbelebungsversuche. Ich versuchte es mit Massage, mit zartem Rubbeln und Reiben, ich versuchte es mit dem Einhauchen warmer Atemluft, nur um den beiden Säufern noch ein klein bißchen Saft herauszukitzeln, genug für ein oder zwei Bildchen.

Zuletzt wurde es wie immer. Wie immer, wenn mir einer Sache mächtig Spaß machte. Wurde Sucht daraus. Und die Langeweile glotzte auch schon um die Ecke. Weil ich das Gefühl hatte, immer das gleiche zu fotografieren, fing ich an, die Fotos in den Alben zu untertiteln. Ich schrieb hier einen Satz drunter, da einen Absatz in Großbuchstaben, zuletzt eine ganze Story. Ich schrieb so viel, dass kaum mehr Platz blieb für Bilder, und ich stellte das Knipsen von heute auf morgen ein. Außerdem war die Kamera kaputt. Im Urlaub war Sand in die Elektronik gerieselt.

Ich schleppte die Alben hoch auf den Speicher, und steckte auch die hundert schwarzen Filmdöschen mit verknipsten, aber noch nicht entwickelten 36er-Filmen in einen Karton, schrieb „noch nicht erledigt“ drauf, und zog los. Statt mit der Kamera wieder mit dem Notizbuch, dem Originalmaschinchen, wie damals, in den halsbrecherischen 80ern.

Als alles aufgehört hatte, bevor es richtig losgegangen war.

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Ein Gedanke zu „Vom Fotografieren (7)

  1. nicht das Sie hier wohlich das besondere empfinden von auftreten mal wida a aabursudom führe ..aler meister der buchführung genialer wissensschaffla..es begab sich zu der zeit der aufständischen krümel..in meinem bett..ich liess es gewähren und wurde erst dadurch zu einer feinappetitlichen grundlage meiner unternehmungen(umdrehungen im bett)..-indem ich es ignorierte..das warn noch zeiten..heute leben alle in einer hälfte ..ich auch..hihi

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