Dressman

In zwei vollbesetzten Wagen flogen wir nach Mitternacht auf die Party ein. Ich erinnere mich an den dicken Hansen, an Pepe, Benzini und den Mitsubishi Boy, ich erinnere mich an Karlos und seinen jüngeren Bruder, an jede Menge Leute, aber nicht eine einzige Alte. Bloß Typen.

„Wer ist überhaupt eingeladen?“ fragte Pepe.

Als niemand antwortete, brach Gelächter aus. Zum Glück scherte sich niemand um uns, als wir uns auf die überfüllten Räume verteilten. Es kam nicht mehr darauf an, ob wir nun da waren oder nicht.

Heiligabend-Partys waren Legende. Der Grund lag auf der Hand: auf den obligatorischen Familienfeiern hatten die Leute zuvor so zugelangt, dass sie schon strunzbesoffen waren, wenn sie auf eine der großen Partys einliefen.

Benzini mussten wir stützen, er konnte nicht mehr allein gehen. Zur Begrüßung hatte er unten vorm Haus einen Stein in eine Wegleuchte geschmissen. Das Klirren hatte nur deswegen keiner gehört, weil die Party schon voll im Gange war.

Der Gastgeber war ein Bursche mit tipp topp ausrasiertem Menjou-Bärtchen. Hübsch anzusehen, dackelte er zwischen verschiedenen Grüppchen hin-und her und versuchte mitzureden, Konversation zu machen, doch er kam nirgendwo an, er hatte nichts zu sagen. Schlimmer: das Bier war alle, kaum, dass wir da waren. Selbst die rote Plastikwanne, die unterm Fass stand und beim Zapfen überschäumendes Bier auffangen sollte, war leer gesoffen.

„In der Küche ist noch Wein“, hörte ich jemand rufen. Ich ging in die Küche und bediente mich, ich machte einen großen Plastik-Becher randvoll mit kühlem Weißwein und packte noch zwei Eiswürfel drauf. Der Bruder von Karlos lehnte am Kühlschrank. Er verzog das Gesicht und zeigte auf ein Tablett, auf dem eine Pyramide aus lauter kleinen Fingerfood-Gemüsefrikadellen aufgebaut war.

„Die kann ich bedenkenlos weiterempfehlen ans nächste Gesundheitsamt“, meinte er in seinem typisch ironischen Ton. Ironie war sein Lebenselixier. Er konnte höllisch gut Klavier spielen, war aber eine bequeme Socke und liess sein Talent weitgehend brachliegen. Manchmal fragte ich, woran das eigentlich lag, dass manche Leute mit viel weniger Talent alles aus sich herausholten und regelrechte Granaten wurden auf ihrem Gebiet, während eigentliche Könner by nature ratlos am Kühlschrank lehnten, Bier tranken und immer zynischer wurden.

Karlos Bruder war ja nicht der einzige, beim Bruder vom dicken Hansen war es ähnlich. Er konnte unglaublich gut trommeln, er hatte den Takt im Blut, aber statt zu üben und besser zu werden, war er für seinen Übermut bekannt, der ihn stets in Bedrängnis brachte.

An diesem Abend war es noch harmlos gewesen. Im betrunkenen Schädel hatte er aus seiner Frittenbude einen Automat von der Theke geklaut, an dem man Erdnüsse ziehen konnte. Auf der Flucht verlor er Hunderte von Nüssen, die sich hinter ihm herzogen wie  auf einer Schnitzeljagd.

„Hey, Amigo.. wie gehts?“

Ich drehte mich um.

„He.. ich hab dich gar nicht gesehen“, sagte ich. „Schon lange hier?“

Ich hatte sie ewig nicht gesehen. Wie hiess die Kleine noch? Die kleine Blonde.. Die ich von früher kannte, aus der Schule. Hallo. Mir fiel ihr Name nicht ein. Irgendwas.. drahtiges. Sie trug Brille.

„Nee, ich bin gerade erst gekommen“, sagte sie. Wir hatten mal gemeinsam einen Nachmittagskurs Deutsch belegt. „Ich bin nur auf einen Sprung hier, hab nicht soviel Zeit. Morgen in aller Herrgottsfrühe flieg ich schon wieder nach Hause.“

„Wie, nach Hause?“

„München. Ich lebe in München.“

Sie arbeitete als Pharma-Referentin für einen bayrischen Konzern. Sie schulte neue Vertreter. Sie hatte immer viel zu tun. Sie war froh, mal ein paar Tage frei zu haben, dass sie endlich ihre Eltern und Geschwister besuchen konnte. Und Freunde? Sie zögerte. Klar, und Freunde. Heimat eben.

„Bin dauernd unterwegs für den Konzern. Montags in London, mittwochs in Zürich. Ich lebe eigentlich nur aus dem Koffer. Das ist ganz schön stressig, sag ich dir.“

Während sie weitersabbelte, machte sich Karlos Bruder blöde grinsend vom Acker. Die kleine Blonde war eine 1a-Angeberin. Ich musste an früher denken, wie wir auf dem Schulhof rumgemacht hatten, in der Raucherecke am alten Bunker. Wie ich versucht hatte, ihre Hose aufzuknöpfen, der Verschluss aber nicht aufzukriegen war – eine frisch gewaschene, noch steife Levis 501 ist ja keine Jeans, das ist Krieg.

Ein Intimpanzer.

„Und du? Was machst du? Ich hab von deinem Preis gehört, den du gekriegt hast. Für dein Schreiben, oder? Glückwunsch. Ist denn was draus geworden? Ist jemand auf dich zugekommen? Ein Verlag oder so? Kannst du vom Schreiben leben?“

Hitze brauste über mein Gesicht, von einem Ohr zum anderen, und ich zitterte sogar ein wenig, dass das Gesöff in dem Becher konfus hin und herschaukelte. Mein Kreislauf rebellierte. Ich trank zu oft die falschen Sachen.

„He, du Sau!“ schimpfte Beate aus Remscheid, die mit ihren beiden Schwestern im Schneidersitz auf dem Fußboden hockte. „Verschüttest hier den guten Wein!“

Die drei Schwestern waren wieder so breit, dass sie mit dem Arsch nicht mehr hochkamen, nicht mal zur Toilette. Vermutlich lassen die einfach alles unter sich, hatte Karlos Bruder höhnisch angemerkt.

„Lass mal ziehen, Beate-Darling“, sagte ich.

Beate starrte mich kurz an wie einen Ausserirdischen, reichte mir dann den aktuellen Joint hoch. Es war ein kurzes, atmungsaktives Ofenrohr, ähnlich den Geräten, wie ich sie in jungen Jahren gebaut hatte.

„Aber nicht heißrauchen, Mann“, warnte mich Beate.

„Hör mal. Wann ist es denn soweit?“ schob sich meine ehemalige Mitschülerin zurück ins Gesichtsfeld.

„Hm..? Wann ist was sowit?“

„Na, wann kann ich denn mit dir angeben, wann kann ich denn sagen, den hab ich mal gekannt?“

Sie liess nicht locker.

„Sehr witzig“, sagte ich und klärte sie darüber auf, wie es um mein Leben stand. Dass ich einen Job brauchte. Ich war pleite.

„Einen Job..?“ Sie fackelt nicht lange. „Probier es doch mal als Dressman!“

„Dressman!! Yee-haa!“

Die Remscheider Schwestern hatten natürlich alles mitbekommen und gackerten bekifft drauflos, so wie sie auch schon bekifft gegackert hatten, als wir angekommen waren, ich mit meinen kurz geschorenen Haaren,  „da kommt ein Igel!“

„Was für Schlampen“, zischelte die Referentin aus München. „Ich mein das ernst. Dressman ist doch kein schlechter Job. Wird gut bezahlt.“

Sie musterte mich ungeniert.

„Gute Figur hast du, siehst ganz passabel aus, probiers doch einfach mal bei einer Agentur.“

Ganz passabel? Ist hier jemand auf der Party, der passabler aussieht? Passabel, pfah.

„Mach mal ein paar Schritte“, forderte sie mich auf und rückte ihre Designerbrille zurecht. „Nur um zu sehen, wie du dich bewegst.“

Aus der Küche drang das heisere Geblöke eines alten Bierschafs herüber. Das konnte nur mein Freund Benzini sein, der gerade in sich zusammenfiel. Da auch ich schon einiges intus hatte, bewegte ich mich reichlich schräg durch den Flur, an den giggelnden Bodenkühen aus Remscheid vorbei.

„Gut!“ rief die Pharmareferentin. „Und jetzt dreh dich mal, und zurück!“

Ich legte mich beinahe aufs Maul.

„Mit den O-Beinen kann der Glumm Werbung für ne Schweinefarm machen!“ giggelte Beate begeistert und klatschte sich mit ihren johlenden Schwestern ab. „Da passen locker zehn Schweine durch! Wie beim Bauer Ewald!“

Das Remscheider Netzwerk kriegte sich kaum ein. Ich schwankte den langen Flur zurück, wobei ich Beate-Darling etwas Wein vermachte, aufs weiße Kleid.

„He, pass doch auf! Du Bauer!“

„Sieht gut aus“, sagte meine alte Schulkameradin kopfschüttelnd. Sie war schon immer ein Nettes.

„Aber was ist mit O-Beinen?“ wandt ich ein ich. „Die sind schon ein Handicap, oder?“

„O-Beine sind nicht das Problem, nein, nicht dass ich wüsste. Guck dir John Wayne an. Was hatte der für Hackbeine, egal, so was ist sexy bei Männern. Sagen wir, bei manchen Männern. Aber..“

„Was aber?“

„..naja, wie groß bist du?“

„Eins einundachtzig.“

„Mhh..“

„Eins zweiundachtzig“, schichtete ich auf, schließlich war so ein Job auf dem Catwalk immer noch besser als Gemüsemesserschleifen bei Solinger Traditionsunternehmen für 10 Mark die Stunde. Wenn die mich genommen hätten.

„Trotzdem eher klein für ein Männermodel.. ist gerade an der Grenze. Aber egal. Ich würde an deiner Stelle einfach mal einen Termin machen.“

„Mh. Sicher.“

Zumal: Gemüsemesserschleifen war gar nicht so einfach. Im Gegenteil. Das Schleifen von Messern war eine Geheimwissenschaft. An die Jobs kam man überhaupt nicht mehr ran. Das war früher mal. Ich MUSS Dressman werden. Was soll man machen.

„Und was hast du sonst so getrieben, in den letzten drei Jahren? Außer Schreiben?“

„Drei? Wieso drei Jahren?“

„Weil ich seit drei Jahren in München lebe.“

„Hm.. also. Geschrieben hab ich eigentlich.. kaum. Gesoffen, das ja. Und hier, wie heißt es, na, Dingens.. äh, zum Frisör gegangen.“

*

Freitagnachmittag. Mit dem Zug nach Köln, in die Schildergasse. Eine Stunde noch bis zum Termin im Fotostudio. Weil ich dringend aufs Klo muss, geh ich ins erstbeste Schnellrestaurant. Wendy’s. Ich guck in den Spiegel, letzte Kontrolle. Und siehe: Ein Rußfilm, quer durchs Gesicht, vom linken Ohr bis zum rechten Mundwinkel.. Eine schwarze Carrerabahn, einen Finger breit. Da gibt es nur eine Erklärung: Als ich heut morgen Kohlen aus dem Keller geholt habe, muss ich mir mit den Arbeitshandschuhen den Schweiß von der Stirn gewischt haben. Immerhin, das erklärt im Nachhinein die schrägen Blicke, die ich mir auf der Hinfahrt nicht erklären konnte, im Zugabteil, auf der Straße, im Kiosk. Und ich dachte schon, ich würde scheiße aussehen. Ich wär gar kein Model! Ha haa!

Das Wendy’s hat dicke Kartoffeln zum Auslöffeln auf der Karte, mit Broccoli und so drin, davon lasse ich die Finger und schildere lieber noch etwas die Gasse: 2 taubstumme junge Dinger kleben am Schaufenster des Pelzwarengeschäfts und gestikulieren, ein korpulenter Mann hetzt durch die Fußgängerzone, verstohlen in sein Backwerk beißend, das aus einer Papiertüte ragt und in seinen hochgestellten Mantelkragen krümelt. Es ist kalt. Ich zurück zu Wendy’s. Chili mit Käse und Zwiebeln, eine große Coca. Dazu einen Beutel Crackers, zum Tunken.

*

Ich erkundige mich nach dem Weg zum Opernhaus, in dessen Nähe soll das Fotoatelier liegen. Wie immer in Großstädten ist jeder, den ich nach dem Weg frage, nicht von hier. Die meisten Fressen kenne ich sogar, aus Solingen. Oder hier läuft das gleiche Volk rum. Kann auch sein. Es kann ne Menge sein. (Und es ist auch viel.)

Erst ein Kölner Großmütterchen hilft mir weiter.
„Opernhaus immer geradeaus.“
„Wie lange brauch ich dahin? Zu Fuß?“
„Na, Sie sind ja noch jung. Ich alte Oma mit meinen morschen Knochen. Man hat Kinder, und man hat doch keine. Zehn Minuten.“

Man hat hauptsächlich Durst auf ein Kölsch. Die Gaststätte heißt Fertig. Eine ganz bürgerliche Kneipe, in der ich vorläufig der einzige Bürger bin. Selbst der Wirt bleibt unsichtbar, ich hör ihn nur in der Küche mit Pfanne n und Töpfen wuseln, bis ein adretter junger Mann zur Tür hereinschneit, der „juten Morjen“ ein Plastikflugzeug auf dem Tresen abstellt.
„Kost‘ nur fuffzehn Mark!“ ruft er dem Wirt zu. Der steht im Durchgang zur Küche.
„Is jot, Jung..“
„Flugzeug hier, kostet sonst fünfundvierzig Mark, für Sie nur fuffzehn.. Können Sie verschenken, oder ins Schaufenster stellen.“
„Is jot, Jung. Mach et jot.“
„Hm.. denn. Danke, und schönen Tag noch.“

Ich krieg mein kleines Kölsch. Das Telefon klingelt.
„Gaststätte Fertig.. Jo, Herr Schumann. Ach, su früh? Ich han für zwölf Uhr zwei Bestellungen für Muschele. Nee, kann ich nich.. Muschele. Tschö, Herr Schumann.“

Im ausliegenden Südstadt-Magazin erfahre ich die Schadstoffsammeltermine Januar bis Juni. Die Kneipe füllt sich, während ich mich mit dem Köbes unterhalte. Er taxiert seine Gäste mit sicherem Blick. Er hat mich nur kurz mit der Nase im Notizbuch gesehen.
„Schreiben ist ein Hungerberuf“, meint er auf hochdeutsch, um dann auf Kölsch fortzufahren: „Hätteste nix angeres liehre künne?“ Und dann sagt er noch, mit einem Augenzwinkern, dass alle Künstler sowieso Verdötschte wären, Verrückte.

Oder hier, Dressmen. Kurz vor drei. Foto-Agentur Pohl. Ich klingle an der Sprechanlage und sage brav meinen Namen, eine Stimme antwortet „Dritter Stock.“

Ich nehme das Treppenhaus, oben angekommen öffnet sich die Tür. Ein Gesicht guckt mich an, ich sage brav meinen Namen, das Gesicht sagt: „Ach?“ Der Typ zu dem Gesicht, Mitte dreißig, hat graumeliertes dünnes Haar, zu Löckchen gerollt. Alles an ihm scheint grau. Der Bart, die große Brille. Die Zähne. Der Hodensack. Auf den zweiten Blick bleibt von ihm ein Mix aus Zerstreut- und Verschlagenheit. Das ist schon besser. Welchen Eindruck ich wohl hinterlasse. Auf den zweiten Blick. (Als Mann der zweiten Luft.)

Er reicht mir einen Bogen Papier. „Hier. Kannst du schon mal ausfüllen, ich rufe dich dann rein“, und verschwindet ins angrenzende Büro. Da es keine Türe gibt, kann ich von meinem Stuhl aus gut beobachten, wie er am Schreibtisch Platz nimmt. Er ist nicht allein. Vor ihm, mit dem Rücken zu mir, sitzt ein fetter Herr in Wintersportkleidung. Fotograf wahrscheinlich.

Ich fülle das Bewerbungsblatt aus. Konfektionsgröße? Kragenweite? Taille? Woher soll ich das wissen? Ich bin froh, wenn ich im Schuhladen meine Schuhgröße kenne, ausgerechnet die wollen sie aber nicht wissen. Da mir also bei den meisten Fragen die Schuhe gebunden sind, widme ich mich dem zweiten Teil. Sind Sie: Zielbewusst? Zielsicher? Selbstbewusst? Finden Sie sich erotisch anziehend? Halten Sie Werbung für notwendig oder für Volksverdummung? Wollen Sie mit dieser Arbeit das „große“ Geld verdienen? Ohne Ausnahme kreuze ich sämtliche Kästchen und alles mit Ja an. Ob ich modebewusst bin? Auch zu erotischen Videospots bereit?

Zweimal geht die Türschelle. Der Mann springt aus seinem Büro, bellt „Dritter Stock!“ in die Sprechanlage, wartet eine halbe Minute, während der er mich beobachtet bis ich ihn zurückbeobachte, dann schaut er schnell weg und tut so, als hätte er besseres zu tun, als mir beim Ausfüllen eines Formulars, schon klar, zuzugucken.

Zwei junge Mädchen kommen zur Tür rein. Schick gekleidet, null Kohlenstaub in der Fresse. Sie machen sich lustig über die Fragen auf dem Bewerbungsblatt, als sie neben mir Platz nehmen. Ich lege den Wisch weg, lauf ein bisschen durchs Loft. Scheinwerfer warten auf ihren Einsatz, Stative, ein aufgespannter Regenschirm. An der Wand eine Fotogalerie, lauter Portrait-Aufnahmen in Passfotoformat, hunderte Modelgesichter glotzen von der Wand, eines cooler als das andere.

Endlich verabschiedet sich der fette Fotograf, der im Büro gesessen hat. Der Graue begleitet ihn zur Tür. Dann kommt er zu uns an den Tisch. „So. Wer war der nächste? Du? Schön. Bringst du den Bogen mit?“

Der Stuhl vorm Schreibtisch ist noch warm von dem dicken Hintern. Das mag ich nicht. Das ist wie Pfannkuchen nochmal backen. Die graue Eminenz des Fotoateliers überfliegt meinen ausgefüllten Bewerbungsbogen. Stutzt, als er die Spalte „Jetziger Beruf“ erreicht.
„Was soll das heißen? Kofferträger und Autor..?“
„Richtig.“
„Hm.. was schreibst du denn so?“
„Geschichten.. aus meinem Leben.“
Das findet er ja supi interessant und kommt zur Sache.

„Also, um zu sehen, ob du vor der Kamera etwas darstellen kannst, ob du dich verkaufen kannst, müssen wir Probebilder machen. Die kosten dich dreihundert Mark..“
Ich gucke blöd, so blöd, dass er kurz überlegt.
„..sagen wir, zweihundert, weil du es bist. Aber das ist dein Risiko. Wenn die Bilder fertig sind, entscheidet das Team, ob wir es mit dir versuchen oder nicht. Willst du dir das noch mal überlegen, und sollen wir gleich einen Termin ausmachen? Für, sagen wir, morgen?“

Ich bin selbst erstaunt, als ich mich sagen höre, „Ja. Können wir gleich klarmachen“, ohne jeglichen Plan, wo ich auf die Schnelle zweihundert Mark auftreiben soll.
„Gut“, sagt er. „Dann sagen wir, Moment.. morgen dreizehn Uhr fünfzehn..?“
Ich nicke, während gleichzeitig in mir die Bestürzung wächst. Morgen Mittag? KANN ICH MIR HEUT ABEND KEINEN ANSAUFEN, WENN ICH MORGEN FIT SEIN MUSS! (Es singt: Der Zellenchor).

Flink zieht er einen Vertrag aus der Schublade. Er überträgt die persönlichen Daten, fragt beiläufig, ob ich gleich schon mal etwas anzahlen könne, von den dreihundert Mark.
„Zweihundert.“ „Zweihundert?“ „Wir hatten zweihundert abgemacht.“ „Aber.. ja, sicher.“ „Nee, hab ich nicht dabei.“ Und sowieso: ICH KANN HIER MORGEN UNMÖGLICH MIT SCHWEISSAUSBRÜCHEN VOR DER KAMERA STEHEN UND AUF COOL MACHEN. Es singt der Chor in mir, aber ich halte dagegen, ich muss mich ja nicht unbedingt besaufen heute Abend, muss ich doch nicht.. (Der Chor kichert.)

„So eine Fotosession kostet dich woanders locker einen Tausender“, sagt das graue Abziehgesicht, und sein Blick flackert. Ob er den Kampf sieht, der in mir ringt? „Das finde ich aber eine Sauerei“, fährt er fort, „tausend Mark. Obwohl dir das vielleicht merkwürdig vorkommt, dass ich das sage, so als Unternehmer.“
Mir kommt hier so einiges merkwürdig vor.

Mittlerweile ist der Vertrag ausgefüllt. Inklusive Termin für die verabredete Probesession. Wartet nur noch auf meine Unterschrift.
„Lies es dir gut durch.“
Ganz unten sehe ich, Gerichtsstand Düsseldorf. Eigentlich kann ich ja immer noch aufstehen und gehen. Er reicht mir einen Stift.
„Wie viel verdiene ich überhaupt?“
„Pro Auftrag sind das zwischen dreihundert und vierhundert Mark. Das kann über ein paar Stunden gehen, vormittags, nachmittags, in der Woche abends, am Wochenende, da kann ich dir nichts versprechen. Das ist ganz verschieden.“

„Und in welchen Klamotten werde ich äh ..morgen fotografiert?“
„Aber ja, richtig!“ sagt er in einem Ton, als müsse er sich wirklich über sich selbst wundern, dass er das nicht angesprochen habe. „Accessoires musst du selbst mitbringen, und zwar dreierlei: was Modisches, was Sportliches, was Seriöses, Feineres. Bring mit, was du magst. Hut, Sonnenbrille. Ledermantel..“
„Ich hab einen original Gestapo-Mantel zuhause“, fällt mir ein.
„Äh.. Fein.“
Ich steh unvermittelt auf, weil der Zellenchor Recht hat.
„Aber die anderen Sachen muss ich erst organisieren. Einen Hut, ne Sonnenbrille..“
„Ach, haben wir auch alles hier“, sagt er.
„Nee, nee“, sag ich, „ich melde mich, wenn ich alles zusammen hab.“
Der Vertrag bleibt liegen, ohne Unterschrift.

Wir verabschieden uns flüchtig, und als ich durch das Loft gehe, schauen die Mädels mich mit großen Augen an, als wollten sie in meinem Gesicht ablesen, wie es gelaufen ist, aber ich bleib cool. Undurchsichtig bleiben, Mädels. Das A und O in diesem Metier. Als ich endlich draußen stehe, in den Straßen von Köln, bin ich heilfroh. Einerseits. Andererseits verdient man kaum Geld damit, dass man andauernd heilfroh ist, weil es nicht geklappt hat.

Zurück in Solingen marschiere ich ohne Umschweife ins Mumms.„Ein großes Hellbier, Marina.“ Es wird der schlimmste Absturz seit Monaten. „Morgen früh bin ich eine käsebleiche Natter“, sag ich.

„Unter Garantie“, meint Karlos.

Advertisements

6 Gedanken zu „Dressman

  1. grundsolide-bequem,rechenschafftslos und verschroben gestikulierend
    nahm er den innersten bluff zur vergänglichkeit,das gefühl einer entfernten gütgöttlichkeit,das friedensangebot verwarloster intrigen,der zusammenbruch äusserlicher werte.das netz hielt nicht stand am rand..-
    er brach unter sich hervor der gestank quälender gedanken.die nur eins im sinn hatten..,mich zu vergessen ,ja zu vernichtenn,.

  2. geht doch um nix..,,,.-..-,,.-..hi hi
    aber echt das iss mir nur so rausgerutscht .der beginn eines romans vielleicht und denn esrstmal ebbe..hihi
    2mal.
    ds

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s