Der Hitzepeter/ Betrachtungen zum Fall Florian F.

„Eigentlich komisch, dass wir mit unseren riesigen Gehirnen nicht jeden Tag wahnsinnig werden.“

„Wieso? Werden wir doch.“

„Ja schon. Aber ich meine, so richtig bekloppt.“

„Ja. Das meine ich ja auch.“

*

Der Hund ist eine Heimatdroge. Er zwingt einen 3mal täglich in die nähere Umgebung, bis man auch mit dem unscheinbarsten Fleckchen Gras so vertraut ist, dass man es bitterlich vermisst, wenn man im Urlaub ist oder auf Montage. Im Ausland. Woanders eben. Nahe Kairo vielleicht. Wo sich mein Bruder, Spezialist für Solarsteuerung, zur Zeit aufhält, um Sonne einzusammeln. Das ganze Wüstenlicht. In einem riesigen Feld voller Sonnenkollektoren. „Kairo ist schmutzig“, spricht er via Skype, „und heiß.“ Und noch heißer ist es, wenn man zwischen hundert Spiegeln steht, die diese Hitze noch potenzieren. Logisch, da geht schon mal ein Kollege verloren, da verdampft schon mal einer unter geklärten Umständen und auf dem Rückflug bleibt ein Sitz frei. Der meines Bruders zum Glück nicht. Er hält sich gern im Schatten auf.

Wenn das so ist bei Kairo, möchte ich mich nicht weiter beklagen an der Heimatfront. Der Hundefront. Wo es, obwohl nicht mal halb zehn, schon so drückend heiß ist, dass der Hund in den kühlenden Bach steigt, um wie ein Schaufelbagger Wasser einzuspeisen in den Hundeblutkreislauf. Wo der Hitzepeter seltsame Gedanken in die Stadt bringt und Geräusche: beim Aufstehen bleibt einem die Hose kurz am Sitz kleben und lässt ordentlich durchschmatzen – einen feuchten Fuzzy, würde Bart Simpson sagen.

„Da ist der Hitzepeter!“ stöhnen die Stadtmenschen. Der schwüle Geselle bringt Geräusche und Gerüche. Sie treten aus unterirdischen Kanälen und Abflussrohren ans Tageslicht, sie werden aus Gullys gespült und belästigen uns – faulig stinkt es, nach Vergorenem und nach Kohlgemüse, nach fiesem Fisch.

„Ruf doch mal den Wetterdienst an, das hältste ja im Kopp nich aus!“

Alles steht still. Nichts rührt sich. Fliegen kleben mit Schweissfüßen an der Scheibe und kommen nicht weg, sterben am Glas.  In der Nacht verirrt sich ein einzelnes Glühwürmchen in mein Zimmer und steuert den leuchtenden PC-Bildschirm an: „Ein Nebenbuhler! Hat der ein Leuchten drauf!“

Man ist ja schon froh, wenn ein winziger Windstoß  hinter der nächsten Ecke lauert und losmacht. Selbst Platzregen bringt keine Linderung, da er sich noch während des Fallens erwärmt und als trübe Pisse aufschlägt. Es riecht nur golden. Aber nicht lange. Dann kommen sie wieder aus der Kanalisation gekrochen, Berge benutzter Damenbinden und infektiösem Kinderdurchfall, Mauken.

„Ich habe gerade im Garten Mowgli gesehen, und die Schlange Kaa“, meint die Gräfin leise. „Oder ist das hier nicht das Dschungelbuch?“

*

Säbelpirat nennt sie mich mitunter, weil: „Wie du die Luft schneidest beim Gehen, in kleine Scheibchen. Wie mit dem Säbel. Du Pirat.“

Ja klar, eine scharfe Sache ist das Gehen – made in Solingen. Frau Moll wartet nur darauf, dass ich endlich in die Hufen komme. Sie liegt auf ihrer Lieblingsdecke und hat diesen strengen Blick drauf, als würde sie unter der Brille hergucken. Eine Sekretärin, mit der nicht gut Kirschenessen ist. Die seit Tagen anhaltende Hitze nimmt sie uns persönlich übel. Als wären wir es schuld, dass die Nachbarn schon mittags ganze Schweine auf den Grill knallen. „DIETER, MACH DIE SPECK-SCHATULLE AUF!!“ Während unser Hund nicht mal vor die Tür kommt.

*

Als wir uns endlich Richtung Theegarten aufmachen, Dauer der Runde: dreiviertel Stunde in der Mittagsglut, begegnet mir ein Schulkamerad aus alten Tagen, Florian F.

Florian F. war in der Parallelklasse, wir hatten nicht sonderlich viel miteinander zu tun. Man kannte sich eben. Da wir aber beide im Bereich Klauberg wohnten, gingen wir nach Schulschluss ab und zu gemeinsam heim. Wenn es sich nicht verhindern ließ.

Einmal schimpfte er mich dabei regelrecht aus, weil ich neben ihm auf den Asphalt gespuckt hatte, einen zähflüssigen dicken Yello: „He! Da steigen doch Dämpfe hoch, die machen krank.“ Er war richtig empört gewesen, die taube Nuss. Ich zeigte ihm einen Vogel, und setzte ihm einen zweiten Yello vor die Füße. Blöder Besserwisser.

Florian F.: groß gewachsen, schlank und unbeliebt. Das pechschwarze Haar trug er pedantisch zur Seite gekämmt, er neigte zum ständigen Abschwitzen, war schlecht in Sport, man lachte ihn aus, aber er schrieb eine Eins nach der anderen, egal, in welchem Fach. Außer in Sport. Da schreibt man keine Arbeiten. Es sei, man ist Sportstudent. Florian F. war kein Sportstudent. Er war der konservative Strebertyp mit Brille, der nach Kirchenliedern und Chorälen stank und den niemand richtig leiden konnte, auch wenn er keinem je etwas zu Leide tat.

Und da war dieser Tic, dieses hypernervöse Zucken der Augenlider, das er nicht unter Kontrolle bekam. Es überfiel ihn, wenn er unter Druck geriet, wenn es während eines Gesprächs in ihm arbeitete, dann zuckte und zerrte es in seinem Gesicht, wie in einem Blitzkrieg gegen das eigene Antlitz.

Nachdem ich 1979 das Gymnasium verlassen musste, was nicht weiter dramatisch war, schließlich war ich bereits seit einem halben Jahr nicht mehr zum Unterricht erschienen, verlor ich Florian F. aus den Augen, wie die meisten der damaligen Schulkameraden. Vermutlich baute er ein Einser-Abitur und ging nach Yale oder nach Heidelberg, während Karlos und ich am heimischen Tresen versackten, uns schön volllaufen liessen mit drei l’s hintereinander.

„Hau noch ein viertes l dran“, meinte Karlos. „Bei Umgangssprache muss man richtig einen losmachen, immer noch einen Buchstaben draufknallen!“

: schön vollllaufen liesssssen.

„Von sechs s und fett hat aber keine Sau was gesagt!“

„Sind fünf und fett.“

„Dann ist es gut.“

*

Es muss Mitte der 90er Jahre gewesen sein, da verfolgte ich nachmittags im Fernsehen zufällig eine Diskussionsrunde zum Thema Musical. Die Musical-Szene brummte damals, Cats, Starlight Express, der ganze Müll. Man baute Hallen eigens für ein Stück, das dann jahrelang vor ausverkauftem Haus lief und Rendite brachte, ein Boom ohne Ende. Und plötzlich steht da Florian F. im Fernsehstudio, als Vertreter eines großen deutschen Musical-Produzenten.

Florian F., ein Musical-Manager?? Mein alter Schulweg-Spezi Florian F., im zu weit geschnittenen Boss-Kostüm?

„Dem da hab ich schon mal vor die Schuhe gerotzt“, sagte ich zur Gräfin.

„Wem? Dem Langen? Hätt ich aber auch gemacht.“

Keine halbe Minute später errötete ich, so sehr schämte ich mich für Florian F., dabei schämte ich mich sonst nicht für alte Kameraden, die ich im Fernsehen verfolgte. Ich weiß nicht mehr, was Florian F. alles von sich gab, doch als er an der Reihe war mit der nächsten Äusserung, ähnelte es einer Hinrichtung mit dem eigenen Mundwerk.

Er stotterte, er verhaspelte sich, er brabbelte wie ein Kleinkind. Das Gesichtspuder krümelte ihm in den Hemdkragen, so sehr schwitzte er, und als die Kamera, neugierig geworden, auf Nahaufnahme ging, zuckten und flatterten seiner Augenlider wie Nachtfalter im Lichtschein der großen Laterne.

„Was hat der denn für Störungen?“ meinte die Gräfin. „Was sind das denn für innere Gesänge?“

Es dauert nicht lange, da hatte die Bildregie ein Einsehen und zeigte fortan Gesichter im Publikum, wenn Florian F. an der Reihe war und nach Worten rang.

„Dem seine Karriere ist am Arsch“, dachte ich und vergaß die ganze Sache. Vergaß Florian F. Bis er mir kürzlich, gut 15 Jahre später, wieder über den Weg lief, unten im Klauberg. Einer Hofschaft, die seit dem 16. Jahrhundert existiert. Hier wohnte mal ein bekannter Philosoph, später ein bekannter Nazi-Scherge, und Florian F., zurückgekehrt aus der großen Welt.

Wenn ich ihn sehe, ist er jedes Mal mit einem weißen kleinen Pudel unterwegs, er schiebt eine Wampe vor sich her, wie Männer sie kriegen, mit Mitte vierzig: exakt in der Mitte des Leibes. Er trägt eine schmuddelige Jogginghose (ich würde sagen, Ballonseide), eine speckige Wildlederjacke mit aufgenähtem Ellbogenschutz. Er sieht aus wie ein abgerissener, suchtkranker Organist, aber soll ich euch was sagen?

Auch wenn er daherspaziert wie sein eigener Opa, die Hände hinterm Rücken gekreuzt und das Haar ausgefallen, sein Gesicht strahlt Gelassenheit aus. Er scheint irgendwie im Reinen zu sein mit sich, jedenfalls geläutert. Das nervöse Zucken ist nicht zu sehen, die Augenlider ruhen wie Boote, zur See gelassen, und selbst seinen dämlich kläffenden Pudel namens Barnabas lässt er frei laufen und führt ihn nicht eng an der Leine, wie die meisten Leute über vierzig, die plötzlich ängstlich werden, weil wir glauben, je länger man lebt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass das Ordnungsamt aus dem Gebüsch gesprungen kommt mit dem alles und jeden anblaffenden Sheriffstern. Florian F. ist angekommen.

„Hallo, Florian.“

Er erkennt mich nicht. Noch besser.

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4 Gedanken zu „Der Hitzepeter/ Betrachtungen zum Fall Florian F.

  1. ein langes elend aus der parallelen klasse-mit pudel.
    hättest ihm vor die hufe geschissen wär er wohl aufgewacht und hätte dich zum tee eingeladen bei seiner mumifizierten schaukeltante.

    oh ,ich bin böse drauf heute..hihi

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