Chip

 

Eine Karriere, für die einen niemand feiert und anhimmelt, ist eine Drogenkarriere.

*

Chip wirkte schmal und zerbrechlich, und das Haar fiel ihm lang und dünn über die Schultern und glänzte, als hätte er ewig lang im Regen gestanden. Im Sprühregen. Er war ein großer Fan von Deutschrock. Er besaß eine Menge Scheiben von Eloy, NEU aus Düsseldorf und Kraftwerk, und er hatte den penibelst ausgekämmten Mittelscheitel der Welt, genau in der Schädelmitte, null Uhr, Greenwich-Time.

Mit zittrigen Fingern strich er sich das lange Haar aus dem Gesicht.

„Ins Klo“, rief er erbost. „Du sollst in das scheiß Klo kotzen und nicht daneben!“

Ich hing mit gequältem Gesichtsausdruck überm Pott und kotzte alles aus, was nicht niet und nagelfest in meinem Inneren verschraubt war, und das war ein Haufen. Fetzen einer türkischen Minipizza tummelten sich in der Kloschüssel, dazu Lakritze, und ein Zigarettenfilter. Ein was? Was zum Teufel hatte ein Kippenfilter in dieser Ur-Suppe zu suchen..?!

Wir hatten den Abend über schwer gesoffen und dann den Fehler begangen, einen Bong zu rauchen, obwohl die Bongraucherei mir nicht bekam, wenn ich besoffen war. Bongrauchen war nichts für mich. Jedes Mal, wenn ich im besoffenen Kopf einen Bong kiffte, gab mir das definitiv den Rest.

Das Problem: Wenn man bei Kiffern abhing, die auf Effizienz achteten, kam man am Bongrauchen einfach nicht vorbei. Entweder man zog am Blubber, oder man war draußen. Nun war Draußensein aber das letzte, was ich wollte, wenn ich schön einen sitzen hatte, im Gegenteil. Es sollte weiter gehen, höher, tiefer, dicker, breiter! Niemals war ich schärfer aufs Kiffen, als nach zehn, zwölf Bier und ein paar Schnäpsen, auch wenn ich wusste, dass ich es nicht vertrug.

Mein Kreislauf zeigte mir einen Vogel und brach zusammen, und so fand ich mich auf dem Rand seiner Badewanne wieder, Chips Badewanne in einer kleinen Dachgeschoßwohnung in der Nordstadt.

„Nicht in die Wanne! Ins Klo! Ooh Mann – Scheiße..! DA VORN IST DAS KLO! NICHT DANEBEN! NICHT IN DIE WANNE!!“

Ich hatte gar nicht gewusst, dass Chip so hysterisch werden konnte. So.. motzig. Chip wohnte noch bei seiner Mutter. Sie hatte Runzeln und Falten im Gesicht wie ein alter Gobelin, der ein ganzes Leben gebraucht hatte, um gewebt zu werden. Konnte eine Mutter so alt aussehen? Ging das überhaupt? Manch einer glaubte Chip nicht. „Das ist deine Oma, Chip, gib zu!“ Doch warum zum Teufel hätte uns Chip seine Oma als seine Mutter verkaufen sollen? Nein, es machte keinen Sinn. Sie sah verdammt alt aus, und nett war sie auch nicht. Sie war hager und vom Leben enttäuscht. Aber sie war seine Mutter.

Chip hielt mir einen nassen Aufnehmer hin.

„Hier, putz weg.“

„Tut mir leid, Chip“, röchelte ich. Ich war noch nicht fertig mit Kotzen.

„Klar, Mann. Schon gut. Mach einfach weg.“

Viertelstunde später. Ich war todmüde und wollte nur noch nach Hause, ins Bett. Vielleicht vorher kurz in die Küche und den Kühlschrank leerfressen. Mal sehen. Ich verliess Chips Wohnung und wankte durchs Treppenhaus – und verlor das Gleichgewicht. Ich strauchelte und stolperte die Stufen hinunter, und da ich nicht mehr in der Lage war, mich zu fangen, knallte ich der Länge hin, durch die geschlossene Glastüre der Wohnung im ersten Stock. In der Mitte befand sich ein großer Glaseinsatz, der klirrend zerbarst. Ich fand mich in der Diele einer fremden Stube wieder, in den Scherben einer geborstenen Etagentür. Der ganze Lärm, den ich fabriziert hatte, der Sturz und das Geklirre brachte die Mieter der Wohnung auf den Plan, mit erschrockenen Gesichtern standen sie um mich herum.

„WAS IST DAS?“ schrie der Herr des Hauses.

Ich glotzte zu ihm hoch. Ich lag da und sah in sein haßerfülltes Gesicht, das nicht glauben wollte, was es da sah: Ein stinkebesoffener Jüngling, der mit voller Wucht in die Diele seines Heims gerauscht war, mitten durch die Tür, durch das Glas, und nun vor ihm lag.

Ich rappelte mich auf und sah an mir runter. Nirgends war Blut zu sehen, weder an mir, noch auf dem Boden. Da waren bloß tausend kleine Scherben und das gesplitterte Holz vom Türrahmen.

Keine drei Monate zuvor hatten meine Eltern einen guten Riecher bewiesen und für mich eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Das war doch schon mal was. Durch das riesige Loch in der Tür erkannte ich Chip, er stand ganz oben auf dem Treppenabsatz und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen.

„Mann, Scheiße“, räusperte ich mich, „schulligung.“

*

Paar Wochen drauf war Chip von der Bildfläche verschwunden. Niemand wusste, was aus ihm geworden war. Gelegentlich sah ich seine Mutter, wenn sie auf der Wupperstrasse zum Supermarkt schlich. Ihr Blick war so eisig und nach innen gerichtet, so abweisend und grau-verloren, ich traute mich nicht, sie nach Chip zu fragen. Außerdem war sie seit der Sache im Treppenhaus nicht gut auf mich zu sprechen.

Ich traf ihn zwei Jahre später auf dem Mühlenhof wieder, einem Platz mitten in der Stadt, voller Wasserspiele und schattiger Flecken. Er saß auf der Mauer, blass wie eh und je, die Matte gescheitelt. Er habe in einer Drückerkolonne gearbeitet, erzählte er mit schmalen Lippen und Froschäuglein, und sie hatten ihm übel mitgespielt. Geld vorenthalten, verprügelt, Psychoterror. Die ganze Kiste.

Aus der Nähe betrachtet sah sein langes dünnes Haar immer noch so aus, als wäre es ewig im Regen gewesen. Aber der Glanz war dahin. Es war nur noch nass.

„Und jetzt?“ fragte ich. „Was hast du vor?“

„Nächste Woche bin ich wieder weg..“

„Und was machst du? Was hast du vor?“

„Na, Zeitschriftenwerber.. Was sonst.“

„Ich denk, die haben dich abgezogen..?“

Seine Beine baumelten die Mauer hinab. Er lächelte, und er guckte mich klein und traurig an.

„Hauptsache, ich bin unterwegs. Zuhause würde ich ja doch nur rumsitzen und darauf warten, dass Freunde klingeln und mir das Bad vollkotzen. Und die Freunde werden weniger mit den Jahren, und am Ende klingelt niemand mehr. Nicht mal eure Kotze darf ich dann noch wegwischen. Nee, da bin ich lieber unterwegs und tu so, als würde ich nicht merken, wie die mich verarschen. Ich mein, wenn die Penner ihren Spaß daran haben.. sollen sie doch. Hauptsache, ich bin unterwegs. Weisst du, was das wichtigste ist im Leben?“

Ich blickte ihn an.

„Das Wegkommen“, sagte er.

Wir gingen rüber ins Mumms und tranken ein paar Gläser.

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8 Gedanken zu „Chip

  1. Pingback: links for 2010-07-07

  2. Herr Glumm,

    nur geil, einfach nur geil. Vielen Dank von einem sonst stillen Leser, der hat echt gesessen. Hach wie war das schön früher…

    völlig zustimmend,

    der pferd

  3. mit den türen hast es aber auch,besonders die zerbrechlichen glastüren ziehen dich magisch an.
    wie wärs mit ner brille ,chef.?hihi

  4. Pingback: 2011 in review « Glumm

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