Braune Opel

3. Oktober 1993. Das Telefon klingelte. Es war Feiertag, Tag der Einheit, ein regnerischer Tag. Wir ließen das Telefon klingeln. Es hätte sich ja unliebsamer Besuch ankündigen können. Einer mit Langeweile. So Feiertagsbeschwerden. Der Unterhaltung suchte. Außerdem ist es spannender zu spekulieren, wer angerufen haben könnte, als den Hörer abzuheben und Gewissheit zu bekommen, wer der Anrufer ist. Gewissheit haben kann jeder. Aber nicht zu wissen, wer deine Nummer gewählt hat, muss man erst mal aushalten. Besonders dann, wenn der- oder diejenige nicht locker lässt und das Telefon klingelt und klingelt.. das hältst du kaum aus. Da möchte man ja fast abheben.

„Ich wette, das ist der..“, sagt dann die Gräfin,  „oder es ist die..“, vermute ich.  „Nee. Die doch nicht! Die klingelt anders.“ So geht das hin und her, während es lustig weiterklingelt.

An anderen Tagen hat unser Festnetztelefon kaum sein erstes Läuten verläutet, schon steh ich stramm am Apparat und hebe ab, zur Verblüffung meiner großen Schwester. „Wie jetzt..?! Mein Bruder PERSÖNLICH am Telefon! Dabei hab ich mein Sprüchlein für euren AB schon parat.“  „Na, siehst du!“ sag ich.  Und schon sind wir mittendrin in der Überraschung.

Alles Taktik.

Es klingelte immer noch.

„Ich bin nicht da..“, murrte die Gräfin und las ungerührt ihren Moskau-Krimi weiter, während ich über den Hund mit dem strammen Eigengeruch stieg und zum Apparat marschierte.

„Man kann ja nicht immer nie ans Telefon gehen“, dozierte ich, war mit aber nicht sicher, ob das stimmte oder ob ich damit nur dem allgemeinen gesellschaftlichen Konsens Tribut zollte, jederzeit erreichbar sein zu müssen. Die konnten uns mal mit ihrer ewigen Erreichbarkeit. Hatten wir das nicht schon mal? Und wenn schon. Ich bin ein Freund von Wiederholungen. Die festigen den Standpunkt. Die rühren Beton an. Das fühlt man stark am Fuß.

Mein Bruder war dran.

„Heut Nachmittag schon was vor?“

„Heut Nachmittag? Was meinst du damit?“

Heut Nachmittag war ein dehnbarer Begriff.

„Ich meine, gleich.“

„Gleich? Das ist schnell. Was liegt an?“

„Wirst schon sehen.. Wir holen dich ab.“

„Wir? Wer wir?“ fragte ich noch, aber der Bruder hatte schon aufgelegt.

Er wohnte auf der anderen Straßenseite, hatte einen Vollbart wie der späte Jim Morrison und dieses Brummen in der Stimme.

Halbe Stunde später.

Zu dritt machten wir uns auf in die Innenstadt, in Lesters klapprigem Kadett. Der Wagen hatte diesen Sound aus unserer Kindheit herübergerettet, dieses Geräusch, als drehe sich serienmäßig der Zündschlüssel mit, während der Motor läuft. Ein herrlicher Sound, aber ich saß dummerweise auf dem Rücksitz, genau zwischen den Boxen, und Lester war Hardrock-Fan.

Er hatte ein Dutzend Metal-Magazine und Fanzines abonniert, die abwechselnd mit dicken Mail Order Katalogen die Briefkästen verstopften, weil die Briefträger die drei Parteien unseres Mietshauses vermutlich für eine einzige Person hielten, ganz egal, welcher Name am Briefkasten stand, das tat nichts zur Sache.

Ich saß also auf dem Rücksitz, in den Ohren Doom Metal. So hatte ich wieder ein Problem, kaum dass ich meinen geliebten, aus dem Leim gehenden Sky-Sessel daheim eingetauscht hatte gegen den Rücksitz in Lesters Auto. Probleme, so weit der Hintern reichte.

„Hast du keine andere Musik?“ fragte ich.

Lester, der in unserem Haus die Mansarde bewohnte und in einem Galvanobetrieb anschaffte, starrte stur nach vorn. „HÄH?!“

„OB DU KEINE ANDERE MUSIK HAST!“

Er hatte diese unglaubliche Matte auf dem Kopf, er sah aus wie der Vorarbeiter von Frank Zappa. Und er hörte schlecht. Seine Ohren waren beschädigt. Zu viel Sepultura. Zu wenig menschliche Stimmen.

„Wie, andere Musik?“ Lester hatte sich herabgelassen und die Lautstärke gedimmt. „Ist doch gut gemixt, das Tape.“

Mein Bruder, der auf dem Beifahrersitz hockte und mit seinen eins sechsundneunzig fast das Wagendach kartätschte, grinste sich einen. Schätzte ich mal. Vom Rücksitz aus konnte ich nicht genau erkennen, was sich vorn abspielte, die Sicht im Kadett war trübe und milchig, man war auf Vermutungen angewiesen, was die Mimik betraf.

„Kannst du nicht wenigstens ..?“

„HÄH?!“

„.. EIN BISSCHEN LEISER MACHEN!“

Lester wohnte allein, ein überzeugter und straighter Single, der kaum Widerspruch gewohnt war, wie die meisten Leute, die solo sind. Eigentlich kannte ich sonst niemanden, der sein Leben derart straight lebte, so verdammt dünn und allein und mit einem Haufen Drahthaar auf dem Schädel. Aber vielleicht war Lester auch einfach nur einsam, stadtbekannt und einsam. Keine Ahnung. Woher sollte ich das wissen. Wir wohnten schliesslich nur im selben Haus, zufällig und bunt zusammengewürfelt, wie bei Nachbarn üblich. Und das war es auch schon mit uns.

Es war Tag der Einheit im Jahre des Herren 1993 immerdar, und es regnete. Das Bergische Land zählt nicht zu diesen verzärtelten Regionen, die schon beim leisesten Landregen ein Wetter-Extra auflegen. Wenn es regnet, sickt es sich richtig ein.

Wir hielten vor einer Ampel und Lester drehte voll auf,  Death Metal. Nicht um uns zu ärgern, sondern weil er schon wieder vergessen hatte, wie sehr ich auf dem Rücksitz litt, zwischen den Endstufe-Subwoofern, und weil er vor einer Ampel immer aufdrehte.

Ich riss ein Stück aus einem Papiertaschentuch, formte zwei Kügelchen und stopfte sie mir provisorisch in die Ohren. Auch Lester hatte gut zu tun. Er holte den Schwamm von der Ablage und wischte über die von innen beschlagene Windschutzscheibe, während er im Takt der Musik nickte. Wie ein Huhn, den Arsch voll Eigelb.

„DU KÖNNTEST DIR AUCH MAL EINEN NEUEN SCHWAMM ZULEGEN“, hörte ich meinen Bruder gegen die Anlage anbrüllen.

„WAS…!?“

„DU KÖNNTEST.. MANN, DREH DOCH ENDLICH MAL DIESE SCHEISS MUCKE LEISER!“

Statt leiser machte Lester die Musik gleich ganz aus. Radikal. Prompt. Und schwer beleidigt.

Na schön, war mir auch recht.

„Dein Schwamm ist versiffter als jede Eierkohle“, wiederholte mein Bruder, „wie willst du damit die Scheiben sauber kriegen?!“

„Ach, halt doch die Fresse“, gab Lester zurück, und plötzlich mussten wir lauthals lachen, alle drei. Und das nicht nur, weil Lester halt die Fresse gesagt hatte, was so gar nicht zu ihm passte, er war ja ein freundlicher Autist, sondern wie er es gesagt hatte, so Ich bin so frei.

Hinter uns auf der Strasse setzte ein Hupkonzert ein, die Verkehrsampel war längst auf grün umgesprungen. Wir steuerten eine Jet-Tankstelle an. Ich gab meinem Bruder Geld für zwei Flaschen Bier. Normalerweise bekam eher ich Geld von meinem jüngeren Bruder, doch nicht an einem solch hohen Feiertag.

„Da wollen wir den lieben Gott mal einen guten Mann sein lassen“, erklärte ich feierlich.

„Red keinen Stuss“, maulte mein Bruder. „Pils oder Kölsch?“

„Kölsch.“

Er kam mit Pils zurück.

„Hatten die kein Kölsch?“

Er stöhnte.

Wir fuhren ziellos durch die Stadt, aufmerksam Bier trinkend, mein Bruder und ich. Der Regen war eine Art flirrender Vorhang, den niemand beiseite schob, weil die Gefahr bestand, dass dahinter ein noch kräftigerer Regen zum Vorschein kam. Aber wen sollte das schon interessieren? Die Einheimischen wussten Bescheid, und die Kamerateams waren längst abgezogen, die die City nach dem Brandanschlag belagert hatten. Wie Schädlinge mit Scheinwerfern und silbernen Mikrofonkoffern waren sie eingefallen und hatten zehn Tage lang alles kahl gefilmt. Aber seither war ein halbes Jahr vergangen. Das war ein anderes Leben jetzt. Eine andere Stadt.

Wir fuhren über Weyer nach Ohligs. Am Stiehls Teich beobachteten wir einen Fischreiher, wie er mit langen ruhigen Schwingen in die Luft stieg und im Bleigrau des Himmels verschwand. Wie in einem alten Zeichentrickfilm von Walt Disney.

„Wisst ihr was? Ich seh nirgends einen Nazi“, murmelte Lester hinterm Lenkrad. „Nicht mal ne böse Stiefmutter.“ Es klang enttäuscht und erleichtert zugleich, und die Wischblätter quietschten. „Ich glaub, heute kommt überhaupt kein einziger verdammter Nazi nach Solingen..“

„Woran erkennen wir die Nazis eigentlich?“ hatte schon eine Frau ganz richtig gefragt, auf dem vorangegangenen Treffen der Antifa in der türkischen Teestube am Schlagbaum, eine Stunde zuvor. „Ich meine, die werden ja wohl kaum die Reichkriegsflagge raushängen haben, wenn sie nach Solingen reinfahren, oder?“

Darauf hatte auch die Antifa Bergisch Land keine Antwort.

„Müsst ihr auf ein Autokorso achten.“

„Auf vollbesetzte Autos.. und ..“

„.. fremde Kennzeichen.“

„Auf braune Opel!“ rief ich dazwischen, um die Stimmung aufzulockern, und tatsächlich – es flogen ein paar Köpfe herum, in schallendem Gelächter, allerdings nur in meiner Einbildung.

Oder um meinen alten Kumpel Karlos zu zitieren: „Es gibt tausend Momente am Tag, wo ich denke, jetzt könntest du mal was sagen, und es gibt tausend Momente am Tag, wo ich es genauso gut sein lassen könnte.“

Und so waren die Braunen Opel in der Garage geblieben, als bloßer Zwischenruf in meinem Kopf. Als bloße Vorstellung, ich HÄTTE etwas laut dazwischengerufen, vor versammelter Mannschaft aus dem linken Spektrum, am Tag der deutschen Einheit, Oktober 93.

Hatte ich aber nicht.

Anlass der ganzen Geschichte war ein Sternmarsch gegen Asylbewerber, der schon im Vorfeld verboten worden war, zu dem sich aber dennoch Neo-Nazis aus ganz Nordrhein-Westfalen angekündigt hatten. Solingen hatte diesen Ruf weg, Nazi-Nest zu sein, seit dem Brandanschlag, seit den vielen Live-Reportagen im Weltfernsehen.

Punkt 15 Uhr sollte der Korso den Schlagbaum erreichen, die zentrale Kreuzung in der Innenstadt. Der Verfassungsschutz sprach von einigen hundert Aktivisten, die ihre Springerstiefel geschnürt hätten. Und während alle Zufahrten nach Solingen unter polizeilicher Beobachtung standen, fungierten Lester, mein Bruder und ich als eine Art mobiles Einsatzkommando. Unsere Aufgabe: mit dem Auto rumgurken, bekannte Aufmärschplätze abklappern, Augen offen halten. Und sollte es verdächtige Aktivitäten geben, sofort der Telefon-Zentrale in der türkischen Teestube melden, Sitz der Antifa. Doch es gab nirgends eine Bomberjacke zu sehen.

„Warst du gestern im Mumms?“ fragte ich meinen Bruder.

„Mh ja, aber nur bis zwölf oder so, länger nicht.“

„War nix los?“

„Nee.“

„Nee Kinder, hier sind keine Nazis, nirgendwo“, gab Lester Entwarnung. Er nahm den Fuß vom Gas und parkte den grasgrünen Wagen direkt vor einem Kiosk. Ein verlässlicher Mensch. Manchmal lieh ich mir Geld von ihm, Ende des Monats. Dann passte ich ihn morgens um halb sieben im Flur ab, bevor er das Haus verliess. Er zückte verschlafen die Brieftasche, „wieviel?“, während ich schon nach den Banknoten griff und über alle Berge war.

„Hol doch noch ein Bier“, sagte ich zu meinem Bruder. Diesmal kam er mit einer ganzen Tüte voll Flaschenbier vom Büdchen zurück.

„Tu mir auch einen Schluck“, erdreistete sich Lester.

„Du sollst nicht saufen, du sollst autofahren“, drohte ich mit dem eingerollten roten Riesenregenschirm, Marke Kung Fu-Monster, den ich nicht wegen des schlechten Wetters mitgenommen hatte. „Damit putz ich dir jeden verdammten Pillemann-Nazi von der Platte!“

Here comes the big boss, let’s get it on!

„Sicher“, gähnte mein Bruder.

Er kannte es noch vage aus unserer Kindheit: meine dollen fünf Minuten. Ich war zwar ein ruhiges Kind, das sich gern hinsetzte und mit dem Bleistift eine ganze Fußballarena nachmalte, mit vieltausendköpfiger Zuschauermenge und wo jeder Kopf ausgemalt war. Aber einmal am Tag rastete ich komplett aus. Am Abend. Das waren meine dollen fünf Minuten. Da wurde ich zur Sau. Man konnte die Uhr danach stellen. Punkt 19 Uhr wurden alle Türen geschlossen, die vom langen Flur zu den verschiedenen Zimmern führten, und ich hatte freie Bahn für meine dollen fünf Minuten: die Diele wurde mein Abenteuerspielplatz. Fünf lange Minuten war ich laut, tobte herum und verausgabte mich völlig, ich rutschte auf Strümpfen über den blanken Boden und knallte gegen die Wand, dann schnappte die Tür auf, und es gab Abendessen.

„Da!“ rief Lester plötzlich. „Bullen!“

Am Knotenpunkt Schlagbaum stand ein Streifenwagen in der Parktasche. Die Besatzung nahm einen Auffahrunfall auf. Ein kleiner Blechschaden. Der Polizist notierte etwas. Das war es auch schon. Routinesache. Kein Hitler weit und breit. Um Punkt 19 Uhr wurde die ganze Antifa-Aktion vorzeitig abgeblasen.

Als ich nach Hause kam, hing die Gräfin am Telefon. Am Klang ihrer Stimme erkannte ich, dass sie mit ihrer Schwester sprach. Sie kicherte. Ich nahm die Schatulle vom Küchentisch, in der das frische Marihuana deponiert war, die Oktober-Ernte.

„Momentchen“, sagte die Gräfin zu ihrer Schwester, und zu mir: „In der Purpfeife ist noch ein Rest drin, rauch das erst mal weg.“

Ich verzog mich in mein Zimmer, in meinen runden Sky-Sessel. Der Regen ließ allmählich nach. Das Gras kam gut. Nebenan hörte ich die Gräfin leise lachen.

„Weiß nicht. Der ist mit seinem Bruder und seinem roten Riesenregenschirm draussen rumgefahren.. nee, mit nem Nachbarn. Irgendwas mit Neonazis.. keine Ahnung.“

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2 Gedanken zu „Braune Opel

  1. „Es gibt tausend Momente am Tag, wo ich denke, jetzt könntest du mal was sagen, und es gibt tausend Momente, wo ich es es genau so gut sein lassen könnte.. Wen juckt das schon.“

    wattn Philosoph, der Karlos, schöner Satz, hab ich mir grad mal abgeschriebengemerkt.

    Schönen Montag noch, Icke

  2. na ja ,karlos war ganz gut und füllte auch einstadion
    einmal sah ich ihn und da waren nich die stühle ,es waren puppen
    am seil hungen die und brachten leben in die bude
    er war grosse klasse
    später im mumms sagte ich zu ihm
    du kannst es

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