Jeder ist seine eigene Klinik

21. März ’95, Nachtdienst.

Zwei Mark Trinkgeld von Charles Regnier erhalten! Der alte Charmeur bewohnt auf der elften Etage ein Doppelzimmer mit Sonja Ziemann, in zwei getrennten Betten, auf ausdrücklichen Wunsch: KEIN FRANZÖSISCHES BETT stand in fetten Buchstaben im Buchungstext.

Die Beiden befinden sich auf Tournee und das Stück, das sie geben, ist ein Dialogstück und heisst Adelaide. Ausser für Regnier und Sonja Ziemann hat die Agentur fünf weitere Zimmer gebucht, darunter für Frau Müller, die Maskenbildnerin, und Reiseleiter Raspotnik, der, so mein Chef, selbst wie ein berühmter Schauspieler aussieht.

„Der sieht genauso aus wie der Blonde mit dem irren Blick, der immer um die Ecke kam mit dem Strick in der Hand und dann, zupp! zugezogen die Kehle! Bei Edgar Wallace oder Durbridge, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls sieht der Reiseleiter genauso aus. SIE KENN ICH DOCH AUS DEM FERNSEHEN, VON FRÜHER, hab ich gesagt. Dabei ist der schon paar Jahre tot, meinte meine Frau später. Wie hieß der Knallkopp noch, so strohblond war der, hm, so ein Irrer.. Das war vielleicht peinlich, Herr Klumpp.“

Obwohl ich seit fünf Jahren im Turm-Hotel jobbe, der Chef, der aus dem Sauerland stammt, kann sich partout nicht meinen Namen merken. Andererseits kann er sich überhaupt nie auch nur irgendetwas merken, im Gegensatz zu seiner Frau, geboren in Düsseldorf, die hat ein gutes Gedächtnis. Die scheckt alles. Wenn sie Frühdienst hat und mich statt um sieben Uhr schon um halb Sieben ablöst, leitet sie das stets mit dem gleichen Seufzer ein: „Ach, Herr Glumm, was sollen wir hier mit zwei Mann rumstehen? Gehen Sie ruhig schon nach Hause.“ Worauf ich verständig nicke und ruhig schon nach Hause gehe.

Die Theaterleute trudeln gegen Mitternacht ein, Charles Regnier vorneweg. Bei der Übergabe hatte der Chef geschwärmt, „Herr Klumpp, ich bin ja kein Schwuli, aber der Dings hat was, der alte Mann, wie heisst der noch..“, aber ich wusste mit dem Namen Charles Regnier eh nicht viel anzufangen, erst jetzt, wo er vis-a-vis an der Rezeption steht, erkenne ich ihn wieder, den spöttischen Kommissar aus den Schwarz-Weiss-Krimis der 60er Jahre.

„N’abend“, grüßt er. „Wir haben reserviert.“
„Weiß ich doch, weiß ich doch..“, zwinkere ich mit ausgesuchter Trinkgeld-Souveränität und reiche den Schlüssel für die 17 rüber, ein Doppelzimmer, „Herr Regnier.“
„Oh ja. Dankesehr.“ Er betrachtet den Schlüssel in seiner Hand. „Zimmer 17..? Ist das auf dieser Etage?“
„Ja, gleich hier..“ Ich beuge mich leicht über die Rezeption und zeige rechts „..den Gang runter. Zweite Tür rechts.“

Sonja Ziemann, das rote Lockenköpfchen, und der Rest der Mannschaft halten sich im Hintergrund. Und da ist auch der irre Reiseleiter. Er sieht aus wie Klaus Kinski. Wo der Chef recht hat, hat er recht. Charles Regnier kramt in der Manteltasche seines Trenchcoats, fischt ein Zwei-Mark-Stück hervor und legt es auf den Tresen, lässig lächelnd, ganz der Grandseigneur, bevor er rechts den Flur hinunterschlurft, gefolgt von der Ziemann, die einen kleinen Zwischenstopp einlegt und den Zweitschlüssel für Zimmer 17 verlangt.

Maskenbildnerin Müller, auch sie hat rotes Haar, aber feuriger gefärbt als die Ziemann, wie Lava beinahe, erkundigt sich, wie lange man vormittags frühstücken kann.

„Bis zehn“, sag ich und füge hinzu: „Für Sie ist bereits ein Anruf gekommen, von einem Herrn.. “ Ich lasse das Wörtchen „Herrn..“ eine Weile in der Luft stehen, um die Spannung zu erhöhen, gehalten von einem kleinen Fragezeichen, bevor ich mit „Müller“ abschliesse, ganz trocken, präzise, wie ein Abstaubertor.

„Hm, na.. schön. Dann weiß ich Bescheid“, meint sie sauertöpfisch. Ich wünsche eine geruhsame Nacht.

Weitere Gäste in dieser Samstagnacht im März ’95 sind drei Ehepaare aus Ost-Berlin, deren Buben übers Wochenende an einem internationalen Fechtturnier in der Klingenhalle teilnehmen, und zwei aparte Damen aus Bukarest, die seit einem halben Jahr schon ein Praktikum an der Zentralen Deutschen Süsswarenfachschule absolvieren, Referat Dauerbackwaren. (Frauen mögen feines Gebäck, Männer bevorzugen eher die Prinzenrolle von de Beukelaer, die bis heute nach wohlgehüteter Originalrezeptur hergestellt wird: eine Tonne Zucker.)

Eine weitere Dame, Claire Fontaine, hat den 13. Stock ganz für sich alleine. Madame fungiert als Vorhut des Schweizer Zirkus Fliegenpilz, der ab nächster Woche in der Stadt gastiert. Auf Plakaten angekündigt ist das weltberühmte Nilpferd Elsbeth, von dem aber weder mein Chef noch meine Chefin noch ich je gehört haben.

„Dann kann die ja wohl auch nicht weltberühmt sein, Herr Klumpp! Oder?“

Von den insgesamt sechzehn zahlenden Gäste, die in der Zimmerliste eingetragen sind, keine unnormale Frequenz für ein Wochenende, sind fünfzehn bereits um Mitternachts auf ihrem Zimmer. Es fehlt lediglich das Pfannkuchengesicht aus dem 12. Stock, das jeden Abend, wenn es den Schlüssel abholt, noch ein schweigsames Bierchen kippt an der Rezeption.

Gegen eins verzieh ich mich nach hinten ins Büro, in den knautschigen Chefsessel, vor den Kabelfernseher. Eine ruhige Nacht kündigt sich an, bis auf das fürchterliche Geschnarche, das es aus Zimmer 17 bis ins Büro schafft, allen Betonwänden zum Trotz. Charles Regnier, gestählt von tausenden Bühnenauftritten und TV-Filmen, sägt alles in Grund und Boden. Schnarchen ist ein grausames Bettgewehr.

Die arme Ziemann.

Um kurz nach zwei schellt es, und zwar urplötzlich. Aus heiterer Nacht. Wenn so wenig los ist wie in dieser Nacht, schrecke ich jedes Mal wie ein Springteufelchen aus dem Sessel, wenn es klingelt. Als hätte unmittelbar neben mir jemand die Pauke gehauen und Humba-humba gebrüllt, tä-tä-rä!

Dschingderassa!

Auf dem Monitor, der den Eingangsbereich im Erdgeschoss im Visier hat, erkenne ich das Pfannkuchengesicht. Das hatte ich fast schon vergessen. Per Knopfdruck öffne ich die Tür, und warte.

Eine Minute später.

„Haben Sie noch ein Bierchen für mich?“
Ich hole eins aus dem Kühlschrank in der Küche.
„Glas dabei?“
„Nee, ich trink lieber aus der Pulle. Teufel auch, hier schnarcht aber einer.“
„Edgar Wallace“, sag ich. „Der Säger.“

Das Pfannkuchengesicht hört nicht hin. Es ist mit sich selbst beschäftigt. Nicht unsympathisch, aber kaputt, irgendwie. Und es hat auch einen Namen: Coburg. Herr Coburg. Heute ist seine letzte Nacht. Das macht ihn mutig. Anstatt das Bier schweigend laufen zu lassen, beginnt er zu erzählen, vom letzten Sommerurlaub. In Spanien.

„Drei Wochen hatten wir gebucht..“
„Insel?“
„Nee, Festland. Da unten bei Portugal.. na, wie hieß das noch..? Ach, egal. Schon die ersten Tage hab ich mich mies gefühlt. Verschleppte Bronchitis, wissen Sie. Ich hab schlecht Luft gekriegt und meine Beine wurden immer dicker. Zuletzt konnt ich kaum noch gehen, so dick waren die Beine, keine fünf Schritte schaffte ich mehr. Ich also zum Doc. Hab natürlich keinen Auslands-Krankenschein mit, ich mein, wer denkt denn an so was? Der Doc hat nur die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, ich versteh ja kein spanisch, und mich direkt ins Krankenhaus überwiesen.“
„Oh“, sag ich. „Verdammt.“

„Ja.“

Er nimmt einen Schluck aus der Pulle. Einen kurzen Moment seh ich den sechsjährigen Knaben vor mir, der auf dem Schulhof Prügel bezieht, weil er so ein breiiges weiches Gesicht hat, in das jeder mal reintreten möchte, wenn er auf dem Boden liegt. Eigentlich ein Ohrfeigengesicht.

„Als erstes fragen die mich im Krankenhaus, ob ich genug Geld dabei hab. Du genug Bargeld? fragen die immer, da muss meine Frau sich erst mal hinsetzen und zehn Euroschecks unterschreiben, bis die Verbrecher zufrieden waren. Und dann kommt bei der Untersuchung raus, ich hab Wasser in der Lunge. Jede Menge Wasser. Ich wär innerlich fast abgesoffen, so viel Wasser war da drin. Zwei Wochen lag ich auf der Intensiv, am Tropf. Und den Katheter haben mir die Brüder natürlich bei vollem Bewusstsein gelegt, und draussen war es vierzig Grad heiss.“

Während er redet, schiebt sich die Bierflasche in seinen Händen auf der Rezeption gemächlich hin und her.

„Das klingt nach nem scheiss Urlaub“, sag ich missmutig. Krankengeschichten höre ich nicht so gern, ausserdem gibts dafür erfahrungsgemäß kein Trinkgeld. Andererseits, was solls. So ist nun mal das Leben und die Nacht. Jeder ist seine eigene Klinik. Jeder läuft mal im Bademantel über den Flur, das Herz gebrochen, das Knie kaputt, akute Psychose. Jeder will mal den Chefarzt spielen, die Nase hoch, trotz Stupsnäschen, jeder sitzt mal unten in der Ambulanz und wird übersehen.

Nicht jeder hingegen verlässt auf eigenen Wunsch die eigene Klinik für immer.

„Achtundzwanzigtausend Mark hat mich der Klinikaufenthalt gekostet, für vierzehn Tage Intensiv. Acht-und-zwan-zig-tau-send!“
„Boh“, sag ich und rechne kurz durch. „Das macht zweitausend Mark am Tag. Aber die kriegen Sie doch von der Krankenkasse erstattet.“
„Erstattet? Erstattet krieg ich hundert Mark. Der Rest ist Eigenanteil, siebenundzwanzigtausendneunhundert Mark. Hundert Mark Erstattung.“ Er lächelt matt. „Aber es war ja nicht nur die verschleppte Bronchitis..“

Die Flasche Bier bekommt eine Pause, bei ihrer Wanderung über die Theke. Auf dem Schulhof gibt es wieder ordentlich Senge. Herr Coburg guckt auf seine Hände. Gepflegte Fingernägel, groß und krumm. Herzkrank.

„Ehrlich gesagt… ich hab zuviel gesoffen. Noch einen Tag vorm Abflug nach Spanien war ich so voll, dass ich ins Bett gepisst hab.“

Er blickt beschämt auf.
„Och, das ist mir früher auch mal passiert“, sag ich, überrascht, dass er plötzlich so intim wird. „Da hatte ich soviel Schnaps intus, und am nächsten Morgen war die ganze Matratze voller Pisse.“ Der Frau, die ich damals abgeschleppt hatte, tischte ich auf, mir wäre ein grosses Glas Wasser umgekippt.

Tri Top Orange.

„Schnaps, genau! Schnaps ist Gift für mich, Schnaps ist Gift für mein Herz“, schnappt der Mann nach Luft, froh, dass er nicht der einzige ist, dem mal ein Malheur passiert.

Er nimmt einen geübten Schluck Bier.
„Und für die Blase auch“, werfe ich ein.
„Was?“
„Für die Blase ist Schnaps auch Gift.“
Er nickt.

„Als wir aus Spanien zurück waren, hab ich vier Wochen nur Cola gesoffen. Können Sie sich das vorstellen?! Vier Wochen nur Cola? Ich war so deprimiert, ich hab zu meiner Frau gesagt, ich kauf mir jetzt einen Ferrari. Einen roten Ferrari. Ist doch scheissegal. Wenn ich doch sowieso draufgehe, will ich wenigstens noch meinen Spass haben. Aber das wollte nicht in ihren Kopf, das hat sie nicht verstanden. Klar, ich bin kein Ferraristi, ich war nie einer, logisch, dass sie sauer geworden ist, plötzlich mit dem Ferrari und so.. Schon. Aber dann kommt der Hammer.“

Er bringt sich in Stellung. Beine durchgedrückt, Rücken gerade, fester Blick: jetzt wird aus dem Krieg erzählt.

„Pass auf.“ (Bei Schilderungen aus dem Krieg wird automatisch auf Du umgesattelt, es ist das Du unter Kriegern.) „Bringt uns mein Vater eine Schubkarre Brennholz vorbei, für den Kamin, da brüllt meine Frau ihn an: Du sollst dich anmelden bevor du hier aufkreuzt! Und schmeisst ihm ein Stück Holz an den Kopf! Mein Vater konnte gar nicht reagieren, so perplex war der alte Herr.“

Coburg, Pfannkuchengesicht, Hotelgast, Krieger, Trinker, macht den Rest der Flasche in einem mächtigen Zug leer.

„Ich natürlich direkt runter in den Hof, will wissen, was da los ist. Du hältst besser dein Maul! schreit meine Frau mich an. Ich hätte dich in Spanien besser verrecken lassen! Was kannst du mir schon bieten?! Junge, ich wusste überhaupt nicht, was mit der los war. Dabei hab ich ihr ne Woche vorher noch fünfzigtausend Mark geschenkt. Fünfzigtausend, von dem Geld, das eigentlich für den Ferrari gedacht war.“

Er schaut mich fragend an.
„War das zu wenig? Fünfzigtausend? Was meinen Sie?“
Ich lache kurz auf, weil ich die Frage nicht ernst nehme, während Charles Regnier, der im Hintergrund eine Weile Ruhe gegeben hat, sich wieder in Rage röchelt.
„Na sicher, eine Frau braucht hunderttausend.“

Abe Coburg hört gar nicht mehr hin, er redet wirr. „In Osnabrück, wo ich herkomme, fahren höchstens drei oder vier Ferrari rum und mir fehlt eine Herzklappe. Es kann sein, dass ich nächste Woche umkippe und tot bin. Gestern hat sie angerufen und gesagt, sie will sich scheiden lassen.“ Mit einem Auge schielt er in die leere Bierflasche, in der ein allerletzter Nösel zu Boden sinkt, wie eine Nebelschwade. „Schreiben Sie das Bier auf die Rechnung..?“

Als er sich überraschend flott Richtung Aufzüge verabschiedet, muss ich an meinen jung verstorbenen Cousin denken. Dem fehlte auch eine Herzklappe, und er wollte steinreich werden. Einmal hielt er im Porsche an der roten Ampel, vor ihm stand mein Bruder im R4. Als unser Cousin den Wagen erkannte, stieg er schnell aus und klopfte an die Scheibe. Vorne, an der eingedellten Fahrerseite. „Ich hab meine erste Million zusammen!“ schnauzte er meinem Bruder an. „Ich bin jetzt Millionär!“ Drei Monate später war er tot. Das Herz. Das viele Wasser im Bein.

Drei Stunden noch, und eine weitere Nacht ist geschafft im 70-Betten-Spital zu Solingen. Vielleicht sind es auch nur noch zweieinhalb Stunden. Falls die Chefin nämlich Frühdienst haben sollte und eine halbe Stunde früher reinschneit, diesen herrlichsten aller Stoßseufzer auf den Lippen.

„Wissen Sie was, Herr Glumm? Was sollen wie hier mit zwei Mann rumstehen..“

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Ein Gedanke zu „Jeder ist seine eigene Klinik

  1. An diesem Text ist mal wieder alles brilliant, aber das Sätzchen hier, das kommt in meinen persönlichen, immer voller werdenden Glumm-Olymp:
    „Schnarchen ist ein grausames Bettgewehr.“
    Mehr. Mehr. Mehr.

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