Abbey Road 1969- The Beatles (Stereo)

Ich war elf und trug Schlaghosen und enge Rollkragenpullis. Einmal brüskierte ich die Nachbarschaft, als mir an einem heißen Tag in den großen Sommerferien eine Literflasche Cola aus den Händen glitt und auf dem Bürgersteig zersplitterte. Anstatt die Scherben aufzulesen, tat ich so, als wäre nichts passiert, und ging stiften. Das blieb fortan eine Spezialität von mir. Erst krachen lassen – dann stiften gehen.

Ich kam mittags von der Schule und freute mich auf die Plattensammlung meiner großen Schwester. Ich mochte so ziemlich alles, was ich bei ihr fand. LP’s von Jimi Hendrix, der Strom durch nackige Frauen jagte wie auf dem Original-Cover von Electric Ladyland, ich mochte Blonde on blonde von Bob Dylan und die Singles der Beatles, Lady Madonna und Hey Jude.

Was aus Deutschland kam, gefiel mir nicht. Schon gar nicht Ricky Shayne, der Schwarm meiner Schwester. Ich sprenge alle Ketten hieß sein Hit, und sage nein, nein, nein, nein, nein! Ricky Shayne hatte dicke mopsige Lippen, echte Wülste, wie ein arroganter Großmetzger sah er aus, dazu wuschelige schwarze Rockstarlocken. Eigentlich sah er ein bißchen aus wie ich, nur in alt und das Haar pechschwarz statt blond. Ich meine, hätte meine große Hippieschwester da nicht gleich mich anbeten können, den eigenen Bruder, jung und blond? Mittelblond on mittelblond? Ich kriegte es nicht auf die Reihe.

Noch vorm Mittagessen ging ich ins Kinderzimmer, das ich mit meinem kleinen Bruder teilte, und suchte Abbey Road in den Platten meiner Schwester, die ebenfalls hier schlief, wenn sie nicht in Bonn war, wo sie Chemie studierte. Ein paar Monate zuvor war in den Nachrichten die Meldung gekommen, dass die weltberühmten Beatles sich getrennt hatten. Aufgelöst! In den Nachrichten! Ich liebte die Beatles, und nun gab es sie nicht mehr. Ich beschloss, von nun an selbst die Beatles zu sein. ICH BIN DIE BEATLES! schrie ich, aber niemand hörte es, logisch. Der Schrei war ja nur in meinem Kopf.

Am liebsten war ich John Lennon. Würde ich heute gerne behaupten. War aber nicht so. Ich war am liebsten Paul McCartney, wenn ich auf der Bühne stand in meinem Zimmer, das nicht mein eigenes war. Die Faust zum Mikro geballt, hopste ich mich warm. Dann ging’s los. Zum Aufwärmen: Here comes the sun. Ein Liedchen, leicht wie ein Bingo-Nachmittag in England. Pling. Pling. Der große Regen war vorüber, nun holte George Harrison die Tropfen einzeln von der Wäscheleine und balancierte sie gekonnt auf der Fingerkuppe, bis sie im Sonnenstrahl verdampften.

Wenn ich es rockiger wollte, fing ich mit der B-Seite an. Come together. Das war meine Nummer! Ich schnippte auf Fingern zum Fenster und riss es weit auf: das musste die ganze Welt hören! Zusammenkommen, alle! Die ganze Strasse! Los! Die Nadel tobte diszipliniert durch die Rille. Right now – over me! Mutter kam zur Tür rein.

„Machst du wohl leiser. Papa hat sich hingelegt!“

Papa legte sich immer hin, wenn die Beatles spielten.

„Och Mann“, stöhnte ich, aber ich hatte keine Chance gegen den Ordnungsdienst. Hell’s Mothers.

„Es gibt gleich Essen. Mach das Geplärre aus.“

Jahre später las ich in einem Artikel des amerikanischen Rolling Stone, die Stimmung der Beatles während der Aufnahmen in den Londoner Abbey Road Studios sei eher glum gewesen, bedrückt, niedergeschlagen. Davon war auf der Platte nichts zu hören. Im Gegenteil. Ich meine, jedes Album hat für mich ein Lieblingsstück. Normalerweise. Bei Abbey Road war das unmöglich. Abbey Road war vollgepackt mit Lieblingsstücken.

Something (in the way she moves) war elegant, Octopus’s Garden ein witziger Unterwassermarsch, und bei Polythene Pam konnte man super so tun, als hielte man eine Gitarre in der Hand, was beim Publikum total gut ankam. Und während Sun King lief, inbrünstig und spanisch (oder italienisch, ich hatte keine Ahnung), studierte ich das berühmte Cover von Abbey Road, auf dem die Beatles einen Zebrastreifen überquerten, im Gänsemarsch. John Lennon wuchtig vorneweg wie ein Druide, und im Hintergrund stand dieser weiße VW Käfer am Strassenrand. Das gab mir Rätsel auf. Wenn es Volkswagen gab in London, sogar auf der Abbey Road, war Deutschland dann vielleicht doch nicht so tranig, wie ich immer geglaubt hatte? War Deutschland vielleicht doch ein Land, in dem man den Blues spielen konnte? (Später musste ich revidieren. Deutschland ist das Land, in dem alle den Blues haben, aber niemand spielt ihn.)

Höhepunkt des großen Kinderzimmerkonzerts: Oh! Darling. Wie Paul McCartney sich die Lunge aus dem Leib brüllte, weil er die Frau zurückhaben wollte, DIESE EINE FRAU, UND KEINE ANDERE! das fand ich gut. Das imponierte mir. Das wollte ich auch, so verzweifelt sein. Schon mit elf. Ich ahnte es: Männer müssen den Blues haben. Ein Mann, der keinen Blues singen kann, ist kein Mann! (Und ein Land, in dem jeder den Blues hat, aber keiner spielt ihn, ist zum Untergang verdammt).

You never give me your money sang ich aus vollem Hals mit, weil es so schön unfair war, und bei Golden Slumbers füllten sich meine Augen mit Tränen. Once there was a way to get back homeward – sweet little darling do not cry hieß es, und ich bekam Sehnsucht nach Heimat, dem Ort, wo ich herkam, obwohl ich nicht mal zwölf war und den Ort kaum je verlassen hatte, ausser zum Camping.

Zum Schluss The End, ein achtlos dahingeworfenes Liedchen, als Zugabe für die Meute, die mir zu Füssen lag, und, kürzer noch, Her Majesty’s a pretty nice Girl, ganz am Ende. Es regnete Rosen. Aus allen Ecken des Auditoriums stürmten Verehrerinnen auf mich zu. Meine Schwester kam rein, meine Mutter. Die Weiber eben. Langsam wurden sie lästig. Außerdem hatte ich Hunger. Die Beatles gingen zu Tisch.

Mean Mr. Mustard, flötete ich, und reichte Papa den Senf.

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7 Gedanken zu „Abbey Road 1969- The Beatles (Stereo)

  1. Die Beatles hörte ich auf dem Weg in den Urlaub, nach Spanien, 1982, wir fuhren da mit Auto hin. Also, mein Vater fuhr, meine Mutter war für die Musik verantwortlich. In Spanien selbst gab’s dann Barry White. So wurde ich also musikalisch geimpft, mit den Beales und Barry White. Sollte man mal ein Mashup machen. Vielleicht sollte ich das mal machen, weil, wenn einer das gut können müsste, dann ja wohl ich.

    Was ich aber sagen wollte: ich war früher Duran Duran. Da gab es die sogar noch. Am liebsten war ich Simon Le Bon, aber mit dem Bild von John Taylor gibg ich zum Friseur.

  2. Abbey Road Studios sei glum gewesen, bedrückt, niedergeschlagen.

    Es war so. Habe ein Buch darüber gelesen und die DVD dazu. Die DVD ist von den Rest Beatles gesperrt und relativ schwer zu bekommen

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