Die Klitschkos, diese ukrainischen Großrehe

„Ich muß so dermaßen aufs Klo“, klagt die Gräfin unterwegs, als sich nirgends eine Toilette auftut, „ich krieg schon Muschi-Visionen.“

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5. Oktober, mit Vehemenz und Schmutz in den Beinen. Egal, wo man sich im Frühherbst aufhält, das Licht, die Sonne kommt immer von hinten und kräftigt den Steiss.  Gedanken wirbeln auf wie Staub von der Zentralheizung nach einem langen Sommer, Eicheln klackern zu Boden. Eine Hitze ist in meinem Kopf, als würde jemand eine ganze Großstadt verfeuern.

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An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof, und
ich opfere eine Erinnerung.

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Das Rezept der Gräfin gegen die zunehmende Herbstkühle: heißen Tee trinken und mollige Damen zeichnen. Das wärmt die Finger und das Herz.
„Mopsige Männer zeichnen, kommt das nicht so gut?“
„Weiß ich nicht“, sagt sie. „Muss ich ausprobieren.“

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Die Relikte des Sommers stehen noch im Garten, als Zeugen von warmen, luftigeren Tagen. Ein verlassener Campingtisch, die weißen Stühle und all die Fußbälle von Frau Moll, eine stattliche, plattgebissene Sammlung.

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Ich hänge an den Lippen von Leuten, die von auswärts einreisen in meine verhasste heilige Heimat.
„Solingen müffelt nach aufgehangener Wäsche, die niemand abgenommen hat“, meint die Schwester der Gräfin. Sie wohnt nicht weit, in Düsseldorf. Und dennoch scheint es eine andere Welt zu sein.
„Wenn ich nach Solingen komme, bin ich nur am husten. Als heizten hier alle noch mit Kohle und Briketts.“

Dabei gibt es in Solingen gar keine hohen Schornsteine. Hat es nie gegeben. Solingen ist nicht Ruhrgebiet. Solingen ist Babylon und ein doppelter Rittberger, vielleicht. Aber nicht der Pott.

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Als ich am Morgen die neblige Korkenzieher-Trasse überquere, steht da dieses Grüppchen Teenies und raucht Zigaretten und hat mächtig Spaß, um 7 Uhr 50. In der Parallelklasse, höre ich, hat am Vortag Frau Vogt, die alte Kunstlehrerin, genervt vom ständigen Geklingel, sämtliche Handys einkassiert, dabei aber übersehen, dass die Schüler bloß ihren Taschenrechner abgaben. Die Kids kriegen sich kaum ein, auch einen Tag später noch. Ich glaube, ich bin eine alte Kunstlehrerin, und gehe schnell weiter. Hoffentlich erkennt mich niemand.

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Ich weiß gar nicht, wie wir auf das Thema kommen, plötzlich ist es auf dem Tisch. Tapetenwechsel. Mal umziehen. In eine andere Stadt. Warum denn eigentlich nicht. Ich tue so, als wäre Solingen der Nabel der Welt, mein New York: wer es hier schafft, schafft es nirgendwo. Ich hänge an meiner Heimat wie eine Klette. Was soll das überhaupt? Die Gräfin ist anderer Meinung. Jedenfalls heute. Das ändert sich schon mal, je nach Laune, Witterung und ob der Espresso schmeckt. Eins hat jedoch Bestand: die schöne Wohnlage.

„Aus der Bude hier kriegen mich keine zehn Pferde raus!“ sagt sie.
„Und was, wenn die mit elf Pferden kommen?“ gebe ich zu bedenken.
„Na, dann sag ich: da habt ihr aber Glück gehabt! Dass ihr zu elft seid! Bei zehn Pferden wäre ich niemals umgezogen!“

Solingen, Am Kannenhof. Das Kanne kommt nicht von der Milchkanne, wie man meinen könnte, sondern von Käptn Canne, der sich hier im 17. Jahrhundert niedergelassen hat, nach ausgedehnten Raubzügen über die sieben Weltmeere, in einem stattlichen Fachwerkhaus, das heute noch Bestand hat und der Siedlung ihren Namen gab. Und eines Tages, das steht mal fest, blicken wir aus dem Fenster und sehen Bugwellen durch die Siedlung rollen:  Land ho!

Käptn Canne is wieder do!

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Als wir im Autoradio eine Oldie-Station reinfummeln, läuft „Sealed with a kiss“, Edel-Heuler von Brian Hayland. „Yes it’s gonna be a cold, lonely sum-mer..“

„Hm? Wie heisst das? Was singst du da?“ fragt die Gräfin.
„Sealed with a kiss“, antworte ich verblüfft. Seit wann interessiert es sie, was ich singe.
„Sealed with a kiss?“
„Ja. Versiegelt mit nem Kuss.“
„Hm. Ich hab immer See you with a kiss verstanden.“

Na und, sag ich. Wen juckt, was Brian Hayland gesungen hat vor tausend Jahren. Und eigentlich will sie davon ja auch nicht wirklich etwas wissen. Im Gegenteil. In einer ausladenden Rechtskurve schmettert sie den Refrain so vehement falsch, das ist schon keine falsch gesungene Schnulze mehr.

Das ist eine Kampfansage an die Wirklichkeit.

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„Junge, ist das ein hässlicher Vogel“, findet die Gräfin, als uns am Straßenrand eine aufgetakelte Alte auffällt. „Die sieht aus wie Dennis Quaid, wenn der nachts aufsteht und dringend pissen muss.“

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Ich treffe einen Bekannten auf der Strasse, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hab: Jimmy, den Junkie. Jimmy ist eine krude Mischung aus Averell Dalton und Rantanplan, und wenn er mit seinen langen Zotteln und Zahnreihen ohne Zähnen das Karstadthaus betritt, schlagen prompt alle Kaufhaushunde Alarm. Was Jimmy noch nie davon abgehalten hat, die Parfüm-Abteilung aufzusuchen und sich zu bedienen, in die Manteltaschen.

Jimmy, die personifizierte Platte.

Dass ich ihn so lang nicht gesehen habe, liegt an seinem zwölften Aufenthalt am Siemonshöfchen in Wuppertal wegen fortgesetztem Ladendiebstahl; 12 Monate ohne Bewährung, das letzte Mal. Jetzt, wo er wieder draußen ist, sucht er seine treuen Stammkunden auf, in den Kneipen rund um den Neumarkt, alte Hartz 4-Knaben, die sich aufgrund Jimmy’s selbstlosem Einsatz auch mal einen Flakon Joop! fürs Eheweib leisten könnten, wenn es das noch gäbe, das Eheweib, und nicht vom Amt weggekürzt worden wäre.

So weit also alles wie immer.
„Und wie kommst du über die Runden? Bist du im Methadon-Programm?“
„Nee“, sagt Jimmy. Sein Rucksack ist bis obenhin voll mit Aluminiumfolie, zum Blowen. „Ich schlag mich so durch.“

Er macht einen fast glücklichen Eindruck. Eines aber treibt ihm, wie er nun vor mir steht, eins Neunzig lang, Beine schmal wie Zündhölzer, die Zornesröte ins Gesicht. Hat er doch zufällig etwas von Borderline-Syndrom gelesen, schwerer Persönlichkeitsstörung, in den Akten des Gefängnisarztes, als der einen Tag vor Jimmys Entlassung ein paar Minuten aus dem Zimmer war.

„Und das nur, weil ich seit zwanzig Jahren süchtig bin, Alter! Ja, wie sind die denn drauf?! Ich und Borderline??!“

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An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof,  und ich opfere
eine Erinnerung.

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„Eigentlich freue ich mich für die Erde“, meint die Gräfin, „wenn wir Menschen endlich von der Bildfläche verschwunden sind und die Erde kann mit der Arbeit beginnen und aufräumen, wie nach einer Riesenparty.“

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„Hauptsache, ICH lach über meine Witze!“ meint sie. „Schön laut!“

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„Weißt du was? Am besten, wir schleichen uns in irgendeine Außenwohngruppe ein. Dann haben wir den Kopf frei für die wirklich wichtigen Dinge. Dann haben wir die Zeit.“
Ja, das ist unsere Form von Autismus: So viel wie möglich mitkriegen,
ohne behelligt zu werden.

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Sie hat einen Schluckauf, als würde ihre Atemluft Aufzug fahren, und auf jeder Etage steigen Leute ein und aus und grüßen nett.

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Die schlichten Schicksale sind die traurigen.

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„Liebst du mich auch noch, wenn ich berühmt bin? Und Brokat trage?“

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„Meine Oma hätte dich gemocht. Bestimmt. Du mochte alle Männer, die man füttern kann.“

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Sie malt, wie sie guckt, sie redet, wie sie malt: „Guck mal, die Klitschkos. Sehen aus wie sibierische Großrehe.“ „Die kommen aus der Ukraine.“ „Na, dann eben wie ukrainische Großrehe, du Großkotz.“

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„Frauen.. Da blickst du nicht durch.. Auch als Frau nicht. Das ist die wichtigste Erkenntnis meines Lebens.“

(Susanne Eggert)

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500beine zeigt noch einmal den unvergessenen

Hoffmann Chicago:

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Alles an Hoffmann Chicago war krumm und verbaut. Er hatte Obeine, einen bösen Buckel und keinen Hals, der Schädel steckte unmittelbar auf den Schultern und leuchtete wie eine feuerrote speckige Papierlaterne. Bluthochdruck, sagte der Doktor. Dicken Kopp, sagten die Leute.

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