Nordpol

Ich stand nachmittags schon im Mumms und kippte Bier und warme Osborne in mich rein, doch so warm konnte der Osborne gar nicht sein, dass mir davon wärmer wurde. Ich war voller Hass. Ich musste weg. Weg aus dem Mumms, weg aus der Innenstadt, hin ins Nordpol, der Beerenweinschenke an der Autobahnzufahrt. Da kellnerte Lena. Musste ich sie sehen? Musste ich?

„Ich glaub, jetzt zerstör ich den Rest auch noch“, sagte ich zu Karlos, der mein Gefasel nicht mehr mitanhören konnte. Ein Jahr ging es schon hin und her mit Lena, nichts änderte sich. Ich lief ihr hinterher wie ein Dackel.

„Na denn, viel Spass“, zuckte Karlos nur die Achseln.

Ich zahlte meinen Deckel und überquerte die Mummstrasse, rüber zum Taxistand. Zum Nordpol. Die zwanzig Minuten Fahrt fühlten sich an wie ein innerstädtischer Flug, und die ganze Zeit setzte ich zur Landung an, Positionslichter am Strassenrand, Schwingungen in der Magengrube. Macht fünfzehn Mark. Die Besatzung wünscht einen schönen Abend.

Als ich die Schenke betrat, wusste ich erst nicht, was ich dort überhaupt zu suchen hatte, was ich dort wollte. Einfach nur Stunk machen? War es das? Aber dann war Lena gar nicht da. Nur Jacki, ihre Freundin, hatte Schicht. Sie war baff, mich zu sehen.

„He, was suchst du denn hier?!“

„Na, was wohl. Wo ist sie?“

„Lena ist mit Uwe unterwegs, Plakate kleben. Aber eigentlich müssten die jeden Moment wiederkommen.“

Jacki und ich konnten nie gut miteinander. Eines Tages war sie wie aus dem Nichts aufgetaucht, blond, blöd, aufdringlich, wie aus dem Bilderbuch für Blonde, Blöde, Aufdringliche. Und ich fühlte mich großartig, war aber nur der größte Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens. Da waren nun, beide präsenter denn je.

Uwe war der Neue. War Lenas Chef. Ihr Stecher. Mitte Dreissig, ein paar Rippen wegoperiert, aber immer auf Zack. Ich hatte ihn anfangs gar nicht wahrgenommen, als Konkurrenten. Er erschien mir zu farblos, zu muffig, genau wie seine Kneipe. Zu alt. Nicht mal Lena mochte ihn sonderlich.

Vor lauter Aufruhr kippte ich das Glas vor mir um, das Bier ergoss sich über Jackis Schürze. Sie lachte unsicher.

„Bist aber nervös.. was..?“

Uwe liess nicht locker. Kämpfte um Lena. Schenkte ihr ein weisses Tüllkleid, lud sie auf eine Woche nach Berlin ein. Stellte sie im Nordpol fest an und Jacki gleich mit, Lenas beste Freundin. Er hatte alles unter Kontrolle. Ich hatte keine Schnitte. Ich musste sie sehen.

„Noch ein Bier?“ fragte Jacki.

Dann kamen sie zur Tür rein. Nebeneinander. Lebensgroß. Wie das Kinoplakat für einen Film, der gerade gedrreht wurde: Der Engel und sein Lakai. Sie blickte zu ihm hoch, schäkerte. Ich rauchte.

„He..!“ Lena machte grosse Augen. „Was tust du denn hier?!“

„Weiss ich auch nicht.“

Ich war schon immer gut in knappen Antworten und dick auftragen. Sie stellte mich ihm vor.

„Das isser“, sagte sie.

„Hallo“, sagte er.

„Hallo.“

Wir kannten uns kaum. Hatten uns ein oder zweimal flüchtig gesehen. Die Brisanz der Situation lag auf der Hand. Er bot mir an, mit hochzukommen, in seine Wohnung. Er trug Brille. „Ist gemütlicher da oben, und ein Bierchen hab ich auch da.“

Ein Bierchen. Es ratterte in mir. Sie hatte dort oben mit ihm geschlafen.

„Nee, lass mal“, sagte ich.

Diese Brille.

„Ich möchte lieber mit Lena alleine reden.“

Ich sah, wie es in ihm arbeitete. Ob noch was zu sagen war, doch ihm schien nichts passendes einzufallen. Missmutig zog er sich zurück, zu Jacki hinterm Tresen.

„Komm, wir setzen uns“, meinte Lena. Sie war braun gebrannt, mitten im Dezember. Sie roch gut. Sie sah großartig aus. Sie lächelte.

„Ich musste dich einfach sehen“, legte ich los, ohne langes Geplänkel. Dass mich in diesem Kaff hier nichts mehr hielte. Dass ich weggehen wollte. In die Großstadt. Irgendwohin. Für ein paar Sekunden schlug sie die Hände vors Gesicht.

„Du hängst doch so an allem hier..“

„Woran ich hier hänge, das bist du. Aber du willst ja nicht mehr..“

Uwe kam an den Tisch geschossen und bat uns, die Unterredung, wie er es nannte, woanders fortzusetzen, weil er das nicht ertragen könnte. „Dann müsst ihr nach draussen gehen!“

„Blödsinn“, sagte ich, „setz dich.“ Ausserdem war es zu kalt draussen. Er setzte sich, Lena und mir gegenüber.

„Ich kann ja verstehen, dass es dir schlecht geht“, verstand er. „Ich habe auch mal zwei Jahre gebraucht, um über ne Frau wegzukommen. Aber ich find das zum Kotzen, wie du Lena ein schlechtes Gewissen machst, wenn du ihr androhst dich umzubringen, wenn sie nicht zu dir zurückkehrt!“

Er hatte recht. Ich hatte ihr das angedroht.

„Ich.. mach das nicht extra, es ist nur.. manchmal sehe ich keinen Grund mehr weiterzuleben, ohne Lena“, suchte ich nach einer Rechtfertigung.

Ausserdem gebe es einen bestimmten Grund, warum ich jetzt hier sei, sagte ich.

„Du weisst doch, was ich meine.“

„Nein..“

„Dann erzähl es ihm“, forderte ich Lena auf, die mit gesenktem Kopf dabeisaß.

Sie zögerte.

„Ich wollt.. zu ihm zurück.“

„Wann?!“

„Als du.. mich immer gefragt hast, warum ich.. so still bin.“

„Ist ja korrekt, dass sie sich entschieden hat“, wurde ich lauter, „Aber nicht die Art, wie sie das gemacht hat!“

Das war natürlich Stuss. Sie hatte sich entschieden, gegen mich, das war alles.

„Wie du siehst, will Lena mit mir zusammen sein, und ich liebe sie abgöttisch!“ ereiferte sich Uwe. „Ich will sie heiraten.“

Lena wich meinem ungläubigen Blick aus. Dann entschuldigte sich Uwe, weil der Laden sich fülltte und er hinterm Tresen aushelfen müsse.

„Der sieht aus wie ne Frikadelle“, sagte ich zu Lena, „mit Brille.“

„Blödmann. Dafür ist er nett, sehr nett.“

„Nett, pah! Ein Penner, der für alles Verständnis hat. Dieser Idiot!“

„Du bist der Idiot! Ausserdem, ich werde ihn natürlich nicht heiraten.“

„Das hätte auch noch gefehlt.“

Sie bot mir eine Zigarette an, aber ich lehnte ab.

„Hast du meine Kippen nicht mehr nötig, oder was?! Wäre aber das erste Mal.“

Dann verriet sie, dass sie gerade lerne ohne mich zu leben.

„Ich auch“, sagte ich und soff Bier und Gin-Tonic während Jacki eine alte Kassette von mir aufgelegt hatte, auf der „She’s strange“ drauf war, von Cameo, eine Nummer, die uns in Fleisch und Blut übergegangen war. Das brachte mich wieder in Rage und ich redete („Ich will mit dir schlafen!“) und redete immer mehr („Du bist MEINE Frau!“) und hörte gar nicht mehr auf zu reden („Wieso lässt du mich im Stich?“) bis ich erneut mit meinem Tod drohte, weil ich nicht wisse für wen oder was..

„Für mich alleine hab ich eh keinen Ehrgeiz!“

Lena wurde wütend.

„Wenn du das wirklich machst, hau ich dir im Grab noch was auf die Fresse! Was glaubst du wohl, wie ich mich fühle für den Rest meines Lebens, wenn ich Schuld bin an deinem Tod!“

Ich saß in der Falle.

„Ich will das alles nicht, aber ich bin so unglücklich.“

„Na, wer ist das nicht, irgendwie“, sagte sie.

„Du!“ sagte ich.

„Pff! Das, was du Glück nennst, ist wie eine schöne Kindheit. Die kriegt man geschenkt, dafür kann man nichts. Das ist Glück für dich. Bloss nichts dafür tun. Du wartest immer nur aufs Glück, und wenn das Glück nicht kommt, wie du es dir vorgestellt hast, schreist du rum wie ein verwöhnter Bengel.“

Ich beobachtete Uwe, der hinter Tresen stand und Gläser abtrocknete und uns nicht eine Sekunde aus den Augen liess.

„Du hättest das nicht tun sollen, so auf halbem Weg zu mir zurück, und dann doch nicht!“ ereiferte ich mich.

Sie stöhnte.

„Ja, du hast recht. Aber ich hatte doch selbst keine Ahnung.“

Vierzehn Tage hatte sie sich Bedenkzeit genommen, vierzehn Tage Fuerteventura, dann kam sie zurück.. „..und als der Uwe mich vom Flughafen abgeholt hat, da war alles klar, ganz plötzlich wusste ich, dass ich jetzt zu ihm gehöre..“

„Scheisse!!“

Ich rief lauthals nach einem Taxi, und Uwe nickte nur kurz, aber triumphierend. Ich fühlte mich randvoll Alkohol.

„Das ist jetzt mein letzter Versuch, Lena, bitte..!“

Sie war so genervt, dass die halbe Kneipe zuhörte.

„Okay, jetzt kommt mein letzter Vorschlag. Wenn du das wirklich willst, dann geh ich jetzt auf der Stelle zum Uwe und sag ihm, dass alles nur eine Lüge war zwischen mir und ihm, und dann fahren wir beide, du und ich, gemeinsam hier weg..“, sie verdrehte die Augen, „..meinetwegen mit dem Taxi.. Lieber bin ich jetzt unglücklich, als das ich mir mein Leben lang Vorwürfe mache..!“

„Nein! Nein, so nicht.. Das geht schief, nein..!“

Die Tür schwang auf.

„Taxi!?“

Ich, der verlassene Herr Oberlehrer, stand auf und deckte sie nochmals mit Vorwürfen ein, dabei mit der Faust auf den Tisch pochend, sie, den Kopf gesenkt, schwieg, und ich hörte selbst nicht mehr hin, was ich ihr alles reintat, irgendeinen Schmus, Wiederholungen.

„Eigentlich kannst du gar nichts dafür“, sagte sie leise, als meine Tirade vorüber war („Ich hasse dich!“), „Du bist nun mal so extrem.“

„Na klasse!“

Und das ich Geduld haben sollte mit ihr.

„Ich hab keinen Bock auf Geduld!“

Im Taxi sprach ich kein Wort mehr. Was ein Schwachsinn alles. Wenn ich ehrlich war, konnte ich mir ein Leben mit Lena gar nicht mehr vorstellen. Wir hätten da anfangen, wo wir aufgehört hatten, und da war nicht mehr viel. Der nächste Winter und es hatte mich immer noch an den Eiern. Nichts hatte ich dazugelernt, gar nichts. Alles war nur eine Ecke endgültiger, fertiger.

„Wohin denn jetzt?“ fragte der Fahrer, der schon eine Weile unterwegs war.

„Geradeaus.“

„Und dann?“

„Müngstener Brücke.“

Als er mich skeptisch musterte, aus den Augenwinkeln, fügte ich „Merlin“ hinzu, das Lokal am Schaberg.

Er liess mich auf dem Parkplatz raus. Ich marschierte stracks am Kneipeneingang vorbei, in das Waldstück hinein. Es war stockdunkel. Durch ein Loch im Stacheldrahtzaun zwängte ich mich auf die Bahnschienen und stiefelte Bohle für Bohle bis zur Mitte der Brücke. Der höchsten Einsenbahnbrücke in Deutschland, über hundert Meter hoch, eine Million Nieten. Ich lehnte mich über das Geländer und spähte in die Tiefe. Unten sah ich Laternen brennen, ein Hund bellte. Man konnte das Plätschern der Wupper hören. Das Anschwappen kleiner Wellen. Es war kalt. Der Wind blies in die offene Jacke. Zum ersteb Mal war mi arm an diesem Tag. Ich steckte die Hände in die Taschen und stapfte den Weg zurück über die Bahnschienen.

Am Schaberg fand ich eine Telefonzelle. Ich wählte die Nummer von Karlos. Er war zuhause.

„Ich wollt mich gerade umbringen“, sagte ich. „Ich hol ein paar Flaschen Bier. Ich komm vorbei.“

„Mh“, murmelte Karlos, alles andere als begeistert. Aber da musste er nun durch.

8 Gedanken zu „Nordpol

  1. Die zwanzig Minuten Fahrt bis Gräfrath fühlen sich an wie ein innerstädtischer Flug, und die ganze Zeit setze ich zur Landung an, Schwingungen in der Magengrube, Positionslichter am Strassenrand. Der Pilot wünscht einen schönen Abend.

    Besser kann man so eine Fahrt nicht in Buchstaben und Text gießen !!

    „Du bist nun mal so extrem.“

  2. „Die zwanzig Minuten Fahrt bis Gräfrath fühlen sich an wie ein innerstädtischer Flug, und die ganze Zeit setze ich zur Landung an, Schwingungen in der Magengrube, Positionslichter am Strassenrand. Der Pilot wünscht einen schönen Abend.“

    Gänsehaut. Die wahrscheinlich beste Beschreibung jenes „alleine-durch-die-Nacht“-Gefühls, die ich jemals gelesen habe.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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