Der Tod trägt ein schmutziges Hemd

Wenn ich auf dem Fußweg in die Stadt den evangelischen Teil des Friedhofs Kasinostrasse als Abkürzung benutze, halte ich ab und zu Ausschau nach dem Grab von Alfredo, und finde es nicht, seit Jahren schon. Dabei weiß ich mit hundertprozentiger Sicherheit, dass es irgendwo hier sein muss, schließlich war bei Alfredos Beerdigung, irgendwann ums Jahr 2000 herum, ein Bekannter anwesend, der Becks. Leider konnte er sich schon ein halbes Jahr später nicht mehr daran erinnern, wo genau nun die Grube lag, in die Alfredos Seele gefahren war.

„War in der Nähe von Ringos Grab, mein ich.“

Der Friedhof Kasinostrasse ist der älteste der Stadt. Hier haben Solinger Unternehmerfamilien ihre Gruften und Ruhestätten. Das parkähnliche Gelände ist typisch fürs Bergische Land, die Wege gehen rauf und runter, nichts ist ebenerdig. Es gibt dutzende filigraner Statuen und Engel aus Stein, ein alter Baumbestand sorgt im Sommer für schattige Stimmung. Soweit der Stand der Dinge, als ich heute, am 11. Oktober 2010, mit dem Hund auf dem Weg in die Stadt bin und den Friedhof als Abkürzung nutze.

Was genau mich treibt, keine Ahnung, wahrscheinlich ist es einfach die Oktobersonne, jedenfalls, ich verlasse den Hauptweg und schreite einige Reihen Rasengräber ab, die ohne Einfassungen sind, wo nur eine schlichte Grabplatte auf den Verstorbenen hinweist, wie in einer jenseitigen kleinen Reihenhaussiedlung. Seifiges Herbstlaub bedeckt die Platten, ich schiebe es mit der Schuhspitze beiseite, um die Inschriften entziffern zu können. Als ich schon aufgeben will, ist da mit einem Mal diese dunkelgrau verwitterte Steinplatte, in der obersten, der zehnten Reihe, und ich lese:

Alfredo Fleschkönigs
* 8. 3. 1961
† 28.10.2001

Über seinem Namen wacht eine zum Gebet gefaltete Hand, in den Stein gemeißelt. Hier versteckst du dich also, Alfredo! Seit beinah zehn Jahren! Gestorben wie der spinnenbeinige Ringo im Oktober, dem schwarzen Monat, gestorben wie Ringo an der Versklavung, wie der Holländer jede Art von Sucht zu nennen pflegt.

In den frühen 80ern, als seine Heroinsucht erste konkrete Formen annahm, er aber noch halbwegs damit umgehen konnte, fuhr Alfredo einen staubigen alten Leichenwagen, den er einem Pleite gegangenen Bestattungsunternehmer abgeluchst hatte. Die Leiche, wie Alfredo seinen langen schwarzen Mercedes liebevoll getauft hatte, hing hinten durch, vom Gewicht der vielen toten Seelen. Die Ledersitze waren brüchig, der Fußraum übersät mit Zigarettenstummeln und leeren Bierdosen. Die Dosen waren zum Teil aufgeschnitten, verrußte Dosenböden flogen herum, auf denen Alfredo Heroin aufgekocht hatte, wenn er in Eile war und nichts anderes zur Hand hatte.

Eigentlich hatte Alfredo die Leiche für Whiskey angeschafft, seinem gleichsam imposanten wie gemütlichen irischen Wolfshund, damit der ausreichend Platz hatte, wenn sie in Ferien fuhren, doch kaum hatte sich Whiskey mit der stundenlangen Schaukelei abgefunden, geschah das Unglück. Der Hund sprang aus dem Fenster von Alfredos Erdgeschoßwohnung und geriet unter die Räder eines Taxis. Er war auf der Stelle tot.

Kurz darauf lud Alfredo Karlos und mich auf eine Spritztour nach Amsterdam ein. Ein alter Leichenwagen, der hinten durchhing und schwerfällig durch die engen Gassen manövrierte, mit deutschem Kennzeichen, es sah aus, als wären wir auf dem Weg zu einem Staatsbegräbnis. Das Kokain, das Alfredo in Amsterdam auftreiben konnte, war große Klasse. Wir parkten die Leiche an einer Gracht abseits der Altstadt und saßen bis in den Morgen hinten im Sargraum, die original schwarzen Gardinen zugezogen und lauschten „I won’t let you down“ von Ph. D. und irgendwas von den Pointer Sisters, nur die beiden Nummern, im Wechsel. Auf der Rückfahrt nahm der Zoll den Leichenwagen kunstgerecht auseinander. Spaß hatten die Zöllner vor allem am hundert Liter fassenden Tank, in dem sie Rauschgift vermuteten und mit langen Stäben im Trüben fischten, doch wir hatten alles Weiße weggezaubert, man musste uns ziehen lassen.

Alfredo starb knapp zwanzig Jahre später, mit 40. Ich habe es mir nie verziehen, dass ich ihn nicht gegrüßt habe, als ich ihn das letzte Mal auf der Mummstraße sah. Dass ich nicht zu ihm rübergegangen bin, dass ich nicht die Straßenseite wechselte, wie ich es sonst immer getan hatte, für ein paar Worte. Er schleppte sich beinahe in Zeitlupe über die Straße, er war todkrank. Ich wusste von seinen horrend hohen Leberwerten, von der Zirrhose, warum bin ich nicht rübergegangen? Warum habe ich es nicht über mich gebracht, dem Tod ins Gesicht zu blicken? Warum habe ich ihm nicht meine letzte Referenz erwiesen? Ich habe es mir nie verziehen.

Menschen, denen bewusst ist, dass keine Zeit mehr bleibt, die spüren, dass der Tod die ersten Knochen einsammelt und bereits zu mahlen beginnt, werden leise. Vielleicht war es das, was mich hinderte, die Straßenseite zu wechseln und zu Alfredo rüberzugehen und hallo zu sagen, als ich ihn am Mühlenplatz sah.

Hallo, Alfredo.

Und er hätte mich bloß angeguckt, aus traurigen stillen Augen, die schon halb beim lieben Gott waren.

Den Samstag drauf saß ich in der Küche und schlug die Wochenendausgabe der Lokalpresse auf, die Todesanzeigen, in denen der Tod sein rechteckiges Annoncen-Hemd trägt, bestickt mit Bibelzitaten und den Namen der Angehörigen. Todesanzeigen studieren ist wie Gaffen auf der Autobahn. Es ist so lange eine saubere und irgendwie ferne Sache, bis man im Unfallgeschehen ein bekanntes Gesicht ausmacht, einen Freund, ein Familienmitglied. Und plötzlich trägt der Tod sein schmutziges Hemd. Plötzlich stinkt es geheimnislos nach Pisse, nach Blut und Erbrochenem, nach einem letzten harten Schiss in die Hose.

Ich las Alfredos Namen in der Zeitung, in der Samstagsausgabe. Ich las Alfredo und diesen blumigen Nachnamen, seine Mutter hatte in zweiter Ehe einen Pakistani geheiratet, und sofort schossen mir Tränen hoch, „nein!“, rief ich in die Küche hinein.

Alfredo..

(Später erfuhr ich, dass er im Krankenhausbett quasi ertrunken war, so viel Wasser war in seiner Lunge.)

In zwei oder drei Geschichten taucht der rothaarige Alfredo hier auf, als Fleschkönigs. Nun ist das mit den Namen so eine Sache. Fleschkönigs ist an sich kein schlechter Name für einen Freund mit rotgelocktem Haar, aber zu streng für Alfredo. Alfredo war alles andere als streng. Wenn er ans Telefon ging, meldete er sich mit „Müttergenesungswerk“, und wer Alfredo kannte, sah ihn sofort vor sich, wie er am anderen Ende der Leitung in sich hineingluckste.

Begegneten wir uns in der Stadt, lächelte er schon von weitem. „Herr Graf!“ lächelte er, „was machen die Hühner?“ Es war ein scheues, ein sehr aufrichtiges Lächeln, und im Kinn steckte ein Grübchen.

Knackpunkt in Alfredos Leben war der Tod seiner großen Liebe Conny, einer außergewöhnlich hübschen Frau, die Ende der 80er ein Cocktail aus Heroin und Koks nicht überlebte. Noch zehn Jahre später trübte sich Alfredos Blick, wenn die Sprache auf Conny kam, er hat sich nie davon erholt.

Sie war auch Anlass der einzigen Missstimmung, die es je zwischen Alfredo und mir gegeben hat. Ich lernte Conny im Fort Knox kennen, einer winzigen Pinte im Western Stil am Werwolf, und baggerte sie an, ohne zu wissen, dass sie Alfredos Flamme war. Nach der Sperrstunde teilten wir uns ein Taxi, weil wir in die gleiche Richtung mussten, und da ich sie unbedingt ins Bett kriegen wollte, baggerte ich im Taxi hartnäckig weiter, ich gab alles, aber es war nichts zu machen, sie ließ mich abblitzen.

Dennoch bekam Alfredo Wind von der Sache, und war stinksauer. Er nahm mir meine Beteuerung nicht ab, dass ich nichts davon gewusst hatte, wer sie war. Es dauerte eine lange Zeit, bis er mir endlich verzieh, aber dann war die Sache auch beigelegt.

Alfredo hatte etwas Trauriges im Wesen, etwas Resignatives, aber er war gesegnet mit Charme. Er war der rothaarige Prinz, der in den frühen 80ern eine staubige schwarze Leiche gemächlich durch die Wupperberge kutschierte, einen dicken Puffihund auf dem Beifahrersitz. Hinten im Sargraum saßen die Kumpel, allesamt Drogenfreaks, und irgendwann vermengte sich der süßliche Duft von Marihuana mit den Seelen der Toten und es wurde still im Wagen, dessen Trennscheibe herausgenommen war, jeder hing seinen Gedanken nach.

Als ich mich erhebe und den Friedhof verlassen will, erleichtert, weil ich Alfredos Grab endlich gefunden hab, fällt mir auf einer benachbarten Platte eine Inschrift auf, die mir ebenfalls bekannt vorkommt, nur dass ich hiernach nie gesucht habe:

Eheleute Cuno Rus.

Ich bin sofort elektrisiert, und zwar auf die Art elektrisiert, wie man elektrisiert ist, wenn man unvorbereitet auf einen Namen aus tiefster Grundschulvergangenheit stößt: kindheitselektrisiert!

Cuno Rus war Hausmeister der Grundschule Klauberg in den späten 60ern und gefürchtet von uns Kindern, weil er an einer Hand nur vier Finger hatte, der Zeigefinger fehlte. Eine Kriegsverletzung, die der hagere Mann ganz bewusst für seine Zwecke einsetzte, als ultimatives Drohmoment: Hatte ein Kind auf dem Schulhof etwas ausgefressen, während der großen Pause, wo er als Aufsicht hin und her spazierte, schnellte Hausmeister Rus‘ versehrte Hand in die Höhe und er drohte mit dem Zeigefinger, der fehlte. Da war bloß eine verkrüppelte Stelle, eine verwachsene Wucherung am Handknöchel, die unheimlich wirkte, so aus der Nähe betrachtet.

Eigentlich war es bloß eine Leerstelle, die Hausmeister Rus dem Gescholtenen entgegen hob, was der Szene aber an Dramatik nichts nahm, im Gegenteil, es wirkte nur noch finsterer.

Rus trug einen grauen Hausmeisterkittel, und da die Hausmeisterwohnung dem Schulgebäude angeschlossen war und er nach seinen eigenen Worten niemals Feierabend hatte und das Schulgelände nicht verließ, sah man ihn auch nie ohne Kittel. Ein Mann mit vier Fingern und einem ewigen Kittel, das war Herr Ruß.

Jahre später begegnete ich ihm im Bereich Klauberg. Er war alt geworden und längst in Rente, erstmals sah ich ihn nicht im grauen Hausmeisterkittel. Er trug Freizeitklamotten, was mich nicht nur verblüffte, er tat mir richtig leid. Er sah schwer verletzt aus, einsturzgefährdet. Ich suchte nach Trümmern in seiner Nähe.

Kein Kittel.

 

 

Der Tod trägt ein schmutziges Hemd, Susanne Eggert, 2009

 

 

 

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4 Gedanken zu „Der Tod trägt ein schmutziges Hemd

  1. Also, da wir hier ja sozusagen unter uns sind, oute ich mich ach als Todesanzeigenleserin.
    Es ist wie ein innerer Drang, ich muß die Zeitung von hinten nach vorn lesen.Es kommt sogar vor, eigentlich recht oft, dass mir bei den Texten die Tränen in die Augen schießen…vor Rührung…
    Nun ist es leider in diesem Jahr so, dass ich an , für meine Verhältnisse, zahlreichen Beerdigungen teilgenommen habe.

    Ich finde, so eine Trauerfeier und Beisetzung, das hat was. Besonders wenn ich mir das trauernde „Publikum“ betrachte.
    Vielleicht werde ich im Drittberuf „Beerdigungsanwesender“, mal sehen, der Leichenkaffee danach ist ja schließlich auch nicht zu verachten.

    LG nach Solingen
    Sweetkoffie

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