Rätselhafte Viehwirtschaft am Zedernweg

Es ist wie ein Spuk. Es ist, als würde das Vieh mitten in der Nacht vom Raumschiff abgesetzt werden und nichts und niemand bekäme davon je etwas mit. Selbst eine Anwohnerin wundert sich: „Ich schaue seit Jahr und Tag aus dem Fenster, und soll ich Ihnen was sagen? Ich weiss nicht, wie das Vieh dahinkommt. Entweder es steht auf der Weide, oder es steht nicht auf der Weide.. Dazwischen gibt es – nichts.“

Rätselhafte Viehwirtschaft am Zedernweg. Und es handelt sich ja nicht bloß um eine Kuhweide, es geht um drei benachbarte Kuhweiden – von zwei benachbarten Bauern.

Da ist ex-Bio-Bauer Charlie, dessen neun Charolay-Rinder (plus ein Ochse) verspielt und munter röhrend zum Zaun gelaufen kommen, wenn man die Weide passiert. Und da sind die Rinder des anderen Bauern, 30, vielleicht 40 Stück. Muskulöse cremefarbene Fleischkühe, die eine Art rosa Toupet tragen, streng gescheitelt, was sie trotz der stämmigen Statur mädchenhaft wirken lässt. Dazu die roten Ärschchen vom langen Sommer.

Aufnahmen: Sweet Susanne Eggert

*

Die Tante in der Lottobude ist aufgebracht.

„Sollen sie doch alle dableiben, wo sie herkommen, die Türken und all die viereckigen Schwarzköppe!  Was meinst du, was wir hier alles zu hören kriegen. Nur Ansprüche. Sollen sie doch zuhause bleiben, ist doch wahr.“ Dann, ein wenig leiser und beinah verschwörerisch: „Dir kann ich das ja sagen, wir sind ja unter uns.“

Unter uns? Mh, ja. Die Gräfin meinte neulich schon, mit meinem Blouson sähe ich am manchen Tagen aus wie vom Ordnungsamt. Nur an manchen Tagen? gab ich ironisch zurück.  Ja, wenn du scheisse drauf bist.

Dabei hab ich null Ahnung, welche anatolische Laus der Lotto-Tante über die Leber gelaufen ist, und es ist mir auch egal. Meist spielt ja die Gräfin Lotto, ich komme höchstens einmal im Monat in die Lottobude und fülle eine Spalte aus mit unseren Glückszahlen. Wir haben noch nie wirklich etwas gewonnen, obwohl wir schon seit Jahren spielen. Aber klar, wenn die Türken dauernd 6 Richtige abgreifen, und die anderen Schwarzköppe 6 Richtige plus Superzahl..

„HAARGENAU!“ kräht die Lotto-Tante.

*

„Alles grabschen, was geht, diese Plünderer-Mentalität ist doch längst im Volk angekommen. Von wegen, Bankmanager sind asozial, die SPD ist nicht mehr sozial, und so. Wir, das Volk, wir sind asozial. Wir sind nicht mehr sozial.“

(Die Gräfin)

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„Nach Runde mit Hund schnell nach Haus lecker essen schmecken“, sagt der Rumäne in seinem umständlichen Deutsch, als wir uns abends übern Weg laufen. Er sieht aus wie ein trauriger Kommissar, der mit seiner Traurigkeit jeden Fall löst.

Seit 30 Jahren ist er mit dieser zickigen bergischen Kleinstadt-Diva verheiratet, kinderlos, seit kurzem in Rente. Was mich überrascht: dass er mich so forsch anspricht, Montagabend, halb acht, in der Dämmerung. Wo wir uns doch sonst maximal mit einem kurzen Kopfnicken begrüßen.

„Nach Runde mit Hund lecker nach Hause essen“, wiederholt er sich und fügt, noch eine Spur vorfreudiger, an, „schmecken!“ Und ich stimme heftig nickend zu. Ja. Er hat ja recht.

*

Wenn ich freitags und samstags durchgesoffen hatte, schnappte ich mir sonntags die Gräfin und wir gingen zum Schorsch und aßen Kotletts mit Bratkartoffeln. Wir waren niemals wieder so satt wie nach dem Essen beim Schorsch. Das war schon knapp am Magenbruch, so satt standen wir 1988 an der Ecke Neumarkt/Kölner Strasse und kamen nicht mehr vom Fleck. Wir konnten nur noch pusten. Nicht mal eine Zigarette ging noch rein, nach dem Essen. Nichts zu machen.

Wir hatten Spaß gefunden an seiner Kocherei und kamen nun auch mitten in der Woche, nicht nur sonntags. Und wir nahmen nicht nur Koteletts mit Bratkartoffeln, wir futterten uns durch die Speisekarte. Und weil es uns so schmeckte, kam Schorsch an den Tisch und brachte persönlich Nachschlag, ohne dass wir etwas gesagt hätten. Er fühlte sich gebauchpinselt und legte sich immer mehr ins Zeug. Er nahm das Essen sehr ernst. Zuletzt landeten wir bei seinen Eintöpfen.

„So, was kann ich euch heute bringen?“ Fast schüchtern trat er an den Tisch. „Ich hab schönen Eintopf da.“

Wir nahmen nur noch Eintopf, den er für eine Handvoll Nachbarn zauberte, die seine Kochkünste schätzte. Es war so lecker, wir sind fast geplatzt. Wie einmal, bei diesem legendären Ostergulasch mit geschmorten Fenchelgemüse. Den Laden am laufen hielten aber die Stammgäste, die zum Trinken kamen und gelegentlich eine Frikadelle vom Tresen nahmen. Sie machten sich ein bißchen lustig über Schorsch, der aus  Griechenland gekommen war und den kleinen Eck-Imbiss führte.

Er machte einen zerbrochenen Eindruck, und wir erfuhren, dass ihm die Frau weggelaufen war. Er trug ständig graue Sachen, alles an ihm wirkte wie ein Kittel. Ein schüchterner Mann, dessen Augen heftig zuckten, wenn er nervös wurde, und wenn es ganz schlimm kam, setzte sich das Zucken in den Schultern fort. Dann stand ein kleiner grauer Hausmeister vor einem, der in die Steckdose gegriffen hatte, und es tat ihm leid, dass seine Gäste das mitansehen mussten.

Aber wenn er den Nachschlag zum Tisch brachte, den er mit der Suppenkelle direkt aus dem Riesenbottich ausschenkte, dann war er ganz Schorsch. Schorsch, aus Thessaloniki. Berühmt für seine Frikadellen und Koteletts. Und die Eintöpfe. Ein kleiner stolzer Mann, und aus dem Zucken wurde ein Zwinkern.

*

Ihr Idol war Huck Finn. So wollte sie leben. Freisein und in den Tag hinein leben. Und Pfeife rauchen.

Mark Twain, seine kultivierte, zu Herzen gehende Sprache, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie neun oder zehn Jahre alt war. Sie las das Buch ein ums andere Mal, sie konnte nicht genug davon kriegen. „Mark Twain hat meine Lust auf Sprache geweckt.“

Zwar ist sie heute noch ihrem Vater dankbar, dass er ihr abends Gedichte vorlas. Den Erlkönig, wo sie weinen musste, wenn der Vater mit dem Kinde davonreitet, doch das war alles nichts gegen die Abenteuer am Mississippi, von Tom Saywer und Huckleberry Finn, von Indiana Joe und Tante Polly, die gerne streng gewesen wäre, aber ein zu großes Herz hatte.

„Aber die Kindheit kommt nie wieder“, seufzt sie.

„Es kommt niemals auch nur irgendetwas wieder“, sag ich.

*

500beine erklärt Stille Post

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5 Gedanken zu „Rätselhafte Viehwirtschaft am Zedernweg

  1. Deine Berichte aus Solingen gefallen mir richtig gut.
    Beim lesen muß ich an meine Jugendzeit zurückdenken, ich ging in Solingen zur Schule und in den Blaustunden hielten wir uns häufig beim Anton in seinem Eiscafé in der Fußgängerzone auf, später traf man sich im Mumms und kiffte genüßlich ein wenig…schließlich waren wir rebellische höhere Töchter…ach , war das schön…ich glaub, ich sollte mal wieder einen Abstecher nach Solingen machen…

    Lg Sweetkoffie

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  2. ich wollte imma miss zöppchen küssen
    und landete immer in einem anderen energieversorger..
    wurde dann zum nfriseuer
    handtuchfalter..
    mit einer verwegenen hübschen tochter
    mit der ich nach der kündigung auf den spielplatz ging
    500 jahre her ohne sinn
    sie hatte mich öfters eingeladen auf ein gutes steak..
    und danach war ich baff..

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  3. Pingback: Grau in grau | blog.tetti.de

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