Das Burgfräulein

27. 12. 86

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind das große Niemandsland. Alle haben frei, niemand weiss wohin mit sich, es wird drauflos gesoffen.

Samstagabend bin ich im Keller verabredet, mit dem Bruder vom dicken Hansen, der sich wenig später nach Kuba aufmacht, um am Musik-Konservatorium in Havanna Percussion zu studieren. Er hat nicht nur die längste und rauheste Zunge, die ich je gesehen hab, übersät mit Kratern und Tümpeln, als habe er mal auf LSD mit einer Nähmaschine geschmust, aber falschherum, er ist auch ein begnadeter Trommler. Mit einem Faible für lateinamerikanische Rhythmen.

Im Keller spielt eine Salsa-Kapelle zum Biertanz auf. Ziemlich müde Geschichte. Wir stehen blöd rum und langweilen uns. Der Sänger beklagt sich in gebrochenem Deutsch über die Atmosphäre in dieser Stadt, in der zu wenig getanzt werde. „Was iste passiert hier..?“ Dann springt der Funke doch über, ohne dass ich es mitgekriegt hätte, vor der Bühne ist plötzlich alles in Bewegung. Ich springe so hin und her, besaufe mich und halte nach dieser Astrid Ausschau, die ich heute vor einem Jahr im Keller kennengelernt hab, an ihrem 20. Geburtstag. Hab sie seither nicht wiedergesehen. Wir haben ein paar Mal telefoniert, sie hat mir ein paar Briefchen geschickt, das war’s. Weiss nicht mal, ob ich sie wiedererkennen würde, und überhaupt: wieso sollte sie ausgerechnet heute hier auftauchen, nur weil sie Geburtstag hat?

Dass ich überhaupt auf ihr Erscheinen spekuliere liegt daran, dass sie mir vor Wochen einen Brief geschickt hat. Sie habe von dem Literaturpreis in der Zeitung gelesen. Sie gratuliere mir zu diesem Erfolg, wünsche mir viel Glück und wolle mich gern mal besuchen. Darauf hab ich mit ein paar leicht sarkastischen Zeilen geantwortet, nach dem Motto, jetzt, wo ich weltberühmt bin, meldest du dich, (schliesslich ist sie es gewesen, die unsere einmalige Verabredung nicht eingehalten hat), darauf hat sie noch mal geantwortet, ich aber nicht mehr. Es war mir zu affig. Jetzt allerdings würde ich was dafür geben, wenn sie plötzlich hier reinschneien würde.

Ich stolpere ziemlich unmotiviert durch den Laden, der sich immer mehr füllt, stets einen Becher Bier in Arbeit.

„Hab gehört, bei Lonnie ist Party“, sagt der Bruder vom dicken Hansen. Ein eher schläfriger Bursche, der aber den Ärger anzieht. Wenn wir als Teenager nachts übermütig wurden und über Drahtzäune sprangen, konnte man davon ausgehen, dass der Bruder vom dicken Hansen mit dem kleinen Finger im Draht hängen blieb und Schwierigkeiten bekam.

„Nee“, meine ich zu ihm, „die Party war gestern, die war schon. Die ist gelaufen.“

„Tja.. die feiern immer noch. Hab ich gehört.“

„Wer sagt das?“

„Mein dicker Bruder.“

Na schön. Auf einen Versuch kann man es ankommen lassen. Wir sammeln zwei blonde Schwestern ein, die wir aus der Nordstadt kennen, und fahren runter ins Schellbergtal, zur Villa von Lonnies Eltern.

„Sagen seine Alten nichts, wenn da tagelang durchgefeiert wird?“ fragt die ältere der beiden Schwestern. Eine kleine Kellnerin, die einen immerzu anstrahlt, weil sie Angst hat was falsch zu machen. Eigentlich ist sie ein nettes. Geschieden, vierjährige Tochter, dichter Pagenkopf, hübsche grosse Augen, kompakte Figur mit kleinem Busen, wie ich es mag. Leider hat sie sich in mich verknallt, und da sie nicht den Richtigen findet, muss ich immer noch herhalten. Drei, viermal ist sie bei mir nachts gelandet, es ging jedes Mal ziemlich schnell, ziemlich easy.

„Weihnachten sind Lonnies Eltern in Sankt Moritz“, sag ich. „Da werden die kaum was davon mitkriegen, was ihr Sohn hier treibt.“

Ich komme mit ihrer Schwester ins Gespräch, Stella. Sie ist jünger und größer, 21, arbeitet als Kindrkrankenschwester. Ihr Gesicht hat was puppenhaftes. Sie fragt, ob ich Geschwister habe. Ob meine Schwester hübsch sei. Ich bin baff. Das hat noch niemand gefragt. Ja, meine Schwester ist hübsch. Sie geht wie eine hübsche Zinnsoldatin durchs Leben, mit Mänteln, eng auf Taille geschnitten, und entschiedenem Schritt.

„Ja“,  antworte ich. „Ist hübsch.“

Als wir das Haus betreten, werden wir im carraragefliesten Flur von Karlos empfangen. Über einen Schirmständer gebückt kotzt er eine rötlich-braune Brühe aus, die auf seine bewährte Weihnachtsmischung hindeutet: Bier, Schnaps, angedaute Minipizza.

„Schon länger hier?“ klopfe ich ihm auf die Schulter.

Karlos wischt sich das Maul ab. „Boah. Scheisse.“

Im Durchgang zum Wohnzimmer steht Martina und strahlt.

„Mensch, haben wir uns lang nicht mehr gesehen!“

Martina, die Zahnarzthelferin, die mir im Sommer zuvor Zuckerstange schenkte, woraufhin ich mich in sie verknallt hatte, ein bisschen. Nicht so richtig. Aber gar nichts war auch nicht gewesen. Wir tauschen ein Bussi: Hier, eins für dich, und jetzt rückst du auch eins raus.

„Hab gehört, du bist jetzt mit einem Typ aus Wuppertal zusammen?“

„Mh.. ja, der zieht sogar demnächst zu mir..“

„Ist wahr?“

„Naja, erst mal fürn halbes Jahr. So zur Probe.“

„Und, wie sieht er aus? Was macht er?“

„Ah, immer die gleichen Fragen. Also, was macht er..? Er studiert Architektur und..“

„Puh, sieht der hässlich aus“, sag ich und sie knufft mir in die Seite.

Wie eine Stadion-Kamera am Bundesligasamstag lasse ich meinen Blick durchs riesige Wohnzimmer schwenken. Vierzig, fünfzig Leute sitzen oder laufen herum. Die meisten Gesichter sind mir bekannt. Eigentlich alle. Der normale bergische Weihnachtsmix: nett, unglücklich, besoffen. Ich hole mir ein Bier.

„Ach nee, guck an, die Intellektuellen sind da!“ gröhlt der Lange mit dem weissen Stetson, einer von Lonnies reichen Freunden. Blödmann. Ich geh zurück zu Martina, die gerade ihren smarten Hals dreht, in Richtung Flur.

„Sag mal, dein Freund, der…“

„..Karlos..?“

„..ja, genau, Karlos, der ist ja schon ziemlich am Ende..“

„Vielleicht fängt er auch gerade erst an“, sage ich zu seiner Verteidigung, doch das findet sie nicht witzig.

„Immer das gleiche mit euch Saufbrüdern.“

Es dauert nicht lange, und wir stehen wieder genauso verlegen nebeneinander wie im Sommer. Martina ist hübsch, hat einen durchtrainierten sexy Körper, aber wir haben uns einfach nichts zu sagen.

„Hm.. also.. es wird mich immer interessieren, was du so treibst“, sag ich nach einer längeren Pause. Sie mustert mich skeptisch. Jemand hatte Gruppo Sportivo aufgelegt. Schliesslich haben wir uns alles verschwiegen, was es in der Kürze zu verschweigen gibt.

„Ich muss morgen früh raus“, entschuldigt sie sich, und ich verabschiede sie mit Handkuss. Martina hat einfach Stil, da kann ich nicht anders.

Das Fassbier befindet sich in der Küche. Auf dem Weg dorthin begegnet ich dem armen Bruder vom dicken Hansen. Eine große überschminkte Stute hat ihn in der Mache und quasselt im Stakkato auf ihn ein. Er vedreht nur die Augen und schaut hilfesuchend um sich. Ich kann nichts für ihn tun und fülle meinen Becher auf.

Ich schaue nach Karlos, finde ihn aber nirgendwo. Vielleicht hat er sich eine Runde aufs Ohr gelegt, in der oberen Etage, wo die Schlaf- und Gästeräume untergebracht sind: die erklärte Tabuzone des Hauses.

Unten im Wohnzimmer, unter den strotzenden Kandelabern, höre ich den kleinen Schubert aus dem Stimmengewirr heraus: „Ich will küssen und lecken und machen!“ überschlägt er sich beinahe, worauf Benzini ihn dröhnend als „Primat!“ abkanzelt. Lonnie, der Gastgeber, winkt aus der Ecke herüber. Ich winke zurück. Er ist schon reichlich hinüber und hat ein paar Ergebene um sich geschart, denen er aus seinem Romanmanuskript vorliest.

Der Patientenplanet.

Noch zwei Tage zuvor, auf der Ur-Party, hatte er meine Meinung zur Rohfassung hören wollen, doch ich konnte mich mit dem Hinweis retten, es erst beurteilen zu können, wenn es fertig sei, wohl wissend, dass Lonnie niemals ein Buch zuende bringen würde. Dafür ist er einfach zu gerne in der Kneipe, dafür lacht er zu gerne. Ich kenne niemanden, der seine Lache so mitreissend und verschwenderisch einsetzt wie Leon. Es prasselt aus seinem Hals wie eine ausgelassene karibische Parade. Es sei denn, er ist verkatert und ordert sein erstes Bier. Dann nicht. Lonnie ist ein schwerer Trinker.

Als ich mir das nächste Bier zapfe, läuft mir die jüngere der beiden blonden Schwestern über den Weg, Stella. Wie auf ein unsichtbares Kommando hin verziehen wir uns auf eine ruhige Couch. Sie erzählt ein bisschen von ihrem Job als Kinderkrankenschwester, doch mit ihrem langen Zopf und der Batik-Weste erinnert sie mich eher an ein Burgfräulein. Da ist etwas Vornehmes in ihrer Art. Etwas aus alten Zeiten. Sie trinkt einen großen Becher Kirschsaft.

„Das ist Rum-Cola!“ sagt sie empört.

Die Musik wird lauter: Sixties Beat. Ich liebe Girl Groups. Die Shangrilas, Little Eva. Loco-motion. Everybody’s doing a brandnew dance now.

„Wusstest du, dass schwarze Babies weiss zur Welt kommen?“

Will die mich veräppeln?

„Also, ich meine Babies von Schwarzen. Sie kommen weiss zur Welt, und erst nach ein paar Wochen werden sie schwarz.“

Sie sieht ja ganz nett aus, aber was redet sie da? Da wir nahe dem Plattendeck sitzen, beginne ich die Musik aufzulegen. Eine waghalsige Angelegenheit, denn mit jedem neuen Bier ratscht die Nadel schlimmer übers Vinyl. Zum Glück ist Lonnie so besoffen, dass er kaum etwas davon mitbekommt. Sein Romanmanuskript liegt verstreut in der Ecke, unter einem immergrünen Westerwald-Gemälde. Mit Pferdekopf.

Der Patientenplanet.

Ich baggere, was das Zeugs hält, ich gebe alles. „Ich hab richtig mit den Ohren geschlackert“, meint Tage später der kleine Schubert dazu, der vorm Sofa gesessen und meine Anmache mitgekriegt hat. Ich will das Burgfräulein unbedingt ins Bett kriegen. Es ist weniger Geilheit als Jagdinstinkt. Ich nehme das Burgfräulein bei der Hand, und über einige zur Ablenkung eingeschlagenen Umwege betreten wir die Treppe zur verbotenen Zone in der ersten Etage.

Dummerweise sind die Zimmer alle verschlossen. Bis auf eines. Da läuft ein Grossbildfernseher. Eine Aerobicsendung. Oder MTV. Im Halbdunkel erkenne ich die Silhouette von Karlos. Er schläft im Sitzen, den Kopf im Nacken, kaum einen Meter vom Bildschirm entfernt.

„Der kann so dicht sein wie er will, die Glotze kriegt er immer noch an.“

„Kennst du den?“ kichert das Burgfräulein. „Der muss doch Genickstarre kriegen.“

„Das ist der Karlos. Unser Kripogesicht. Der sitzt immer in der ersten Reihe. Der kriegt keine Genickstarre. Der kennt das nicht anders.“

„Ein Kripogesicht? Ich hab mal auch einen Freund gehabt, der war bei der Kripo.“

Ich ziehe den Zimmerschlüssel ab, der von innen in der Tür steckt. Ich bin zwar mächtig breit, aber breit mit Ziel. Man muss nur wollen. Und probieren, bis es passt. Und tatsächlich, der Schlüssel passt in die nächste Zimmertür: dem Schlafgemach von Leons Eltern. Ich schliesse ab. Wir ziehen die Tagesdecke vom Bett und fangen auf der Stelle an zu fummeln. Es ist stockdüster. Wir kommen gut ineinander. Sie küsst süss. Klein irgendwie, mit der Zungenspitze. Wie ein Nagetier. Es bollert gegen die Tür.

„Ihr scheiss Ficker! Aufmachen!!“

„Der Leon“, flüstere ich. „Sei still. Dann haut der wieder ab.“

Aber Lonnie ist nicht allein gekommen. Da sind weitere Stimmen. Der Lange mit dem weissen Cowboyhut zum Beispiel.

„Fickstelzen! Macht die Tür auf!“

Wir liegen still in der Dunkelheit, geduldig, bis sich die Schritte auf dem Korridor endlich entfernen.

„Sie sind weg“, atmet das Burgfräulein auf. Um ganz sicher zu gehen, dass sie wirklich aufgegeben haben, warten wir eine Weile ab. Dann machen wir weiter. Obwohl ihr Körperbau etwas schweres, beinah barockes  hat, geht es so leicht von der Hand, als wären wir schon zigmal zusammen gewesen.

„Eigentlich kenn ich dich gar nicht“, meint sie, als plötzlich die Balkontüre aufgestossen wird, unter lautem Triumphgeheul. Die Vorhänge bauschen auf, das Deckenlicht geht an. Das Burgfräulein flüchtet splitternackt ins Badezimmer.

„Damit habt ihr nicht gerechnet, heh??!“

Lonnie. Er torkelt, aber er fällt nicht. Der Lange mit dem weissen Dallas-Hut stand dämlich grinsend neben ihm, wie Herr Ölbaron persönlich. Ich versuche zu verhandeln.

„Leon, gib mir ne halbe Stunde, dann sind wir weg.“

Aber es gibt nichts zu verhandeln. Die Beiden haben sich in ihrem sturen Blausein in den Kopf gesetzt, das heilige Schlafzimmer zu stürmen und Leons verreiste Eltern zu rächen, und nun stehen sie da und wissen nicht weiter.

„Fuffzig Dollar!“ wiehert der Cowboy. „Rück fuffzig Dollar raus und wir drücken ein Auge zu!“

Was er auch sagt, ich geh überhaupt nicht darauf ein, will nur mit Lonnie verhandeln, doch der Gastgeber hat sich bereits ins Bett gehauen und droht jeden Moment wegzudämmern.

„He, Leon! Nicht einpennen! Pass auf. Ihr macht euch für zehn Minuten aus dem Staub, damit die Kleine sich anziehen kann, dann verpissen wir uns. Versprochen..“

Die Gentlemen akzeptieren freudig und ziehen johlend ab. Das Burgfräulein kommt aus dem Bad.

„Wir haben zehn Minuten?“ flüstert sie.

Ich ziehe sie sachte ins Bett zurück.

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Ein Gedanke zu „Das Burgfräulein

  1. ich hatte schon maln tripper und nachdem t.b. sie gefickt hatte und ich, der sie ja liebte, zog beleidigt von dannen.
    ich hatte keinen grund nochmal zuzustossen..hi
    hi

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