Der Bienenkönig

„Weißt du eigentlich, wie man mich früher genannt hat?“ fragte Becks.

„Nee. Woher soll ich das wissen.“

„Der Bienenkönig.“

Ich hatte ihn zufällig Ecke Gertrudis- und Margaretenstrasse getroffen, auf dem Weg zu meinen Eltern, und jetzt kraxelten wir gemeinsam den steilen Klauberg rauf, vorbei an Eigenheimen und duftenden Rosenstöcken. Der Klauberg mit seinen 17 Prozent Gefälle gehört zu meinem Leben wie nur wenige andere Straßen. Ich hab ihn seit meiner Kindheit Tausende Male bezwungen, zu Fuß, mit dem Fahrrad, immer wieder, auf dem Weg zum Fußballplatz, zur Schule, in die Stadt. Als Berg-Ankunft bei der Tour de France würde der Klauberg zur Kategorie schmutziger kleiner Scharfrichter zählen, mit einer kleinen Einschränkung: er ist zwar steil, aber lediglich 150 Meter hoch.

„Bienenkönig, aha.. Du erzählst mir aber jetzt keinen Problemfilm“, meinte ich, weil ich Becks kannte. Er verzettelte sich gern in seinen Geschichten und aus einer anfangs witzigen Schote wurde schnell ein Drama, in dem Leberwerte oder 30 Monate ohne Bewährung die Hauptrolle spielten. Nicht unbedingt schlechte Geschichten, das nicht, aber viele konnte ich mittlerweile auswendig mitsprechen, und sie waren nichts für schlechte Nerven.

„Bienenkönig, Mann! Keine Probleme!!“

Becks war eins Neunzig groß und gut hundert Kilo schwer, das Gesicht eine verwitterte Wurfsendung vom vielen Saufen, Koksen, Heroin schießen. Er arbeitete seit seiner Jugend als Gerüstbauer, und er hatte ein selten dämliches Tattoo. Als er in einer übermütigen Koksnacht eine Wette verloren hatte, brannte ihm ein zugedröhnter Bauer einen Schweinestempel auf den Hintern, „irgendwo hinter Köln.“

„Wir sind extra runter in den Stall gegangen, damit man mich nicht schreien hört, aber ich war so steif, ich hab sowieso nix gemerkt. Hier, BGG 399 steht auf meinem Steißbein. Ich bin  wahrscheinlich der einzige Junkie, den man weltweit zurückverfolgen kann an seinem Schweinestempel.“

Er zog die Hose runter, bis mich der weiße Hintern fast blendete.

„Is gut, Becks! Reicht.“

Tatsächlich gaben sich drei dunkle Buchstaben zu erkennen, dazu die Zahl 399.

„Und das bedeutet..?“

„Na weiß ich nicht, irgendwelche scheiß EU-Ziffern, keine Ahnung.“

Becks trug neuerdings eine Glatze, streng poliert. Er war ein Monster. Eine Wurfsendung. Ein Junkie. Begegnete man ihm im Hellen, machte man besser Platz, war es dunkel, gab man Gas. Im Moment war er dauerhaft krankgeschrieben. Es ging ihm nicht gut. Die Venen waren dicht, ja vernarbt, vom vielen Schießen.

„Hier, Stützstrümpfe“, sagte er und krempelte das Hosenbein ein Stück hoch. „Viel Bewegung hat der Doktor gesagt.“ Er lachte. „Hat auch seine Vorteile, geh ich meiner Alten aus dem Weg. Ich dreh sonst durch, Yvonne den ganzen Tag auf der Pelle..“

Yvonne, in der Szene auch als Schlauchlippe bekannt, wegen der schwindelerregend durchhängenden Unterlippe, „wenn die bläst, hörst du die Trompeten von Jericho“, (Becks), kannte ich vom Sehen. Ich hatte Becks mal gefragt, wie das überhaupt gekommen war, dass Yvonne aussah, wie sie aussah. Nicht mal hässlich übrigens, aber gegen ihre voluminöse Unterlippe hatte Mick Jagger ein Fischmäulchen, das nach Luft rang.

„Die ist beim Bügeln ausgerutscht. Ohne Scheiß, Alter. Erst ist das Bügeleisen übers Brett weggeschossen, dann sie hinterher.“

Eine sehr schöne Geschichte. Aber ich wollte euch ja nicht von der Bügel-Königin erzählen, sondern vom Bienenkönig. Becks jobbte 1990 auf dem Dach und hatte in der Nachbarstadt Remscheid zu tun. Der Trupp Gerüstbauer war im großen Firmen-Lkw unterwegs, drei Mann vorn, zwei Mann hinten. Der Auftrag: ein Eigenheim rundherum einrüsten und das Dach begrünen. Dafür musste zunächst der Giebel entfernt werden. Der war morsch und drohte abzustürzen.

Als das Gerüst soweit stand, machte sich Becks an die Arbeit.

„Ich weiss nicht, was das hier oben.. ist“, rief er zu den Jungs runter, „hier ist irgendwas.. pechschwarz! Sieht aus wie.. wie ein Insektenvolk oder so.“ Als er mit dem dicken Hammer hinlangte, traf er mitten in ein Wespennest. „Scheisse!!!“ hörte man sein Geschrei, und er flüchtete die Leiter runter.

„Das waren Zwölfer-Leitern damals, die waren noch aus Holz“, erzählte Becks, während wir den steilen Klauberg hochschlenderten, „heute ist ja alles aus Stahl.“

Als das Volk sich beruhigt hatte, hielten die Gerüstbauer Kriegsrat.

„Wir sollten den Kammerjäger holen, der muss das Nest ausräuchern!“

„Nee, zuerst müssen wir den Dicken anrufen. Den können wir nicht übergehen. Der Dicke schmeisst uns doch alle raus, wenn wir den Kammerjäger holen, ohne ihn vorher anzurufen.“

Der Dicke war ihr Chef. Ein harter Knochen, der kaum schreiben und lesen konnte.

„Den Dicken wegen so einem Kleinkram belästigen? Seid iht blöde? Da wird der erst recht sauer!“

Zustimmendes Gemurmel.

„Richtig.“

„Der Dicke ist ne Sau.“

Es half nichts. Einer musste den Job am Dach erledigen. Keiner sagte etwas. Alle stierten zu Boden. Klar: Manchmal muss ein Mann tun, was er tun muss: nichts.

„Okay“, seufzte Becks. „Her mit dem Hammer. Ich bin ja schon oben gewesen.“ Er kletterte langsam die Leiter hoch. „Zwölf Meter können lang sein, wenn am Ende der Teufel wartet.“ Oben angekommen, legte er sich mit dem Rücken aufs Laufbrett, holte Schwung und putzte den Giebel in einem Hieb weg.

„Los, komm runter, Mann! Mach hin!“ feuerten ihn die Kameraden an. Doch so flott war Becks nicht auf den Beinen, wie das Wespenvolk sich auf ihn stürzte. Er wurde in die Arme gestochen, in Brust und Nacken, ins Gesicht. Er taumelte die Sprossen hinunter, um ihn herum nichts als eine emsig dröhnende, schwarz-gelbe Traube von Insekten, eine wütende Bonanza. Als Becks am Boden ankam, spritzten die Kollegen auseinander. Bis auf den pausbäckigen Schmitti. Der war in Ordnung. Der war selbst dann noch hilfsbereit, wenn alle Anderen schon dicke Haufen in der Hose hatten. Händeringend versuchte Schmitti die Bienen zu vertreiben, so ungeschickt allerdings, dass er den armen Becks am Hinterkopf erwischte, mit der Handkante.

„Ruf einer den Dicken an..“, stöhnte Becks, jetzt am bluten, „der soll mich ins Krankenhaus bringen.“

Gebissene und geschlagene zehn Minuten lang wartete er am Strassenrand, über und über zerstochen, „ich kam mir vor wie ein Kaktus in Arizona. Ich konnte kaum noch aus den Augen gucken, so geschwollen waren die Lider. Ich war am zittern, als hätte ich Fieber gehabt. Mir war abwechselnd heiss und kalt.“

Als der Chef endlich vorfuhr und seinen wild gestikulierenden, besten Mitarbeiter am Strassenrand sah, winkte er nur freundlich und startete durch.

„Chef! Halt an, du Sau!!“

Weg war er. Während die Kollegen bald wieder der Arbeit nachgingen, holte der pausbäckige Schmitti den Verbandskasten aus dem Firmenlaster, doch alles, was er darin fand, waren ein paar lose Watte-Pads.

„Schmitti, fahr mich ins Krankenhaus“, stöhnte Becks, von roten Quaddeln übersät.

„Würd ich gern tun, Becks, echt, aber wenn der Chef zurückkommt und sieht, wie ich dich von der Arbeitsstelle wegschaffe, im Firmenlaster, dann..“

„..bist du gefeuert, schon klar.“

„Schmitti war in Ordnung. Er war ja nur oben im Gerüst, wenn Not am Mann war. Ansonsten war er zuständig fürs Bierholen und Fahren. Er war der einzige, der den Lappen nicht weg hatte. Ausserdem sind die Leute, die Bier holen, immer in Ordnung“, trompetete Becks, als wir am Klauberg das Haus von Flossbach passierten. Der grüßte normalerweise überschwänglich, wenn er mich sah, schliesslich kannten wir uns seit Kindertagen, doch als ich jetzt mit dem grossen lauten Punk den Klauberg runterlatschte, stand er mit verschränkten Armen im Hauseingang, feindselig.

„Ich war schon betäubt von dem ganzen Insektengift, das ich intus hatte.“

Irgendwann hielt ein Wagen an, und eine Frau nahm Becks bis zum Kiosk an der Krahenhöhe mit. „Ich kann Sie auch ins Spital fahren“, bot sie an, doch Becks winkte nur ab. „Danke, ist nett, aber ich hab Durst. Ich muss mal was trinken.“

Am Büdchen holte er zwei Flaschen Kölschbier und klingelte bei Roberto, den nuschelnden Italiener, der gleich hinter der Trinkhalle eine winzige Mansarde bewohnte.

„Ehh, ragazzi, wie siehst du aus inne Fress? Wie Pizza, hömma!“

Becks blieb eine Stunde, in der ihm Roberto unzählige Stacheln aus dem Fleisch zog, einen Joint drehte und die Stützstrümpfe richtete. Als Becks sich von ihm verabschiedete, ähnelte er einem auslaufenden Pocken-Dampfer, war aber soweit wieder okay.

Am nächsten Morgen. Die Belegschaft wartete schon vor den Toren der Werkstatt, als Becks zur Arbeit erschien.

„Ach nee, guck an! Der Bienenkönig!“

„Das waren keine Bienen, das waren Wespen, ihr Knallköppe! Oder Hummeln! Keine Ahnung, was das war, aber Bienen waren das nicht!“

Bienen, Hummeln, Schnaken, Knallköppe – na, mein Gott, wen juckten solche Feinheiten schon, einen Gerüstbauer jedenfalls nicht.  Und so hiess Becks im Kollegenkreis fortan nur noch Der Bienenkönig. Der Rum-Summser. Und eine Wespentaille hatte Becks nun wirklich nicht. Definitiv.

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4 Gedanken zu „Der Bienenkönig

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