Cinzano und Psilos

1
Das Hühnerfrikassee an der deutschen Raststätte war verdorben gewesen. Ich bekam nicht mal mehr die Scheibe runtergekurbelt, schon landeten schlierige Geflügelbröckchen und Reis auf dem Rücksitz des Wagens und im Schoß meiner großen Schwester. Wir waren auf dem Weg zum Gardasee, in der blauen Familienkutsche Ford 20 M, und mein Vater hatte Mühe, die Spur auf der Autobahn zu halten, weil alles durcheinanderschrie und kotzte, bei Tempo 120.

Seit damals habe ich kein Hühnerfrikassee mehr angepackt. Allein das Wort Frikassee löst bei mir Unruhe aus, in der Speiseröhre. Ich muss sofort das Fenster aufreissen und nach Luft schnappen, wenn ich Frikassee höre, und so ähnlich verhält es sich auch mit Cinzano. Keinen Schluck kriege ich runter von dem verdammten Vermouth, und das nur, weil ich es im Jahre 1984 partout nicht wahrhaben wollte, dass Pilze, die nebenan auf der Wiese wachsen, genauso törnen können wie synthetisch hergestellte Trips, die man teuer bezahlen muss beim dicken LSD-Händler um die Ecke. Schön. Und was hat das nun mit Cinzano zu tun?

2
„Mensch, wartet doch einfach ab.. Ihr werdet schon sehen. Aber die Pilze müssen dunkelbraune Lamellen haben und ein weißes Hütchen, sonst taugen die Dinger nichts“, sagte Danny, der seinen rechten Arm in Gips trug, seit Wochen schon. Er war stoned am Tisch eingeschlafen, den schweren Kopf auf den Arm gestützt, und als er wach wurde, pochte der Arm wie verrückt und war gebrochen.

„Die besten Pilze findet man auf Pferdewiesen, in dunklen geschützten Ecken. Wo kaum Licht hinfällt. Wo die Pferde hinscheißen.“

„Pferde, die LSD scheißen?“ klimperte Karlos mit großen Augen. Er spielte gerne mit den Augen. Riss sie auf, kniff sie zu. Liess sie Männchen machen. Er war Bühnenschauspieler durch und durch, und die Bühne war überall dort, wo Zuschauer waren.

„Blödmann.“ Danny war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Psilos wachsen in dunklen Ecken von Pferdewiesen, zwischen dem Dung. Psilos sind Mistbewohner. Deswegen knallen die so gut.“ Danny wusste, wovon er sprach. Von Psilocybin. Magic Mushrooms. Zauberpilzen. Vom rituellen Gift der Atzteken. Vom Frösche lecken.

„Psilos sind genauso verboten wie LSD“, dozierte er weiter. Danny war eins Neunzig lang und schmal, und er trug meist eine abgewetzte schwarze Jeansjacke. Er hatte einen schlimmen Silberblick, an dem auch die altmodische Hornbrille nichts zu ändern vermochte, im Gegenteil, die dicken Gläser machten seinen Blick noch silbriger und man wusste eigentlich nie genau, wen er eigentlich meinte, wenn er sich umguckte.

„Verboten? Wieso? Sind doch Pilze“, entgegnete Karlos. „Kann doch jeder pflücken. Ist doch öffentlich, so ne Pferdekoppel. Wer will einem das denn verbieten. Red kein Scheiß, Danny.“

„Ist kein Scheiß, Karlos. Psilocybin ist dem Opiumgesetz unterstellt wie Heroin. Ist verboten.“

„Mit Verbieten hat Deutschland kein Problem“, stimmte ich zu.

“Na, Scheiße. Stimmt.“

„Ist richtig.“

Weil Danny ein cleverer Bursche war und sich nicht nur mit chemischen Prozessen auf Pferdewiesen, sondern auch mit Rechtsfragen auskannte, nannten ihn manche den Proff, wie im Abenteuerbuch. Hatte jemand Ärger mit der Schmiere, wälzte sich der Proff durch Gesetzestexte und gab Rat. Saß er dagegen selbst in der Patsche, liess er niemanden an sich heran.

Ich hab Danny Mitte der 80er Jahre aus den Augen verloren, wie so viele Andere auch. Vielleicht hat er Jura studiert, vielleicht ist er Meteorologe geworden: „He, Langer! Wie ist die Luft da oben!?“ Vielleicht hat er im großen Stil Speed nach Hongkong verschoben und ist der Einfachheit halber gleich im Land geblieben, 1o0 Monate ohne Bewährung, kann auch sein. Glaub ich aber nicht. Er war ein Draufgänger, der sich rasch abseilen konnte, wenn ihm eine Sache zu heiß wurde. Dann sah man nur noch einen Wusch – weg war Danny-Boy.

Wir hatten uns bei Karlos getroffen, in seiner düsteren Mansarde am Bismarckplatz, nun marschierten wir zu dritt runter ins Schellbergtal. Es war nicht weit. Keine halbe Stunde Fußweg bis zur ominösen Pferdewiese. Die Sonne kam raus. Überm Schellbergtal lag ein Salbeiduft, warm und mild, als säße man mit dem Mund in der Badewanne. Je tiefer wir aber ins Tal hinabstiegen, desto barscher roch es nach Dammwild, nach Moos und Morast. Nach Solingen, wo die Schweine sich suhlen, wie es der Name der Stadt ursprünglich bedeutete, im Mittelalter. Suhlingen.

„Im Schellberg ist die beste Psilo-Wiese weit und breit“, hatte Danny getönt. „Die absolute Superwiese, die Nummer eins im Bergischen. Wisst ihr auch warum?“ Er gab sich die Antwort gleich selbst. „Weil Pferde nirgends dickere Haufen kacken.“

Dummerweise schien sich das herumgesprochen zu haben. Der Eigentümer der Koppel hatte den Zaun erhöht und mit elektrischen Kontakten versehen. „Scheisse, da ist äh Blitz drin äh“, fluchte Karlos, als er das gelbe Hochspannungsschildchen entdeckte, aber das richtige Wort nicht fand, „na, hier: Strom!“

„Na und“, sagte Danny und führte uns ein paar Meter weiter zu einem Törchen im Gatter. Es war nicht abgeschlossen. Er grinste zufrieden. Siehste, sagte sein Blick, lasst das nur den Proff machen. Pflücken war allerdings nicht sein Ding. Wegen des Gipsarms. Sagte er. Das müssten wir schon erledigen. Karlos und ich.

„Typisch“, knurrte Karlos. „Wer muss mal wieder den Buckel krumm machen? He!?“

„Na, wir“, sagte ich.

„Ja, aber hauptsächlich ich.. auch!“

Weil die Schauspielerei kaum Kohle brachte, jobbte Karlos nebenher als Sargträger. Das brachte zwar auch kaum Kohle, aber zweimal kaum Kohle war besser als zweimal keine Kohle. Eine vernünftige Einstellung. Sargträger wie er durften keine Gräber ausheben, das war den festangestellten Gärtnern vorbehalten. Laut Friedhofsordnung durften Karlos und Kollegen den Sarg lediglich von der kleinen Kapelle zum Grab tragen, sich verneigen und die dünnen weißen Handschuhe auf den Sarg werfen, fertig, aus. Streng genommen machte er den Buckel also gar nicht krumm. Ausser zum Verneigen vielleicht. Gut. Das schon.

Danny zeigte auf einen alten Eisenbahntunnel im Wald, der nicht mehr benutzt wurde. Der Eingang war zur Hälfte zugemauert.
„Da drin wohnen Fledermäuse“, sagte er ehrfürchtig. „Die lieben es feucht, genau wie die Pilze.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Bessere Voraussetzungen findet ihr nirgends. Hier gedeiht das prächtigste Gift.“

So einfach allerdings, wie Danny getönt hatte, waren die Pilze nicht zu finden. Sie machten sich rar, zudem musste man sich auf der tiefen Wiese in Acht nehmen, um nicht zu versumpfen. Nach einer halben Stunde hatten wir genug Pilze zusammen. Zwei Beutel voll. Mit weißen Hütchen.

„Die mit braunen Hütchen sind Mist“, hatte Karlos auch schon gelernt.

„Brav“, nickte der Proff zufrieden.

3
Zurück in der dunklen Bude am Bismarckplatz kippten wir die Pilze auf dem Küchentisch aus, samt Erde und Wurzelwerk.
„Schmeckt wie Radi“, meinte Karlos, der sofort zu knabbern begann und „Bin I Radi, bin I Keenig!“ intonierte, den alten Peter Radenkovic-Hit.
„HE!“ rief Danny entsetzt. „Seid ihr doof!? Die Pilze müssen erst trocknen! Die kann man nicht einfach fressen! Asis!“
Das Trocknen der Pilze übernahm er selbst, trotz des Gipsarms.
„Ach nee! Sieh an! Auf einmal gehts!“ murrte Karlos.
Mit seiner gesunden Hand wusch Danny die zwei Dutzend Psilocybin-Pilze und breitete sie auf einem vorgewärmten Küchenhandtuch aus, so vorsichtig, als handelte es sich um kostbare Trüffel. Karlos und ich schoben derweil die nikotinschweren Vorhänge zur Seite und genossen am offenen Fenster die Frühlingssonne, die sich, schüchtern noch, in die Haut fummelte.

Wir öffneten eine Pulle Cinzano, weil nichts anderes im Haus war. Ich legte Johnny Cash auf, eine Gospelnummer mit der Carter Family, Where were you when they crucified my love. Karlos hatte nicht viele Platten, und die wenigen, die aufgereiht vor dem alten Mono-Plattenspieler standen, waren von mir ausgeliehen, im Laufe der Zeit aber in seinen Besitz übergegangen, worauf Karlos strengstens Wert legte.
„He, das ist meine Scheibe!“ stauchte er mich zusammen. „Damit wird ordentlich umgegangen, Glumm!“

Eine Stunde später waren die Pilze getrocknet, das Experiment konnte beginnen. Allerdings in veränderter Besetzung. Danny hatte sich nach getaner Arbeit dadurchgetan, ohne einen einzigen Pilz probiert zu haben, was uns zunächst stutzig machte, dann aber auch egal war.

„Scheiß der Hund drauf“, sagte ich.

„Yes“, bekräftigte Karlos.

Im übrigen war der dicke Hansen aufgekreuzt, just in dem Moment, als sich der Proff verabschiedet hatte.

„Als hätte ich’s gerochen“, freute sich Hansen, wie immer hungrig. „Lecker Pilzpfanne.“

„Idiot.“

Es gab da nur ein kleines Problem. Da keiner von uns dreien je Magic Mushrooms probiert hatte, kannten wir die Dosierung nicht.
„Ne Handvoll muss es schon sein“, meinte der dicke Hansen und schob sich einen der fingerlangen Lamellenpilze in den Mund und spülte ihn ohne groß zu kauen mit einem Schluck Cinzano runter. Karlos und ich folgten seinem Beispiel, dann steckte sich der dicke Hansen gleich zwei Exemplare in den Hals.

Der dicke Hansen war nicht wirklich dick. Er hatte ein paar Pfund Übergewicht und war stets hungrig, aber mehr nicht. Dennoch hiess er überall nur der dicke Hansen, was wohl auch daran lag, dass er von sich selbst nur als der dicke Mannn sprach.

„Der dicke Mann hat am Wochenende ne Puppe in Recklinghausen klar gemacht“, verzog er das Gesicht, während er den vierten Pilz kaute. „Die konnte aber nicht gut küssen. War dicke Scheiße.“

Nach drei Pilzen war Feierabend bei mir. Mehr ging beim besten Willen  nicht. Der Geschmack war zu widerlich. Als hätte man die Schnauze tief in die Erde gesteckt und Mutterboden gefressen. Und dass wir die Dinger mit öligem Cinzano runterwürgten, war auch nicht sonderlich hilfreich. Cinzano war zum Runterspülen denkbar ungeeignet. Mit Wasser wäre es besser gewesen. Aber Psylocibin mussten ja unbedingt mit Alkohol heruntergespült werden, wegen der besseren Verwertung. Das war das letzte gewesen, was Danny uns mit auf den Weg gegeben hatte, vor dem Wusch.

4
„Ja, sehr hübsch. Und wann geht’s los?“
Karlos wurde ungeduldig. Ein Hitzkopf, der von innen brannte. Was Acid anging, war er unbefleckt, während Hansen und ich schon einige Trips miteinander geteilt hatten, aber das war Jahre her.
„Wann das losgeht? Ist wie bei Linsen, schätz ich“, meinte Hansen. „Halbe Stunde, Stunde. So um den Dreh.“

Wir gurkten unentschlossen in Hansens Peugeot durch die Strassen. Es war früher Nachmittag. Wolken zogen am Märzhimmel entlang wie Gasflämmchen an einer langen weissen Schnur.
„Sex mit ner Frau wär jetzt nicht übel“, meinte der dicke Hansen und roch an seinem Finger. „Ne kurze schmutzige Nummer auffem Dixie-Klo, wo es schön stinkt.“

An der Katternberger Strasse hielten wir an. Ben’s Billard Kingdom. Ein riesiger Billardschuppen.
„Wie siehts aus, Jungs, ne Partie Billard auf Pilzen?“ sagte der dicke Hansen in einem Ton, als hätte er das schon hunderte Mal gemacht. „Außerdem muss ich ne Kleinigkeit essen. Ich hab Hunger.“
„Da gibt’s nix zu essen, Hansen. Das ist ne Spielhalle.“
„Nicht mal was zum Aufbacken? Ne heiße Hexe? Bestimmt, ne heiße Hexe kriegst du überall.“

Der dicke Hansen war der Amerikaner in unserer Clique. Auf einer Reise durch die USA hatte er sich monatelang im Mississippi-Delta herumgetrieben. Es war die Lebensart der Leute, die ihm imponierte, das Easy Going, die Country-Musik. Hansen, der von Kind auf Klavier spielte, hatte während des USA-Aufenthalts ganze Blöcke aus dem College-Radio auf Cassette mitgeschnitten, spezielle Cajun,- Blue Grass- und Southern Rock-Sendungen, mit denen er uns nach seiner Rückkehr fütterte. So lernte ich Leute wie Dr. John schätzen, The Meters und Allen Toussaint, Leon Russell. Die ganze fingerschnippende New Orleans Clique, die es nie wirklich nach Europa schaffte.

Im Billard-Saal fochten wir ein Turnier aus. Jeder gegen jeden, mit Rückspiel. Als ich gegen Karlos gerade auf der Siegerstrasse war, fing es an.

Ich wollte einen Stoß setzen, da hob sich das grüne Tuch vom Billardtisch, wölbte sich, knickte ein. Ich setzte den Queue ab. Lauter kleine Hügel und Pyramiden standen auf der Billardplatte – das Tuch kringelte sich: eine übergroße, benutzte, grüne Serviette.
„Ehh.. zum Teufel..“, wich ich zurück.

Um der schieflaufenden Optik zu entgehen, drehte ich mich weg, hin zum dicken Hansen. Er lehnte an der Wand. Ein kerzengerades, in Säure gegossenes Ausrufezeichen, den Zeigefinger in der Nase. Er bohrte wie besessen, in der anderen Hand den Queue.
„Wo.. ist Karlos hin..?“ fragte ich mit einer Stimme, die ich nicht kannte. Die ich niemals gehört hatte. Ein Fremder kauerte in meiner Kehle und stieß Steinbrocken hinunter.
„Auffem Pott, kotzen, glaub ich. Weiß nicht. Er hat nix gesagt. Aber er sah so aus“, meinte Hansen ungerührt, „als wollte er zum Kotzen aufs Klo.“

Ich drehte mich vorsichtig zum Billardtisch um. Wollte sehen, was es mit dem Tuch auf sich hatte. Ob es sich immer noch.. kringelte. Oder ob die Geschichte sich beruhigt hatte.
Wie ein Murmeltier stand ich da, das nach langen Wintermonaten aus dem Bau steigt und die Gegend nach verrückten, grünen Billardtischen absucht.
Verdammt!
„Ich muss hier.. raus..“, machte jemand Panik in mir. Die unbekannte Stimme.

Wir alle raus, ins Auto. Weg hier, weg aus der Stadt. Dreimal mindestens hielten wir an, weil einer kotzen musste. Immer war es Karlos. Dann steuerte der dicke Hansen, hungrig, Börse 7 an, ein berüchtigtes Nacht-Restaurant. Nun war es aber hellichter Tag, und da die Küche um diese Uhrzeit eigentlich noch geschlossen hatte, musste der dicke Hansen schon sämtlichen vorhandenen Charme aufbieten, um der Chefin ein argentinisches Hüftsteak mit Bratkartoffeln und Salat aus der Pfanne zu leiern.

Unterdessen schwappte das Psylocibin durch unsere Körper, in verschieden hohen Wellen. Ich wusste nie, woran ich war. Mal wähnte ich mich bereits im fiebrig vibrierenden Vorraum der LSD-Hölle, dann wiederum ließ sich mein Grinsen im eben noch zur Fratze erstarrten Gesicht kaum noch kontrollieren.

Atemlos beobachtete ich Hansen, in welch rasantem Tempo er den Teller mit Fleisch und Bratkartoffeln abarbeitete. Das war Slapstick. DAS WAR HOLLYWOOD, WIE ES SEINE ZÄHNE INS STEAK HAUTE! KLOPFTE!
„Habt ihr schon mal ne Frau gefesselt und gefickt?“ murmelte Hansen mit vollem Mund. „Ich glaub, zwischen zwanzig und dreissig hat man nur Sex im Kopf. Und Geld, logisch. Sex und Geld.. Junge Frau! Ne Cola! Kann ich noch..?“

Wie er in diesem Zustand überhaupt einen Bissen herunterkriegen konnte, war mir schleierhaft. Allein der Gestank in der Spelunke machte mich krank, der Mief von zigtausend aufgewärmten Portionen Spaghetti Bolognese, der abgestanden aus der Kirschbaumvertäfelung troff. Der dicke Hansen und Karlos dagegen schienen unbeeindruckt. Im Gegenteil. Sie beharkten sich mal wieder.

„Hansen, dickes Klötzl, mundet es dir, hm?“
„Schnauze. Arschloch.“
„Und trinkst du auch artig deine Coca Cola?“
„Fresse.“ (Schmatz.)
„Das musst du aber auftrinken, dicker Mann. Guck mal, in Afrika verdursten die Kinderlein, und du trinkst deine Coca nicht auf.“
„Afrika? Sollen sie Altkleider saufen. Dann haben sie auch keinen Durst mehr.“

An mir leckte die nächste Psylocibin-Welle. Eine Monsterwelle. Während er mit Karlos Schwachsinn austeilte, sah ich das Besteck in seiner Hand heftig in die Halsschlagader stoßen, ich sah roten Farbstoff über den Tisch sprudeln, eine Art Sirup kleckerte aus seinem Maul, wie Harz aus einem aufklaffenden Astloch.
Die Gabel kratzte tief im Porzellan.

„Je mehr du in dich reinfutterst, desto mehr Hunger kriegst du“, kreischte Karlos Stimme in meinen Ohren, ein toxisches Orchester. „Und kau nicht so laut!“ Auf einem anderen Erdteil.
„Mh?“ fragte Hansen.
„Du sollst nicht so laut schmatzen, du Sau! Die Kellnerin glaubt schon, draußen trabt ein Pferd über die Strasse!“

Ich stand abrupt vom Tisch auf.
PFERD.

„He.. was ist denn mit dem los!?“ sagte jemand. Ich sah noch das abgegriffene Bluna-Glas auf dem Tisch, und kraulte in Richtung Tür, ich schob den Holzperlen-Vorhang beiseite. Im Hintergrund das Rascheln aufblitzender Messer. Hundegebell von fernen Innenstadt-Höfen.

Draussen. Parkplatz.
Sonnenschein.
„He! Warte..“

5
Karlos, er kam mir nach. Gottseidank ohne Hansen. Ich konnte ihn nicht mehr ertragen. Durch die Scheibe sahen wir ihn noch am Tisch sitzen, vor seinem Trog, aus dem er sich mit gebratenenem Fleisch fütterte. Er guckte uns nicht mal hinterher.

Wir kreuzten die Fußgängerzone, die vielbefahrene Goerdeler Strasse, ohne ein Wort zu wechseln. Karlos kannte mich lange genug, um zu wissen, was los war, und selbst wenn er es nicht wusste, nicht wissen konnte, ahnte er, was falsch lief.

Jahre zuvor hatte ich mit Pepe auf einem Patti Smith Konzert in der Philips-Halle einen Trip geworfen, der mir fast den Kopf gekostet hätte. Später nutzte Karlos die Geschichte, um sich vor dem Wehrdienst zu drücken. Vor der Musterungskommission erzählte er meine Geschichte, setzte aber sich selbst als Hauptdarsteller ein. Man erklärte ihn auf der Stelle „untauglich“ und empfahl ihm, mit fahlen Gesichtern, ein Psycho-Drama, um sich je von diesem traumatischen Erlebnis befreien zu können.

Und jetzt steckte ich schon wieder in solch einem Trip, getrieben von der Angst, nicht mehr zurückkehren zu können. Für immer gefangen zu bleiben in drastischer Über-Intensität, in Bildern, die man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt. Und das nur, weil ich es nicht wahrhaben wollte, dass Pilze von der Pferdewiese genauso törnen können wie Acid vom Händler.

Im Stadtpark hinterm Haus der Jugend waren die Wiesen frisch gemäht worden, es roch nach Lagerfeuer. Ein Gärtner fackelte Unkraut mit dem Bunsenbrenner ab, mit finster entschlossener Miene. Auf der Wiese lag das Gras zu Häufchen zusammengeschoben. Wir stoppten weiter unten an einer Bank. Ich sprach keinen Ton. Es war nicht möglich. Hitze, durch mein Gesicht rotzend, Quecksilbernerven, von den Knochen gelöst, ein versehrtes Tier; Karlos, ich konnte Dich damals nicht angucken: Deine Visage, erstarrt zum gealterten Pinocchio. Keine Ohren, lauter rohes Knorpelmaterial, OBWOHL ICH GAR NICHT MEHR HINGUCKTE – NICHT HINGUCKEN KONNTE

SPRANG ICH von der Bank auf, stürzte den Park hoch, über die Wiese; DER FRISCH GEMÄHTE RASEN TRÄGT BUBIKOPF! lächelte einer in mir, der schon mal dagewesen war. Lärm auf den Fersen, Lärm, als würden Gullydeckel in die Luft gesprengt. Schritte von Karlos auf dem Pflaster. Er ließ mich nicht allein.

DER RASEN WIRD NIEDERGEMÄHT! trieb eine Schleife durch mein Gehirn, ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT
ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT
– ich hockte mich nieder, wollte ein Büschel Gras berühren, in die Hand nehmen, mich durch Berührung beruhigen, die Panik dämpfen, doch in den Händen verkochten die Halme.. Waren das überhaupt Finger, die aus mir in die Wiese griffen? Auch wenn der Tastsinn Berührung signalisierte – in weiter Entfernung; stadiongroßer Fieberschub im ganzen Körper.

Die Angst, es nicht mehr zu schaffen.. dieses Mal nicht.. dieses Mal NICHT MEHR normal werden.. keine Wiederkehr, für immer gefangen..
ELEKTRISCH NIEDER GEMÄHT..
„nie mehr normal..“, hielt ich die Hand vor Augen, „sein.“

„Doch“, hörte ich Karlos, der die ganze Zeit neben mir blieb, „das wird.. wieder. Das geht vorbei..“
„Nur normal sein“, plapperte ich vom Fernsehen, Wunschbilder von abends im Bett liegen, der Fernseher läuft.. ganz alltägliche Sachen, ganz einfache Geschichten, Serien, die plötzlich unerreichbar schienen, so göttlich unordinär..
„Na.. türlich.“

Auf immer ausgeliefert, geknechtet von Eindrücken – wie vom Tauchsieder erhitzt blubberte es im Stadtpark es blubberte und hörte nicht auf wollte nicht aufhören zu blubbern und zu sprudeln, Beine, mit Marschflugkörpern bepackt, unterwegs zur Hölle – sämtliche Tickets waren gelöst. Man winkte mich durch, und die Engel kicherten: Ahh, da isser wieder der Fertige

da war er wieder.

6
Folgt man dem äusseren Weg, der um den kleinen Stadtpark herumführt, kommt man ziemlich genau auf eine Stadionrunde. Da sich der Park aber in Hanglage befindet, geht eine Hälfte der Stadionrunde bergab, die andere bergauf. Bergab, bergauf, so linderte das Gehen im Park den schlechten Trip – in Bewegung bleiben, um die Zeit umzukriegen, um nicht komplett durchzudrehen. Bergauf, bergab, und Karlos an der Seite.

(Wenn das Bewusstsein nicht funktioniert, nur noch ein überquillendes Postfach ist und der Sortierer kommt nicht, keinen Dienst hat, dann bleibt dir nichs anderes übrig als Bewegung, auch wenn die Dämonen im Gleichschritt mitmarschieren – du darfst niemals Stehenbleiben. Stehenbleiben ist schon mittedrin in der späteren Psychose, im Superwachkoma

PRASSELND

sagte ich zu Karlos: „Ich .. Karlos, laß uns zu dir gehen. In die Badewanne. Laß uns baden.“
Es war diese Vorstellung, in heißes Wasser einzutauchen, gemeinsam mit dem Freund, die wie ein letztes Versprechen erschien, von einem warmen Lasso, in allerletzter Sekunde, zurückgeholt zu werden.
„Sicher“, (du sofort), „lass uns baden.. gehen.“

Wir gingen nicht zu Karlos, wir stiegen nicht in verheißungsvolle Badewannen. Wir blieben zusammen, bis die Wirkung der Pilze urplötzlich von ganz allein einstürzte, abflaute, bis aus Angst (und wie schnell das ging) eine nie dagewesene Befreiung erwuchs. Ich ein zweites Mal dieses frisch gemähte, noch feuchte Gras durch die Finger rieseln liess, wie Samt, und ich mich freute wie ein Kind, tränenweißes Königskind. Dass der Trip endlich ausatmete.. dass es vorbei war, ich noch mal die Kurve gekriegt hatte.. und die Nacht holte Luft.

7 Gedanken zu „Cinzano und Psilos

  1. Pingback: Bei meinem Plattenspieler geht der Tonarm nicht mehr runter.? | Alles über Musik download

    • aber aber,,,hallo meister glumm,,das is ja mal ne richtig speedige nummer,,die pilzattacke,,voll aus dem nähkästchen und sehr schön..und immer wieder diese gute,, deine schreibe // danke

  2. durch und durch.
    das hat nich nur eine wohlklingende seele
    es hat was vom prinzip
    das unsichtbare
    den überfluss zu steuern

    und diesmal hat sich der kuenstler auf atemberaubende weise
    in eine nische zu blicken
    vergönnt
    beim eingeständniss selbst mitgerissen zu werden
    auch und wahrscheinlich grad deshalb
    sich ausgeliefert zu sein im befinden und des erhaschens trüber alltage hinaus sich zu vergewissern was das los preist
    aller tiefen gemütssalben zum trost sich nicht verhält
    wie das huhn vor der schlange
    oder sich dem tiefenrausch überlassen an der seite seines guten freundes
    die ewigen jagdgründe roch..

  3. Wow. Ich bin tatsächlich sprachlos – Und das mir.
    Werter Herr Glumm – auch auf die Gefahr hin, in einer offenen Wunde zu bohren: Sie müssen ein Buch schreiben. Müssen. Wenn nicht für sie selbst, dann für mich. Oder „die Nachwelt“. Wie auch immer: Ich bin überwältigt von der Brillianz ihrer Sprache. Das klingt mitunter nicht mehr nach Blog, sondern nach Feuilleton. Erste Seite. Ein überbordender, vor Leben sprudelnder – nein, PRASSELNDer Text.

  4. schöne geschichte, ich bin in meiner frühen vergangenheit auf ’nem trip im malle (maltesergrund) mal von einigen „bildungsfernen“ jungprolls im alkoholrausch zusammengeschlagen und gejagt worden, das wär auch ne nette anekdote…

  5. Pingback: 2011 in review « Glumm

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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