Komma ich blute, oder: Der 23. Dezember 1985

1

Ich vertrug die Sauferei nicht mehr. Immer öfter erwachte ich mit detoniertem Bauch und Vollrauschnerven, ertrug kaum noch den tropfenden Wasserhahn in der Küche, der peu a peu eine Kerbe in den Spülstein schlug. Vielleicht sollte ich ficken fahren. Morgen ist Heiligabend. Da kam immer der Heiland.

2

Mir gings beschissen. Lena war weg. Dabei hatte sie bloß Mut bewiesen und den Schlußstrich gezogen. In unseren jungen Jahren hatten wir alles angestellt, was es zwischen einem Mann und einer Frau anzustellen gab, bis aufs Kinderkriegen und eine Ehe führen, Erwachsenenmist also, mit dem ich eh nichts am Hut haben wollte. Was nun blieb, war das beschissene Gefühl, allein zu sein in der Welt unter all diese Leuten. Ich sollte ficken fahren.

3

Die Schnellbahn Richtung Flughafen rollte ein. Jedes Mal, wenn ich aus Solingen flüchtete, dann nach Düsseldorf, dem großen Bruder von Solingen, nie nach Köln. Ich mochte Köln nicht. Warum, keine Ahnung. Als wir in den Hauptbahnhof Düsseldorf einliefen und ich auf den Bahnsteig trat, war ich plötzlich unschlüssig, ob ich wirklich Lust auf Sex hatte. Ob der Ankauf einer Frau eine Viertelstunde lang helfen könnte, meine Einsamkeit zu lindern. Andererseits war ich ja nun mal in Düsseldorf, also beschloss ich erst mal auf die Nordstrasse zu gehen, in den Sexshop.

Vorm Eingang Schneehaufen, deren Anblick mich an Pürree erinnerte, schmutziges, mit Rollsplitt verbackenes Pürree. Im Geschäft faszinierten mich Herren vor Schaukästen mit Spezialwerkzeug, unbeholfen standen sie da, wie kleine Jungs an der Fleischtheke.

“Ich hätte gern.. ähm.. von dem.. da..”

“Von dem hier, kleiner Mann?”

“Genau, ja! Von dem.. da!”

“Das ist Gehacktes, mein Junge. Zigeunergehacktes.”

“Gehacktes? Ja.. ein.. Pfund..”

“Ein Pfund, wird gemacht. Für die Mutti, hm? Sonst noch ein Wunsch?”

“N- nein.., danke! Auf Wiedersehen.”

Ich nahm die erstbeste Videokabine und schloss die Tür. Es war so eng, ich konnte mich kaum wenden, es müffelte wie auf dem Dixie-Klo, trotz cws air control. Einmal wollten Lena und ich in so einer Kabine ein Nümmerchen schieben. Kaum hatten wir die Tür zugesperrt, pochte es schon.

„He! Ihr Beiden kommt mal schön raus da, aber zackig!“

Auf der Sitzbank lag eine Rolle Kleenex und glotzte mich tranig an, ich holte aus und kickte sie auf den Boden, nur ja nicht mit der Hand berühren. Hau bloß ab. Der Video-Bildschirm hatte 64 Programme, per Knopfdruck abrufbar, und zwar zur richtigen Zeit, wie ein Aufkleber suggerierte: Spürte der Masturbator, dass es ihm gleich kommt, brauchte er den Button nur weiterzupushen bis er in einem der 64 Pornofilme af eine Szene stösst, wo es dem Akteur auch gerade kommt, zur dekorativen Ejukalala.

Ich hatte eine Knastszene drin. PR 23. Wärter rammelte blonde Inhaftierte, zweiter Wärter kam hinzu, sich selbst rammelnd, wortlos. Dazu das  Stöhnen aus der Nachbarskabine.

„..endlich kümmert ihr euch um mein Fötzchen.. hab ich auch was davon..“

„blas ihn mir wieder hoch..“

„und jetzt.. zwei Schwänze.. ooh Mann..“

„das hat es ja nicht mal.. in Paris gegeben..!“

(Dabei war es in Paris genauso.)

„..super.. jaaa.. spritz alles raus.. gleich.. jaa.. jeeetzt.. hast du es geschafft..“

„He! Ich bin auch noch da..!“

Ich auch. Aber ich wollte gar nicht abspritzen. Ich wollte nur meine Konstitution prüfen. Pimmel-TÜV. Er stand so dreiviertel. Schlechtes Zeichen. Zu viel getrunken. Kommt es mir im Puff gleich zu schnell. Kann ich mir auch gleich einen kloppen lassen. Kommt billiger. Fragte sich bloß, wo der Puff überhaupt war. Es war schon ein paar Jahre her, und ich war besoffen und die Nutte war noch besoffener und wollte andauernd nur MEHR GELD, ich hatte aber kein MEHR GELD, also krallte sie sich als Trophäe meine weisse Kapitänsmütze, mir wars egal.

Ich konnte mich ansonsten nur daran erinnern, dass der Puff ein großer Kasten war, eine Kaserne, und Hinterm Bahndamm hieß. Und so lief ich durchs Bahnhofsviertel, die Hände in den Hosentaschen, und suchte den Bahndamm, nein, sogar Hinterm Bahndamm, was ein Schwachsinn alles, doch es trieb mich weiter, es trieb mich voran, unter dichten fleckigen Dezemberwolken. Ich irrte länger als eine Stunde umher, ohne Traute, jemanden nach dem Weg zu fragen.

Einmal begegneten mir zwei Kerle mit einem Kasten Bier in der Mitte, die hätte ich fragen können, doch dann waren sie schon weiter, bevor ich mich aufraffen konnte, sie anzusprechen. Weil jeder Einsame denkt, er fällt auf in seiner Einsamkeit, versucht er seine Einsamkeit zu kaschieren, als wäre es bloßer Zufall, die große Ausnahme, dass man gerade alleine unterwegs ist.

Je länger ich unterwegs war, desto bekannter kam mir die Gegend vor, das Viertel. Mir schien, als wäre ich hier schon mal mit dem dicken Hansen gewesen, um Haschisch zu kaufen.

Der Dealer wohnte in einer Sozialwohnung, und Parterre war ein Kiosk, das wusste ich noch, die verkauften nämlich Kölschbier in Düsseldorf. Nachdem der Dealer, ein langer hektischer Kerl, uns endlich geöffnet hatte, auf Klingelzeichen, verrammelte er die Etagentür gleich wieder, mit schweren Ketten und Sicherheitsschlössern. Und das bei meiner ausgewachsenen Bullenparanoia. Hinter der eine noch ausgewachsenere Knastparanoia steckte.

Die Dealerbude war nicht mehr als ein verwanztes Loch, Teppiche voller Brandlöchern. Das Licht kroch gelb und spärlich aus den Deckenschalen, aus mannshohen Boxen wummerte Rodigan’s Rockers, die wöchentliche Reggae-Show auf BFBS, dem britischen Soldatensender im Rheinland.

„Der Kerl hat soviel Material im Haus, das können wir in einem Jahr nicht wegrauchen“, hatte der dicke Hansen noch auf der Hinfahrt geprotzt, doch nun, wo wir da waren, da hiess es plötzlich:

Jungs, ihr müsst euch gedulden, der Brösel muss noch gepresst werden.

„Aber keine Angst, das geht schnell“, meinte der Dealer hustend. Er bot uns Rauchproben an. Es gab Türken und roten Libanesen. Ich wäre am liebsten auf der Stelle abgehauen, doch das Geld war Hansens Geld und wir waren mit seinem Wagen da. Der dicke Hansen hatte wie immer die Ruhe weg. Ein dicker Haschraucher, er wippte mit den Füßen zum Reggae, ein Reggae nach dem anderen, eine endlose Parade von Reggae – stets der gleiche verfluchte Rhythmus, einen vor, zwei zurück.

Wir teilten uns einen Bong. Das Wasser blubberte in der Flasche, als der Dealer plötzlich aufstand und nervös hin und her tigerte. Zwischendurch blieb er abrupt stehen und spähte aus dem Fenster, als erwartete er jeden Moment ein Sondereinsatzkommando, und dann geschah es. Der Bong war zuviel für meine Nerven, das Haschisch implodierte in mir, durchstach mein innerstes Pergament, ein böses Reissen, die Folge: Platzangst. Weitere Implosionen. Detonierter Bauch.

Der Typ hat doch nicht umsonst so ne Action gemacht mit seiner scheiss Wohnungstür, dachte ich, nein, dachte ES in mir. Und kippte. ES kippte. In mir. Dieses schiefe Gefühl, dass da etwas riss in mir, irreparabel, nicht rückholbar, ausgeliefert und auf ewig schief: Die alte LSD-Angst, im falschen Moment am falschen Ort das falsche Zeug zu nehmen.. Eigentlich dürftest du gar nichts mehr kiffen, hatte Lena mal gemeint. Wenn du noch Wert auf dich legst. Auf deine Seele.

Der dicke Hansen hielt den Autoschlüssel in der Hand und spielte damit wie mit einer Gebetskette, er war völlig unbeeindruckt von der Situation, in der ich gerade absoff, während der Dealer schon den nächsten Bong stopfte, zum Reggae nickend – dieser gottverflucht monotonen Marschierparade – ich muss mich abkühlen, muss mich runterholen, komm runter, Glumm, sag was, sag irgendwas, egal, irgendwas belangloses.. jetzt schien der Dealer etwas zu merken, er glotzte so komisch rüber, irritiert.

„Kennst du auch Soul Train..?“ fragte ich endlich, er verstand nicht, ich wurde lauter, mit ausrutschender Stimme, „..Soul Train.. auf BFBS.. immer mittwochs.. ob du das kennst“, doch er glotzte nur in seinen Bong und meinte desinteressiert, “Soul? Nee, Soul find ich nicht gut, ich kann nicht immer alles gut finden.”

Ich kann nicht immer alles gut finden. Da waren die 80er Jahre, gebündelt und geschnürt, in einem einzigen Satz:

Ich kann nicht immer alles gut finden.

Ja klar! dachte ich. Ich kann jetzt auch nicht gut finden, dass ich hier so blöd durchs Bahnhofsviertel stiefle, aber ich stiefle nun mal blöd durchs Bahnhofsviertel, auf der Suche nach dem Bahndamm, nach einem Puff, nach einer korrupten Möse, aber so ist das nun mal, also reiss dich zusammen und frag endlich irgendeinen Typ in deinem Alter, der dir entgegen kommt, wo der verdammte Bahndamm ist.

“Da vorn durch den Tunnel, die erste rechts und immer geradeaus.”

Hinterm Bahndamm. Da war es. Ich erkannte es sofort wieder. Vorm Eingang zum Kontakthof drückte sich eine Gruppe türkischer Männer rum, lamentierend, Kerne spuckend, rauchend. Ich ging rein in den Hof. Zwei Nutten lehnten an der Backsteinmauer.

“Kommste mit?”

Ich grinste.

“Da grinst der nur.”

Ich streifte die unterste Fensterreihe ab. Die meisten Vorhänge waren zugezogen. Auf den Scheiben pappten Zimmernummern, manchmal auch der Name. Gabi. YVONNE 65. In der Hofmitte, an den Münzgeldautomaten, scharten sich die Freier, die sich da den ganzen Tag den Schwanz in den Bauch standen, immer mit dem Ziel, für möglichst kleines Geld in die Kloake eines Weibchens einzudringen.

Dann sand sie neben mir.

“Magst du dich verwöhnen lassen..?”

Lederstiefel, dunkles Haar, freundliche Augen.

“Weiß nicht”, mehr kriegte ich nicht raus.

“Komm.”

Sie hakte sich bei mir unter. Mit dem Lift gehts drei Etagen hoch, Zimmer 55.

“Bist du das erste Mal hier?” fragte sie, als ich den Kabuff betrat, die Hände in den Hosentaschen.

“Was.. nein.”

“Wieso guckst du dich dann so um?”

Hm. Ein Bett mit roten und braunen Decken, zwei klapprige Stühle, ein Tisch, darauf eine Schale mit Präservativen und Bonbons. Ich zuckte mit der Schulter.

„Nur so.“

“Und? Was ist Sache? Schön bumsen und blasen?”

Ich stand da, verschwitzt. Die Fischangst meiner Hände.

“Nee. Nur runterholen.”

“Och”, sagt sie enttäuscht und zieht sich nicht weiter aus. “Kost vierzig Mark. Warum nicht schön bumsen und blasen?”

Ich legtee zwei Zwanziger auf den Tisch. Sie grabschte danach, stopfte die Scheine in eine Blechdose, zu anderen Scheinen.

“Na schön. Dann mach dir es mal bequem.”

Ich setzte mich auf den Bettrand.

“Schwanz waschen?” fragte sie noch.

“Nee.. Nachher.”

Ich liess die Jeans runter, sie setzte sich dazu, den Pullover knapp über die Titten hochgeschoben. Kalte Titten, schöne Titten.

“Wirklich nur wichsen hallelujah? Nicht schön bumsen und blasen?!”

Das lockerte mich, wenigstens ein bißchen.

“Nee, nur.. wichsen hallelujah.”

Ich legte mich auf den Rücken, mit aufgestützten Ellbogen. Sie nahm ein Kleenextuch und breitete es in Spritzrichtung über meinen Bauch aus. Wie ein kleines Auffangtuch sah das, von der Feuerwehr.

“Magst du geile Bilder sehen?”

Ich mochte nicht.

„Präser?“

„Nee.“

Dann machte sie es. Ich guckte ihr zu. Sie guckte sich zu. Sie machte es gut. Gekonnt. Ich schraubte kurz an ihren Titten rum, als wären es Fotos, und liess es schnell wieder sein.

“Spritz in die Luft!” rief sie, als ich kam.

Sie lächelte.

“Ging schnell, ne..?”, sagte ich, halb fragend.

“Naja. Bei manchen Typen muss ich das Ding nur berühren, schon explodieren sie.”

Sie ging zum Waschbecken.

“Komm, schön Schwanz waschen.”

“Nee. Lass mal.”

“Na, musst du wissen. Jetzt hast du schön leer gespritzt und du weißt, dass ich gut bin. Kommst du später noch mal wieder, schön bumsen und blasen.”

“Mh”, sagte ich, und nahm schön die Treppe.

Im Kontakthof schnitzte ich mir was markantes um den Mund rum, ich mein, wer weiß, vielleicht hat ja einer von den Pennern mitgekriegt, wie ich mit der Kleinen aufs Zimmer verschwunden bin, und jetzt, keine zehn Minuten später, bin ich schon wieder zurück. “Schnellspritzer”, höre ich sie mich verhöhnen, “dreimal hoch, dreimal runter, ha ha ha!”

Also schnitzte ich mir was markantes um den Mund rum, als wollte ich sagen: Ich hab mit der Kleinen nur ein Geschäft abgewickelt, oder ich hab sie auf die Schnelle erdrosselt. So lügte ich mich bis zum Ausgang, wo die Türken lamentierten, lebhaft mittlerweile und Pistazienschalen spuckend. Natürlich hatte niemand was mitgekriegt von meinem Puffbesuch und meiner Schnitzarbeit, geschweige denn mich ausgelacht. Männer im Puff interessieren sich für alles mögliche, nur nicht für andere Männer.

Ich wollte jetzt auch nur noch raus aus dem Bahnhofsviertel.

4

Straßenbahn Richtung Altstadt. Tags drauf war Heiligabend, die Leute hatten es eilig. Schoben sich in Kolonnen durch die Fußgängerzone. Vorm Kaufhaus Horten stand ein dicker Junge mit Brille und Sheriffstern, zu seinen Füßen eine Zigarrenkiste mit Münzen, er trällerte Adventslieder fünf Minuten vorm Stimmbruch.

Ich stoppte an einer Bratwurststube.

„Drei Reibekuchen.“

Das einzig Wahre nach einem nietigen Bordellbesuch.

„Mit Apfelmus?“

Na sicher. Was dachte der denn. Der Koch, er trug ein weiße Kochmütze, reichte mir den Pappteller über den Tresen und erkundigte sich bei dem Touristen neben mir, „May I help you?“

„Yes, Sir. We want wurst.“

Der Koch nickte in Richtung Schwenkgrill, auf dem Thüringer Bratwürstchen kokelten.

„A long one?“

Der Tourist schaute sich unsicher um, sucht seine Frau, die in einiger Entfernung das Gepäck hütete.

„Mh, from Heidelberg, this wurst?“

„Heidelberg?“ Der Koch nickte. „Yes. Heidelberg.“

Ich reihte mich ein in den Strom der Passanten. Verhätschelte Gesichter, andere aus der Asservatenkammer. Von der Helligkeit der Schaufenster angezogen, blieb ich vor einem Frisörsalon stehen, guckte mir schön die Auslage an, den neuen Look, Dreadlocks.

Ich könnte mir auch noch mal die Haare schneiden lassen. Immer nur Locken, dicke unordentliche Dinger, seit Ewigkeiten. Komm mir überhaupt so siffig vor. Keine Alte guckt mich mehr mit dem Arsch an. Also, los jetzt. Rein da.

“Womit kann ich dienen?”

Na ja, Haare schneiden. Ob ich einen Termin habe? Ich habe nicht sehr oft Termine. Nein. Der Geschäftsführer mustert mich geringschätzig und überfliegt eine offen liegende Kladde.

“Siebzehn Uhr hätte ich etwas frei.”

“Jetzt gleich geht’s nicht?!”

“Nein, leider. Sie sehen ja, alles besetzt. Tut mir leid.”

Ich sah da gar nichts, fand aber, dass er im Schritt stank und probierte es in zwei, drei anderen Salons, bei Gina schließlich hatte ich Glück. Kleiner Palast. Gina persönlich half mir aus der Jacke und bot mir einen Platz an, an einem Bistro-Tischchen.

“Möchtest du Kaffee?”

Sie servierte ihn postwendend und lauwarm. Ich schnappte mir eine Illustrierte, ein Stadtmagazin, wo Leute für eine Szene schrieben, die längst verreckt war an ihren eigenen Leuten, aber was redete ich hier überhaupt? Wen juckte das? Gina half mir da raus. Persönlich.

“Kommst du mit?”

Vor einer Galerie von zwanzig Spiegeln versank ich in einem ledernen Drehstuhl, Gina griff mir ins Haar.

“Steht dir doch viel besser so, kommen deine Augen mehr zur Geltung.”

Augen? Die ist gut. Trübe Glubscher. Blutunterlaufenes Material. Ich bin unrasiert und blass. Es juckt. Junge, bin ich lädiert. Seh ich scheisse aus. Bin ich froh, wenn der Mist runter ist.

“Stehst du mal auf?”

Sie band mir einen Kittel um.

“Noch einen Kaffee?”

Ich setzte mich und schaute mir ein bißchen die Stylisten an, wie sie um die Kundschaft herumwieselten und dabei Konservation machten, mit flatternden Augenlidern.

“Kommst du mal mit?”

Ich war hier nur am Mitkommen. Diesmal nicht mit Gina, sondern mit einer Rothaarigen. Lobsterrot. Es ging eine Etage höher, zum Haarewaschen.

“Such dir ein Waschbecken aus.”

Ich nahm das erstbeste. Behutsam drückte sie meinen Kopf in die Nackenschale, Wasser brauste durch mein Haar.

“Temperatur angenehm?”

Es gluckerte leise im Abfluss. Sie legte Shampoo auf und massierte meine Kopfhaut. Ich schloss die Augen und entspannet, fast schien es, als machte sie es zärtlicher als nötig, aber vielleicht war es auch der Hygiene wegen, egal, heute bin ich für alles am löhnen, für die Hure, für die Frisöse, für alle zarten Finger.

“So”, sagte die Rote, rubbelte mein Haar trocken, “fertig.”

Ich wendelte die Treppe runter, wieder auf meinen Drehstuhl.

“Magst du noch einen Kaffee?”

Will die mich verscheißern? Sie reichte mir das Stadtmagazin, das ich wortlos weglegte, und dann fing sie an. Zu reden. Sie redete und schnitt und redett und schnitt, bis ich mich irgendwann genötigt sah, auch mal was zu sagen, bloß – was? Ihr französisches Aussehen verleitete mich schliesslich zu der originellen Frage, ob sie Französin sei.

Sie lachte. “Nein. Italienerin.”

Gott sei Dank.

“Aber meine Mutter stammt aus Frankreich.”

Scheiße.

Sie trug ein schwarzes Leibchen, das viel Bauch herzeigte, und während sie mit scharfem Schnitt in meine Parade fuhr, versuchte ich einen Blick von ihrem Busen zu erhaschen, aber der war gut und feste eingepackt. Schließlich war es soweit. Der Struwwel war entpetert, und Gina rasierte schon meinen Nacken aus. Sie präsentierte mir ihr Werk. Ich war hart an der Grenze zum Hautkopf. Doch, sehr diszipliniert. Gina föhnte, Gina gelte.

“Pass nur auf. Gleich auf der Strasse guckt sich jedes Mädel nach dir um.”

“Ich nehme dich beim Wort”, sagte ich, und zahlte vierzig Mark.

„Hier“, Gina reichte mir ihre Visitenkarte, “falls du mich weiterempfehlen möchtest.”

Draußen hatte ich dann die Kälte am Hals, sehr ungewohnt, dieser ungehinderte freie Zugang zur Kälte. Ich taxierte einige schöne Düsseldorferinnen, he, alle mal herschauen, der Onkel war beim Frisör, doch die Resonanz war dürftig. Was möglicherweise auch an meinem Outfit lag. Also – keine halbe Sachen. Eine neue ganze muss her. Sache. Hose. Stangenware. Warenhaus. Hier gab es die neuen ganzen Sachen. Hosen. Herrenmieder. Stangenware.

Aus Jux probierte ich eine Bundfaltenhose, die passte sogar, war mir aber doch zu affig. Was mir gefiel, waren schwarze verwaschene Jeans in Karottenform. Ich nahm ein paar mit in die Umkleidekabine, die roch nach grober Leberwurst. Oder waren das meine Schweißfüsse? Eine Hose war mir zu weit, schlabberte an der Taille, die nächste Karotte war zu kurz, eine weitere zu eng. Ich kam einfach nicht zurecht mit den amerikanischen Größen. Gab entnervt auf. Stolperte durch die einbrechende Dunkelheit, die vorweihnachtliche Meute. Keine Sau nahm Notiz von mir.

Ich versuchte es im Kaufhof. Ging zielstrebig auf den Verkäufer zu, ein Asiate mit langem roten Lederschlips.

“Meine Bundweite”, sagte ich, „brauch ich.“

Er verstand nicht, ich wiederholte, er verstand und holte ein Zentimeterband.

“Was suchen Sie denn?”

“Schwarze Jeans in Karottenform”, erklärte ich bündig, er nickte und verschwand und schleppte wenig später einen Haufen Hosen an, nur die nicht, die ich meinte. Ein deutscher Oberverkäufer stiess hinzu.

“Kann ICH Ihnen weiterhelfen..?”

Er bedeutete dem Chinesen, sich vom Acker zu machen.

“Mein Kollege ist ganz neu hier”, sagte er entschuldigend, und ich trug dem Glattarsch auf, mir eine Karotte zu besorgen. Er brachte drei Stück in verschiedenen Größen, ich machte Leberwurst aus der Kabine, die Jeans passten alle drei, mehr oder weniger, ich entschied mich für die engere und behielt sie gleich an.

Mittlerweile war es dunkel geworden, dennoch versuchte ich das weibliche Düsseldorf zu provozieren, mit flackerndem Blick. An der Straßenbahnhaltestelle Richtung Hauptbahnhof gelang tatsächlich ein Flirt mit einer hinreißenden Dunkelhaarigen, bis sie einstieg und abrauschte, ohne sich noch mal umzudrehen, blöde Kuh.

Schnellbahn zurück nach Solingen. Ich starrte nur noch aus dem Fenster. Dingsda e pericoloso. Bitte nicht hinauslehnen. Ja genau. Mir doch egal. Fall ich eben raus. Bin ich eben tot. Aber tot mit Kurzhaar. Mein Gegenüber, ein Türke, machte mich per Handzeichen auf das Kärtchen aufmerksam, das mir aus der Jackentasche gerutscht war. Ich hob es auf. Endstation. Noch vom Bahnsteig aus rief ich die Nummer an und fragte, was sie mir denn da versprochen habe, so leichthin.

“Wie..? Wer.. spricht denn da?”

“Na, der Kerl, dem du eben die Locken geschnitten hast.”

“Ah.. ja.. und was hab ich dir versprochen?”

“Na, dass sich jedes Mädel nach mir umdreht. Das haut nicht hin. Lüge!”

Gina gackerte.

“Du darfst nicht aufgeben.”

“Ja”, sagte ich, und legte auf.

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10 Gedanken zu „Komma ich blute, oder: Der 23. Dezember 1985

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