Heiligabend 85

Das Telefon Modell Hamburg stand nie woanders als mitten auf dem Küchentisch. Jeder, der zu Besuch kam, bestaunte den Riesenapparat für Sehbehinderte, dessen Tasten sich bequem mit Boxhandschuhen bedienen liessen und den wir nur aus einem einzigen Grund gekauft hatten: Wer im Telefonladen im untersten Regal versteckt wurde, wer so ein hässlicher Aussenseiter war, eine humpelnde Riesentöle, der hatte es verdient, von uns gekauft zu werden.

Modell Hamburg war ein Monster von einem Tastentelefon, aber es gab keine Lautsprecherfunktion zum Mithören, keine integrierte Mailbox, keine Vorwahlfunktion, nichts, gar nichts – mit Modell Hamburg konnte man lediglich anrufen und angerufen werden, fertig, aus. Das Innenleben dieses großen Sonderlings musste aus massiv Luft bestehen. Vielleicht lag das Geheimnis des Universums in diesem Gehäuse verborgen, meinte ich zu Karlos. Platz genug war vorhanden.

Modell Hamburg hatte geläutet. Die Friedhofsverwaltung war dran, Karlos solle sich sofort auf die Socken machen. Einer der Träger für die 11 Uhr 15-Beerdigung war ausgefallen. Die Stimme des Friedhofverwalters verriet Panik.

„Gottseidank sind Sie daheim.“

„Dabei wollte ich mir genau den Termin schenken“, krächzte Karlos verärgert. „Für den fetten Sack bräuchte man eigentlich fünf Mann.“

Er schnürte sich die schwarzen Treter zu und rotzte in die Spüle. Er war erkältet. Auch ich war am Morgen neben einem Hügel Taschentücher wachgeworden, über Nacht von der Ofenluft getrocknet, und als ich in eins der steif gewordenen Tempotücher reingeschneuzt hatte, war der Schnodder zu den Seiten rausgequollen und mir über die Finger gelaufen. Der Ausflug tags zuvor hatte mir den Rest gegeben, als ich viel zu dünn angezogen durch Düsseldorf geirrt war.

„Was machst du heut Abend?“ fragte ich Karlos.

„Ich geh zu meinen Eltern. Wieso? Du nicht?“

„Doch, schon. Danach, mein ich.“

„Am Schaberg soll ne Heiligabendfete sein.“

„Von wem?“

„Na, diesem Heinz, der mit der Ex vom Monschi zusammen ist.“

Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wer Heinz geschweigedenn die Ex von Monschi war, aber es tat sich immerhin eine Perspektive auf.

„Wir sehen uns“, knurrte Karlos und zog los Richtung Friedhof, eine korpulente Leiche unter die Erde bringen. „Das wird ne Mordsarbeit. Die Sau wiegt fünf Zentner. Hoffentlich halten die Seile.“

*

Bis in den Nachmittag blieb ich im Bett. Zog einen weiteren Hügel vollgerotzter Tempotaschentücher hoch und las lustlos im Kuss der Spinnenfrau. Ich hätte lieber was witziges gelesen, aber in der ganzen Bude war nichts aufzutreiben, worüber ich nicht schon gelacht hätte.

Ich lag auf dem Bett und stierte zur Decke. Dachte an Heiligabend im Jahr zuvor, als mit Lena mal wieder Schluss gewesen war. Weil ich nicht allein bleiben wollte, ging ich zur Bescherung zu meiner Schwester rüber. Mit meinem Schwager und meinem Bruder machte ich ein Fass Bier leer, und irgendwann nach Mitternacht tauchten Karlos und sein Bruder auf, um mich abzuholen. Irgendwo war Party, und vorher wollten wir auf einen Sprung zu mir, eine Tüte rauchen.

Ich war so betrunken und voller Hass auf Lena, dass ich, kaum, dass wir meine Wohnung betreten hatten, schon die Faust in der Milchglasscheibe der Badezimmertür hatte und sie mit bloßer Hand einwichste. Auf dem Weg zur Party am Frankfurter Damm saute ich im Auto von Karlos Bruder den Rücksitz ein.

„Glumm, du Sau, pass auf, wohin du blutest! Das krieg ich nie mehr raus aus dem Polster!“

Auf der Fete angekommen, stürmte ich gleich ins Bad, weiterbluten. Ich seh mich noch auf dem Wannenrand hocken, vor mir Schnaat, der mir ein ums andere Mal die Hand verbindet, weil ich mir das Mullzeugs immer wieder abreisse, wie ein störrischer alter Knecht, dem zwar bewusst ist, dass er gerade Schwachsinn fabriziert, aber irgendwie keinen anderen Ausweg sieht. Schliesslich führte Schnaat mich aus dem Badezimmer.

„Aus dem Weg! Das klirrende Christkind kommt!“

*

Ein Jahr später. Da meine Schwester samt Familie in Wintersport gefahren war, sollte die Bescherung bei meinen Eltern im kleinsten Kreis stattfinden. Gegen halb fünf Uhr klingelte Modell Hamburg: wo ich denn bliebe.
„Ich geh jetzt los, ja“, krächzte ich und schleppte mich über Wupper- und Bleichstrasse den steilen Klauberg hoch, zur Schillerstrasse.

„Ha! Ein Igel!“ rief Vater bei meinem Anblick, auch Mutter war baff. „Die schönen Locken. Was hast du denn gemacht?“ Mein Bruder begnügte sich mit einem Lachanfall.

Es gab Kaffee und Christstollen.

„Den hab ich mit Haferflocken gebacken“, erklärte Mutter. „Weil Papa sonst Bauchschmerzen kriegt, wenn ich Butter nehme.“

Wohltemperiert, im Hintergrund, lief Weihnachtsmusik. Stille Nacht.

„Scheiss Wetter, ne?“ meinte Vater.

Das Wetter war mehr und mehr sein Lebensthema geworden. Er zog sich eine Wetterkarte nach der anderen rein. Es war ihm unbegreiflich, dass meine Schwester, mein Schwager und ihr kleiner Sohn in einer Tour in die Schweiz durchfahren wollten, ohne irgendwo eine Übernachtung einzulegen.

„Ist doch viel zu gefährlich bei dem Wetter.“

Und wenn ich spät am Abend nach Hause gehen sollte, dann nur mit einer seiner Pudelmützen, wegen meiner schweren Erkältung. Manchmal hätte ich platzen können bei all dieser verfluchten Übervorsicht, die bei uns Kindern ihre Spuren und Schäden hinterlassen hatte, doch an diesem Tag legte mich die Grippe lahm und ich konzentrierte mich darauf, einen weiteren Hügel Tempotaschentücher hochzuziehen, diesmal auf der Marmorplatte über dem Heizkörper, gleich neben dem goldenen Rauscheengel, der sich wild im Kreise drehte, angetrieben von aufsteigender Heizungsluft.

Vater liebte es, von seiner Zeit als Soldat zu erzählen. Als 18jähriger Bursche war er 1945 für zwei Jahre in englische Kriegsgefangenschaft geraten. Zunächst in Schottland kaserniert, verlegte man die kleine Truppe bald an die englische Südküste, ins Seebad Bournemouth, wo aus Gefangenschaft eine Art Strandferien wurden.

„Vorarbeiter Johnny hiess für uns nur der Rubber Dog.“

„Rubber Dog? Gummihund?“

„Genau, weil er ständig hin und hersprang wie ein Flummi und uns anfeuerte, wir sollten schneller arbeiten. Aber nur am Anfang. Als wir uns alle besser kennenlernten, wurde der Rubber Dog fast so etwas wie ein Kumpel.“

Die Kriegsgefangenen mussten dicke Elektrokabel verlegen und die dafür nötigen Gräben ausheben, dann wurden sie zum Strand versetzt, um Befestigungen abzubauen. Dazu wurden ihnen ein Bauwagen gestellt.

„Im Strandgut waren ne Menge Sachen, die man gut gebrauchen konnte. Sackleinen zum Beispiel, aus denen wir aus Langeweile einfache Badelatschen bastelten und an die englischen Urlauber verhökerten. Den Bauwagen hatten wir kurzerhand zum Verkaufsstand umfunktioniert, an der Tür hing eine Preisliste aus. Den Erlös mussten wir natürlich mit Rubber Dog teilen. Das ging den ganzen Sommer über gut, bis irgendwann englische Offiziere dahinterkamen.“

Im ersten Weltkrieg hatte der Rubber Dog in Köln als Besatzungssoldat gedient und etwas Deutsch gelernt. Nun musste ihm mein Vater regelmäßig lange Worte aus dem Solinger Tageblatt vorlesen, das meine Großeltern abonniert hatten und mit der Militärpost täglich Richtung Bournemouth verschickten, an den Soldat Glumm.

„Rubber Dog war ganz heiss auf lange deutsche Worte, davon konnte er nicht genug kriegen. Wenn ich aus dem Sportteil Wadenbeinbruch vorlas, kriegte er sich kaum ein. Kilowattstunden kam auch gut, aber am besten war das schöne deutsche Wort Tohuwabohu. Beim Gewehrpolieren saß der Rubber Dog im Sand und leierte Tou-huu-wah-bou-huuuu runter, bis ihn die Offiziere verwarnten.“

Vorm Abendessen wechselten wir ins Wohnzimmer, wo die von Vater aufgebaute die Stadt darauf wartete, gewürdigt zu werden. Die Stadt war eigentlich ein Dorf, doch niemand in der Familie wäre auf die Idee gekommen, die Stadt ein Dorf zu nennen.

Mein Vater baute sie jeden Weihnachten auf, sie war seine ureigene Krippe. Auf einer großen ausgedienten Modelleisenbahnplatte standen einige Dutzend selbstgebastelter kleiner Häuschen, teis aus Papier und im bergischen Fachwerkstil, es gab Kirchen und eine Parkanlage, grüne Gaslaternen in den Strassen, eine Burg auf dem Hügel. In den Häusern, hinter bunten Fenstern aus Pergamentpapier, baumelten winzige Glühbirnen, deren Licht behagliche Stimmung ausströmte. Dazu der Kunstschnee, der fast die gesamte Modellstadt bedeckte, nur im Hinterland gab es einige saftige Wiesen aus Moos, das am Tag vor Heiligabend traditionell im Wald gesammelt worden war, in einer heiligen Familien-Aktion. Die gesamte Kindheit über hiess es an diesem Vormittag: ab in den Wald, mit Schüppe und Eimer, zum Moos-Sammeln. Bis in den Januar hinein roch es in der gesamten Wohnung nach feuchter Erde und Wald, und ich liebte es.

Onkel Fitting drehte in den 60er Jahren einen kurzen Trickfilm in der Stadt, in der Stop-Motion-Technik, wo Objekte für jedes einzelne Filmbild leicht verändert werden. Bei der Präsentation saß ich als Knirps mit grossen Augen vor der Leinwand und konnte kaum glauben, dass die Kutschen plötzlich losfuhren, wenn auch ruckelnd, und warum in der Waldschänke ZUM LANDSKNECHT die Räuber ein und ausgingen, während die Bürgerschaft auf die Burg floh und feine Damen unter ihren Sonnenschirmchen empört durch den Schnee liefen. Als am Ende des Films ein silbriges Raumschiff auf der Puderzucker-Chaussee landete und Kieselsteine aufflogen, ein typischer Onkel Fitting-Gag, hielt es mich nicht mehr auf dem Sitz.
„Das geht doch nicht!“ rief ich begeistert. „Unmöglich!“

Mutter räumte die Reste der Kaffeetafel ab und erzählte, dass Conny dagewesen war und ein Geschenk für mich dagelassen hatte. Ein Plüschtier. Was rosanes.
„Das ist so ein liebes Mädchen“, schwärmte Mutter.
Conny war so was wie meine erste Freundin gewesen, lange vor Britta und Lena, eine Ewigkeit her. Dennoch blieb sie für meine Mutter lange der Inbegriff einer Schwiegertochter. Danach kamen, in ihren Augen, nur noch Schlampen, die ihre schmutzigen Höschen in meiner Wohnung verteilten. (Jedenfalls, bis die Gräfin auftauchte.)

Ich erklärte Mutter zum hundertsten Mal, dass ich mit lieben Mädchen nichts anfangen könne, weil ich selbst lieb genug sei.
„Versteh ich nicht“, meinte Mutter, hinterher verstand sie es dann doch.
„Du brauchst schmutzige Höschen.“
„So siehts aus, Mutti.“

Später gab es Schinkenröllchen mit Spargel, die selbst meinen Bruder aus seinem Bau lockten, wo er sich mit seinem neuen Tele-Spiel Zehnkampf Olympiade verschanzt hatte.
„Stabhochsprung bin ich bei sechs Metern.“
„Gratuliere“, sagte ich. „Noch drei Zentimeter bis Bubka.“
Ich hatte kaum Appetit. Selbst das Flaschenbier, das mein Vater extra besorgt hatte für meinen Bruder und mich, lief nicht.
„Wer ist Bubka?“ fragte meine Mutter neugierig. „Auch so ein Popsänger?“
„Genau“, sagte ich. „Sergej and his Bubkas.“

Mein Bruder, 20, einen Kopf grösser als ich, trug einen Vollbart und das Haar so lang, als hätte der späte Jim Morrison am Tisch gesessen. Und die Schinkenröllchen kloppte er sich schneller rein als ich in D’dorf hinterm Bahndamm bedient worden war.
„Hab ich euch die Story von Carsten erzählt?“
Carsten war ein Kumpel von ihm.
„Carsten fährt in Spanien auf der Autobahn, hintendrin zwei Tramper. Zwei Franzosen. Da überholt ihn ein Citroen mit französischem Kennzeichen. Der Beifahrer fuchtelt wild mit den Armen und deutet auf Carstens Scheibe, er soll sie runterdrehen..“
Mein Bruder legte eine kleine Pause ein.
Zeit für ein Schinkenröllchen.
Glas Bier.

„Carsten schnallt erst überhaupt nicht, was los ist, auch die beiden Tramper hintendrin kapieren nicht, was der Franzose will, jedenfalls rollt Carsten die Scheibe runter und im gleichen Moment kommt der Citroen so nah an Carsten ran, dass die Wagen sich fast berühren, Tür an Tür, bei voller Fahrt..“
„Nein..!“ hielt es meine Mutter kaum noch auf dem Stuhl.
„Du Scheiße“, murmele ich.
„..da schraubt sich der Beifahrer aus dem Fenster des Citroens und lehnt sich bei Carsten rein, ist echt wahr, fummelt ihm am Lenker und lamentiert lauthals auf französisch, bis er sich so plötzlich, wie er sich reingedreht hat, auch wieder zurückzieht..“
Kunstpause.
„..und die Franzosen beim Carsten hintendrin kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen und erklären ihm, dass der Typ nur wissen wollte, wie schnell sie fuhren, weil das Tacho im Citroen kaputt war.“

Mutter sackte in sich zusammen, und ich fragte mich, ob Carsten zu viel Action-Film geguckt hatte.
Mutter goss Tee nach.
„Stellt euch vor, das wäre Papa auf der Autobahn passiert, dass sich einer in sein Auto reinbeugt, bei voller Fahrt. Da hätte er ja einen Herzinfarkt gekriegt.“
„Ich glaub, ich wär erst mal langsamer gefahren“, hielt Vater dagegen, „dann wäre der Franzmann Meter für Meter ein Stück länger geworden, und in Barcelona hätte er einen Hals gehabt wie ne Pipeline.“

Stunde später. Auf der Marmorplatte über der Heizung war die nächste Skyline aus Taschentüchern hochgezogen. Ein Statiker hätte seine grünliche Freude daran gehabt, wie Dinge funktionieren, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Ich war so erledigt von der Erkältung, dass ich mich schon um halb Zehn verabschiedete.

Zu Hause am Kannenhof. Modell Hamburg lag still im Mondlicht, wie die Burg in der Stadt. Ich haute mich ins Bett und las im Kuss de Spinnenfrau, als das Telefon doch noch läutete.
„Hier ist der dicke Hansen.“
So dick war der dicke Hansen damals nicht mehr, aber was sollte er sich deswegen gleich mit Hering melden.
„Was ist los?“ fragte ich.
„Na, die Party. Kommst du gleich mit?“
„Nee, ich glaub nicht. Bin so schlapp. Erkältet.“
„Äh, der schlappe Glumm. Was ist mit Karlos?“
„Der ist nicht hier.“
„Wo isn der?“
„Keine Ahnung. Bei seinen Eltern. Ruf da mal an.“

Halbe Stunde später fuhren der dicke Hansen und Karlos vor, um mich einzusammeln, und zu viert ging’s auf die übliche scheiss Heiligabend-Party.

2 Gedanken zu „Heiligabend 85

  1. wir hatten ja noch die chinakracher und vorallem die stinkbomben fand ich immer klasse
    falls keiner merkte falls es stinkt..hihi
    für meinen neusten rachefeldzug hab ich mir pisse eingemacht
    in einer 1,5 liter pulle ohne kohlensäure
    ich hatte gehört das in die luftanlagen beim auto vorne entzündet selbst die rotbäckchen vor scham und vor allem geruch…

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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