Ein komischer Sheriff

Als der Regen eine Pause einlegt, setze ich mich auf ein paar Notizen in die Malteser Gründe, dem Stadtpark hinterm Haus der Jugend. Ein nostalgischer Ort. Als Jugendliche haben wir hier ganze Nachmittage Fußball gespielt, und aus dem Gebüsch kamen Geräusche: Als Lena und ich aus den Sträuchern traten, uns tat der Rücken weh von den spitzen Steinchen, wurden wir mit Applaus empfangen.

Fünfundzwanzig Jahre später nähert sich ein Typ, vorsichtig, etwa mein Alter. Er trägt ein Käppi, darunter schütteres Haar. Rötlicher Schnauzbart. Armee-Klamotten.

„Morgen“, sagt er.

„Morgen“, sag ich.

„Ist trocken?“

„Hier schon.“

Unsicher wischt er mit der Hand über die Sitzfläche der Bank, bevor er sich niederlässt.

„Nix los heute, wa?“

„Keine Ahnung. Ich bin selten hier. Früher haben wir hier oft rumgehangen.“ Ich zeige auf die entgegengesetzte Seite des Parks. „Da war da drüben das große Zeltdach, unter dem Pop-Gruppen auftreten sollten, ist aber nie eine aufgetreten. Haben immer nur wir rumgestanden und Karlsquell gesoffen, Dose neunundreißig Pfennig. Aber irgendwann waren die wilden Zeiten vorbei.“

Zuletzt fühlte ich mich nur noch schlecht, wenn ich mit den alten Kumpels zusammensaß, wie im Wiederholungsspiel vom Wiederholungsspiel. Kein einziger Stürmer stand mehr auf dem Feld, nur Verteidigerreihen. Jeder verteidigte das bißchen Vergangenheit, das er in die Gegenwart hinübergerettet hatte, es war kein Durchkommen mehr.

„Und sonst? Was machst du sonst so?“ Der Typ glotzt auf das Notizbuch in meinen Händen. „Studium?“

„Nee, ich.. ach, nur so.“

„Hast du vielleicht siebzig Cent übrig, fürn Bierchen? Was meinst du?“

Normalerweise rücke ich einen Euro raus, wenn mich jemand anspricht, aber irgendetwas wehrt sich in mir. Dabei ist der Typ nicht mal unsympathisch. Er könnte auch im Wilden Westen auf der Bank sitzen, als Hilfs-Sheriff. Hilfs-Sheriff Schmitz.

„Nee“, sag ich. „Die Kohle brauch ich selbst.“

Er zieht ein verknülltes Päckchen Tabak aus der Army-Jacke, und nickt matt.

„Ist schon okay. Ich dachte ja nur. Ein Bierchen.“

Er hat nikotingelbe Reval-Finger, auch wenn er gar keine Reval raucht. Kein Mensch raucht mehr Reval. Nur die Finger gibt es noch.

„Ich hab auch mal ein Buch geschrieben, vor zehn Jahren. Als die Zeiten noch gut waren. War ein Bestseller.“

Ich lege das Notizbuch weg.

„Du hast ein Buch geschrieben..??“

Er stiert auf seine Hände. „Ja. Was Frauen an Männern lieben. Vierhundertzwanzig Seiten. Mit Kreuzworträtsel und so. War alles drin. Aber ich schreib nicht mehr.“

Mit Rätsel. So so..

„Und wo hast du veröffentlicht?“

„Bertelsmann. Das Manuskript muss zuhause noch irgendwo rumfliegen. Ist damals sofort angenommen worden. Vierhundertzwanzig Seiten. War ein Bestseller. Was Frauen an Männern lieben.“

Seine prompten Antworten überraschen.

„Und jetzt schreibst du nicht mehr?“

„Nee. Jetzt nicht mehr, ich hab.. den Faden verloren. Zuviel Tod.. überall. Erst ist meine jüngste Tochter gestorben. Blutkrebs, da war sie sieben. Dann meine Schwester. Mein jüngster Bruder. Zuletzt meine Frau. Da machst du nichts. Demnächst stirbt wieder jemand. Garantiert. Ich hab so einen schwarzen Anzug zuhause. Den brauche ich gar nicht mehr auszuziehen.“

Bei Trinkern ist oft nicht auszumachen, sind das Tränen, die sich in den Augen sammeln, oder ist es der noch nicht befriedigte Suff am Morgen. Der Sehnsuff.

„Dahinten, die kenn ich“, sagt er und sein Gesicht belebt sich. Zwei Mitarbeiter vom Ordnungsamt schreiten den Park ab, als schwarz gekleidete Majestäten. Eine trägt sogar Zopf.

„Hab ich mal gearbeitet, beim Ordnungsamt, aber die Stadt hat mir gekündigt, aus..“, er lächelt, „..disziplinarischen Gründen. Ich hab nicht genug Leute angeschwärzt. Ich hab ne soziale Ader. Wenn Penner im Park waren, hab ich mich dazugesetzt und ein Bierchen getrunken, du weißt schon..“

Ja, ich weiß.

„Die Penner waren nicht das Problem, mit denen bin ich gut ausgekommen, aber die ganzen Ausländer..“

Jetzt kommt’s, denke ich. Kommt ja immer. Die Ausländer.

„Solingen hat hundertsechzigtausend Einwohner, was glaubst du, wie viele davon Ausländer sind?“

„Hm. Zwanzigtausend?“

„Ja, früher vielleicht! Heute sind es locker..“, er verfolgt die ehemaligen Kollegen mit wässrigem Blick, „..dreißig.. ach was, vierzigtausend! Das Doppelte! Und dazu noch die ganzen Illegalen. Wenn du alles zusammenrechnest, bist du locker bei hundertfünfundneunzigtausend..! Musst du dir mal vorstellen!“

All der Schrott, der aus ihm heraussprudelt, addiert sich zu einem metallenen Parfüm, er schwitzt wie ein Altmetallhändler. Altmetall Schmitz. Als er bemerkt, wie angestrengt ich durch den Mund atme, wechselt er das Thema. Eher nebenbei erwähnt er, dass er vier Jahre abgesessen habe, in Wuppertal. Am Simonshöfchen. Als ich ihn nach dem Warum frage, „vier Jahre sind ja nicht ohne“, wird er einsilbig, und ich muss schon zweimal nachfassen, bevor er mit der Sprache herausrückt.

„Wegen versuchten Totschlag.“

Er starrt in den Himmel.

„Siehst du das Loch da oben, in den Wolken? Wo die Sonne wohnt? Warum saugt die mich jetzt nicht einfach auf?“

Ich greife nach dem Notizbuch. Hinterher hab ich wieder alles vergessen.

„Ich war damals in der Hooligan-Szene..“

„Welche Hools?“ frag ich, ganz Reporter plötzlich. „Welcher Club?“

„Na, die Union!“

„Jo. Eisern Union. Klar.“

Die Union hatte schon immer einen harten Hooligan-Kern, der mit den Fortuna-Hools aus Düsseldorf kooperierte.

„Also, wir waren in St. Pauli, beim Auswärtskampf.“

Pause.

„Und?“

„Was und?“

„Was ist passiert??“

„Na, was schon! Der Pauli lag auf dem Boden und ich hab immer weiter geboxt. Ich hab die Sau fast totgemacht.. Scheisse.“

Die beiden Majestäten vom Ordnungsamt erreichen uns. Sie sind im Gespräch, würdigen uns keines Blickes. Der Sheriff ist ganz bleich. Ich stecke ihm den Euro zu. Ich hab, was ich wollte. Bißchen Futter fürs Notizbuch. Er braucht ein Bier. Ich verabschiede mich.

„Wie heißt du überhaupt?“

„Mike.“

Wir geben uns die Hand.

Zwanzig Minuten später, ich musste in der Stadt kurz was erledigen, nehme ich auf dem Heimweg die Abkürzung über den Friedhof, und da seh ich ihn, Mike. Er steht vor einem Grab. Ganz still, den Blick zu Boden, er betet. Dennoch sieht er mich vorübergehen.

„Tja, so ist das..“, sagt er mit zittriger Stimme.

„Ein Kumpel?“

„Ein Kumpel..? Was? Nee.. Meine Frau.“

Als ich den Ausgang erreiche und mich noch mal umdrehe, sehe ich ihn liebevoll die akkurat gestutzte Hecke streicheln, die das Grab einfasst.

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2 Gedanken zu „Ein komischer Sheriff

  1. „Siehst du das Loch da oben, in den Wolken? Wo die Sonne wohnt? Warum saugt die mich nicht einfach auf?“
    Das ist wohl das traurigste Zitat, das ich seit langem gelesen habe.
    Und „Sehnsuff“ – brilliant!

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