Der Mann, der in mir wohnt

Es war ein früher Morgen im Herbst, als ich mit dem Hund aus dem Haus ging und umfiel. Ein Gefühl, als wäre der Mann, der in mir wohnt, die enge Wendeltreppe hinuntergelaufen, und als er unten ankam, bohrte sich die Treppe weiter in den Erdboden, und er geriet ins Taumeln. Er strauchelte. Stürzte.

Saß auf seinem Hintern. Unter mir das vom Dauerregen der letzten Tage aufgeweichte Gras. Der Hund wedelte entsetzt mit dem Schwanz, kam aber nicht näher. Blieb, wo er war. Paar Meter entfernt.

„Wenn ein Mann hinfällt“, so hat es die Gräfin mal formuliert, „sind die Umstehenden unangenehm berührt. Wenn der sich schon nicht mehr auf den Beinen halten kann, was ist dann mit meinem mickrigen Dasein?“

Ich versuchte aufzustehen, und fiel wieder um. Dieser kolossale Rechtsdrall. Wie vom Magneten befohlen. Saß ich auf der Wiese, hilflos, der Hosenboden feucht.

Zwei Schulmädchen kamen die Straße hoch, unterhielten sich im Zwielicht.

„Hilfe..“, sagte ich leise. Es klang beinah wie eine Frage.

Die Mädchen blieben stehen.

„Könnt ihr.. mir helfen?“

Sie starrten in meine Richtung. Da saß ein Mann im Morgengrauen auf seinem Hintern, im Vorgarten. Nicht weit entfernt ein Hund. Es war fast noch dunkel. Regen fieselte im gelben Laternenschein.

„Ich weiß nicht, was los ist..“, sagte der Mann.

An der Wand eine gespenstisch schnelle Dia-Show: Der Notarztwagen, der durch die Stadt prescht, die Ambulanz im Krankenhaus, Infusionsständer. Ich sah einen Schlaganfall, ich sah einen epileptischen Anfall, ich sah mich nackt auf dem kühlen OP-Tisch. Menetekel, und da war auch die Gräfin zu sehen, meine Gefährtin. Sie lag im Bett, keine zehn Meter entfernt, dazwischen die dicke weiße Hauswand. Sie schlief noch, und wusste von nichts.

Die Mädchen standen auf der vom Regen glänzenden Strasse. Irgendwo fuhr ein Wagen los. Da war auch Wind, mit einem Mal, der den Berg hochfegte. Ich sah zum Hauseingang. Das Flurlicht brannte noch.

Ich hatte mich gebückt im Hausflur, dem Hund das Halsband umgelegt, ich hatte mir die Schuhe zugebunden. Ich hatte zwei große Espresso gehabt, und zwei Zigaretten auf nüchternem Magen. Es war wie immer gewesen. Nach einer Nacht ohne viel Schlaf.

„Könnt ihr.. reingehen, Bescheid sagen?“

Meine Stimme war schwach. Ein Rinnsal.

„Bescheid sagen..? Wo?“

„Also, da drin.. Wo ich wohne.“

Ich zog die Beine an, und schloss die Augen. Der Kreislauf, dachte ich. Ist nur der Kreislauf. Ein heftiger Schwindel. Der Sturz ins Lose. Wo der Mann wohnt. Saß ich auf der Wendeltreppe, auf dem letzten Absatz, tief in der Erde, unten – verloren.

„Schon gut..“, stammelte ich, „.. schon gut.“

Ich erhob mich vorsichtig und ging, vom Hund begleitet, die paar Meter zum Hauseingang. Schritt für Schritt. Wie auf Wolldecken, barfuß. Unter mir ein gähnendes, riesiges, weiches Überhauptnichts. Da die Haustüre nicht ins Schloss gefallen war, reichte es, sie aufzudrücken.

„Komm“, sagte ich zum Hund.

Im Flur setzte ich mich auf die Treppe, das Flurlicht erlosch. Ich saß im Dunkeln. Die Tür war zu.

Ich atmete.

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu „Der Mann, der in mir wohnt

  1. Pingback: links for 2011-01-26

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.