Der weisse Prinz

Schon bevor er Freitagabends die Tür zum überfüllten Mumms aufstieß, hörte man seinen heiseren Gesang den Bürgersteig hochkommen:

„..linkes Bein hüpft hin und her – rechtes Bein tut sich nicht schwer – zwei Beine gehen von ganz allein – in das nächste Wirtshaus rein..“

Das Trinklied hatte er irgendwo aufgeschnappt, doch wie immer, wenn er etwas aufschnappte, was ihm gefiel, machte er es zu seiner eigenen Sache. Die Tür flog auf,  und eine kapitale Kinnlade schob sich hinter der Eingangssäule hervor: ein Löffelbagger, der sich knarzend den Weg zum Tresen freimalmte.

„Platz da, ihr Haderlumpen!“

Benzini war da. Das Wochenende konnte losgehen.

*

Sonntagnacht, ein Uhr. Das Wochenende war praktisch gelaufen. Als die Glocke des Zapfers die letzte Runde einläutete, verließen Benzini und ich das Mumms. Vorbei an mächtigen alten Fabrikhallen und den efeubewachsenen Villen der Schneidwarenfabrikanten, die in der Dunkelheit dastanden wie die Herren Konsul beim letzten Häppchen-Empfang, ratlos, zogen wir Richtung Eissporthalle, um seinen Wagen zu holen.

„Blöde Funz“, krächzte Benzini, „macht einen Hampelmann aus mir! Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?!“

Benzini hatte einen kräftigen untersetzten Körper und Säbelbeine. Der Zorn hatte ihn ernüchtert, und mit jeder neuerlichen Aufwallung wurde nun ein weiterer Schnaps in seinem Blut vernichtet, während ich, stinkevoll, nur mühsam Schritt hielt. Es ging um Jacki, einer leicht unterkühlten Kellnerin mit blonden Zöpfen, der Benzini seit langem nachstellte. Und an diesem Abend hatte sie seinem Werben endlich nachgegeben.

„Jungs, ich bin… vorn! Ich bin so was von vorn!“

Es war keine zwei Stunden her, dass Benzini mit diesen Worten auf mich zugetorkelt kam, außer sich vor Freude. Aber zwei Stunden her waren zwei Stunden her. Jacki und Benzini hatten im Mumms rumgeknutscht und gefummelt auf dem Gang runter zum Klo, „wie zwei scheißheiße Teenies!“ Was allerdings danach vorgefallen war, keine Ahnung, jedenfalls sah man Jacki, wie sie plötzlich die rote Schürze in die Ecke pfefferte und abhaute, Benzini hektisch hinterher, auf krummen Beinen. Und keine fünf Minuten später, kam er fluchend zurück – alleine. Ohne Jacki. Und seither fluchte er quasi in einem fort.

„Dämliche Funz! Arschkuh!“

*

Der Parkplatz hinter der großen Eissporthalle war leer bis auf Benzinis weissen Prinz, den er am Nachmittag dort abstellt hatte.

„Los, wir müssen uns ranhalten“, grunzte er und ließ den Motor kommen. „Ist schon zwei Uhr. Fast zu spät.“

„Ist immer zu spät“, gähnte ich.

Von der Seite betrachtet hätte man Benzinis vierschrötigen Schädel auch auf der Osterinsel aufstellen können, neben den anderen Steinlegenden. Der Kater Karlo der Südsee.

„Wat is los?“ stierte er zu mir rüber.

„Na, nix. Wat soll schon sein.“

*

Das Getaway war die gleichsam angesagteste wie schmuddeligste Rock-Diskothek im ganzen Bergischen Land. Der Schuppen schloss um zwei Uhr, inoffiziell konnte es aber auch drei, halb vier werden. Darauf bauten wir.

Benzini fuhr einen weißen NSU Prinz mit integrierter Bordbar. Sie befand sich hinten in der Heckablage, gleich neben der Batterie. Zur Grundausstattung gehörten eine Pulle Strohrum für Notfälle, einige Liter Beerenwein, Tonic, sowie mindestens eine ungeöffnete Flasche Gin. Beefeater in der Regel, Gordon’s Dry ging auch in Ordnung.

Gin war unser Hauptnahrungsmittel. Gin machte ordentlich besoffen, auf die britische Art. Es war dieser Beigeschmack von billigem Parfüm, dazu das literarische Renommee einer alles gleichschaltenden Zukunftsdroge, das ganze lauwarm abgemischt mit Tonic, und dann runter damit – brrrh…

Innerhalb kürzester Frist verzeichneten alle Beteiligten, zu denen auch Karlos zählte, zehn, zwanzig Pfund Übergewicht. Sogar ich war fett geworden. Na, ein bißchen Titten. Alleine vom Ginsaufen. Beefeater. Gordon’s Dry ging auch in Ordnung.

*

„Sicher hat Jacki einen Dachschaden“, sagte ich. „Alle Alten haben einen Dachschaden. Das ist doch das Schöne. Oder nicht.“

„Das Schöne, das Schöne..“, brummelte Benzini. Er war zutiefst beleidigt. Verletzt. „Die kann mich mal schön am Arsch lecken, die doofe Funz. Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?“

Er zündete sich eine Camel ohne an und murmelte das nächste „doofe Funz“ in den aufsteigenden Rauch.

„Was war eigentlich los?“

„Na, nix“, maulte er. „Das isses ja. Gar nix. Und plötzlich haut die ab.“

„Quatsch. Keine Alte haut einfach so ab.“

„Ach nee?! Weg ist weg. Drauf geschissen.“

Wir waren seit den Mittagsstunden zusammen, wie an den meisten Sonntagen. Es hatte sich mit der Zeit so eingespielt. Sonntags öffnete das Mumms, die Zentrale, von der aus sämtliche Aktionen sternmarschmäßig ihren Anfang nahmen, erst um 18 Uhr. Da blieb viel Zeit für den verkaterten Schädel, dem Nachhall der Samstagnacht. Zu viel Zeit. Man konnte zum Beispiel über den Unterschied zwischen verkatert wachwerden und immer noch besoffen sein philsophieren. Das war ungefähr das gleiche wie der Unterschied zwischen grober und feiner Leberwurst. Wenn man die Augen aufschlug. Und diesen Geschmack im Hals hatte.

*

Spätestens nach dem Mittagessen, wir wohnten alle noch daheim bei den Eltern, kam Benzini in seinem weissen NSU Prinz vorgefahren, mit einem Getöse, als würde er notlanden. Er hatte die Nase voll vom Sonntag. Von allen Sonntagen, die jemals Sonntag gewesen waren.

„Mach hin!“ brüllte er.

Kaum war ich unten auf der Strasse und hatte anderthalb Fuß im NSU, gab er Gas, mit fliegender Türe.

„TÜR ZU, DU ARSCH!!“

*

Die Pistenbar in der Eissporthalle öffnete gegen zehn, sonntags war Happy Hour. Ausnahme: Es war Diskolaufzeit. Dann waren sogar 50 Pfennig Diskoaufschlag fällig pro Drink. Aus Protest gegen die Regelung blieben Benzini und ich im Prinz sitzen, hörten die Kinks-Kassette mit den Greatest Hits und nippten an der Bordbar. Aber niemals Strohrum. Der lag bei neunzig Prozent. Der war für Notfälle. Hier handelte es sich um keinen Notfall. Es war bloß Sonntagmittag. Ein verdammter Notfall.

„Hol den Strohrum“, krächzte Benzini.

*

„Man kann es auch übertreiben mit dem scheiß Rumsitzen und Kinks hören“, waren wir spätestens dann genervt, wenn Apeman das zweite Mal durch war: „I’m a King Kong Man, I’m a Voodoo Man, I’m an Apeman“.

In der Pisten-Bar bestellten wir kleine Kölschbier und ein Skatblatt. Bauernskat war unsere Spezialität. Eine Variante von Skat, wenn man bloß zu zweit ist und Langeweile hat. Wenn der dritte Mann fehlt.

„He, auffem Tisch gehn se kaputt!“ stieß Benzini mich an, wenn ich selbstvergessen irgendeinem Mädel nachglotzte, das in der Eislaufhalle ihre Pirouetten drehte. Ich machte den Stich, dann passierte nichts mehr. Man hörte nur noch das Kratzen von gehärteten Kufen auf Eis. Es war verdammt einschläfernd.

„Ich penn ein“, sagte ich.

*

Meistens blieb es bei ein paar Bier und einigen tristen Partien Bauernskat. Es konnte aber auch passieren, dass wir die Pisten-Bar am späten Nachmittag stratzevoll verliessen. Einmal, es war Winter, kurz vor sechs, torkelten wir der Schwertstrasse entlang Richtung Mumms, als Benzini vorm ehrwürdigen Gymnasium krakeelend zusammenbrach.

„MAHHAAAAAH..!!“

Um sich rotzend, schubberte er tollwütig über den Bürgersteig. Da es bereits dämmerte, hatte er sich für den Nervenzusammenbruch den Lichtkegel einer Straßenlaterne ausgeguckt. Schön, das war obligatorisch. Benzini wollte gesehen werden, wenn er den Bekloppten gab. Er war schon das ganze Wochenende ziemlich neben den Schuhen gewesen.

In der Nacht von Freitag auf Samstag, als wir morgens um drei wieder mal aus dem Getaway gekommen waren, hatte er den armen Hitler aus dem Schlaf gebollert.

Hitler war ein Türke, der eine Pommesbude in der Nordstadt führte und penibel darauf bedacht war, keinen Ärger mit dem Ordnungsamt zu kriegen. Dazu gehörte auch, nach Ladenschluß kein Bier und keine Spirituosen zu verkaufen. Er hielt sich verzweifelt an alle Vorschriften, der kleine graue Mann aus Anatolien, dem ein schnurgerader kurzer Schnurrbart wuchs, doch wenn ein untersetzter Löffelbagger wie Benzini, der im selben Haus wohnte, mitten in der Nacht gegen seine Wohnungstür schlug und in einem Tonfall Bier verlangte, als wären die Kosaken einmarschiert, dann wusste er sich nicht mehr zu helfen.

„Nun laß den armen Hitler doch in Ruhe“, hatten Karlos und ich noch versucht, auf Benzini einzuwirken – andererseits, wir waren ja auch durstig. Wir wollten auch Bier. Wir saßen in der Bredouille. Einerseits, andererseits. Außer Benzini. Der wußte, was er wollte.

„Mach mal nen Beutel Bier fertig, Hitler!“

„Psst..! Machään bittäh keinäh lautäh Härrrmann“, bettelte Hitler und füllte rasch eine große Plastiktüte mit Flaschenbier. Immerhin, wir hatten für ein großzügiges Trinkgeld zusammengeworfen. Eine Mark. Immerhin. Eine Mark für Hitler. Ich mein.

*

„Glumm, du Schwanzlutscher, hilf mir endlich hoch!“ grunzte Benzini in meine Richtung, aber ich wusste Bescheid. Reichte ich ihm tatsächlich die Hand, würde er mich nur in die Tiefe ziehen und sich totlachen. Am Tresen war ich oft genug darauf reingefallen. Benzini klopfte einem zur Begrüßung auf den Brustkorb, he, was hast du denn da? Was ist das? Bratensoße? Und wenn man dann an sich herunterguckte, versetzte er einem einen Nasenstüber, locker mit dem Stinkefinger. Das war so richtig nach seinem Geschmack. Er war ein sehr verlässlicher Bursche. Seht traditionsbewusst.

Ich ließ ihn also gewähren auf dem Trottoir vorm Gymnasium, liess ihn sich schubbern und tollwütig kläffen, und ging weiter. Dummerweise war ich selbst so besoffen, dass ich in den Straßenverkehr geriet, was die Autofahrer zu wütenden Ausweichmanövern zwang. Benzini krümmte sich vor Lachen. Autos fuhren im Schritttempo vorüber, jeder wollte sehen, was los war. Benzini zeigte den Mittelfinger und blökte wie ein Viehdieb. Es war die pure Testosteron-Show.

*

Mehr als bei anderen Freunden bedeutete Zusammensein mit Benzini ständig die Machtfrage. Er wollte klären, wie weit er gehen konnte. Diesmal gab es keinen Sieger. Ich hatte nicht die Macht, ihn von all dem Blödsinn abzubringen, er hatte nicht die Macht, dass ich mich zu ihm gesellte und sinnlos co-wälzte auf dem Boden.

Keine Minute später wankten wir gemeinsam durch die feuchten Malteser Gründe Richtung Mumms. Unentschieden war ein guter Ausgangspunkt unter Freunden. Es war eh alles nur Testosteron, und Bauernskatsonntag.

Mit Benzini war es wie beim Fußball. Vielleicht konnten wir deshalb so gut miteinander, auch wenn wir nicht die dicksten Freunde waren. Er nannte mich stets seinen elftbesten Freund, aber er nannte alle Kollegen seinen elftbesten Freund.

Im Hobbyteam des Mumms spielte er Verteidiger, und er war ein ungemütlicher Gegenspieler. Stürmern wie mir, ich spielte nicht bei den Mumms Kickers, sondern bei den Anarchos, stand er 90 Minuten lang auf dem Fuß, er war unerbittlich. Sobald man den Ball in Besitz hatte, stocherte er einem ungelenk solange zwischen den Beinen herum, bis er die Pille irgendwie zu packen bekam und ins Aus spitzelte.

Sein Herz gehörte dem American Football, seit er zu Beginn der 80er Jahre auf einer US-Airbase in der Pfalz gejobbt hatte. Zurück in Solingen, stieg er bei den Steelers ein, direkt in der 1. Bundesliga. Obwohl er spät mit dem Sport begonnen hatte, schaffte Benzini sogar den Sprung ins Nationalteam. Zwei A-Länderspiele bestritt er im Rahmen einer Italienreise.

*

Abgesehen von unseren Bauernskatsonntagen waren wir meist im Trio unterwegs, mit Karlos als drittem Mann. Eine Weile war noch eine Nummer 4 mit im Bunde, Peysa, ein verschlagener Bursche.

Peysa war schon mit fünfzehn von der Schule geflogen, weil er alles vermöbelte, was ihm komisch kam. Er machte stets kurzen Prozess. Ein oder zwei präzise Handkantenschläge, begleitet von einem trockenen Knacken, dann hörte man nichts mehr, keinen Mucks.

Peysa war der einzige Schläger, mit dem ich je näher zu tun hatte. Zwar hatte auch Benzini etwas von einem Schläger, aber es fehlte ihm an Brutalität. Er hatte ein zu gutes Herz. Auf seine Art war er sogar schüchtern. Der Premiumproll, den er so gerne gab, war größtenteils Attitüde, eine selbstgezimmerte Showtreppe, die er gekonnt hinunterstieg. Ich mochte ihn sehr.

Als wir Peysa kennenlernten, hatte ihn sein Alter gerade vor die Tür gesetzt. Nun lebte er mit einem Bluthund, der ohne Unterlass an der Kette lag und den man so gut wie nie zu Gesicht bekam, in einem leerstehenden Abbruchhaus am Frankfurter Damm – ohne Strom, ohne Heizung, nur mit Kerzen. Peysa war die Solinger Ein-Mann-Hausbesetzung. Das Haus stand der künftigen Stadtautobahn im Wege, der Bagger konnte jeden Tag anrücken.

„Und dann?“ fragte ich. „Was machst du dann?“

„Wird sich schon was finden. Weißt du, wir haben doch alle dieselbe Mami. Die wird schon für mich sorgen.“

Er hatte ein ziemliches Schoss raus. Peysa sprach leise und grinste so schief und herausfordernd, als könnte er jeden Moment zuschlagen. Vor uns jedoch hatte er Respekt. Ihm schien sogar das Herz überzulaufen, als wir einmal zu viert aus dem Mühlenhof-Kino kamen, wo wir Quadrophenia von den Who gesehen hatten.

„We are Mods! We are Mods!“ brüllten wir beseelt von den Filmszenen am Strand von Brighton, wo Rocker gegen Mods gekämpft hatten, und zogen zu viert untergehakt durch die Stadt. Wären uns zu diesem Zeitpunkt irgendwelche Lederjacken über den Weg gelaufen, Peysa hätte sie ganz alleine kurz und klein geschlagen. Doch es gab kaum Rocker in der Stadt. Wir waren nicht mal Mods, aber das machte nichts, Peysa war überglücklich. Er hatte Freunde gefunden. Bis die Nacht anbrach und er wieder mutterseelenallein zum Frankfurter Damm marschierte, wo zum Wärmen nur der Bluthund blieb.

„Nur? Was meinst du mit nur? Weißt du, der Hund spürt doch, dass ich seine Wärme brauche, wenn es kalt wird. Das macht ihn stolz. Dass er für mich da sein darf. Das macht ihn glücklich. Er wird gebraucht. Machst du jemanden stolz und glücklich?“

Mir fiel nichts ein.

„Na, doch. Dich, Peysa.“

*

Ich glaube, er las mehr Bücher als Karlos, Benzini und ich zusammen und bastelte sich daraus seine eigene Straßenphilosophie. Sie erlaubte ihm, sich alles nehmen zu dürfen, was er brauchte.

Jahre später, als er auf Heroin war, wurde ich Zeuge einer typischen Situation. Weil er einen Affen hatte, aber kein Geld, nahm er Dirk H., einem Junkie, mit dem er für einen Deal verabredet war, sämtliche Packs ab. Dafür reichte schon eine leise Drohung. Er musste nicht einmal laut werden. Ich schlag dich zu Brei, wenn du die Packs nicht freiwillig herausrückst, raunte Peysa. Was sollte Dirk H. machen. Einen Kopf kleiner, mager, und nicht die Bohne asozial. Er weinte. Das bisschen Pulver war alles, was er besaß. Er sah mich hilfesuchend an. (Ich war rein zufällig in der Nähe.) Er bettelte mich an, tonlos. Ich sehe ihn noch dasitzen, unterm Dach der Bushaltestelle. Er wusste, dass ich Peysa von früher kannte, aber ich konnte nichts für ihn tun.

(Dirk H. starb in den frühen Neunzigern an einem Hirnschlag, ohne dass jemand davon etwas bemerkt hatte. Zwar war mir aufgefallen, dass die Schlagläden seiner Wohnung am Vogelsang dauernd geschlossen waren, wenn wir dort entlangentlangfuhren, doch dabei blieb es, ich unternahm nichts. Erst als seine Schwester Wochen später endlich die Polizei informierte, weil sie lange nichts von ihm gehört hatte, fand man seinen Leichnam sitzend im Bett, das Gesicht von Maden untertunnelt.)

*

„Erst macht die Funz mich heiß und ne halbe Stunde später lässt sie mich dastehen wie einen dummen kleinen Jungen, nee, da blick ich nicht durch. Was soll der Scheiß. Nur weil ich einen Joke gemacht hab? Ich denk, Frauen wollen Männer mit Humor. Oder was wollen Frauen?“

„Im Zweifelsfall“, murmelte ich, „wollen Frauen immer das andere.“

Wir standen immer noch auf dem Parkplatz hinter der Eissporthalle. Benzini hatte den Motor ausgemacht, wir hörten Kinks. Ray Davies sang uns damals aus dem Herzen. Wir waren Rüden, die faul in der Sonne lagen und sich den Sack leckten. Ein langes besoffenes Jahr durfte nicht enden, nur weil Silvester nahte. Mochten Gleichaltrige auch die Zukunft planen und nach Brotberufen greifen, unsere Party ging weiter, auch ohne Einladung. Im NSU, in Pistenbars, am Baggerloch, am Tresen, im Malteser Gund, auf dem Trottoir gegenüber dem Gymnasium. „Where have all the good times gone?“ lautete der Schlachtruf im Schwenkbereich des ewigen Sommers.

Wir waren bereit zum Kampf. Wichtige Schlachten, wir ahnten es, erledigten sich nur im Überdruss.

Oder sie schwelten weiter bis zum jüngsten Tag.

*

„So jetzt! Ab die Post!“

Der Motor heulte auf, Benzini heizte der Boxengasse entlang, auf die Bismarckstrasse. Ich fuhr kein Auto, also mischte ich mich auch nicht ein. Ich korrigierte niemals einen Fahrstil, ich stieg nicht automatisch in die Eisen, wenn es mal brenzlig wurde in der Kurve. Ich war der perfekte Beifahrer. Hauptsache, wir blieben am fahren.

Und solange es mich nicht tötete, war mir alles recht.

*

Wir erwischten den Bordstein der Verkehrsinsel, als wir in den Kreisverkehr einbogen. Auch wenn der weiße Prinz den Bordstein nur kurz tuschierte, der Wagen begann sich sofort zu drehen, wie ein Kreisel, drei Mal, vier Mal, um die eigene Achse. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, bis wir endlich zum Stehen kamen. Und zwar direkt in Fahrtrichtung. Wir hatten Massel gehabt. Rote Bremslichter in der Ferne.

„Scheiße, was war das denn?!“ rief ich.

Benzini sprach kein Wort. Er war bleich. Die Augen zum Schlitz verformt. Trat er das Gaspedal durch. Das Ganze kam mir vor wie eine Nummer in einem Zirkusfilm, die niemand geplant hatte, aber letztlich perfekt gelaufen war.

Dann hörten wir es. Gleichzeitig. Es flapperte, irgendwo tief unterm Prinz. Ein stetes Gubbeln, der Wagen rutschte leicht weg.

„Ein Platten! Na Scheisse! Das hat noch gefehlt!!“

Benzini hielt an, stieg aus. Er trat gegen die Karre.

„Erst zieht die doofe Funz Leine, jetzt ist auch noch der weisse Prinz platt! Ich kotz gleich um mich!!“

Mit geplatztem Reifen flapperten wir die Strasse hoch bis Hästen, von wo es nur noch bergab ging in Richtung Getaway. Benzini schaltete den Motor aus, wir rollten die Serpentinen runter. Ohne Licht. Im Blindflug. Flapp. Flapp. Flapp. Benzini klebte an der Windschutzscheibe.

„Ich seh nix, verdammt!“

Es flapperte ohne Unterlass, wie ein Tonband, das gerissen war, aber unaufhörlich weiterdrehte.

„Mann, ich mach mir noch die scheiß Felge im Arsch!“

„Halt die Fresse, Benzini! Fahr!“

Natürlich hätten wir einfach aussteigen können, den Wagen abstellen und per Anhalter weiter, aber im besoffenen Kopf war das keine Option. Es ging plötzlich nur noch darum, nicht von der Schmiere erwischt zu werden. Es war ein rein sportlicher Ansatz.

Ohne den Motor noch einmal anzuwerfen, steuerte Benzini den riesigen Parkplatz am Getaway an. Stoppte unmittelbar vor einer erleuchteten Telefonzelle, um Licht zu haben für den Reifenwechsel.

„Lass uns erst mal was trinken, bevor das Getto dicht macht.“

Das legendäre Getaway in Glüder, einem idyllischen Tal an der Wupper, stand gegenüber dem Campingplatz und war ein großes muffiges Rockding, das Publikum aus der ganzen Region anzog. Besonders Motorradfahrer nutzten den Laden gerne als Ziel ihrer Wochenendtouren, aber in einer Sonntagnacht wie dieser war nur noch Stammpublikum übrig.

Der gute alten Jamin etwa, der eigentlich zum Gläsereinsammeln engagiert war, lag stockbesoffen und in voller Länge über einem Flipper. Die Arme baumelte bis zum Boden hinunter.

„Jamin, schmieriger Arschlappen“, zwickte ihn Benzini in den Hintern, „du hast hundert Freispiele!“, doch Jamin öffnete nicht mal die Augen, mambelte nur „verpiss dich“ und schlief weiter.

*

Wir bestellten Bier und zwei Rapidos an der Bar gegenüber der Tanzfläche. Das gab mir den Rest. Mir fielen dauernd die Augen zu, während Benzini gegen die laute Rockmusik ankrächzte. Es ging immer noch um Jacki, die Kellnerin aus dem Mumms. Sie ließ ihm keine Ruh.

„..und auf dem Garagendach hinterm Mumms fängt sie wieder an, von Chicoree zu schwärmen. Juckt mich doch nicht, hab ich gesagt. Ich hör Kinks und Stones. Kein Jazz. Ja klar, hat sie gelacht, ihr hört doch alle Kinks.“

„Stimmt doch. Tun wir auch.“

„Ja, aber wie sie das gesagt hat, die blöde Funz, als wären die Kinks Asis und ihr Chicoree der König der Welt.“

„Chicoree? Was redest du da immer von dem scheiss Bittergemüse?“

„Chick Corea, du Schwanzlutscher! Da will sie am Mittwoch hin, aufs Konzert nach Dortmund. Ob ich mitkomme, hat sie gefragt, aber in der  Westfalenhalle ist die Akustik zum Kotzen. Und Jazz ist Pussymusik. Da war ruckzuck Sense. Nur wegen so nem Scheiss. Haut die ab. Die kann mich mal. Was soll ich mit ner Funz ohne Humor. Oder?“

Ich ging pissen und blieb danach an der Biertheke hängen, wo es ruhiger war. Jamin war wach geworden und vom Flipper gestiegen. Er hatte riesige Pupillen. Er war gar nicht betrunken, er war auf Pilze. Psilos. Psilocybin. Und machte mir den Mund wässrig. Angeblich, so Jamin, gab es hier gleich hinterm Campingplatz eine Pferdewiese, wo saftige Mushrooms wachsen sollten.

„Kannst du gar nicht verfehlen“, meinte er und erklärte mir den Weg.

Kurzentschlossen stieg ich draußen in völliger Dunkelheit über die Wiesen, um verbotene Pilze zu pflücken, während Benzini auf dem Parkplatz versuchte, den Reifen allein zu wechseln. Als ich auf etwas trat, das sich wie ein Haufen störrischer Zweige anfühlte, bückte ich mich und fühlte daran. Das waren keine Zweige – das war NATO-Draht.

„AUA!“ schrie ich. „VERDAMMTE SCHEISSE!!“

Komischerweise hatte ich nichts gespürt, ich war zu breit, um überhaupt noch irgendetwas zu spüren. Was zum Teufel machte ich hier überhaupt!? Pilze suchen mitten in der Nacht? Welche beschissenen Pilze!? Ich sah zum Parkplatz hoch. Benzini winkte mir zu, vorm NSU hockend.

„Komm hoch und hilf mir endlich, du Schwanzlutscher!“

Woher wusste er, wo ich war? Er konnte mich unmöglich gesehen haben in der Dunkelheit! Benzini hatte seherische Qualitäten, klare Kiste.

„Quatsch. Ich hab dich da unten schreien gehört“, sagte er, als ich oben auf dem Parkplatz ankam.

Da er ohne Wagenheber arbeiten musste, hatte Benzini den weiße Prinz kurzerhand auf seinem rechten Oberschenkel aufgebockt. Die Radkappe lag vor der Telefonzelle.

„Ich schaff das nicht allein, die Pelle aufzuziehen. Versuch du mal. Ich halt die Kiste oben. Brauchst du nur draufstecken und die Muttern festziehen.“

„Womit?“

„Na, dem Schraubenschlüssel, du Arsch!“

„Wo..?“

„DA!!“

Kaum hatte ich den Ersatzreifen in der Hand, verlor ich das Gleichgewicht und taumelte rückwärts. Ich stolperte über die Radkappe und flog der Länge nach hin, in die geöffnete Telefonzelle, auf den Rücken. Im Fallen riss ich den Telefonhörer von der Gabel, er gongte gegen die Seitenscheibe. Ich lag da auf dem Rücken, zu überrascht, Scheiße zu brüllen. Und Aufstehen ging auch nicht. Ich blieb liegen. Es war, als wäre ich in eine fremde Dekoration gestürzt.

Der Hörer baumelte hin und her.

Benzini stöhnte enttäuscht auf, ließ den Wagen vom Oberschenkel ab und holte sich den Ersatzreifen. Zehn Minuten später war das Rad aufgeschraubt. Benzini hatte es allein hingekriegt. Er fuhr die paar Meter bis zur Telefonzelle, um mich einzusammeln.

„Steig sein, du Sack! Nu mach schon! Steh auf!!“

Ich mühte mich auf den Beifahrersitz. Kaum hatte ich anderthalb Fuß drin, gab er Gas. Mit fliegender Tür.

„TÜR ZU!!“

5 Gedanken zu „Der weisse Prinz

  1. Pingback: Irgendwo Unterm

  2. Hatte schonmal ne Teilversion gelesen. Die hier ist noch besser, wieder mal eine meiner Topfavoriten!
    Micha und ich duellierten uns jahrelang im Bauernskat, jedes Tagesergebnis wurde in einem Heft notiert. Hatte ich auch schon wieder vergessen.

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