TV-Nächte

Als im Juli 1969 Amerikaner in wülstigen Raumanzügen über den Mond hopsten wie beschwipste Michelin-Männchen, war ich acht Jahre alt, und in Europa war Nacht. Die ganze Familie saß vorm Schwarz-Weiss-Fernseher und verfolgte die Übertragung, bis auf meinen 2jährigen Bruder, der schlummerte selig auf seiner eigenen Milchstrasse, sein Pülleken im Mund.

Sein Pülleken war sein ein und alles. Das Pülleken war ein Milchfläschchen mit Schnuller, auf dem er noch stundenlang herumkaute, wenn das Fläschchen längst leer war. Leer war sogar noch besser. Dann baumelte das leergeschlürfte Pülleken wie wild auf seiner Brust hin und her, wenn er durch den Flur sprang. Es war das Endlos-Konzert eines früh Fanatisierten.

Ausserhalb der Familie durfte von diesem Fimmel allerdings niemand wissen. Schon darüber zu reden, wäre einem Hochverrat gleich gekommen. Sobald es an der Haustür schellte, bekam mein kleiner Bruder Panik und das Pülleken flog im hohen Bogen in irgendeine Ecke, Hauptsache weg mit dem Ding! (Es sei denn, Tante Sonja tauchte auf, die wusste Bescheid.) Und sobald der Besuch fort war, musste die ganze Familie auf Pülleken-Suche gehen. Fanden wir es nicht auf Anhieb, und das war die Regel, bewies mein kleiner Bruder, wie viel Luft in so ein Brülläffchen hineinpasste. Und rauspasste. Das vor allem. Raus.

Eins ist übrigens nicht richtig. Als Armstrong nämlich im Juli 69 als erster Mensch seinen dicken albernen amerikanischen Fuß in den Mondsand setzte, saß zwar unsere ganze Familie vorm Fernseher, das schon, aber wir waren alle längst weggeduselt, beim Jupiter, nicht nur mein kleiner Bruder.

Spannender waren da schon die Live-Übertragungen der Boxkämpfe von Muhammad Ali gegen Joe Frazier, mitten in der Nacht, in den frühen 70ern. Boxen an sich juckte mich nicht besonders, doch ein Sieg von Ali war immer auch ein Sieg über die alten Pillemann-Nazis, die überall herumlungerten mit ihrer schlechten Laune, weil sie den Krieg verloren hatten. Ali dagegen hatte eine super Schnauze, er war witzig und er war schwarz, und wenn ich ihn im Fernsehen sah, musste ich immer staunen, dass Menschen auch so sein konnten. Alle Gegner von Muhammad Ali waren meine persönlichen Feinde, sie waren Feinde einer pfiffigen, neuen Welt. Hoffentlich kriegen die Anderen  schön die Fresse voll, dachte ich.

Das allergrößte nächtliche TV-Ereignis kam live aus Mexiko: das WM-Halbfinale zwischen Italien und Deutschland 1970. Weil ich am nächsten Morgen in die Schule musste, durfte ich nur die erste Halbzeit sehen, dann musste ich ins Bett. Es war weit nach Mitternacht. Da das Kinderzimmer Wand an Wand lag mit dem Wohnzimmer, in dem der Fernseher stand, die TV-Buchse aber bei uns installiert war, hatte mein Vater das Kabel durch die Wand führen müssen, durch ein etwa fünfzehn Zentimeter langes Verbindungsrohr.

Das Rohr war zu beiden Seiten abgedichtet. Wenn man die Deckel abnahm, konnte man im Kinderzimmer zumindest den Ton empfangen, mit dem Ohr am Rohr. Das klang zwar reichlich blechern, wie durchs Waldhorn gemurmelt, aber egal – so konnte ich die zweite Halbzeit live verfolgen. Und im Anschluss die legendäre Verlängerung.

Deutschland lag 2:3 zurück, die Pille kam zu Müller, und der machte, ich höre es noch vor mir, mit einem Scherenschlag in der Luft das 3:3. Ich rastete völlig aus, stürmte durchs Kinderzimmer und jubelte tonlos. Dann sprang ich ins Bett und zog mir die Decke übern Kopf. Kaum, dass ich mich schlafend stellte, ging die Tür auf. Ich spürte den Schein des einfallenden Flurlichts auf meinen Augen, die prüfenden Blicke meines Vaters. Natürlich wusste er nur zu gut, was Ambach war, schloss aber nur leise die Tür. Als ich eine Minute später wieder live am Wandrohr saß, hatte Riva gerade das 4:3 für die Itaker erzielt, und kurz darauf war das Match beendet.

Nach der WM kam eine LP mit der Original-Hörfunkreportage von Kurt Brumme auf den Markt, lange Zeit meine Lieblingsplatte. Seite 1 war Deutschland gegen England, das Viertelfinale, das wir 3:2 gewonnen hatten, und Seite 2 Deutschland – Italien. Das Spiel hatten wir zwar verloren, aber ich hörte es dennoch viel öfter als das England-Spiel.

Wie es zwischen Italien und Deutschland in der Verlängerung hin und her wog, wie ein Tor nach dem anderen fiel, das „ra ra ra!“ des mexikanischen Publikums – und natürlich Kurt Brummes Beschimpfung des japanischen Schiedsrichters Yamasaki, der immer nur für die Italiener gepfiffen hatte, die olle Japsensau.

Aber eigentlich war alles goldrichtig. Selbst dass wir das Spiel verloren hatten, störte nicht. Im Gegenteil. Seit dieser Nacht bin ich beseelt von schwer umkämpften Niederlagen. Es gibt nichts schöneres auf der ganzen Welt. Man muss nur unbedingt nochmal die zweite Luft kriegen und den Anschluss schaffen, den Ausgleich vielleicht, bevor einen in letzter Sekunde der Todesstoß dahinrafft.

Dann ist alles goldrichtig.

2 Gedanken zu „TV-Nächte

  1. schade das die nur so selten geboxt haben..
    ich stand einfach auf und ging verträumt ins wohnzi..
    ich hatte mit meinem alten abgemacht das mutti nix erfährt..
    als hätte sie das nicht gemerkt..hihi
    einmal bekam ali auf die fresse
    ich kroch staunend zurück unter die decke
    und hürte erstmal heintje auf kopphörer

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  2. Pingback: links for 2011-02-16

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