Vom schneidigen Supervogel Jugend und der alten Krähe Erwachsenwerden

Selbstverliebt, aber im Kern unsicher, eine weitverbreitete und vertrackte Mischung, wohin man auch blickt.

*

Ganz wunderbar ist das Marimbaphon. Das leichte Klöppeln auf Holzstäben verbreitet einen so warmen Klang, als würde das Instrument auf einem Kaminsims betrieben – eine beinah empathische Geschichte.  Als würden sich fremde Seelen aufwärmen. Und jetzt wird es spannend. Möchte ich denn, dass ein Marimbaphon öfter Verwendung findet, sagen wir in der Popmusik? Nö. Lieber nicht.

Ähnlich wie übers Marimbaphon dachte ich in den frühen 80ern übers Saxophon, und dann dauerte es keine drei Jahre, und das verdammte Sax war noch im hintersten Winkel von Aldi-Nord zu hören, wenn man nach dem Geflügelsalat langte, in dessen Deckel ein Leck war, so groß, dass einem die Mayonnaise über den Daumen lief. Smooth.

Nein, nein –  gegen Überdruß hilft nur Vereinzelung. Die Popmusik soll schön die schmierigen Finger vom Marimbaphon lassen.

*

„Ich schätze, die Zukunft hat schon begonnen.“

– Die Gräfin –

*

Der Prophet im eigenen Land: wohnt da.

*

Geschichten vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus, Geschichten vom schneidigen Supervogel Jugend und der alten Krähe Erwachsenwerden.

Picknick, Susanne Eggert, 2010

Jede Epoche bringt Kollegen hervor, die etwas machen, was die Welt noch nicht gesehen hat. Da war derjenige, der die Idee hatte, ein Pferd zu satteln. Derjenige, der einen Leichnam ausräumte, um ihn zu mumifizieren. Der eine Muschelkette anfertigte und den Schmuck erfand. Der einen Begriff kreirte, der heute noch zitiert wird, aber niemand weiß , wer das einst gewesen ist, der ihn kreierte. War es  vielleicht ein angeknackstes Schneiderlein, das den famosen Begriff vom Nervenkostüm erfand?

*

Im Grunde bin ich immer ein bißchen versteckt, ein bißchen heimlich – wie es nun mal meine Natur ist. In meiner Kindheit, wenn wir in den Sommerferien auf langen Autoreisen in den Süden unterwegs waren und in der Ferne glitten Berghänge und Pinienwälder am Fenster vorüber, sehnte ich mich dorthin. Auf die Bergkuppe. Ins Dickicht. Um mich verstecken zu können. Zu verbergen.

Dieses Hinwünschen.. in fremde Wälder.

Zwischenbericht im Raps, Susanne Eggert, 2010

„Ich warte auf den großen Gewinn, der steht ja noch aus“, meint Mutter, als wir sie an Heiligabend das letzte Mal in der Klinik besuchen. Sie hat seit vielen Jahren ein Los bei der Aktion Mensch und nie etwas gewonnen.

„Na doch, ein Mal hab ich gewonnen, tausend Mark, aber das ist so lange her, das ist schon beinah nicht mehr wahr. Ausserdem wünsche ich mir eine Million.“

„Und dann?“ frag ich.

„Wie, und dann..?“

„Na, was machst du mit einer Million?“

„Dann.. nehme ich euch alle mit.“

„Wohin?“

Sie wendet mir überrascht das Gesicht zu, und lächelt.

„Weg hier.“

*

Schreiben ist der missglückte Versuch, Erinnerung zu fotografieren.

*

Windiger Abendspaziergang. Der Sturm zerrt an Gartenplanen, fährt in sie hinein wie unter einen Weiberrock, bläst ihn auf, ziept am Saum, will den Hintern sehen, He, zeig schon her den Blanken! Stell dich nicht so an!

Vom Wind herübergetragene Kinderstimmen, Hundegebell, der Fernzug nach Bombay.

*

Am Himmel das Nachglühen meiner toten Mutter, ein verendender Stern.

*

Mit sehnsuchtsvoller Stimme die alten Zeiten beschwören: Wir sind ein Mammut, das für ein Wochenende in die alten Jagdgründe zurückkehrt, den Rüssel gewienert.

*

Seit ich lesen kann, gibt es ein Wort, das immer wieder an Häuserwänden auftaucht, ob geschrieben, gekritzelt, gesprayt: SEX. Und was machen die Teenies von heute daraus? ANALSEX.

Diese Schlitzohren.

*

Eine vergessene Region ist wie eine Begleitband, die hinterm Vorhang steht und die Musik spielt, während vorn im Scheinwerferlicht die dicke Sau Berlin über die Rampe kracht.

*

In French Connection 2 wird der in Marseille ermittelnde US-Rauschgift-Cop Doyle (Gene Hackman) von einer fiesen Drogenbande entführt und gegen seinen Willen unter Heroin gesetzt. In kürzester Zeit wird aus dem rabiaten Bullen ein schnurrendes Kätzchen, das sich im Opiumrausch vor Vergnügen selbst die Arme hoch und runterstreichelt und kaum den nächsten Schuss erwarten kann.

Genau das ist der Punkt.

99 Prozent aller Menschen würden nach Heroin süchtig werden, kämen sie mit dem Stoff in Berührung, da bin ich mir zu 99 Prozent sicher. Das fehlende eine Prozent ist resistent gegen jegliche Form von Sucht und Statistik.

*

Heroinsüchtige sind Showstars, die ihre Bühne knallhart nach innen zimmern. Heroinsüchtige sind Gläubige, die von dem Moment des Tages, an dem sie aufstehen, bis zu dem Moment am Abend, wo sie ins Bett fallen, einem Gift hinterherjagen, von dem sie sich WÄRME versprechen. NOCH MEHR WÄRME. SUPERTURBOWÄRME.

Gott.

*

Eines Tages fiel der Heizkörper von der Wand. Genau auf seine Füße. Die Schrauben waren locker gewesen, und jetzt bekam er keine Arbeit mehr. Die Arbeitgeber sagten: Sie haben zu große Schuhe! Ja, aber schön heiss, erwiderte er. Ja, schon, aber zu groß die Schuhe! JA, KLAR, ABER HEISS, MANN, DIE FÜSSE!

*

Je lauter die Angst in einem sitzt, desto weniger ist von aussen zu hören.

*

„Der Unterschied zwischen Mann und Frau? Ganz einfach. Die Frau hat das ganze Großraumbüro im Blick, und der Mann sitzt an seinem kleinen Schreibtisch und ackert.“

– Die Gräfin –

*

Es ist soweit:

Hartz IV-Empfänger an Meisenknödel erwischt!

*

Wenn ich den ganzen Tag am Rechner sitze und das Holz des Schreibtischs einatme, gibt es nichts schöneres, als am Abend mit dem Hund durch den Wald zu laufen und das Holz der Bäume einzuatmen.

*

Die Freiheit des Hirten ist nicht zu besingen ohne seine Einsamkeit.

7 Gedanken zu „Vom schneidigen Supervogel Jugend und der alten Krähe Erwachsenwerden

  1. Pingback: Tweets that mention Vom schneidigen Supervogel Pubertät und der alten Krähe Erwachsensein « glumm -- Topsy.com

  2. Ach, obwohl ich schon lange nicht mehr in Wälder gehe, rieche ich in Ihren Postings das Holz. Zwischen den Zeilen.

    Und a propos Berlin: Weiß kaum jemand (mehr), aber ist eigentlich auch so eine vergessene Region. Die nur leider ihre wahre Natur verleugnen muss. Aber in so kalten Winternächten, wie jetzt, da kann man’s noch spüren. Und splitterfasernackt über’n Alex rennen, ohne dass auch nur ein einziger Tourist rot wird.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s