Drei blonde Boys aus West-Germany im Bois de Bologne

Wenn sonst schon nichts passiert im Leben, kann man wenigstens alten Freunden aus dem Weg gehen…! Haha! Sehr schön formuliert! So fangen Geschichten an, die niemand lesen will. Nun ja, kommt auf die Freunde an. He, da vorn kommt Karlos den steilen Klauberg rauf. Mein bester Freund! Was macht der denn hier in der Gegend? Na egal, irgendwas wird der hier schon wollen, und ich wollte ihn sowieso mal was fragen, nämlich: ob er sich noch an unsere Tramptouren nach Frankreich und England erinnert, Mitte der Siebziger, zu dritt mit stattlichen Rucksäcken und einem winzigen Zweimannzelt.

Erinnerst du dich?

Sein Gesicht, sonst ein zerknitterter roter Puffvorhang, wirkt überraschend blass heute und frei von Faltenwurf. Er scheint nicht mal sonderlich außer Atem zu sein. Wenn ich dagegen den steilen Klauberg hinaufkraxle, muss ich alle zehn Meter stehen bleiben, erstmal eine rauchen.

„Du kraxelst ja auch nicht den Berg hoch, du rennst den Berg hoch“, stöhnt Karlos, und bleibt stehen. „Mann, bin ich im Eimer.. Wo rennst du eigentlich immer hin?“

„Ich renne? Wieso renne ich? Ich renne doch nicht, ich gehe, Mann! Mal hier hin, mal da hin..“

Er winkt ab.

„Ich hab dich letztens oben auf der Wupperstrasse gesehen, da bist du auch wie ein Irrer durch die Gegend gestiefelt. Ich hab gerufen, ich hab gepfiffen, aber nix, der Glumm hört nix, der Glumm sieht nix, der Glumm stiefelt einfach weiter.“

„Hm.. na. War ich allein unterwegs? Oder mit Hund?“

„Allein.“

„Hm. Hm.“

Dass ich neuerdings so rase, dass ich keine Zeit mehr habe, das ist der Gräfin auch schon aufgefallen.

„Als wäre der Schnitter hinter dir her“, sagte sie.

„Na, das ist er doch auch“, hab ich geantwortet. „Ist er doch immer, der Schnitter. Dafür ist er doch in der Welt.“

Aber vielleicht ist es auch bloß die übliche Gegenwart, die einem im Nacken sitzt. Die Gegenwart, die einen ja ganz außerordentlich beschleunigt, wenn man es denn zulässt. Kleiner Tipp am Wegesrand: Wenn du eine Depression anrollen fühlst, einfach mal die Gegenwart gasgeben lassen.

„Und sonst? Was macht das Leben sonst so“, bereitet Karlos seinen üblichen Begrüßungs-Gag vor, den ich immer wieder gern höre, „außer dass es hauptsächlich vorbeigeht?“

„Ich komm von meinen Eltern“, sag ich. „Vom Mittagessen.“

„Ja, das sieht man. Da steckt noch was Feldsalat zwischen deinen Zähnen.“

Gut. Nachdem das also geklärt wäre, stehen wir Ecke Schiller- und Margaretenstrasse herum, mitten auf der Kreuzung. Eine brave Gegend. Eine sichere Straße. Wenn ich von meinen Eltern komme und der alte Steinbach werkelt oben am Klauberg in seiner offenen Autogarage herum und sieht mich kommen, dann ruft er jedes Mal: „Glummi, wie isses? Alles klar?“ Und ich bin jedes Mal stolz, dass es noch jemand auf der Welt gibt, der Glummi! ruft, genau wie vierzig Jahre zuvor, als ich hier Tag für Tag mit der Lederpille im Arm runter zum Klauberger Sportplatz lief.

„Hör mal, ich wollte dich sowieso sprechen, Karlos. Erinnerst du dich an unsere Paris-und England-Fahrten, zu dritt, mit dem Schnaat?“

Karlos starrt mich an, als wollte er sagen: Jetzt rennt der Glumm nicht nur wie ein Bekloppter durch die Strassen und grüßt seine alten Kumpel nicht mehr, jetzt hat er auch noch die spannendsten Momente seines Lebens vergessen. Der Penner.

„Ich meine, ob du dich an Details erinnerst“, präzisiere ich.

„Na schon. Warum?“

„Wie, warum!?. Weil ich so viel vergessen hab natürlich. Weil ich wenigstens im Nachhinein ein bisschen Bescheid haben will von meinem Leben..“

Die Siebziger Jahre. Eine arme Zeit. Wir mussten uns all die Kiwis, Maracujas und sonstigen saftigen Früchte erst erkämpfen! Wir hatten ja nichts! Nur Bohnensuppe. Und sobald Schulferien waren, egal, ob Ostern, Pfingsten oder im Sommer, schnürten Schnaat, Karlos und ich die Schuhe und trampten durch die Geschichte Westeuropas.

Als Trio auflaufen ist bei Autostopp nicht gerade von Vorteil, wer hält schon an, wenn drei Sechzehnjährige auf dicken Rucksäcken am Straßenrand hocken und statt den Daumen rauszuhalten lieber den Mittelfinger zeigen, aus Gründen der Coolness. Es war nicht einfach, zu dritt voranzukommen als Tramper, besonders in Frankreich Richtung Paris. Die Franzosen waren deutschen Jugendlichen gegenüber jetzt nicht so aufgeschlossen, dass wir täglich 300 Kilometer gemacht hätten. Intern passte es dafür umso besser, zu dritt unterwegs zu sein. Zu dritt. Die 3 ist die Zahl, die für START steht. Wo die Dinge ins Rollen kommen. Und wir waren gleichaltrig, wir drei. Baujahr 60. Nach dem chinesischen Horoskop sind 1960 geborene Ratten nicht kaputt zu kriegen. Bis sie kaputt sind.

Erstes Etappen-Ziel war grundsätzlich Paris, egal, wohin die Reise insgesamt ging. Kaum angekommen, besuchten Karlos und ich Jim Morrisons Grab auf dem Friedhof Pere Lachaise, während Schnaat was weiss ich unternahm, er stand mehr auf Bowie, und Bowie lag nun mal nicht tot unter der Erde von Paris, Bowie lebte noch, das war Schnaats Problem, sobald wie die Stadtgrenze von Paris überquerten.

Zu dritt hatten wir als Teenager halb West-Europa abgetrampt: Frankreich, England, Monschau. Als wir jetzt oben am Klauberg stehen und Nachschau halten und ein bisschen zurückrechnen, geht uns was auf: Wir waren fünfzehn, als wir auf die Walz gingen. Wir flohen vor südfranzösischen Fischern, die uns für blonde Nazis hielten, wir trieben in einem Londoner Bahnhof so viel Blödsinn, dass die Bobbies uns bis auf die Unterhose filzten, nur weil sie der Auffassung waren, dass man ohne Drogen nicht so viel Blödsinn treiben konnte – dabei tranken wir nicht mal Bier. Wir waren so voller jungendlichem Adrenalin, wir brauchten keine Drogen, auch wenn wir sie gut vertragen hätten damals, viel besser jedenfalls als Jahre später, wo sie dann tatsächlich zum Einsatz kamen.

Wir hatten eine Menge Dinge gemeinsam erlebt und doch gelingt es mir bis heute nicht, über Schnaat zu schreiben, während mir Karlos relativ locker von der Hand geht. Warum das so ist, weiss ich nicht. Nur eines weiss ich: ob man über jemand schreiben kann oder nicht, sagt über seine Originalität nichts aus – gar nichts. Es steckt etwas anderes dahinter. Vielleicht komme ich eines Tages dahinter. Vermutlich nicht.

1976, Paris. In meinem Rucksack steckte ein winziger Klumpen Haschisch. Im Nachhinein finde ich keine Erklärung dafür, wieso ich Haschisch dabei hatte, geschweigedenn von wem es stammte, weil keiner von uns dreien kiffte. Aber es steckte in meinem Rucksack. Ich rauchte es heimlich auf meinem Hotelzimmer nahe Montmartre, ohne auch nur das mindeste zu spüren.

In Paris hatten wir den alten Franz kennengelernt, eine österreichische Rokoko-Schwuchtel, die Karlos und Schnaat in ihre feudale Stadtwohnung im 17. Bezirk eingeladen hatte, zum Übernachten.

„Wenn der alte Sack uns an die Eier will, kriegt er das hier zu sehen“, flüsterte Schnaat und zeigte sein Springmesser, das er während der ganzen Reise stets griffbereit in seinen Gamaschen trug.

Franz mochte mich nicht: Mein lockiges Haar war ihm viel zu wild, zu ordinär. Zu sehr Gestrüpp. Er stand auf Jungs wie Karlos und Schnaat. Schlanke Jungs, blondes dünnes gescheiteltes Haar.

Meine beiden Freunde hatten also ein Nachtlager gefunden. Ich suchte mir ein billiges Hotel. Schon nach der ersten Nacht hatte ich die Nase voll. Ich hatte keine Lust auf ein blödes stilles Hotelzimmer, während meine Freunde große Abenteuer zu bestehen hatten mit Springmessern und erstochenen Homosexuellen aus dem Wiener Milieu in Paris.

Am nächsten Mittag war ich mit Karlos und Schnaat am Arc de Triomphe verabredet, Punkt zwölf Uhr. „Zwölf Uhr Arkde“, hieß das in unserem Kürzel. Aber ich ging nicht hin. Ich blieb auf meinem Zimmer und rauchte mit grimmiger Miene den Joint, es war mein erster Joint überhaupt, ich kriegte ihn kaum gedreht, so ungeschickt stellte ich mich an. Ich meine mich zu erinnern, das das Piece beim Rauchen runterfiel, aus der gedrehten Zigarette. Frag mich nicht, wie ich da verbrochen hab.

Schön. Karlos und Schnaat warten also am nächsten Mittag Punkt 12 am Triumphbogen, ich bin nicht da. Ich liess die Jungs warten. Sie warten eine halbe Stunde, dann verchwinden sie. Sie wissen nicht, wo sie mich suchen sollten. Sie haben keine Adressen, wissen nicht, in welchem Hotel ich übernachte. Dass ich nicht gekommen bn, war nicht böse gemeint. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf die große graue Metropole, denn das war es, was Paris für mich darstellte. Abgesehen von Pere Lachaise.

Ich schlug den Tag tot in Paris, übernachtete ein letztes Mal im Hotel und nahm.am nächsten Morgen den Eilzug nach Köln.

Später erzählten Karlos und Schnaat, dass sie alle zwei Stunden am Arkde vorbeigingen, um nach mir zu schauen.

In den folgenden Jahren gewöhnte ich mich daran, dass Karlos und Schnaat bei der mehligen alten Schwuchtel Franz Duschnitz nächtigten, während ich mir ein Hotel suchte. Franz war verrckt nach den beiden. Er konnte die beiden deutschen blonden Boys förmlich riechen, sobald sie das Stadtgebiet betraten, sagte er.

„Paris ist so lecker, wenn ihr hier seid.. Hach, ich möchte schreien und strampeln und verrückt werden, wenn ihr beiden leckeren Molche n in Paris seid..!“

Er bot ihnen Geld, um sie verwöhnen zu dürfen,  er versuchte es immer wieder, aber sie liessen den alten Sack nicht ran an ihre Wäsche. „Ordnung muß sein“, war das Lebensmotto des in Paris gestrandeten ehemaligen Journalisten, „aber schiffen muss ich auch.“

Im Spätsommer 76, während der Kartoffelferien, wurden wir im Bois des Bologne zufällig fotografiert, aus dem Stand heraus. Das körnige Farbfoto erschien in der folgenden Wochenend-Beilage des France Soir. Es zeigt drei blonde Boys aus Westgermany, die durch den Wald spazieren: Karlos im kurz vor der Reise von seiner Mutter gemopsten braunen Persianer, auf dem Rücken seinen Seemanns-Rucksack, Schnaat im gepflegten Schwalbenschwanz und spitzen 20er-Jahre-Lackschuhen, ich im Nadelstreifen-Anzug, mit orangefarbenem Nylon-Rucksack. (Wir haben das Foto nie gesehen. Franz erzählte es Jahre später Schnaat am Telefon, kurz vor seinem Tod.)

„Und weißt du noch? In Brighton haben wir die ersten Punks unseres Lebens gesehen“, meint Karlos Ecke Margareten- und Schillerstrasse.

„Na, das weiß ich schon auch noch!“

Von Le Havre aus hatten wir übergesetzt auf die Insel. Wir wollten nach London, blieben aber tagelang in Brighton hängen. In einem muffigen Kellerpub, es war pikkepakkevoll, spielte eine Band namens Himmler, und wir bumpten mit den frühen britischen Punks um die Wette, wir in unseren 20er-Jahre-Klamotten, sie in ihren durchgeschwitzten schwarzen Turnleibchen, das Haar kurzgeschoren, zu einer Zeit, als in Deutschland noch jedermann Freak sein wollte, mit langen Zappazotteln.

„Und Mahmoot? Erinnerst du dich auch noch an Mahmoot?“

„Mamut, Mamut.. hm, nein“, sag ich. „Helf mir auf die Sprünge.“

„Den wir in Düsseldorf kennengelernt haben, den Mahmoot, auf den Rheinwiesen. Den Engländer! Erinnerst du dich nicht?“ Karlos glotzt entgeistert. „Komm, Glumm! Der uns eingeladen hat in sein Eiscafe in Brighton!“

„Eiscafe! Na klar! Der.. Mammut! In seinem Eiscafe! In Brighton!“

„Och“, sagt Karlos. „Was du nicht sagst.“

Ich hab null Ahnung, wovon der Kerl da redet, erst allmählich dämmert es mir.. Rheinwiesen, Brighton, Mahmoot.. Sein Eiscafe.

NA LOGISCH!!

Wir hatten Mahmoot auf der Kirmes auf den Rheinwiesen kennengelernt. Er lud uns ein, ihn in seinem Escafe zu besuchen, sollten wir je nach Brighton kommen. Keine drei Monate später standen Karlos, Schnaat und ich auf der Schwelle von Mahmoots Eisdiele, mit drei stattlichen Rucksäcken und den Kopf voller Unfug.

Schon in London hatten uns zwei aufmerksame Bobbies nach Drogen durchsucht, weil wir den Westflügel der Victoria Station mit burschikosen Tanzschritten aufgemischt hatten.

„CHARLESTON!“ ruft Karlos und tanzt den Klauberg.

Dass wir Drogen doof fanden, konnte das Königreich damals natürlich nicht wissen. Es stand ja nirgends geschrieben. Im Gegenteil, es stand geschrieben. Es war sogar gestempelt. Auf meinem Hemd: LA DROGUE DOORS. Die Doors waren meine Helden. Jim Morrison war zu dem Zeitpunkt erst fünf Jahre tot und schon eine Ikone.

„Drug!?“ rief der eine Bobby immer und deutete stur auf mein Hemd. Er hielt mich für einen Junkie, den Rucksack voller Opium. „Yes, The Doors! Music is my drug!“ antwortete ich, doch der Londoner Bulle raffte einfach nicht, was ich mit La Drogue Doors meinte, und durchsuchte nicht nur mich, sondern auch Karlos und Schnaat bis auf die Unterhose. Und wie enttäuscht sie waren, als sie uns ergebnislos ziehen lassen mussten.

Nachdem Mamoot sich vom ersten Schreck über unser tatsächliches Erscheinen in Brighton erholt hatte, begannen wir unsere Schau abzuziehen. Schnaat legte sich vorm Eingang des Ice Cream Shops nieder und rollte sich zusammen, dann kamen Karlos und ich nacheinander mit Karacho angestürzt, stolperten über den am Boden liegenden Kumpel und feuerten, nach einer Rolle vorwärts, mit zum Maschinengewehr gerollten Schlafsäcken eine donnernde Salve nach der anderen in die Gästeschar.

Mamood, zunächst ganz britischer Bedenkenträger, kriegte sich kaum ein vor Vergnügen, als wir endlich weg waren.

„Klasse!“ sag ich zu Karlos. „Das war.. riesig.“

„Ja, genau. So. Ich bin dann mal weg“, glühen seine Bäckchen.

„In Ordnung“, sag ich.

Das Tschö sagen haben wir uns längst abgewöhnt. Wir halten es da mehr wie die Hunde. Die sagen auch nicht tschö, wenn sie sich verabschieden. Jeder geht einfach seines Weges.

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