weil niemand lachte, grinste er

Wer 1984 nachts unterwegs war, hörte Sade im Autoradio, Your love is king. Schöne Nummer. I’m coming on… ooh I’m comin’… Wir waren Samstagnacht im Auto unterwegs, auf der unteren Fußgängerzone. Wir fuhren Schrittgeschwindigkeit. Am Steuer der jüngere Bruder vom dicken Hansen, ich auf dem Beifahrersitz, hinten Karlos und Arthur, ein geborener Portugiese, der Pot vertickte. Er wollte nur kurz hoch in sein Appartement, was holen. Er wohnte über dem Western, einer Innenstadt-Disco. Plötzlich stoppte der Bruder vom dicken Hansen.

„Habt ihr das gesehen!“

Niemand außer ihm hatte etwas gesehen, nun sahen wir es alle: Im Scheinwerferlicht glänzte etwas, das aussah wie eine Brieftasche. Der Bruder vom dicken Hansen stieg aus und holte den Gegenstand vom Asphalt: eine große schwarze Kellnerbrieftasche. Prall gefüllt.

Wir stürzten uns wie die Geier auf den Leichnam, der ein bisschen feucht geworden und so voller Münzen war, dass wir ihn kaum geöffnet bekamen. Das Ding war fast so groß wie ein Kulturbeutel, und es waren ausschließlich Fünfmarkstücke drin. Es musste sich um Wechselgeld handeln, vermuteten wir, aber als Wechselgeld lauter Fünfmarkstücke..?

„Das war’n scheiß Fünfmarkkellner“, grunzte Karlos, doch sein Beitrag blieb ohne große Resonanz. Weil niemand lachte, grinste er. In der Brieftasche fand sich kein Anhaltspunkt, wem sie gehörte. Das war grundsätzlich so, wenn man eine Geldbörse fand, in der mehr als 10 Mark drin waren. Keine Angaben zum Besitzer, nichts. Kein Name, kein Passfoto. Auch hier: Außer der Unmenge Fünfmarkstücke war nichts drin. Es war, als wollte uns das Schicksal vor Gewissensbissen bewahren. Wir teilten die Kohle brüderlich durch vier. So kam es, dass ich eine Weile jeden Abend aus dem Regal über meinem Bett eine Handvoll Münzen krallte, bevor ich Richtung Mummstraße aufbrach, um mich zu betrinken. Und wenn wir dicht gedrängt am Tresen des Mumms standen und uns gegenseitig Geschichten erzählten, klimperte es silbern in den Hosentaschen. Wie bei glücklichen Minenarbeitern.

*

Man ist schnell dabei, einen Song für den allerbesten je aufgenommenen zu halten, nur weil man ihn gerade auf dem Kopfhörer hat und sich in dieser Laune befindet, die ihn so einzigartig schimmern lässt, so als wäre er nicht zu toppen. Und doch, schon einen Track weiter kann der nächste allerbeste je aufgenommene Song ever auf dem Kopfhörer daherkommen, on that bumpy road.

Einen Song aber gibt es, der ungeachtet jeder Tagesform und Laune alles bereithält, was ein Song haben muss, um in meiner Seele Rang 1 zu besetzen, den Thron, mit gestreckter Faust und das Knie am Boden – dabei ist es nur ein sparsames kleines Liedchen:

Twilight in Boston von Jonathan Richman.

Eine 4minütige Ballade, wach und wehmütig, aufgenommen ’92 für das Album I, Jonathan in einem Kellerstudio in Kalifornien. Es braucht nicht viel für einen Klassiker. Eine Akustikgitarre, einen Two Notes Bass und eine batteriebetriebene E-Gitarre, die über Nacht nicht ausgestöpselt wurde und nun auf leicht verzerrendem Reststrom läuft: So betritt Jonathan die Arena, die Public Gardens seiner Heimatstadt Boston.

Yeah, time for adventure now.

Er nimmt uns mit auf einen walk durch den Park seiner Jugend, wo er sich auskennt, wo er viele Spaziergänge gemacht hat, einsame Spaziergänge, im Zwielicht, nahe der Financial Zone, wo es hochgeht zur Beacon Street, heading for Kenmore Square, when it’s Twiligt in Boston.  Das kurze Gitarrensolo (auf der Akustischen) ist sein Vermächtnis. Jonathan zupft es an einem gewittrigen Sommertag, wo sich die Sonne frech und abgerissen am Himmel herumdrückt. Er hechelt schwer im Takt.

… and it’s getting darker..  mosquitos are coming up now..

Twilight in Boston ist mehr eine Landschaft als ein Lied. Es kommt einem vor wie 40 Minuten – doch sind es nur vier Minuten, 8 Sekunden.

*

Ich bin kein großer Freund von klassischer Musik, mich nervt schon die große Geste, mit der das meiste aus diesem großen Genre daherkommt. Aber es gibt natürlich Ausnahmen, eine ist Erik Satie. Die Klavierstücke des kleinen Belgiers, der um 1900 herum gemeinsam mit hundert schwarzen Regenschirmen in einer winzigen verkommenen Pariser Wohnung hauste, klingen beinahe, als feiere ein anderer Mensch mein Leben. Ich meine, er kannte mich ja gar nicht. Ich war nicht einmal geboren, als es geschrieben und aufgenommen wurde, draussen nieselte es. (Satie trägt einen Hammer in der Hosentasche. Wenn er durchs nächtliche Paris heimschlendert.)

Gnossiennes 1-4 sind der Inbegriff einer langsamen, tieftraurigen Haltung zum Leben. Nichts ist schöner als traurige, auf den Punkt gespielte Klaviermusik.

*

„Der Mensch macht sich die Welt fremd.“

– Die Gräfin –

*

Manche Platte muss man Jahre später noch einmal hören . Wenn sie dann immer noch grottenschlecht klingt, hat sie den test of time ebenso bestanden wie eine Aufnahme, die früher gut klang und heute gut klingt. Der Rest fliegt raus.

Im Herbst 87, wir waren noch nicht lange zusammen, kam sie mit einer neuen LP an, Klaus Nomi. Ich kannte Nomi nur dem Namen nach. Ich wusste nicht mal, ob er Deutscher war oder ob er sich nur einen deutsch klingenden Namen zugelegt hatte, weil es so gut zu seinem strengen Image passte: er trug einen überdimensionierten Brustpanzer mit Fliege, schütteres Professorenhaar, hohe Stirn.

Das Album war nichts für mich. Eine dramatische Fistelstimme, dazu der übliche Synthi-Kram. Irgendwann las ich zufällig in einer Musik-Zeitung, dass Klaus Nomi bereits 1983 an AIDS gestorben war, und im Jahr 2000 lief auf arte ein Feature über Nomi. Ein Zwitterwesen, das sehr ernst nahm, was es tat, wie alle Deutsche, die es im Ausland zu etwas bringen, in der Heimat aber kein Bein auf die Erde kriegen. Es scheint, als könnten Deutsche nicht anders, als sich zu ernst zu nehmen als Künstler, vielleicht weil wir so unnahbare und abwegige Seelen sind, die nicht zögern zu töten, wenn der Erfolg ausbleibt.

Nomi glaubte fest daran, die Welt müsse gesunden an seinen Ideen und der hohen Kopfstimme. In Frankreich blieb er über den Tod hinaus eine Art Underground-Star.

Die Platte, die die Gräfin 1987 gekauft hatte, Encore, legte ich noch mal auf. Eigentlich das erste Mal richtig. Klaus Nomi ist ein Blender, tief im Herzen schüchtern. Klaus Nomi klingt so überdreht und verzweifelt, als befände er sich nicht kurz vor dem Sprung aus dem Fenster, sondern mitten im Sprung. Doch wenn man genauer hinhört, stellt man fest, dass es sich um das Kellerfenster handelt, er trägt nicht mal Blessuren davon.

Das Cover von Encore zeigt ihn als barocken König. Der Song Simple Man ist großartig. Er ist bald zurück.

Es führte kein Weg mehr daran vorbei. Die Zeit war gekommen. Es war, als würde ich die Stadt verlassen, aber weiterhin hier wohnen wollen. Das schien nicht mehr und nicht weniger Sinn zu machen als all der andere Blödsinn, den ich in den vergangenen Jahren getan und gelassen hatte. Es kam nicht mehr darauf an.

Ich kappte sämtliche Verbindungen zu den Freunden, die übriggeblieben waren. Die wilden Zeiten waren längst vorüber, wir hatten sie ausgeschlachtet, nun ging überhaupt nichts mehr, rien ne vas nix da!, seit geraumer Weile schon.

Wenn ich ab und an mit den alten Leuten beisammen saß, war es, als befänden wir uns in der 2. Verlängerung vom Wiederholungsspiel vom Wiederholungsspiel vom Wiederholungsspiel – es wollte einfach kein Tor fallen. Es stand seit Jahren 0:0, bis mir endlich aufging, warum kein Tor fallen konnte: es standen keine Stürmer auf dem Platz. Es gab bloß noch Verteidigungsreihen, darauf bedacht, das Erreichte zu erhalten. Wir spielten rückwärts gerichtetes Super-Catenaccio – kein Durchkommen möglich.

Einer der ersten, der spürte, in welchem Schlamassel wir steckten, war Benzini. Er lebte seit Mitte der 80er Jahre in Köln, wo er seinen florierenden Geschäften nachging, doch an jedem verdammten Wochenende stand er im Mumms auf der Matte und ließ es krachen, dass es noch auf der Domplatte zu hören war.

Damals wohnte ich mit Karlos zusammen, und es passierte nicht selten, dass ich Sonntagsfrüh von Nachtdienst im Hotel nach Hause kam und Benzini lag in meiner Koje, nach Bier und Schnaps und aufrührerischen Gedanken stinkend. Wenn er von meinen Schritten auf dem knarrenden Holzboden erwachte und mich im Türrahmen erblickte, krächzte er nur, „Ja, Scheiße, Glumm, Pech gehabt, wa“, drehte sich zur Wand und schnarchte weiter. (Ich musste ihn regelrecht aus dem Bett treten, um zu meinem Recht zu kommen. „Is ja gut, Glumm, du Arsch… ist ja.. gut, bin ja schon weg..“)

Einmal war ich Samstagmittag im Mumms, zum traditionellen Frühschoppen. Benzini lümmelte im Vorraum, ein paar Putzerfischchen um sich geschart, die gierig nach seinen Worten leckten. Putzerfischchen, die sich davon ernährten, was ein Wirtstier wie Benzini fallen ließ. Benzini war eine Art Star. Er spielte American Football, seit er in den späten 70ern als Zivilist für die US-Army gejobbt hatte. Durch das Training mit den Cracks war er so gut geworden, dass er einige B-Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft absolvierte. Aber das war nur die Autogrammkartenpopularität, die schnell verpuffte – nein, Benzini war mehr, er war eine Nummer für sich. Wenn er mit seiner stoppeligen Gaunervisage im Mumms auftauchte, hinter dieser römischen Säule hervorspringend, ein Kater Karlo der Nordstadt, der den nächsten Coup vorbereitete, das war King Size 80er.

Doch wie er nun 1989 im Vorraum des Mumms stand und krächzend die vergangene, mal wieder unfassbar schräge Nacht Revue passieren liess, wie er also morgens um fünf irgendwo in der Nordstadt mit dem Schädel über einem Bong eingepennt war, da zeigten sich die Putzerfischchen ein wenig enttäuscht. Sollte das alles gewesen sein? Obwohl Benzini sich Mühe gab, um die vergangene Nacht mit gewohnt versoffenem Timbre zu schildern, so schneidend, als wäre ihm früh um drei noch das beste Koks seines Lebens auf der Schwanzspitze explodiert, war klar: das Erlebte konnte mit den Vorstellungen von einem wilden Leben kaum mehr standhalten. Das Leben war schal geworden, wie Blubberwasser. Bongwasser. Es war einfach nichts vorgefallen in jener Nacht, was es wert gewesen wäre, geschildert zu werden für ein hungriges Publikum, das sich nun abwendete, als könne es das gerade Vorgefallene nicht fassen. Dass selbst einem gewieften Streuner wie Benzini eines Tages langweilig werden würde. Und just in diesem Augenblick begegneten sich unsere Blicke. Ich stand an der römischen Säule, Benzini einige Schritte entfernt. Er sah mich an, ich sah Benzini an – ein kurzer Blickverkehr nur, wo der eine spürt, was beim anderen.. WAS BEIM ANDEREN WIRKLICH LOS IST… Glumm, ich bin fertig, Benzini, ich bin durch mit dieser Stadt. Das war’s.

Tatsächlich schaute Benzini danach noch an einigen Wochenenden im Mumms vorbei, doch die Show war gelaufen. Er kam immer seltener zum Saufen nach Solingen, und blieb zum Schluß ganz weg. Während ich in Solingen blieb, innerlich aber abtauchte auf den Grund des Meeres. Wenn auch erst Jahre später.

*

„Zum Schluss bleibt nur ein Fingerhut übrig von dem Kübel Leben, den man ausschütten wollte, als das wilde Leben losging.“

11 Gedanken zu „weil niemand lachte, grinste er

  1. Pingback: Gute Menschen | fädenrisse

  2. Nomi hab ich mal bei „Na sowas“ gesehen. Ich war jung und fand’s schräg. Die Benzini-Mumms-Geschichte ist sehr traurig, aber ich könnte fast identisch die selbe Geschichte erzählen. Noch heute treffen sie sich ein paarmal im Jahr zum Saufen- Toni, Markus, Longus usw am Ende sind sie so breit, daß sie nichtmal merken, daß es die Verlängerung vom tausendsten Wiederholungsspiel ist. Ich bin längst ausgestiegen. Und wenn ich alle paar Jahre ein Comebackversuch starte, endet es mit dem Gefühl der Enttäuschung.

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